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 Betreff des Beitrags: „Frankreich und England überfielen Deutschland“ (+ Antwort)
BeitragVerfasst: So 25. Mär 2007, 00:42 
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Erschienen am 1.12.04 in der rbi-aktuell.de
Unabhängige Online-Zeitung

Quelle: http://www.rbi-aktuell.de/Panorama/01122004-05/01122004-05.html

Vor 65 Jahren: Stalin, Molotow und die Komintern über den Zweiten Weltkrieg - „Man kann die Ideologie des Hitlerismus annehmen oder ablehnen, das ist eine Sache der politischen Anschauungen“

Von Hans-Werner Klausen




Am Abend des 29. November 1939 sendete der Moskauer Rundfunk die Antwort Stalins auf die Frage eines Redakteurs der „Prawda“. Diese Antwort Stalins, die am 30. November 1939 in der „Prawda“ gedruckt wurde, war die erste öffentliche Äußerung des „Vaters der Völker“ seit dem XVIII. Parteitag der KPdSU im März 1939. In Deutschland ist dieses bemerkenswerte Interview Stalins nur wenig bekannt, denn sowohl die SED nach 1945 als auch die maoistisch-stalinistischen „K-Gruppen“ der siebziger Jahre in Westdeutschland hatten aus naheliegenden Gründen kein Interesse an der Verbreitung dieses Textes. Hier zunächst der Text des Stalin-Interviews; der deutsche Text ist wiedergegeben nach der Zeitschrift „Die Welt“ (deutschsprachige Wochenzeitschrift der Komintern von 1939 bis 1943, erschien in Stockholm) vom 7. Dezember 1939 (Nr. 14):

Ein Redakteur der „Prawda“ wandte sich an Stalin mit der Frage: „Wie verhält sich Stalin zu der Meldung der Havas-Agentur über die ‚Rede Stalins‘, die er angeblich ‚am 19. August 1939 im Politbüro‘ hielt, und in der angeblich der Gedanke ausgeführt wurde, dass der Krieg möglichst lange dauern müsse, um die kriegführenden Seiten zu erschöpfen‘.“

Stalin sandte folgende Antwort:

„Diese Meldung der Havas-Agentur, wie auch viele andere ihrer Meldungen, ist eine Lüge. Ich kann natürlich nicht sagen, in welchem Tingeltangel diese Lüge fabriziert wurde. Aber wie immer die Herren aus der Havas-Agentur lügen mögen, sie können nicht leugnen, daß:

1. Nicht Deutschland hat Frankreich und England überfallen, sondern Frankreich und England überfielen Deutschland, indem sie die Verantwortung für den jetzigen Krieg übernahmen;

2. nach der Eröffnung der Kriegshandlungen wandte sich Deutschland mit Friedensvorschlägen an Frankreich und England, während die Sowjetunion offen die Friedensvorschläge Deutschlands unterstützte, da sie der Meinung war und weiterhin ist, dass die rascheste Beendigung des Krieges die Lage aller Länder und Völker von Grund auf erleichtern würde;

3. die herrschenden Kreise Englands und Frankreichs lehnten schroff sowohl die Friedensvorschläge Deutschlands als auch die Versuche der Sowjetunion ab, die rascheste Beendigung des Krieges zu erzielen.

Das sind die Tatsachen. Was können die Tingeltangelpolitiker aus der Havas-Agentur diesen Tatsachen entgegenstellen?“

Daß der „Völkische Beobachter“ die Antwort Stalins auf seiner Titelseite brachte ist ebenso verständlich wie das Verschwinden dieser Antwort im „Gedächtnisloch“ nach 1941. Es war nicht die erste sowjetische Äußerung in dieser Richtung. Am 28. September 1939 hatten Molotow und Ribbentrop zusammen mit dem deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet, die sich zugunsten der Beendigung des Kriegszustands zwischen Deutschland einerseits und England und Frankreich andererseits aussprach und gemeinsame Friedensbemühungen der deutschen und sowjetischen Regierung ankündigte. „Sollten jedoch die Bemühungen der beiden Regierungen erfolglos bleiben, so würde damit die Tatsache festgestellt sein, daß England und Frankreich für die Fortsetzung des Krieges verantwortlich sind ...“ In den deutschen Aufzeichnungen über die deutsch-sowjetischen Verhandlungen wird über Ausführungen Stalins berichtet: „ Der Herr Reichsaußenminister, so sagte Herr Stalin, hätte in vorsichtiger Form gesagt, daß Deutschland unter der Zusammenarbeit nicht eine militärische Hilfe verstehe und nicht die Absicht habe, die Sowjetunion in einen Krieg hineinzuziehen. Das sei sehr taktvoll und gut gesagt. Es sei Tatsache, daß Deutschland zur Zeit keine fremde Hilfe brauche und vermutlich auch in Zukunft keine fremde Hilfe brauchen würde. Sollte Deutschland aber wider Erwarten in eine schwere Lage geraten, so könne es sicher sein, daß das Sowjetvolk Deutschland zu Hilfe kommen und nicht zulassen würde, daß man Deutschland erwürge. Die Sowjetunion sei an einem starken Deutschland interessiert, und würde es nicht zulassen, daß man Deutschland zu Boden wirft.“ Über die Westmächte meinte Stalin: „...die Sowjetregierung denke nicht daran, mit diesen ‚vollgefressenen‘ Staaten wie England, Amerika und Frankreich irgendwelche Bindungen einzugehen. Chamberlain sei ein Schafskopf, aber Daladier sei ein noch größerer Schafskopf.“ Über das gemeinsame Abendessen in Kreml meinte Ribbentrop zu Mussolini: „Bei seinem zweiten Aufenthalt in Moskau habe er Gelegenheit gehabt, anläßlich eines von Stalin gegebenen Abendessens mit allen Mitgliedern des Polit-Büros zu sprechen. Es seien auf deutscher Seite auch alte Parteigenossen wie der Gauleiter Forster dabeigewesen, und besonders Forster habe nach der Veranstaltung erklärt, es sei geradeso gewesen, als ob man mit alten Parteigenossen gesprochen hätte. Das sei auch sein [Ribbentrops] Eindruck gewesen.“

Am 31. Oktober 1939 hielt Molotow vor dem Obersten Sowjet der UdSSR eine große Rede „Über die Außenpolitik der Sowjetunion“. Molotow brachte seine Genugtuung über den Zerfall des polnischen Staates zum Ausdruck. „Die herrschenden Kreise Polens brüsteten sich nicht wenig mit der ‚Stabilität‘ ihres Staates und der ‚Macht‘ ihrer Armee. Es genügte jedoch ein kurzer Schlag gegen Polen, geführt zunächst von der deutschen Armee und danach von der Roten Armee, damit von diesem missgestalteten Geschöpf des Versailler Vertrages, das von der Unterjochung der nichtpolnischen Nationalitäten lebte, nichts übrigblieb.“ Molotow, der sich bereits in seiner Rede zur Ratifizierung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts von einer „versimpelten antifaschistischen Agitation“ verabschiedet hatte, sprach über „einige alte Formeln, von denen wir unlängst noch Gebrauch gemacht haben – und an die viele sich so sehr gewöhnt haben.“ So hätten Begriffe wie „Aggression“ und „Aggressor“ in den letzten Monaten einen neuen konkreten Inhalt bekommen. „Wenn man heute von den europäischen Großmächten spricht, so befindet sich Deutschland heute in der Lage eines Staates, der die schnellste Beendigung des Krieges und den Frieden anstrebt, England und Frankreich aber, die gestern noch gegen die Aggression stritten, sind für die Fortsetzung des Krieges und gegen den Abschluß eines Friedens. Wie Sie sehen, werden die Rollen getauscht.“ Molotow polemisierte gegen die Regierungen Englands und Frankreichs mit den Worten: „In der letzten Zeit bemühen sich die regierenden Kreise Englands und Frankreichs, sich als Kämpfer für die demokratischen Rechte der Völker gegen den Hitlerismus auszugeben, wobei die englische erklärt hat, das Ziel des Krieges gegen Deutschland bestehe angeblich in nicht mehr oder weniger als in der ‚Vernichtung des Hitlerismus‘. Es ergibt sich also, daß die englischen und mit ihnen auch die französischen Kriegsanhänger gegen Deutschland so etwas wie einen ‚ideologischen Krieg‘ erklärt haben, der an die alten Religionskriege erinnert...Man kann die Ideologie des Hitlerismus, wie auch jedes andere ideologische System, anerkennen oder ablehnen, das ist eine Sache der politischen Anschauungen. Doch wird jedermann begreifen, daß man eine Ideologie nicht mit Gewalt vernichten, daß man ihr nicht durch den Krieg ein Ende machen kann. Daher ist es nicht nur sinnlos, sondern auch verbrecherisch, einen Krieg wie den Krieg für die ‚Vernichtung des Hitlerismus‘ zu führen, einen Krieg, der drapiert wird mit der falschen Flagge eines Kampfes für die ‚Demokratie‘.“ Der „Völkische Beobachter“ veröffentlichte auf der Titelseite wesentliche Auszüge aus Molotows Rede und deutsche Flugzeuge warfen über Frankreich entsprechende Flugblätter ab.

Am 24. Dezember meldete sich Stalin noch einmal selbst zu Wort. Die „Prawda“ druckte Stalins Danktelegramme für die Glückwünsche ausländischer Staatsmänner zu seinem sechzigsten Geburtstag. Besonders herzlich war Stalins Telegramm an Ribbentrop: „Ich danke Ihnen, Herr Minister, für die Glückwünsche. Die mit Blut besiegelte Freundschaft der Völker Deutschlands und der Sowjetunion hat alle Aussicht, langandauernd und beständig zu werden.“

Nicht nur die offizielle sowjetische Agitation und Propaganda, sondern auch die ausländischen Sektionen der Komintern verabschiedeten sich im Herbst 1939 von der „versimpelten antifaschistischen Agitation“ und von „alten Formeln“. In den ersten Tagen nach der Unterzeichnung des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts, dem deutschen Angriff auf Polen und der englisch-französischen Kriegserklärung hatten die kommunistischen Parteien im Ausland keine Anweisungen aus Moskau und waren sich selbst überlassen. Sie versuchten ihre Zustimmung zum Hitler-Stalin-Pakt mit der alten, seit 1934 (Beitritt der SU zum Völkerbund, Wendung der Komintern von der Sozialfaschismuslinie zur Volksfrontlinie) gültigen antifaschistischen Linie zu vereinbaren. Mitte bis Ende September 1939 kamen neue Anweisungen aus Moskau und bis zum Oktober 1939 wurde die Umstellung von der alten antifaschistischen Linie auf die noch ältere antikapitalistische Linie vollzogen. Die neue Linie der Komintern zum Krieg könnte man mit den Worten zusammenfassen: Der Krieg ist ein imperialistischer Krieg, beide Seiten sind schuld, aber die englisch-französische Seite hat mehr Schuld als die andere.

In der kommunistischen Agitation und Propaganda wurde – bei einigen kritischen Sätzen gegen die deutsche Seite – das Feuer gegen den anglo-französischen Imperialismus und die Sozialdemokratie gerichtet. So veröffentlichte die Monatszeitschrift „Die Kommunistische Internationale“ (1940, Nr.3/4) einen Artikel „Wie Englands Herrenklasse ihre Kriege führt“, der einige maßvoll-kritische Worte über die mit England konkurrierenden Imperialismen enthielt, während 90 Prozent des Artikels auch als Begleittext zu Filmen wie „Mein Leben für Irland“ oder „Ohm Krüger“ hätten Verwendung finden können. Die Polemik gegen die gestern noch als Volksfrontpartner umworbene Sozialdemokratie war wieder ebenso heftig wie vor 1934, nur das die Sozialdemokraten jetzt nicht als Sozialfaschisten, sondern als Helfershelfer der Londoner City entlarvt wurden. Sozialdemokraten wie Leon Blum, Attlee oder Morrison wurden heftiger angegriffen als Daladier oder Chamberlain. „Die Welt“ (Ausgabe vom 11. Oktober 1939) stellte in einer Karikatur Leon Blum mit den aus der NS-Literatur vertrauten Gesichtszügen und Gestik eines jüdischen Schwarzmarkthändlers dar.

In England wurde eine in den ersten Kriegstagen erschienene Broschüre des KP-Generalsekretärs Harry Pollitt („How to win the war“) schnell aus dem Verkehr gezogen und die KP agitierte statt dessen gegen den imperialistischen Krieg und für einen schnellen Friedensschluß. So schrieb der „Daily Worker“ am 1. Februar 1940: „Hitler hat wiederholt erklärt, daß der Krieg ihm von England aufgezwungen worden sei. Diese geschichtliche Tatsache ist unwiderlegbar. Der Krieg wurde von England, nicht von Deutschland erklärt. Und die sowjetisch-deutschen Friedensangebote waren von England zurückgewiesen worden...“ Der Verleger Victor Gollancz – bis zum Hitler-Stalin-Pakt ein Fellow-Traveller – entzog der KP daraufhin den „Left Book Club“ und damit ihr wirksamstes Propagandainstrument. Da die englische KP in der Arbeiterklasse keinen Masseneinfluß hatte, konnte ihre Agitation und Propaganda jedoch keine Wirkung erzielen.

Anders sah es in Frankreich aus, wo es eine kommunistische Massenpartei gab. Beim Kriegsbeginn hatte die kommunistische Parlamentsfraktion für die Kriegskredite gestimmt und Maurice Thorez ging als Soldat an die Front. Dann folgte die Wendung um 180 Grad. Für die Reaktion war dies der Vorwand für das Verbot der KP. Thorez desertierte und setzte sich nach Moskau ab. Daraufhin agitierte die KP in der Illegalität weiter auf der Linie des „revolutionären Defätismus“. Die Partei trat für ihre defätistische Linie auch in der Rüstungsindustrie und in der Armee ein. Die Anfang 1940 verbreitete illegale Ausgabe des theoretischen Parteiorgans „Cahiers du bolchevisme“ (mit einer Selbstkritik des ZK, das bei Kriegsausbruch schwere Fehler begangen habe, da es den imperialistischen Charakter des Krieges nicht erkannte) wurde 1951 in Paris von Antikommunisten nachgedruckt und als Waffe im Kalten Krieg verwendet. Während die kommunistische Propaganda in England wirkungslos blieb, dürfte sie in Frankreich, wo der Krieg unpopulär war, dazu beigetragen haben, ohnehin vorhandene defätistische Stimmungen zu verstärken. „Kommunistische“ Propaganda besonderer Art kam 1939/40 aus Deutschland nach Frankreich. Das Reichspropagandaministerium betrieb damals den Schwarzsender „Humanité“ (zu dessen Mitarbeitern der ehemalige Vorsitzende der KPD-Reichstagsfraktion Ernst Torgler gehörte), der sich zwecks Zersetzung von Front und Hinterland in Frankreich der kommunistischen Rhetorik bediente.

Ein Schwerpunkt in der Agitation der Komintern war der Kampf gegen die Ausweitung des Krieges. In den USA entzog die KP Roosevelt ihre Unterstützung, da sie ihn – zu Recht – verdächtigte, daß seine Neutralitätsversprechen Betrug seien. Das deutschsprachige Kominternorgan „Die Welt“ lobte die burischen Nationalistenführer Hertzog und Malan für ihren Kampf gegen den Kriegseintritt der Südafrikanischen Union ebenso wie die Irisch-Republikanische Armee für ihren Wunsch nach der Niederlage Englands im Krieg. Nach der deutschen Besetzung Norwegens (April 1940) schrieb das norwegische KP-Organ „Arbeideren“ (erschien bis zum August 1940 als legale Zeitung) am 18. April 1940: „Wenn wir nun Deutschland sowie jeder anderen Macht das Recht bestreiten, solche Okkupationen vorzunehmen, so dürfen wir nicht davon absehen, daß diese Aktion Deutschlands eine Antwort auf die kurz vorher erfolgte Verletzung unserer Neutralität und Integrität durch die Engländer darstellte. Daher ist England der Schuldige an unserer heutigen Lage. England trägt auch die Verantwortung für das norwegische Blut, das jetzt fließt.“

Auch auf die deutsche politische Emigration wirkte sich die neue Linie aus. Bei Kriegsbeginn wurden die meisten deutschen und österreichischen Emigranten in Frankreich interniert und die deutschen Kommunisten – die in den ersten Kriegstagen noch vom antifaschistischen Charakter des Krieges ausgingen – traten auf Anweisung des Pariser Sekretariats des ZK der KPD freiwillig den Weg in die Internierung an (bei den Parteisäuberungen in der SED ab 1950 wurde diese „Abweichung“ als Material gegen Paul Merker und Franz Dahlem verwendet). Die Presse der Kommunisten und Fellow-Traveller wurde verboten, legal blieben die Presseorgane, die sowohl antinazistisch als auch antisowjetisch waren. Als Sprachrohre für die deutschsprachige kommunistische Propaganda außerhalb der Sowjetunion verblieben die Monatszeitschrift „Die Kommunistische Internationale“ (die deutsche Ausgabe wurde ab Herbst 1939 in Stockholm gedruckt) und die Wochenzeitschrift „Die Welt“.

In den Reaktionen der nichtkommunistischen deutschen Presse und Organisationen im Exil gab es bemerkenswerte Nuancen. Beim sozialdemokratischen „Neuen Vorwärts“ und beim rechtsliberalen „Neuen Tagebuch“ gab es einen Unterton der Genugtuung im Sinne von: „Wir haben schon immer gewußt, daß Bolschis und Nazis gut zusammenpassen.“ Bei den Linkssozialisten dagegen – etwa bei der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), dem Internationalen Sozialistischen Kampfbund (ISK), „Neu Beginnen“ oder bei der Gruppe von Willi Münzenberg (der in Moskau in Ungnade gefallene „rote Hugenberg“ hatte seit 1938 mit französischen Subventionen die Zeitung „Die Zukunft“ herausgegeben, an der die späteren Kalten Krieger Arthur Koestler und Manès Sperber mitarbeiteten) – führte die Wendung der kommunistischen Politik zu einem Aufschrei. Für sie war der Antifaschismus der kleinste gemeinsame Nenner mit der Sowjetunion und der Komintern (nachdem die sowjetischen Säuberungen und die Schmutzkampagnen der kommunistischen Presse gegen die linke Konkurrenz – nach der Devise „Jeder Kritiker ein Trotzkist, jeder Trotzkist ein Gestapoagent“ - das Verhältnis zwischen dem offiziellen Kommunismus und den linken Splittergruppen bereits nachhaltig vergiftet hatten). Jetzt mußten sie feststellen, daß der Antifaschismus für die Sowjetunion keine Sache des Prinzips war und daß auch für die kommunistischen Parteien außerhalb der Sowjetunion der Antifaschismus im Zweifelsfall der Moskauer Staatsräson untergeordnet war (für den sowjetischen Staat gab es gute Gründe für den Hitler-Stalin-Pakt: der Zweifrontenkrieg mit einem 1937/38 dezimierten Offizierskorps gegen Deutschland und Japan wurde so vermieden, gleichzeitig bekam die SU durch das Geheime Zusatzprotokoll zum Pakt die Möglichkeit zur Expansion ohne Krieg; die intensiven deutsch-sowjetischen Wirtschaftsbeziehungen nutzten beiden Staaten). Der Hitler-Stalin-Pakt erleichterte die sich ab 1939 vollziehende Annäherung von Linkssozialisten und rechten Sozialdemokraten. Gleichzeitig wurden Verbindungen von Linkssozialisten und Sozialdemokraten zu westlichen Geheimdiensten und Propagandadienststellen geknüpft und bereits bestehende Verbindungen verstärkt. Diese Verbindungen dürften 1945 nicht plötzlich zu Ende gewesen sein. Unter Schumacher und Ollenhauer bestand ein Drittel des SPD-Vorstands aus London-Emigranten, die für das OSS und britische Dienste gearbeitet hatten; im Kalten Krieg sprach die SED-Propaganda nicht zu Unrecht davon, daß anglo-amerikanische Agenten die Politik von SPD und DGB bestimmten. Die Grundlagen für die in der Zeit des Kalten Krieges bestehende internationale antikommunistische Front unter Einbeziehung früherer Linkssozialisten (z. B. Willy Brandt, Rix Löwenthal und George Orwell), Kommunisten (z. B. Koestler und Sperber) und Trotzkisten (z. B. James Burnham, Melvin Lasky und Irving Kristol) sind Ende der dreißiger und Anfang der vierziger Jahre geschaffen worden.

In der „Kommunistischen Internationale“ und der „Welt“ trugen auch die deutschen Kommunisten zur Polemik gegen die Sozialdemokraten bei. An Stelle des NS-Regimes traten als Hauptfeinde die „Thyssen-Klique“ und ihre Helfershelfer aus den Reihen der sozialdemokratischen und katholischen Führer. Hitlers einstiger Gönner Fritz Thyssen war der einzige deutsche Großkapitalist, der sich 1939 von Hitler losgesagt hatte: Er floh bei Kriegsbeginn in die Schweiz, Anfang 1940 folgten seine Ausbürgerung und die Beschlagnahmung seines Vermögens. „Die Welt“ veröffentlichte in ihrer Nummer 6 von 1940 (9. Februar 1940) einen Aufsatz von Walter Ulbricht „Hilferding über den ‚Sinn des Krieges‘“, dessen ideologische Linie den Sinn hatte: mit den nationalsozialistischen Werktätigen für die deutsch-sowjetische Freundschaft, gegen den englischen Imperialismus, gegen „die Thyssen-Klique und ihre Freunde in den Reihen der sozialdemokratischen und katholischen Führer in Deutschland“. Ulbricht polemisierte gegen Hilferding, der im „Neuen Vorwärts“ dafür eingetreten war, den Sieg Englands und Frankreichs rückhaltlos zu bejahen. Der englische Imperialismus war für Ulbricht „die reaktionärste Kraft in der Welt“. „Der englische Imperialismus stellte sein reaktionäres Wesen aufs Neue unter Beweis, indem er den Vorschlag Deutschlands, der von der Sowjetregierung unterstützt wurde, auf Beendigung des Krieges, ablehnte...“ Ulbricht kritisierte die nationale Unterdrückung im sogenannten „Großdeutschland“, denn „ohne die nationale Unterdrückung würden die Volksmassen Österreichs und der Tschechoslowakei entschlossener gegen den englischen Plan kämpfen“. „Das werktätige Volk Deutschlands kämpft heroisch gegen die Unterdrückung und Ausbeutung der Werktätigen durch das gegenwärtige Regime in Deutschland, weil diese terroristische Herrschaft dem deutschen Volk schwersten Schaden bringt und Deutschland in der Welt diskreditiert, weil es damit die Widerstandskraft des deutschen Volkes schwächt und damit der Reaktion in England und Frankreich hilft, das eigene Volk über die wahren Kriegsziele des englischen Imperialismus hinwegzutäuschen.“ Unterdrückung und Ausbeutung im NS-Staat waren für Ulbricht also nicht mehr an sich bekämpfenswert, sondern weil sie das Reich im Kampf gegen England schwächten. Ulbricht machte auch klar, daß der Hauptfeind nicht das Hitlerregime, sondern die Gegner des Hitler-Stalin-Paktes waren: „nicht nur die Kommunisten, sondern auch viele sozialdemokratische Arbeiter und nationalsozialistische Werktätige“ sähen „ihre Aufgabe darin, unter keinen Umständen einen Bruch des Paktes zuzulassen. Wer gegen die Freundschaft des deutschen und des Sowjetvolkes intrigiert, ist ein Feind des deutschen Volkes und wird als Helfershelfer des englischen Imperialismus gebrandmarkt. Im werktätigen Volke Deutschlands verstärken sich die Bemühungen, die Anhänger der Thyssen-Klique, dieser Feinde des sowjetisch-deutschen Paktes aufzudecken. Vielfach wurde die Entfernung dieser Feinde aus der Armee und dem Staatsapparat und die Konfiszierung ihres Eigentums gefordert.“

Von der „Sozialistischen Arbeitsgemeinschaft“ in London (bestehend aus den Revolutionären Sozialisten Österreichs, dem ISK, „Neu Beginnen“ und der SAP) wurde Ulbrichts Artikel so interpretiert: „die KPD-Stellen werden mit der Gestapo keinen ‚Block bilden‘, d.h. nicht mit ihr in direktem Briefverkehr treten; sie werden die Gegner des Russenpakts nur ‚aufdecken‘, d.h. öffentlich angreifen und dabei die Gestapo kritisieren, daß sie nicht schon lange zugeschlagen hat. Die Gestapo wird sich nicht lange bitten lassen...“ Für die Londoner Linkssozialisten (und künftigen anglo-amerikanischen Agenten) bedeutete dies: „nachdem sie (die KPD-Führung) jedes Band der politischen Gemeinsamkeit mit den Gegnern der Hitlerschen Kriegspolitik zerrissen hat, zerreißt sie öffentlich und in aller Form auch das Band der Solidarität!“ Dies war für die Linkssozialisten „der Schritt über die Grenze, der eine, wenn auch entartete, Organisation der Arbeiterbewegung von einer reinen Auslandsabteilung der GPU trennt.“

Besondere Komplimente an die Adresse der Sozialdemokraten richtete Genosse Kurt Funk, der nach 1945 unter seinem richtigen Namen Herbert Wehner eine steile Karriere machen sollte. Im Januar 1940 veröffentlichte Wehner in der Zeitschrift „Die Kommunistische Internationale“ einen Artikel („Betrachtungen zu einer Nummer ,Neuer Vorwärts‘“), in dem er die Imperialisten Englands und Frankreichs als die „wahren Aggressoren“ entlarvte. Im schönsten VB-Stil zog er über „die ehemaligen Führer der deutschen Sozialdemokratie im Solde des englischen Imperialismus“, „die im Solde des englischen Imperialismus Kriegshetze betreibenden ehemaligen Führer der deutschen Sozialdemokratie“, „die sozialdemokratischen Soldschreiber des englischen Imperialismus“ her. „Der englische Imperialismus greift ...nach ihnen und benützt sie...als Zersetzungsfaktoren, weil die anglo-französischen Vorherrschaftspläne in Europa wenig Aussicht auf Verwirklichung haben, wenn es nicht gelingt, die deutsch-sowjetische Freundschaft zu zerstören.“ „Der im Solde des anglo-französischen Imperialismus stehende Hilferding“ war für Wehner ein „volks- und landesverräterischer Agent“.

Sowohl Walter Ulbricht als auch Herbert Wehner haben in den Nachkriegsjahrzehnten Sammlungen ihrer alten Reden und Aufsätze veröffentlicht. Natürlich waren dort weder „Hilferding über den ‚Sinn des Krieges‘“ noch die „Betrachtungen zu einer Nummer ,Neuer Vorwärts‘“ enthalten.

Die „Frankfurter Zeitung“, die als publizistisches Aushängeschild des „Dritten Reiches“ mit größerer Offenheit schreiben konnte als andere deutsche Zeitungen, machte am 29. August 1939 bemerkenswerte Ausführungen über die Voraussetzungen der deutsch-sowjetischen Annäherung:

„Was die Sowjetunion anlangt, haben während der jüngstvergangenen Jahre wesentliche Veränderungen sowohl in ihrer Struktur wie in der Besetzung der führenden Stellen stattgefunden. Wir müssen sie jetzt als unvermeidliche Voraussetzungen für die historische Entwicklung ansehen. Die Entfernung der Oberschicht, die unter dem Namen Trotzkisten bekannt war, und die mit dieser Begründung aus dem sozialen Leben der Sowjetunion ausgeschaltet wurde, war zweifellos ein wesentlicher Faktor in der Annäherung zwischen Deutschland und der Sowjetunion.“

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Der Marxismus ist allmächtig – weil er wahr ist. (E.C.)

“Die Stellung zum Vermächtnis Willi Dickhuts ist der Prüfstein für den Kampf zwischen proletarischer und kleinbürgerlicher Denkweise!” (RF/MLPD)


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 Betreff des Beitrags: Re: „Frankreich und England überfielen Deutschland“ (+ Antwort)
BeitragVerfasst: So 25. Mär 2007, 00:43 
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Erschienen am 6.12.04 in der rbi-aktuell.de
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Moskau mußte Zeit gewinnen

Kritik am Artikel “Frankreich und England überfielen Deutschland

Von Elmar Getto




Über viele Jahrzehnte bekannte trotzkistische Positionen, die bereits hundertfach wiederlegt sind, werden in diesem Artikel wieder aufgewärmt, der die 65 Jahre, die jene Ereignisse vergangen sind, zum Anlass nimmt, um Bekanntes erneut zu behaupten. Aber die Wiederholung macht nichts wahr, was nie wahr war.

Wer den taktischen Schachzug der Führung der Sowjetunion in der Situation unmittelbar vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und bis zum Überfall der Faschisten auf die Sowjetunion als Anzeichen einer grundsätzlichen Politik und nicht als ebensolchen darstellt, arbeitet mit falschen Karten.

Man kann eine konkrete Taktik zu einem bestimmten Zeitpunkt nur im Zusammenhang mit der tatsächlichen Situation, mit den Umständen, die objektiv vorlagen, analysieren. Dies versucht der vorliegende Artikel nicht einmal. Er gibt vor, nie von den Erklärungen, die die Kommunisten hierfür gegeben haben, gehört zu haben. Das ist unehrlich.

Man benutzt die Tatsache, daß jene Erklärungen der Kommunisten in westlichen Medien nie veröffentlicht wurden und versucht so die Unkenntnis des westliches Publikums zu nutzen. Das ist infam.

Wie war die tatsächliche Situation im Jahr 1938, als für alle deutlich wurde, daß der Ausbruch des Krieges nur noch eine Frage kurzer Zeit sein würde?

Stalin hatte bereits in den zwanziger Jahren die Absichten des deutschen Faschismus analysiert und festgestellt: Wenn der Faschismus in Deutschland an die Macht kommt, wäre dessen strategisches Hauptziel der Krieg gegen die Sowjetunion mit dem Ziel, den Sozialismus dort zu vernichten.

Als 1933 wirklich die deutschen Faschisten an die Macht kamen, begann für die Sowjetunion ein Rennen gegen die Zeit, um sich für den bevorstehenden Krieg vorzubereiten, mit dem das faschistische Deutschland die Sowjetunion überziehen würde.

Die Sowjetunion hatte aus der extrem rückständigen Politik des Zarenreiches das Erbe eines extrem rückständigen Landes übernommen. Um nur ein Beispiel zu nennen: Zum Zeitpunkt der Gründung der Sowjetunion waren die Staaten West- und Mitteleuropas bereits zu wesentlichen Teilen mit elektrischem Strom versogt und in den Hauptstädten verkehrten bereits elektrische Straßenbahnen. Russland und die anderen Staaten der Sowjetunion dagegen mußten den gesamten Aufwand der Elektrifizierung erst in Angriff nehmen. Zwar hatte die Sowjetunuion über all die Jahre bis 1938 die höchsten Wachstumsraten der Wirtschaft aller europäischen Staaten und wurde nicht im mindesten von der Weltwirtschaftskrise 1929 beeinflusst, das Land war aber 1938 immer noch in der Entwicklung deutlich zurück im Vergleich zum Deutschen Reich oder Italien, die die wesentlichen Kriegsgegner sein würden.

Zwar hatten die sowjetischen Wertätigen in “Subotniks” (Samstagsarbeit) heldenhaft Fortschritte erzielt, aber es bestand weiterhin ein Defizit in Quantität und Qualität der Waffen und Waffensysteme, um für den Krieg vorbereitet zu sein. Man hatte z. B. den neuen Panzer entwickelt, der vom Westen T34 genannt wurde, aber man brauchte Zehntausende davon, um eine Chance gegen die Angriffsmaschinerie der deutschen Faschisten zu haben. Tatsächlich hatte man zu diesem Zeitpunkt einige hundert. Man brauchte eine halbwegs entwickelte Luftwaffe, um eine Chance gegen die Deutschen zu haben, aber zu diesem Zeitpunkt, 1938, war die Luftwaffe noch fast nicht vorhanden.

Die Hitleristen dagegen hatten seit 1933 keine Zeit verloren und sofort nach der Machtübernahme mit riesigen Rüstungsinvestitionen begonnen. Nun, bereits nach 5 Jahren, zum Zeitpunkt 1938, war Deutschland bereit, den Krieg zu beginnen. Man hatte Informationen über die spärliche Bewaffnung der Sowjetunion, wußte, daß dort nicht einmal ein Gewehr für jeden potentiellen Soldaten zur Verfügung stand, kurz, der Ausgang des Krieges, der zu diesem Zeitpunkt begonnen hätte, wäre eindeutig gewesen.

Zum gleichen Zeitpunkt wußten Stalin und die sowjetischen Führer, daß auch England und Frankreich, die beiden wesentlichen westlichen Gegner des deutschen Faschismus in Europa, nicht auf den Krieg vorbereitet waren. Frankreich war überhaupt völlig unvorbereitet, setzte alles auf die löcherige „Maginot-Linie“. Doch Stalin wußte bereits, die würde für nichts nutze sein. Der zweite Weltkrieg würde ein Bewegungskrieg werden, nicht wie der erste ein Stellungskrieg.

England hatte 1938 gerade eben erst angefangen, sich ernsthaft militärisch auf den Weltkrieg vorzubereiten. Bis kurz vorher war man nur auf Kriegsverhinderung bedacht gewesen.

Damit war klar, daß die Sowjetunion auch keine Erleichterung durch einen möglichen Zwei-Fronten-Krieg der “Achse” (Italien-Deutschland) erhalten würde. Die andere Front würde fast keine Bedeutung haben und die Sowjetunion würde die ganze Wucht eines deutschen Angriffs auszuhalten haben. Dies würde zu diesem Zeitpunkt einen Verlust an Soldaten und zivilen Menschenleben bedeuten, der alles bisher in Kriegen gesehene in den Schatten stellen würde. Mit hoher Wahrscheinlichkeit würde man dem Feind die Herrschaft in der ganzen Sowjetunion zugestehen müssen und dann, aus der Situation des Widerstands in einem besetzten Land heraus, versuchen müssen den Krieg zu drehen (siehe die jetzige Situation im Irak).

Die Sowjetunion hatte auch große Vorteile in diesem zu erwartenden Krieg in die Waagschaale zu werfen: Da war zum einen die Größe des Landes, die selbst für die Millionenmassen der deutschen Armeen zu einer deutlichen Verdünnung und Verzettelung führen würde. Vor allem aber war da die Masse von Soldaten der Roten Armee, dem Sozialismus ergeben und heldenmütig, die den Ausschlag geben würden (und wirklich gaben). Aber wie diesen Vorteil zur Geltung bringen, wenn man dem Soldaten nicht einmal ein Gewehr in die Hand drücken konnte, weil man nicht genug hatte: man brauchte mehr Zeit.

Stalin und die sowjetische Führung wußten, daß sich mit dem Gewinn von einigen Jahren an Vorbereitungszeit diese Situation völlig verändern würde. Hätte man nur drei Jahre mehr Zeit, würde man der faschistischen Angriffsmaschinerie einen erheblichen Widerstand entgegensetzten können und nicht viel sowjetisches Land zugestehen müssen, bevor man selbst in der Gegenoffensive das Gesetz des Handels in die Hand bekäme, was in diesem Krieg ausschlaggebend sein würde.

Stalin war ein genialer Kriegsherr und Schlachtenplaner. Er entwickelte in dieser Situation eine Taktik, wie man gegenüber dem unmittelbar bevorstehenden Überfall der faschistischen Heere auf die Sowjetuniuon Zeit gewinnen könnte: man würde den Faschisten einen Pakt vorschlagen, würde vorgeben, mit ihnen gemeinsam einen Krieg gegen England und Frankreich führen zu wollen. Man konnte ihnen sogar ein „Brautgeschenk“ offerieren: Polen (das sowieso von den Faschisten überfallen worden wäre, bevor die Sowjetunion angegriffen werden konnte). In geheimen Verhandlungen wurde angeboten, sich den „Braten“ Polen zu teilen.

Man benutzte die Zweifel der deutschen Kriegsplaner, um dies Angebot schmackhaft zu machen. So konnte die Deutsche Führung einen Zwei-Fronten-Krieg vermeiden und sich zunächst auf den Krieg mit Frankreich unf England konzentrieren.

Dazu kam ein Unsicherheitsfaktor, der den deutschen Marschällen Kopfzerbrechen bereitete: Japan.

Das war ein Verbündeter, aber einer, der sich nicht im mindesten den Deutschen unterordnete (so wie das Mussolini tat). Während Hitler für Japan die Kriegsführung vom Osten aus gegen die Sowjetunion vorgesehen hatte (1938 hatte Japan schon China besetzt), um nun seinerseits die Sowjetunion in einen Zweifrontenkrieg zu verwickeln, waren die Japaner vielmehr darauf aus, zur absolut stärksten Macht im Pazifikraum zu werden und dazu mußten sie die USA besiegen.

Die USA mußten aber aus deutscher Sicht unbedingt neutral bleiben. Hätte man den Krieg in Europa und gegen die Sowjetunuion gewonnen, konnte man sich immer noch gemeinsam die USA ‚vornehmen’. Die Japaner waren ein Unsicherheitsfaktor und seit Pearl Harbour weiß man, wie berechtigt diese Zweifel waren.

Außerdem wußte die deutsche Führung nicht ausreichend, wie unvorbereitet Frankreich und England waren. Es ergab sich aus deutscher Sicht ein großer Vorteil, wenn man das Angebot der Sowjetunion auf einen Pakt annehmen würde. Damit rechnete Stalin und behielt recht.

Ribbentropp und Molotov schloßen den Pakt und es gelang der Sowjetunion, den Kriegsbeginnn bis September 1939 hinauszuzögern. Dann besetzte man kurz nach dem Überfall der deutschen Truppen auf Polen den Ostteil jenes Landes. England und Frankreich mußten der „Achse“den Krieg erklären und taten es.

Was hatte die Sowjetunion nun zu diesem Zeitpunkt zu tun, um die Faschisten zu täuschen? Sie mußte objektiv unsinnige, tatsächlich absurde Erklärungen herausgeben, um die Faschisten in Sicherheit zu wiegen. Wenn Trotzkisten heute diese Erklärungen benutzen, um Stimmung gegen die damals sozialistische Sowjetunion zu machen, ist das absurd. Natürlich waren alle diese offiziellen Erklärungen Stalins und der Führer der Komintern sowie einiger lokaler kommunistischer Führer absoluter Bockmist. Doch das alles diente ausschliesslich dem einzigen Ziel, die Faschisten in dem Glauben zu lassen, die Sowjetunion und die kommunistischen Parteien hätten sich wirklich auf ihre Seite geschlagen. Natürlich war klar, daß die Faschisten ihrerseits glaubten, die „Bolschewiken“ an der Nase herumzuführen. Sie wußten, daß sie, sobald die ‚Sache im Westen’ erledigt war, sich ihrem eigentlichen Hauptziel, Krieg gegen die Sowjetunion, zuwenden würden. Nur wußte das eben Stalin auch.

Es ist logisch, daß die zu diesem Zeitpunkt herausgegebenen „Bockmist“-Erklärungen später nicht in die Sammlung der Reden oder Werke aufgenommen wurde.

Es gelang Stalin und der Sowjetunion, vom Zeitpunkt des Kriegsbeginns etwa ein und einhalb Jahre und vom Zeitpunkt der ersten strategischen Überlegungen aus mehr als zwei Jahre an Zeit zu gewinnen. Obwohl nicht soviel Zeit wie erhofft, war dies ausschlaggebend für den Ausgang des Zweiten Weltkrieges. Die Sowjetunion konnte an militärischer Stärke gewinnen und dann, zusammen mit der Zeit, in der man den eindringenden faschistischen Truppen einen verlustreichen, aber im Kern nur hinhaltenden Widerstand entgegensetzen konnte, die miltärische Kraft gewinnen, die man brauchte, um die Faschisten zunächst – mit der Schlacht um Stalingrad – zu stoppen und dann – Meter für Meter – den Boden des eigenen Landes zurückzuerobern und schliesslich den Vormarsch auf Berlin zum Sieg im Krieg zu vollenden.

Es handelt sich um die bei weitem größte kriegerische Auseinandersetzung von zwei Staaten in der gesamten Menschheitsgeschichte, mit einem Blutzoll, der alles in den Schatten stellt, was je vorher oder nachher an Kriegshandlungen geführt und gelitten wurde.

Die gesamte Last des Zweiten Weltkrieges lag auf den Schultern der Sowjetunion. Mochten die Westallierten ganz zum Schluss des Krieges, als die Niederlage des faschistischen Deutschlands objektiv bereits besiegelt war, mit der Invasion in der Normandie noch ihre Kräfte in die Waagschale werfen, so war dies doch hauptsächlich aus den Gründen erforderlich, der Sowjetunion nicht allein den Sieg zukommen zu lassen.

Der tatsächliche Ablauf und der Sieg im zweiten Weltkrieg haben der Taktik und Strategie Stalins und der sowjetischen Führung recht gegeben. Die Verdienste Josef Stalins sind in dieser Beziehung unvergleichlich und unvergessen. Stalin und die sowjetische Führung haben auch ernste Fehler begangen, aber nicht in Bezug auf den zweiten Weltkrieg.

Wenn die Welt heute nicht von einer Mischung von faschist-deutscher und extrem autoritärer japanischer Herrschaft unterdrückt wird, so haben die Strategien und Taktiken Stalins dazu entscheidend beigetragen. Zu jenem Zeitpunkt ging es um die Zukunft der ganzen Menschheit, die davor bewahrt werden mußte, daß sie insgesamt unter faschistische Herrschaft geraten würde und die das Überleben des sozialistischen Staates brauchte, der Sowjetunion.

Warum zitiert Herr Hans-Werner Klausen nicht die Veröffentlichungen trotzkistischer Führer jener Zeit, die während des zweiten Weltkrieges selbst die faschistische Weltherrschaft für ein geringeres Übel als das Überleben der Sowjetunion als sozialistischem Staat hielten?

Aber man braucht gar nicht soweit zurück zu gehen, haben wir doch in jüngster Vergangeheit die Taten eines der trotzkistischen Führers der Jetzt-Zeit in Deutschland vor Augen: Werner Halbauer, einer der Haupt-Verantwortlichen für die Spaltung der Montagsdemo in Berlin, versuchte mit allen Mitteln, eine Wieder-Vereinigung der beiden Montagsdemos zu verhindern, die zu diesem Zeitpunkt noch jeweils Zehntausende zusammenführte. Obwohl mit der Alexanderplatz-Demo vereinbart war, daß sie am Schluss zur Rote-Rathaus-Demo am Brandenburger Tor stoßen würde, hatte Halbauer mit der Polizeiführung vereinbart, daß sie dies verhindern würden. Als die ersten Mittel nicht gelangen (Benutzung des Lautsprecherwagens der FAU und eines weiteren Wagens, um den Vorstoß des Lautsprecherwagens der Alex-Demo zu verhindern), schloß Halbauer am Mikrofon die Abschluß-Kundgebung der Rote-Rathaus-Demo, das vereinbarte Zeichen für die Polizei, die sich nun unter brutalstem Einsatz von Gewalt den Weg zum Lauti der Alex-Demo bahnte und ihn „auseinandernahm“. Dabei wurden eine Anzahl von Demonstranten verletzt , darunter auch blinde Menschen. Ebenso wurden verschiedenen Personen festgenommen (unter vorgeschobenen Gründen). Dafür hatte Halbauer nach einem Augenzeugen nur ein zynisches Lächeln übrig. Das alles war von Halbauer zu verantworten. Der Trotzkist wird im Zweifelsfall immer auf der Seite des kapitalistischen Staatsapparats gegen die revolutionären Massen stehen.

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 Betreff des Beitrags: Re: „Frankreich und England überfielen Deutschland“ (+ Antwort)
BeitragVerfasst: So 25. Mär 2007, 00:43 
Literat

Beiträge: 2947
"Wer den taktischen Schachzug der Führung der Sowjetunion in der Situation unmittelbar vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und bis zum Überfall der Faschisten auf die Sowjetunion als Anzeichen einer grundsätzlichen Politik und nicht als ebensolchen darstellt ... "

Man soll immer das Ende einer Geschichte abwarten, bevor man ein absolutes Urteil abgibt. Ich, zum Beispiel, habe mich beim Lesen des ersten Artikels gefragt, ob der Daniel noch zurechnungsfähig ist oder ob er einfach nur Spaß an dümmlichen Halbinformationen hat. Dann aber habe ich den zweiten Artikel gelesen und alles war klar. Genauso mag es damals vielen Kommunisten, als sie vom deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag hörten. Ich habe das öfter persönlich erzählt bekommen, was für ein Gefühl das war, den Gegner, den man gestern noch (und zurecht) für den Todfeind erklärt hatte - und von dem man wußte, daß er es nach wie vor war - jetzt als Verbündeten hinstellen zu müssen. Nun, das ist eben Außenpolitik. An Außenpolitik gibt es nichts zu verstehen. Ein Land hat innere Nöte. Die versucht es zu lösen. Nach innen und nach außen. Mit allen Mitteln. Die größte Not der Sowjetunion war zu dieser Zeit der drohende Krieg. Der Lösung dieses Problems war alles unterzuordnen.
Immer wieder versuchen Leute, geschichtliche Etappen zu bewerten, als hätten sie keine Vorgeschichte. Über Nachgeschichte reden sie alle gerne. Brest-Litowsk war der "Hitler-Stalin-Pakt" Lenins. Lenin schrieb im "Linken Radikalismus" zu Vorwürfen in seine Richtung: "Stellen Sie sich vor, daß Ihr Automobil von bewaffneten Banditen angehalten worden ist. Sie geben ihnen Ihr Geld, Ihren Paß, Ihren Revolver, Ihren Wagen. Sie werden von der angenehmen Gesellschaft der Banditen erlöst. Das ist zweifellos ein Kompromiß."
Zwischen dem, was einer - zu einem bestimmten Zeitpunkt - sagt und dem, was einer tut, kann ein großer Unterschied liegen. Ich möchte hier gerne eine kurze Geschichte von Bertolt Brecht wiedergeben:


--
Maßnahmen gegen die Gewalt

Als Herr Keuner, der Denkende, sich in einem Saale vor vielen gegen die Gewalt aussprach, merkte er, wie die Leute vor ihm zurückwichen und weggingen. Er blickte sich um und sah hinter sich stehen - die Gewalt. "Was sagtest du?" fragte ihn die Gewalt. "Ich sprach mich für die Gewalt aus", antwortete Herr Keuner.
Als Herr Keuner weggegangen war, fragten ihn seine Schüler nach seinem Rückgrat. Herr Keuner antwortete:"Ich habe kein Rückgrat zum Zerschlagen. Gerade ich muß länger leben als die Gewalt."
Und Herr Keuner erzählte folgende Geschichte: In die Wohnung des Herrn Egge, der gelernt hatte, nein zu sagen, kam eines Tages in der Zeit der Illegalität ein Agent, der zeigte einen Schein vor, welcher ausgestellt war im Namen derer, die die Stadt beherrschten, und auf dem Stand, daß ihm gehören soll jede Wohnung, in die er seinen Fuß setzte, ebenso sollte ihm auch jedes Essen gehören, das er verlange; ebenso sollte ihm auch jeder Mann dienen, den er sähe. Der Agent setzte sich in einen Stuhl, verlangte Essen, wusch sich, legte sich nieder und fragte mit dem Gesicht zur Wand vor dem Einschlafen: "Wirst du mir dienen?" Herr Egge deckte ihn mit einer Decke zu, vertrieb die Fliegen, bewachte seinen Schlaf, und wie an diesem Tage gehorchte er ihm sieben Jahre lang. Aber was immer er für ihn tat, eines zu tun hütete er sich wohl: das war, ein Wort zu sagen. Als nun die sieben Jahre herum waren und der Agent
dick geworden war vom vielen Essen, Schlafen und Befehlen, starb der Agent. Da wickelte ihn Herr Egge in die verdorbene Decke, schleifte ihn aus dem Haus, wusch das Lager, tünchte die Wände, atmete auf und antwortete: "Nein."
--


Genausowenig, wie man Witze erklären soll, soll man Literatur interpretieren. Es liegt im Wesen der Kunst, auf viele Sachverhalte des Lebens zu passen. Was eine Dichter meint, hängt vor allem mit dem Dichter selbst zusammen. Es besteht kein Zweifel, daß Brecht in der vorliegenden Geschichte hauptsächlich von den Taktiken des Widerstands der Kommunisten spricht. Aber, seine politischen Äußerungen bezeugen es, eine Anwendung dieser Fabel auf den Nichtangriffsvertrag hätte er gelten lassen.
(Sollte jemand bei der Aufschlüsselung des Textes Schwierigkeiten haben, hier ein kleiner Ansatz: Herr Keuner und Herr Egge haben gemein, daß sie etwas anderes tun als sie sagen. Wo liegt nun der Unterschied zwischen ihnen?)

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 Betreff des Beitrags: Re: „Frankreich und England überfielen Deutschland“ (+ Antwort)
BeitragVerfasst: So 25. Mär 2007, 00:44 
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Beiträge: 4023
Zitat:
Man soll immer das Ende einer Geschichte abwarten, bevor man ein absolutes Urteil abgibt. Ich, zum Beispiel, habe mich beim Lesen des ersten Artikels gefragt, ob der Daniel noch zurechnungsfähig ist oder ob er einfach nur Spaß an dümmlichen Halbinformationen hat. Dann aber habe ich den zweiten Artikel gelesen und alles war klar.
[/QUOTE]


ICh muss dazu sagen, ich habe erst den 2. Artikel gefunden, befand den für sehr gut und bin darüber auf den 1. gestossen. Wäre es anderes gewesen, hätte ich die "Antwort" nie gesehen, wäre dieser Faden wohl in der Rubrik Propagandalügen gelandet.

Leider ist es auch heute noch so, das viele den H-S-Pakt verurteilen und damit auch Stalin verurteilen. Denen sei aber auch der Artikel aus der DRF ans Herz gelegt.

http://www.die-rote-fahne.info/drf0904.htm

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 Betreff des Beitrags: Re: „Frankreich und England überfielen Deutschland“ (+ Antwort)
BeitragVerfasst: So 25. Mär 2007, 00:44 
Literat

Beiträge: 2947
Ebenfalls lesenswert:

http://www.kurt-gossweiler.de/artikel/betr-nav.htm

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 Betreff des Beitrags: Re: „Frankreich und England überfielen Deutschland“ (+ Antwo
BeitragVerfasst: Do 13. Okt 2011, 20:12 

Beiträge: 132
Um diesen alten Thread mal durch meinen Senf aus der Versenkung zu holen:

Man muss natürlich bedenken, dass Stalin (symbolisch für die ganze Sowjetführung) vor einem schwierigen Spagat stand - einerseits durfte man die Nazis nicht provozieren und ihnen einen Vorwand für den längst beabsichtigten Angriff geben, so dass dieser zu früh erfolgen hätte können. Da ist es klar, dass man nicht oder jedenfalls nicht allzu schlecht vom Vertragspartner sprechen konnte. Andererseits wollte und konnte man aber auch dem Feind keineswegs entgegenkommen und damit gegen die Prinzipien des Marxismus-Leninismus und konkret den proletarischen Internationalismus verstoßen.

Am deutlichsten macht das meiner Ansicht nach dieser Teil hier:

"Ich danke Ihnen, Herr Minister, für die Glückwünsche. Die mit Blut besiegelte Freundschaft der Völker Deutschlands und der Sowjetunion hat alle Aussicht, langandauernd und beständig zu werden."

Stalin macht das absolut richtig - er kann ja Ribbentrops Gratulationen nicht einfach unkommentiert lassen, das wäre zum Vorwand der Verschlechterung der Beziehungen genommen, die wiederum das Vorspiel zum Angriff geworden wären. Andererseits hat er, wenn man genau hinsieht, auch nichts Positives gesagt: Simple zwei Zeilen, ein mehr obligatorischer als emotionaler Dank, und die Rede ist von "den Völkern (!) Deutschlands und der Sowjetunion". Somit handelt es sich hier um oberflächliche Freundlichkeit bei gleichzeitig offenkundiger Distanz.


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