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 Betreff des Beitrags: Stalin zum Personenkult
BeitragVerfasst: Do 26. Apr 2007, 18:35 
Möchtegernputschist
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Beiträge: 1624
Geschrieben: 20.10.2004 17:34

stalins brief vom 16 februar 1938 an den verlag "djetisdaf":

ich wend mich entschieden gegen die veröffentlichung der 'erzählung über stalins kindheit'.
das buch enthält eine unzählige menge von unwahren tatsachenbehauptungen, von entstellungen, übertreibungen und unverdienten lobpreisungen. (...) aber das ist nicht der wichtigste punkt. der wichtigste punkt liegt darin, dass das buch die tendenz besitzt, im bewußtsein der sowjetischen kinder (und der menschen überhaupt) den personenkult, den führerkult, den kult um unfehlbare helden zu verankern. das ist gefährlich und schädlich

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 Betreff des Beitrags: Re: Stalin zum Personenkult
BeitragVerfasst: Do 26. Apr 2007, 18:36 
Moderator

Beiträge: 384
Es ist Stalin offenkundig lästig, in der Art vergottet zu werden, wie es ihm geschieht, und ab und zu macht er sich darüber lustig. bei einem kleinen Essen, erzählt man, das er am Neujahrstag für einen intimen Freudeskreis gab, erhob er sein Glas und sagte: "Ich trinke auf das Wohl des unvergleichlichen Führers der Völker, des großen, genialen Genossen Stalin. So, meine Lieben, und dies ist der letzte Toast, der in diesem Jahr auf mich ausgebracht wird."
Stalin wirkt von allen mir bekannten Männern, die Macht haben, am schlichtesten. Ich sprach mit ihm freimütig über den geschmacklosen und maßlosen Kult, der mit seiner Person getrieben wird, und er antwortete ebenso freimütig. Es sei ihm, sagte er, leid um die Zeit, die er auf Repräsentation verwenden müsse. Das ist glaubhaft; denn Stalin ist, man hat mir viele Beispiele gegeben und sie dokumentarisch belegt, ungeheuer arbeitsam und kümmert sich um jedes Detail, sodaß er wirklich keine Zeit hat für überflüssigen Höflichkeits- und Verehrungskram. Von hundert Huldigungstelegrammen, die an ihn gelangen, läßt er durchschnittlich höchstens eines beantworten. Er ist persönlich überaus sachlich, fast bis zur Unhöflichkeit, und läßt sich von seinem Gesprächspartner die gleiche Sachlichkeit gefallen.
Über die Geschmacklosigkeit der übertriebenen Verehrung seiner Person zuckt er die Achseln. Er entschuldigt seine Bauern und Arbeiter, die zuviel zu tun gehabt hätten, um sich auch noch Geschmack beizulegen, und mokiert sich ein bißchen über die hunderttausend ungeheuerlich vergrößerten Bilder eines Mannes mit Schnurrbart, die ihm bei Demonstrationen vor Augen flirren. Ich mache ihn darauf aufmerksam, daß schließlich auch Männer von zweifellosem Geschmack Stalinbüsten und -bilder, und was für welche, aufstellen an Orten, wo sie nicht hingehören, zum Beispiel in der Rembrandt-Ausstellung. Da wird er ernst. Er vermutet, daß hinter solchen Übertreibungen die Beflissenheit von Männern stecke, die isch erst spät zum Regime bekannt hätten und nun ihre Treue durch doppelte Intensität zu beweisen suchen. Ja, er hält es für möglich, daß die Absicht von Schädlingen dahinter stecke, welche ihn auf solche Art zu diskreditieren suchten. "Ein serviler Narr," sagt er ärgerlich, "schadet mehr als hundert Feinde".
Wenn er das ganze Trara dulde, erklärt er, dann deshalb, weil er wisse, welch naive Freude der festliche Lärm denen bereite, die ihn verantstalteten, und daß er nicht ihm persönlich zugedacht sei, sondern dem Repräsentanten des Grundsatzes, der Aufbau der sozialistischen Wirtschaft in der Sowjet-Union sei wichtiger als die permanente Revolution.


(Lion Feuchtwanger, "Moskau 1937")


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 Betreff des Beitrags: Re: Stalin zum Personenkult
BeitragVerfasst: Do 26. Apr 2007, 18:36 
Literat

Beiträge: 2947
Zwei schöne Zitate von zwei klugen Köpfen. Es besteht kein Zweifel, daß Stalin der Kult um seine Person zuwider war. Er war ja nicht der Dümmsten einer und sein Charakter war von wenig Eitelkeit geprägt. In "Über die ökonomischen Probleme in der UdSSR" weist Stalin die Herausgeber in der Akademie auch an, die Seiten in dem Entwurf des Lehrbuchs für Ökonomie, auf denen viel über die großartige Bedeutung von Stalins Wirken in Theorie und Praxis des Sozialismus berichtet wird, ersatzlos zu streichen.
Dennoch ist eines nicht zu übersehen. Der Personenkult war kalkuliert. Es ist offenkundig, daß das Volk ihn gebraucht hat. Die Sowjetunion war auf dem besten Wege in die Zivilisation, aber viele Dinge lassen sich nicht von heute auf morgen abschaffen, erst recht nicht in einem Land, daß - soweit es seinen asiatischen Teil betrifft - soeben noch mit anderthalb Beinen im Mittelalter stand. Der Personenkult - ähnlich wie die Wiederzulassung der griechisch-orthodoxen Kirche oder das Schlagwort vom "Großen Vaterländischen Krieg" - hat viel zum Sieg gegen die faschistischen Eindringlinge und zum sozialistischen Aufbau beigetragen. Solche ideologischen Formen, die religiösen Kulten zum Verwechseln ähnlich sehen, entstehen in bestimmten historischen Situationen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Stalin zum Personenkult
BeitragVerfasst: Do 26. Apr 2007, 18:37 
Moderator

Beiträge: 384
Ja, diese Ersatz- und Übergangsformen sind in bestimmten Phasen nicht fortzudenken. Natürlich sind sie in keiner Weise verwechselbar mit jenen Formen religiösen oder halbreligiösen Verhaltens, wie sie sich in Gesellschaften, die auf dem absteigenden Ast sind entwickeln, denn die SU von Stalin, ist ja bekannt, war auf dem aufsteigenden Ast.

Dennoch schätze ich, daß einige der Dinge, die u.A. bei Feuchtwanger stehen, nicht ganz falsch sind. Ich traue dem sowjetischen Volk, das die Zarenherrschaft und die schweren Anfangsjahre, das auch die großen Probleme, mit denen Stalin zu kämpfen hatte (und die er in der Regel besiegt hat) miterlebte, zu, daß es echte Dankbarkeit und echte Bewunderung empfand, denn wer hätte das nicht. Ich halte, will ich sagen, nicht alle Tatsachenberichte per se für gefälscht oder erlogen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Stalin zum Personenkult
BeitragVerfasst: Do 26. Apr 2007, 18:37 
Literat

Beiträge: 2947
Das streite ich nicht ab. Die Gefühle waren und sind echt. Es geht nicht darum. Auch ein Katholik hat echte Gefühle für den Pabst. Natürlich bewegen sich derlei Gefühle auf nicht allzu hohem Niveau, aber das spricht nicht gegen sie. Ich denke, die Frage, die hier die entscheidende ist, lautet: Nutze ich (als Staatsoberhaupt) diese Gefühle zum Guten oder zum Schlechten?

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 Betreff des Beitrags: Re: Stalin zum Personenkult
BeitragVerfasst: Do 26. Apr 2007, 18:39 
Möchtegernputschist
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Beiträge: 1624
Zitat:
Auch ein Katholik hat echte Gefühle für den Pabst.

nicht bei mir

Wink

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 Betreff des Beitrags: Re: Stalin zum Personenkult
BeitragVerfasst: Do 26. Apr 2007, 18:39 
Moderator

Beiträge: 384
Du bist Katholik? Von Geburt her oder wie?


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 Betreff des Beitrags: Re: Stalin zum Personenkult
BeitragVerfasst: Do 26. Apr 2007, 18:40 
Literat

Beiträge: 2947
Nein, Sergej ist der Pabst. Also der richtige Pabst. Ich meinte aber den falschen, den Woytila.

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 Betreff des Beitrags: Re: Stalin zum Personenkult
BeitragVerfasst: Do 26. Apr 2007, 18:40 
Möchtegernputschist
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Beiträge: 1624
ja ich bin von genurt katholisch
bin auch katholisch getauft worden (wobei dies eine illegale taufe in der atheistischen sowjetunion war Rolling Eyes ) und bis zu meinem 12 lebensjahr überzeugter kirchengänger (und jetzt nix falsches denken: NEIN ich war kein ministrant und wurde von keinem priester sexuell belästigt!) Schweinkram? .
tja dann wurde ich atheist, dann links und jetzt bin ich kommunist.
und was mache ich heute? mein zivi in einem katholischen krankenhaus
übrigens : es heißt paPst und nicht paBst!-und den papst hasse ich! Laughing

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 Betreff des Beitrags: Re: Stalin zum Personenkult
BeitragVerfasst: Do 26. Apr 2007, 18:41 
Literat

Beiträge: 2947
Stimmt. Die Erinnerung treibt manchmal ein merkwürdiges Spiel: Den Papst Woytila hatte ich mit Waldemar Pabst verwechselt, welchletzterer der Mörder von Liebknecht und Luxemburg ist. Zweie, die man schonmal miteinander verwechseln kann und als Kommunist mußt du also nicht nur den Papst sondern auch den Pabst hassen.
Du stammst doch aus Kasachstan. Wie wird man denn in Kasachstan Katholik? Da ward ihr zwischen den Moslems und den Orthodoxen aber gehörig in der Minderheit.

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 Betreff des Beitrags: Re: Stalin zum Personenkult
BeitragVerfasst: Do 26. Apr 2007, 18:42 
Möchtegernputschist
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Beiträge: 1624
jupp katholiken sind/waren dort eine minderheit.
ursprünglich sind wir aber keine russen oder kasachen, sondern deutsche-geauer gesagt liegen die wurzeln meiner familie im schwabenland (mütterlich und väterlicher seits)-also kommen wir aus einer katholischen gegend. aufgrund der "politik" der deutsch zarin katharina kamen viele deutsche in die ukraine um dort die felder zu bebauen-so auch meine vorfahren. wgwn des 2.WK wurden wir umgsiedelt bzw. zerstreuten wir uns selber-so kamen wir schließlich nach kasachstan.

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 Betreff des Beitrags: Re: Stalin zum Personenkult
BeitragVerfasst: Do 11. Sep 2008, 22:06 
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Beiträge: 82
Wie verhält es sich aber mit Erscheinungen des Führerkultes. Wer stetzt denn sowas durch?: http://de.wikipedia.org/wiki/Pik_Ismoil_Somoni
(Ich glaube es nicht - mein erster Link :huepf:
Seit 1932 trug dieser Berg 30 Jahre lang Stalins Namen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Wolgograd
Von 1925 bis 1961 hieß Zarizyn Stalingrad.
Nun will ich nicht behaupten, dass Stalin bereits 1925, -ein Jahr nach Lenins Tod -, einen Führerkult erhalten hat.
Aber diese beiden (wenn nicht noch mehr) Namensumbennenungen wurden zu Stalins Lebzeiten vorgenommen.
Andere Berufsrevolutionäre bekamen auch ihr "Denkmal", aber erst nach deren Tod:
Lenin: gestorben 1924; Leningrad 1924 - 1991

Swerdlow: gest. 1919; Swerdlowsk 1924 - 1991

Kalinin: gest. 1946; Kalinigrad 1946 (ehem. Königsberg)

In der DDR wurde zu Stalins Lebzeiten u. a. in Berlin die Stalinallee benannt. Nach Stalins Tod hieß das heutige Eisenhüttenstadt " Stalinstadt", von1953 -1961.
Wie verhält es sich nun mit dem eingangs erwähnten Brief Stalins vom 16. Februar 1938 an djietisdaf ? Was versteht jetzt Stalin unter Führerkult, den er von sich weist?

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"Was wäre die Folge, wenn es dem Kapital gelänge, die Republik der Sowjets zu zerschlagen? Eine Epoche der schwärzesten Reaktion würde über alle kapitalistischen und kolonialen Länder hereinbrechen, man würde die Arbeiterklasse und die unterdrückten Völker vollends knebeln, die Positionen des internationalen Kommunismus würden liquidiert." -Stalin, Werke Band 9, S. 29,


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 Betreff des Beitrags: Re: Stalin zum Personenkult
BeitragVerfasst: Fr 12. Sep 2008, 06:49 
Moderator

Beiträge: 876
Wenn es um die Benennung von Bergen, Städten und Straßen nach herausragenden Persönlichkeiten eines Volkes/Staates geht, kann ja wohl nicht von "Führerkult" die Rede sein.

Es handelt sich um eine gängige Praxis in Systemen jeglicher Ausrichtung.

Sollte die viertgrößte Stadt des sozialistischen Russlands weiterhin nach einer Angehörigen des gestürzten Zarenregimes benannt bleiben (Zarin Katharina I.) oder die Gelegenheit genutzt werden, sie nach einem besonders verdienstvollen Revolutionär zu benennen? (Jekaterinburg/Swerdlowsk)

Oder sollte die zweitgrößte Stadt des sozialistischen Rußlands nach einem christlichen Heiligen benannt sein und das auch noch auf deutsch? (Petersburg/Leningrad)

Die Umbenennung der Stadt erfolgte auf Antrag der damaligen Petrograder Parteiführung auf Wunsch der Arbeiter, die Lenins Tod betrauerten.

Die Benennung von Bergen, Städten und Straßen ist ein wichtiges identitätsstiftendes Merkmal eines Staates. Sie hat einen hohen Symbolwert nach innen und außen.

Wirft jemand der BRD vor, "Personenkult" um Konrad Adenauer, Kurt Schumacher oder Willy Brandt zu betreiben, nach denen in jeder Stadt und fast jedem Dorf eine Straße oder ein Platz benannt sind?

Oder den USA, die ihre Hauptstadt nach ihrem ersten Präsidenten Washington benannt haben?

Bei der Kritik an der Benennung von Bergen, Städten und Straßen nach bedeutenden kommunistischen Persönlichkeiten handelt es sich insofern um durchschaubare antikommunistische Propaganda.


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 Betreff des Beitrags: Re: Stalin zum Personenkult
BeitragVerfasst: Fr 12. Sep 2008, 20:54 
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Beiträge: 104
@Neo, wenn ich oszi richtig verstanden habe stellt er die Praxis, verdiente Revolutionäre durch die Benennung von Straßen oder gar Städten zu ehren, garnicht in Frage.

Vielmehr hat oszi in seinem Beitrag recht deutlich hervorgehoben, was er konkret kritisiert: Die Benennung von Städten, Straßen, Lokomotivserien (IS 20) und Panzern (IS 2 und IS 3) zu Lebzeiten des Betreffenden.

Wenn zu Lebzeiten eines Politikers eine Stadt nach ihm benannt wird, wie willst du dann dem gemeinen Volk erklären, dass dieser Politiker dies nicht selbst veranlasst oder zumindest gebilligt hat?

Natürlich gibt es eine Reihe von Aussagen Stalins, in denen er sich gegen den Personenkult wendet. Aber ein Federstrich von Stalin hätte doch wohl genügt, um Zarizyn auch damals schon Wolgograd zu nennen?

Es ist eben nur sehr schwer zu vermitteln, dass sich Stalin zwar wiederholt gegen den Personenkult geäußert hat, aber nie etwa gegen diesen Kult getan hat. Oder hat er, und mir fehlen wieder mal nur die erforderlichen Kenntnisse?

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"Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und er muss es so nutzen, dass ihn später sinnlos vertane Jahre nicht qualvoll gereuen, die Schande einer unwürdigen nichtigen Vergangenheit ihn nicht bedrückt und dass er sterbend sagen kann: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich dem Herrlichsten auf der Welt - dem Kampf für die Befreiung der Menschheit - geweiht."

Nikolai Ostrowski


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 Betreff des Beitrags: Re: Stalin zum Personenkult
BeitragVerfasst: Fr 12. Sep 2008, 21:56 
Moderator

Beiträge: 876
Marc hat geschrieben:
@Neo, wenn ich oszi richtig verstanden habe stellt er die Praxis, verdiente Revolutionäre durch die Benennung von Straßen oder gar Städten zu ehren, garnicht in Frage.

Vielmehr hat oszi in seinem Beitrag recht deutlich hervorgehoben, was er konkret kritisiert: Die Benennung von Städten, Straßen, Lokomotivserien (IS 20) und Panzern (IS 2 und IS 3) zu Lebzeiten des Betreffenden.

Ich bin mir nicht so genau im klaren, was er meint. Wenn er die beschriebene Praxis kritisieren wollte, war die Kritik eher im Subtext angesiedelt.


Marc hat geschrieben:
Wenn zu Lebzeiten eines Politikers eine Stadt nach ihm benannt wird, wie willst du dann dem gemeinen Volk erklären, dass dieser Politiker dies nicht selbst veranlasst oder zumindest gebilligt hat?

Wann und warum hätte man das denn dem Volk erklären müssen? Hat sich denn das Volk über die Umbenennungen beschwert? Nach meiner Kenntnis wurden die Umbenennungen von den zuständigen lokalen Gremien auf Wunsch des Volkes durchgeführt.


Marc hat geschrieben:
Natürlich gibt es eine Reihe von Aussagen Stalins, in denen er sich gegen den Personenkult wendet. Aber ein Federstrich von Stalin hätte doch wohl genügt, um Zarizyn auch damals schon Wolgograd zu nennen?

Es ist eben nur sehr schwer zu vermitteln, dass sich Stalin zwar wiederholt gegen den Personenkult geäußert hat, aber nie etwa gegen diesen Kult getan hat. Oder hat er, und mir fehlen wieder mal nur die erforderlichen Kenntnisse?

So wie ich die weiter oben zitierten Texte verstehe, hat sich Stalin persönlich nicht viel aus dem "Personenkult" gemacht, hat aber erkannt, daß manche seiner äußeren Erscheinungsformen, wie z.B. Bilder und Namensgebungen, für das Gemeinschaftsgefühl und die Identifikation mit dem neuen System förderlich waren und daß es ein Bedürfnis der Menschen gab, ihre Verbundenheit mit ihm und dem von ihm repräsentierten Sowjetsystem zum Ausdruck zu bringen.

Insofern ist meine Annahme, daß er bestimmte Aspekte des "Personenkults" aus übergeordneten Überlegungen akzeptiert hat. Aber wie gesagt, das ist nur eine Annahme, wissen kann ich das natürlich nicht.

Ob jetzt eine Person schon zu Lebzeiten mit der Benennung von Strassen, Städten oder Werken geehrt wird, oder danach, macht aus meiner Sicht keinen großen Unterschied.

Es ist in diesem Zusammenhang vielleicht auch hilfreich, den Begriff "Personenkult" differenzierter zu betrachten.

Die Verwendung von Bildern im Zusammenhang mit anderen Symbolen des neuen Systems war hilfreich, um die Identifikation der Massen mit diesem System zu fördern. Was ist daran auszusetzen?

Anpassung, Kritiklosigkeit, Heuchelei und Schmeichelei als weitere Aspekte von "Personenkult" haben natürlich eine ganz andere Qualität. Sie standen im Widerspruch zu den Zielen des Systems und waren entsprechend zu kritisieren.


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 Betreff des Beitrags: Re: Stalin zum Personenkult
BeitragVerfasst: So 5. Okt 2008, 22:36 
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Beiträge: 82
Ich sage, die Verehrung von Relikten und oder Personen im ehrwürdigen Rahmen ist zulässig, wenn sie aus dem Herzen der erlösten und dankbaren Menschen kommt und nicht durch Appelle und Gedenkfeiern übergestülpt wird.

Ein wahres Beispiel aus meiner Jugend im sächsischen Erzgebirge:
Auf einem Bauernhof war ein kleiner Junge im Vorschulalter beim Spielen durch den morschen Holzdeckel in den Brunnen gefallen. Nach großer Aufregung konnte man ihn jedoch nur noch ohne sichtbares Lebenszeichen retten.
Dem herbeigerufenen jungen, agilen und sympatischen Arzt aus dem Nachbardorf gelang es, durch Mundbeatmung und Herzdruckmassage nach etwa 45 Minuten, das Kind wieder zu beleben.
Kann man es der erschrockenen Mutter des Jungen verdenken, wenn sie dem Arzt vor Dankbarkeit die Hände und Füße küsste? Der Name des Arztes wird aus den Herzen der Dorfbewohner nicht mehr auszulöschen sein. Auch ich vergesse das nicht.
Das ist ehrliche Verehrung.
Wie steht es aber mit "verordnetem Personenkult"? Hier kommt es zum "Nach dem Munde reden" und ist daher oft reines Marionettenspiel. Hier gäbe es Möglichkeiten von feinfühliger und Agitation und Propaganda, der Bevölkerung zu suggerieren, dass das Wirken der sozialistischen Helden glaubwürdig der Nation zum Überleben verhülfe. Eine Art "Glasnost", die mit Der Gorbatschows nichts gemein hat.
Wie interessant war auf einmal die "Aktuelle Kamera" unter E.Krenz!
Irgendwo im Forum habe ich eine Meinung gelesen - man sollte den Sozialismus so spannend erklären, wie die Bildzeitung - man verzeihe den Vergleich. Aber die Errungenschaften des Sozialismus muss dem Volke so interprediert werden, als seien sie auch vergänglich wenn sie nicht auch von jedem mit immer neu erkämpft werden. Hier liegt auch eine Schwachstelle des DDR Sozialismus: Die Vorzüge und Rechte des Sozialismus wurde von vielen als gegeben und unumstösslich und selbstverständlich empfunden und daher immer wieder eingeklagt und eingefordert. Mit Erfolg.
Aber die entsprechende Gegenleistung wurde sehr oft nicht nachgeprüft und erbracht.

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"Was wäre die Folge, wenn es dem Kapital gelänge, die Republik der Sowjets zu zerschlagen? Eine Epoche der schwärzesten Reaktion würde über alle kapitalistischen und kolonialen Länder hereinbrechen, man würde die Arbeiterklasse und die unterdrückten Völker vollends knebeln, die Positionen des internationalen Kommunismus würden liquidiert." -Stalin, Werke Band 9, S. 29,


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