Forum.stalinwerke.de - stalinforum.de

Diskussionen über sozialistische Geschichte, Gegenwart und Zukunft
Aktuelle Zeit: Mo 21. Aug 2017, 04:35

Alle Zeiten sind UTC




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 37 Beiträge ]  Gehe zu Seite Vorherige  1, 2
Autor Nachricht
 Betreff des Beitrags: Re: Personenkult
BeitragVerfasst: Fr 10. Okt 2008, 12:30 
Möchtegernputschist
Benutzeravatar

Beiträge: 1624
Zitat:
Als sehr kritische Bücher möchte ich dir von Alexander Jakowlew "Ziel des Lebens" und zur Roten Armee Popjel "In schwerer Zeit" empfehlen.
In denen ich einige Sachen gelesen habe, die ich vorher für Lügen des Klassenfeindes gehalten habe.


in der Hinsicht würde ich mal fragen, welche das sind und ob deren Quellen auch wirklich handfest sind?

_________________
Pole Pole Mzungu. Welcome to Tanzania, the land where dead cows are lying and dogs are flying. But be careful of the ju-wai-biems. Now let's search for some Schtonetools and after that let's go to Tohu-Wa-Bohu (also known as Mto-Wa-Mbu/Moskitotown)


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Personenkult
BeitragVerfasst: Fr 10. Okt 2008, 16:59 
Benutzeravatar

Beiträge: 131
Sergej hat geschrieben:
Zitat:
Als sehr kritische Bücher möchte ich dir von Alexander Jakowlew "Ziel des Lebens" und zur Roten Armee Popjel "In schwerer Zeit" empfehlen.
In denen ich einige Sachen gelesen habe, die ich vorher für Lügen des Klassenfeindes gehalten habe.


in der Hinsicht würde ich mal fragen, welche das sind und ob deren Quellen auch wirklich handfest sind?



Nee, das sind persönliche Erinnerungen. Jakowlew hat sehr viel persönlich mit Stalin zu tun. Popjel war Politkommisar der 1. Panzerarmee.

Das Buch von Jakowlew ist wirklich lesenswert, gerade wenn ihr euch für Stalin interessiert.

Kostprobe:

„’Nun, was gibt es, was sagt man so in Moskau?’
Stalin hatte gute Laune und wollte offenbar ausspannen[…]
Ebenso wie viele andere Moskauer war ich damals verärgert, weil auf Beschluß des Moskauer Stadtsowjets die Bäume am Sadowaja-Ring gefällt wurden. Die prächtigen Moskauer Boulevards, darunter der historische Nowinski mit seinen hundertjährigen Linden, wurde erbarmungslos abgeholzt. Der ehemals grüne, viele Kilometer lange Ring wurde nun asphaltiert.[…]
‚Ich glaube, das Stadtgespräch ist jetzt die Vernichtung der Boulevards am Sadowja-Ring. Die Moskauer sind sehr verstimmt darüber und zerbrechen sich dem Kopf: Wozu war das nötig? Es schwirren alle möglichen Gerüchte umher, die das erklären sollen.’
‚Und wie wird das erklärt?’ horchte Stalin auf.
‚Die einen sagen, das werde für den Kriegsfall gemacht, damit Truppen und Panzer sich ungehindert durch die Stadt bewegen könnten. Andere meinen, daß die Bäume, ebenfalls im Kriegsfall, bei einem Gasangriff giftige Gase speichern würden. Und wieder andere sagen, Stalin liebe eben kein Grün und habe befohlen, die Boulevards zu vernichten.’
‚Was für ein Unsinn! Wer sagt aber, daß es meine Weisung war?’
‚Viele sagen das.’
‚Nämlich?’
‚Nun, ich war vor kurzem bei einem Leiter des Moskauer Architektenbüros und warf ihm vor, daß es unvernünftig sei, die Bäume zu fällen. Er war selber empört und sagte mir, das geschehe auf eine Weisung hin, die Sie bei der Besprechung des Generalplans für die Rekonstruktion Moskaus gegeben hätten. Kurz, nach dem ‚Stalinschen Plan!’’
Stalin war aufgebracht:
‚Wir haben niemandem so etwas gesagt! Die Rede war lediglich davon, daß die Straßen in Ordnung gebracht und die verkümmerten Pflanzen weggeschafft werden müssen, die die Stadt nicht schmücken, sondern nur verunzieren und zudem den Verkehr stören.’
‚Sehen Sie, Sie brauchten nur etwas anzudeuten, und schon hat jemand im Übereifer jahrhundertealte Linden gefällt.’ […]
Und zu Molotow gewandt, meinte Stalin lachend: „Sehen Sie was auch angestellt wird, die Schuld haben wir!’“


Alexander Jakowlew, Ziel des Lebens, Berlin 1982, S.194 f.

_________________
"Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse." - Karl Marx, Kommunistisches Manifest


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Personenkult
BeitragVerfasst: Fr 10. Okt 2008, 18:53 
Administrator
Benutzeravatar

Beiträge: 4023
Das ist eine schöne Geschichte. Ehrlich. gefällt mir. Ist was für mein Stalinblog.

_________________
Der Marxismus ist allmächtig – weil er wahr ist. (E.C.)

“Die Stellung zum Vermächtnis Willi Dickhuts ist der Prüfstein für den Kampf zwischen proletarischer und kleinbürgerlicher Denkweise!” (RF/MLPD)


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Personenkult
BeitragVerfasst: Fr 10. Okt 2008, 19:17 
Benutzeravatar

Beiträge: 131
Woschod hat geschrieben:
Das ist eine schöne Geschichte. Ehrlich. gefällt mir. Ist was für mein Stalinblog.


Soll ichs dir komplett ohne Auslassungen abtippen?

_________________
"Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse." - Karl Marx, Kommunistisches Manifest


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Personenkult
BeitragVerfasst: Fr 10. Okt 2008, 20:34 
Administrator
Benutzeravatar

Beiträge: 4023
Nö, ich denke, das ist recht so.

_________________
Der Marxismus ist allmächtig – weil er wahr ist. (E.C.)

“Die Stellung zum Vermächtnis Willi Dickhuts ist der Prüfstein für den Kampf zwischen proletarischer und kleinbürgerlicher Denkweise!” (RF/MLPD)


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Personenkult
BeitragVerfasst: Sa 11. Okt 2008, 11:52 

Beiträge: 2008
@Jens, wenn Du schreibst "Ich möchte einen Sozialismus, wo durch das Gemeineigentum an Produktionsmitteln wir unsere eigenen Herren sind und trotzdem Kritik und eigene Meinung möglich sind. Ist das unvereinbar?"
Habe ich keine Probleme. Warum sollte das unvereinbar sein? Im Gegenteil, wenn Mitbestimmung praktiziert wird, dann ist auch die Meinung und Mitwirkung des Einzelnen gefragt.

Meine Beobachtungen waren vielfach, dass romantische Vorstellungen von dieser Mitwirkung entwickelt wurden, die nicht realisierbar sind.
Wenn Mitwirkung als Meckerei an jeder Stelle und bei jeder Gelegenheit ohne Wissen und Kenntnis der konkreten Rahmenbedingungen verstanden wird, dann wird das auch nichts. Das kommt nicht an und ist keine konstruktive, also verändernde Kritik. Meist waren diese Meckerer auch nicht Willsens, selbst mit Hand anzulegen.

Wenn Mitwirkung im Rahmen von Parteien und Massenorganisationen gemeint ist, dann werden wir sicher auch den Weg erneut gehen, der in der DDR praktiziert wurde. Ich kann persönlich nicht bestätigen, dass eine Kritik in der DDR nur im gewissen Rahmen in der Kunst möglich war. Wobei ich hoffe, dass Du hier nicht einen Biermann als Kritiker siehst.

Ich habe 20 Jahre Parteiarbeit - ja an der Basis - erlebt. Sicher mit Höhen und Tiefen und bei weitem nicht immer mit Zufriedenheit. Über Probleme der Gesellschaft wurde da sehr viel gesprochen und diskutiert und es flog auch nicht gleich jeder aus der Partei, der sich kritisch äußerte. Da wäre ich wohl einige male sonst geflogen.

Probleme wurden nicht einfach totgeschwiegen. Zumindest nicht an der Basis. Ich gebe Dir recht, dass Probleme falsch oder unvollständig nach oben gereicht wurden. Andererseits kann man nicht generell sagen, dass die Parteileitungen bis ins ZK und Politbüro gar nicht informiert waren. Da konnte man gelegentlich schon staunen, was bekannt war.
Letztendlich informierten die Genossen des MfS ja auch recht praxisnah.

Wenn Du die Zustände ab mitte der 80-ziger in die Kritik nimmst, würde ich Dir zustimmen wollen. Doch da waren ideologische Lähmungserscheinungen bereits deutlich zu spüren. Die Revisionisten hatten sich selbst ins politische Aus manövriert und die Wirtschaft derart in Problemzonen gesteuert, dass ich diese Zeiten nicht als die typischen Zeiten für 40 Jahre DDR bezeichnen möchte.

Im Vergleich mit den heutigen "demokratischen" Zuständen, war jeder Tag DDR zig mal demokratischer verlaufen. Klar kannst Du heute über alle und alles meckern. Nur verändert sich dadurch etwa etwas?
Nein, denke ich. Genauso wenige, wie mit Wahlen in diesem System etwas verändert wird. An dem Tag, wo das geschieht, werden die Wahlen verboten. Dann wird wieder "Hindenburg" durch "Hitler" abgelöst. Daran sollte bitte auch die PDS/LINKE denken.

_________________
»Menschen, ich hatte Euch lieb. Seid wachsam!«
»Ein Mensch wird nicht kleiner, auch wenn man ihn um einen Kopf kürzer macht.«

Julius Fucik, ermordet von den Nazis am 08.September 1943


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Personenkult
BeitragVerfasst: So 19. Okt 2008, 17:28 

Beiträge: 49
Jens hat geschrieben:
Das Buch von Jakowlew ist wirklich lesenswert, gerade wenn ihr euch für Stalin interessiert.
Lieber Genosse Jens, ich danke Dir für Deine Leseempfehlung Jakowlew: „Ziel des Lebens“. Anfangs dachte ich bei dem Namen an den Konterrevolutionär und Gorbatschow-Gehilfen Alexander Nikolajewitsch Jakowlew. Aber den konntest Du ja wohl nicht gemeint haben. Und der hat auch kein solches Buch geschrieben. Zur Vermeidung von Verwechslungen ist es immer günstig, bei den Sowjetmenschen Vor- und Vatersnamen wenigstens als Anfangsbuchstaben mitzuführen.
Du sprichst also von Alexander Sergejewitsch Jakowlew. Habe nun sein Buch mit Freude gelesen und bin beeindruckt von dieser Lebensgeschichte des berühmten Flugzeugkonstrukteurs, dessen Wirken aufgrund seiner Tätigkeit im Verteidigungswesen der UdSSR ihn oft zu Stalin führte. Offen und detailliert legt er Zeugnis darüber ab, wie er am Aufbau der Sowjetunion und ihrer Verteidigung mitwirkte, welche Probleme es gab und wie sie überwunden wurden.
Stalin stellt er realistisch dar. Habe mal noch ein paar aufschlußreiche Episoden rausgesucht. (Die Verantwortlichen für die von Dir bereits erwähnte Baumfällaktion in Moskau waren übrigens N.S. Chruschtschow und N.A. Bulganin.)

[...]
Wir waren alles andere als überzeugt, daß Moskau aus der Luft zuverlässig geschützt war.
Ebenso wie auf uns, hatte dieses Kriegsspiel auch auf Stalin keinen ernsthaften Eindruck gemacht: Alles war irgendwie schematisch und leblos.
Auch im Kabinett sagte Stalin erneut:
„Vielleicht ist das richtig so... Wer weiß?“ Und dann wiederholte er mehrmals:
„Keine Leute, wem soll man das auftragen... Keine Leute.“ Als Stalin auf die Leute zu sprechen kam, flüsterte Dementjew mir zu: „Wollen wir für Balandin bitten.“
Ich nickte, und wir nutzten eine Pause im Gespräch:
„Genosse Stalin, vor mehr als einem Monat ist unser stellertretender Volkskommissar für Antriebe Balandin verhaftet worden. Wir wissen nicht, weshalb, aber wir können uns unmöglich vorstellen, daß er ein Feind ist. Man braucht ihn im Volkskommissariat — die Leitung des Motorenbaus ist sehr geschwächt. Wir bitten Sie, diesen Fall zu prüfen.“
„Ja, er sitzt schon vierzig Taqe, sagt aber immer noch nichts aus. Mag sein, daß er auch keine Schuld hat... Durchaus möglich... Auch das kommt vor“, antwortete Stalin.
Am nächsten Tag saß Wassili Petrowjtsch Balandin, abgemagert, kahlgeschoren in seinem Kabinett im Volkskommissariat und nahm seine Arbeit wieder auf, als wäre ihm gar nichts passiert.
Einige Tage darauf fragte Stalin:
„Nun, was macht Balandin?“
„Er arbeitet, Genosse Stalin, als wäre nichts geschehen“
„Ja, die hatten ihn umsonst eingesperrt.“
Stalin muß wohl in meinen Augen Erstaunen gelesen haben — wie kann man denn unschuldige Menschen ins Gefängnis werfen? — und ohne irgendwelche Fragen meinerseits sagte er:
„Ja, so passiert es eben. Ein kluger Mensch, arbeitet gut, man beneidet ihn, gräbt ihm ein Grab. Wenn er dazu noch Mut hat und sagt, was er denkt, so ruft er Unzufriedenheit hervor und lenkt die Aufmerksamkeit der mißtrauischen Tscheka-Leute auf sich, die selbst die Arbeit nicht kennen, dafür aber allen möglichen Gerüchten und Klatschereien gern glauben... Jeshow war ein Schuft! Ein zersetzter Mensch. Ruft man ihn im Kommissariat an, da heißt es, er ist ins ZK gefahren. Ruft man im ZK an, da heißt es, er ist zur Arbeit gefahren. Schickt man jemanden zu ihm nach Hause, da stellt sich heraus, er liegt stinkbesoffen auf dem Bett. Der hat viele Schuldlose umgebracht. Wir haben ihn eben dafür erschossen.“
Nach solchen Reden gewann man den Eindruck, die Willkür geschehe hinter Stalins Rücken. Zugleich riefen jedoch andere Fakten entgegengesetzte Gedanken hervor. Wie konnte Stalin zum Beispiel über das Treiben Berijas nichts wissen? [...]
S. 257-258

[...]
Ich hatte an Stalin eine Besonderheit festgestellt: Wenn die Dinge an der Front gut standen, war er gereizt und streng; gab es Schwierigkeiten, lachte er, war witzig und gütig. In den ersten Kriegsmonaten waren wir alle von den Mißerfolgen bedrückt, unsere Truppen zogen sich zurück, alle hatten es sehr schwer. Stalin aber ließ sich das nie anmerken. Nie sah ich ihn verwirrt, im Gegenteil, es schien, er sei gut gelaunt und nachsichtsvoll. Sicher verstand er, daß man in solchen Augenblicken die Menschen unterstützen und aufmuntern muß.
War Stalin verärgert, erhob er sich vom Stuhl und gab seinem Unwillen in zornigen Worten Ausdruck. Dann zündete er sich die Pfeife an, begann im Zimmer auf und ab zu gehen und beruhigte sich allmählich wieder. Alle wußten: läuft er herum, ist das Gewitter vorbei.
Stalin duldete keine Überstürzung. Hatte er einen Beschluß gefaßt, jemandem einen Auftrag erteilt, so mußten die Arbeiten pünktlich und termingemäß ausgeführt werden. Das wußten alle, die mit ihm zu tun hatten. [...]

In der täglichen Arbeit kam es oft vor, daß jemand einen neuen Auftrag erhielt, dabei auf Schwierigkeiten stieß und sich wegen Kadermangel beklagte: „Keine Leute! Auf wen soll man sich stützen?“ Zur besseren „Stütze“ holte er sich dann frühere Mitarbeiter. Stalin erhob entschieden Einspruch gegen solch eine „Mitnahme“ von Kadern.
„Die Menschen sind im großen und ganzen überall gleich“, sagte er. „Es wäre natürlich schön, wenn man allen gute Leute geben könnte, aber gute gibt es wenig, und allen kann man es auch nicht recht machen. Es gibt durchschnittliche Mitarbeiter, davon haben wir viel, jedenfalls mehr als gute, es gibt auch schlechte, die kommen auch vor. Man muß mit denen arbeiten, die da sind.“ [...]

„Jeder hat seine Fehler und Mängel in der Arbeit. Heilige gibt es nicht. Mit den kleinen Mängeln eines jeden muß man sich schon abfinden. Die Hauptsache ist, daß die Bilanz aktiv bleibt. Denken Sie, Sie haben keine Mängel!“ Er berührte meine Schulter. „Sie haben auch Fehler. Und ich habe Fehler, auch wenn ich der ‚große Führer und Lehrer‘ bin, wie ich aus Zeitungen weiß.“
Ich wurde auch Zeuge seiner ungewöhnlichen Scharfe, wobei er die „aktive Bilanz“ des jeweiligen Mitarbeiters völlig außer acht ließ. Zu einem hohen Wirtschaftsfunktionär sagte Stalin einmal:
„Ich sehe, Sie sind für das ruhige Leben zu haben. Dann gehören Sie auf den Friedhof. Die Toten dort werden sich mit Ihnen nicht herumstreiten oder irgendwelche Forderungen stellen.“
Stalin duldete keine Oberflächlichkeit und war Leuten gegenüber erbarmungslos, die über eine Sache sprachen, ohne sie zu kennen. Die Lust zum leichtsinnigen Daherreden trieb er ihnen ein für allemal aus.
Charakteristisch war für Stalin, daß er hohe Anforderungen stellte.
Ein verantwortlicher Funktionär bekommt einen Auftrag. Er sagt:
„Genosse Stalin, der Termin ist sehr knapp, und das Problem ist kompliziert!“
„Hier reden wir ja auch nur von komplizierten Problemen. Ebendarum hat man Sie auch hergebeten, weil die Sache schwierig ist. Sagen Sie besser, welche Hilfe Sie brauchen. Der Auftrag muß erfüllt werden, und zwar termingemäß.“
Wenn jemand versuchte, die Ablehnung des Auftrages mit weitschweifigen Erläuterungen zu begründen, unterbrach er:
„Bitte kürzer! Ja oder nein? Nein? So. Beauftragen wir einen anderen.“
Stalin liebte es, auf seine Fragen kurze, direkte und exakte Antworten zu bekommen, ohne Ausflüchte. [...]

Gewöhnlich war es so, daß jemand, der zum erstenmal bei Stalin war, sich nicht traute, auf die gestellte Frage sofort zu antworten, und lange an seiner Antwort herumüberlegte. Ich zum Beispiel stockte einmal, schaute lange aus dem Fenster und dann zur Decke. Stalin aber sagte lächelnd:
„Was schauen Sie zur Decke, dort steht nichts geschrieben. Schauen Sie lieber her, und sagen Sie, was Sie denken. Das ist alles, was von Ihnen verlangt wird.“
Einmal hatte ich Schwierigkeiten, auf eine Frage zu antworten, ich wußte nicht, wie meine Antwort aufgefaßt werden würde. Stalin sagte unwillig:
„Antworten Sie bitte so, wie Sie selber denken. Liebedienern Sie nicht. Mir gegenüber brauchen Sie das nicht. Unser Gespräch wird wenig Sinn haben, wenn Sie versuchen, meine Wünsche zu erraten. Denken Sie nicht, daß es für Sie von Nachteil sein wird, wenn Sie eine andere Meinung haben. Sie sind der Fachmann. Ich rede ja mit Ihnen, um bei Ihnen zu lernen, nicht aber, um Sie zu belehren.“
Und er erzählte von einem leitenden Funktionär, der seinerzeit abgesetzt worden war:
„Was war schlecht an ihm? Bevor er auf eine Frage antwortete, versuchte er, am Gesichtsausdruck zu erraten, was er sagen soll, damit er nicht aneckt, damit es gefällt, damit es einem recht ist. Der schaute einem direkt nach dem Mund, um der Obrigkeit irgend eine Dummheit nachzuplappern. Solch ein Mensch kann, ohne es selbst zu wollen, großen Schaden anrichten. Ein gefährlicher Mensch.“
Und er setzte fort:
„Wenn Sie fest überzeugt sind, daß Sie recht haben und Ihren Standpunkt beweisen können, dann nehmen Sie niemals auf fremde Meinungen Rücksicht, sondern handeln Sie so, wie es Ihr Verstand und Ihr Gewissen gebieten.“ [...]

Mehrfach habe ich bemerkt, daß Stalin ungebildete Menschen nicht duldete. Er empörte sich, wenn er ein schlecht aufgesetztes Schriftstück las. Mancher mußte mitten in der Arbeit eine „Bildungsprüfung“ ablegen.
Bei Beratungen bat Stalin alle Teilnehmer, ihren Standpunkt zu äußern, einige fragte er selbst, danach zog er die Bilanz. Jemandem schiebt er Papier und Bleistift zu und sagt:
„Schreiben Sie.“
Und diktiert selbst.
Mehrere Male habe ich nach seinem Diktat Beschlüsse zu Fragen der Luftfahrt geschrieben. Er diktierte und schaute ab und zu über die Schulter. Einmal blieb er stehen, sah sich das Geschriebene an und setzte mit meiner Hand ein Komma.
Ein anderes Mal hatte ich einen Satz nicht sehr glücklich formuliert. Er sagte:
„Mit dem Subjekt stimmt hier etwas nicht. So muß es sein!“
Und er verbesserte.
„Wenn ein Mensch nicht in der Lage ist, seine Gedanken richtig darzulegen“, sagte Stalin einmal, „denkt er also genauso chaotisch. Wie will er dann in seiner Arbeit Ordnung schaffen?“
Einmal las er ein Schreiben, das von einem Militär verfaßt worden war, und sagte:
„Ein ungebildeter Mensch! Aber versuch es, ihm einen Vorwurf zu machen, gleich wird er seine mangelnde Bildung mit seiner Arbeiter- und Bauernherkunft entschuldigen. Das ist kulturlos und schlampig. Besonders im Verteidigungswesen ist es unzulässig, durch seine Arbeiter- und Bauernabstammung mangelnde Kenntnisse, fehlende technische Vorbildung, fehlende Sachkenntnis entschuldigen zu wollen. Der Feind wird uns keinen Rabatt auf unsere soziale Herkunft einräumen. Gerade weil wir Arbeiter und Bauern sind, müssen wir allseitig und nicht schlechter als der Gegner gebildet sein.“ [...]

Mitunter bekam Stalin dienstliche Schreiben, in denen die Verfasser es nicht nur für angebracht, sondern auch für erlaubt hielten, am Ende des Briefes jede Menge Gefühlsergüsse und Treuegelöbnisse hinzuzufügen. Wenn Stalin solch einen Brief laut vorlas, ließ er das Ende weg oder sagte:
„Na, und hier kommt, wie es sich gehört: ‚Hurra! Hurra! Es lebe die KPdSU(B) und ihr Führer, der große Stalin!‘“
Und verschmitzt die Augen zukneifend, fügte er hinzu:
„Der denkt, mich damit kaufen zu können, sich so meiner Unterstützung zu versichern.“
Stalin konnte nicht ruhig bleiben, wenn er merkte, daß Kommandeure den Soldaten gegenüber Gleichgültigkeit an den Tag legten. Einmal hörte er sich den Bericht mehrerer höherer Frontkommandeure an, erfuhr von der schlechten Versorgung mit Bekleidung und Verpflegung und sagte entrüstet:
„Eine Schande! Sie wollen Kommunisten sein? Sehen Sie“, er zeigte auf die in seinem Zimmer hängenden Bilder von Suworow und Kutusow, „die Adligen, die Großgrundbesitzer Suworow und Kutusow haben sich besser um ihre Soldaten gekümmert, haben ihre Soldaten besser gekannt und mehr geliebt als Sie, sowjetische Kommandeure und Kommunisten!“ [...]

Der bekannte Dirigent Nikolai Semjonowitsch Golowanow erzählte mir, Stalin hätte eine Vorliebe für das Bolschoi Theater gehabt und in den 20er Jahren so manchem Ballett und so mancher Oper beigewohnt.
„Einmal ging Stalin im Winter nach der Vorstellung zu Fuß nach Hause“, erinnerte sich Nikolai Semjonowitsch. „Er wohnte damals im Kreml im Kavaliersgebäude. Der ZIK-Sekretär Awel Jenukidse und ich begleiteten ihn. Es war kalt, Stalin hatte seinen bekannten Pelzmantel an, Jenukidse und ich waren in Pelzen und Pelzmützen. Die Straßen waren menschenleer. An der Manege folgte uns ein Kerl in zerschlissenem Schafpelz und bettelte: ‚Meine lieben Herren, gebt mir ein Almosen, um Christi willen.‘
Jenukidse kramte in den Taschen, fand jedoch kein Kleingeld und gab ihm einen Zehnrubelschein. Der Bettler blieb zurück und rief uns ob dieser Großzügigkeit verwundert hinterher: ‚Bourgeois verdammte!‘ Stalin erinnerte sich später des öfteren an diese Begebenheit und witzelte herum, wir wären Bourgeois, und man müsse uns gründlich überprüfen.“ [...]

Einmal kam Stalin aus diesem Zimmer und brachte eine Papierrolle mit chinesischen Hieroglyphen mit.
„Tschiang Kai-schek hat einen Brief geschickt, er bittet um Rat und Hilfe und spricht mich als ‚Vater und Lehrer‘ an... Da hat mir Gott aber einen Schüler geschenkt“, sagte Stalin ironisch lächelnd. [...]
S. 492 – 504

_________________
"Die Geschichte der organischen Materie verzeichnet drei Sprünge aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit. Der erste Sprung ist der vom Unbelebten zum Leben. Der zweite ist der vom Tier zum Menschen. Der dritte, (den wir im Begriff sind zu tun), ist der vom Ideologen zum Marxisten." P.H.


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Personenkult
BeitragVerfasst: Mo 20. Okt 2008, 08:43 
Ehrenmitglied des gewe-Fanclub
Benutzeravatar

Beiträge: 353
Ah! Jakowlew war der Konstrukteur der YAK-FLugzeugreihe und hat bei ihr zum ersten Mal die Strömungslehre verarbeitet. Ich hatte den Namen auch noch irgendwie im Hinterkopf.



Zitat:
Einmal las er ein Schreiben, das von einem Militär verfaßt worden war, und sagte:
„Ein ungebildeter Mensch! Aber versuch es, ihm einen Vorwurf zu machen, gleich wird er seine mangelnde Bildung mit seiner Arbeiter- und Bauernherkunft entschuldigen. Das ist kulturlos und schlampig."


Nett. Das könnte manch ein Forumsteilnehmer ruhig öfter lesen.

_________________
Eine gut geleitete Staatsregierung muß ein ebenso festgefügtes System haben wie ein philosophisches Lehrgebäude. Alle Maßnahmen müssen gut durchdacht sein, Finanzen, Politik und Heerwesen auf ein gemeinsames Ziel steuern.
Ein System kann aber nur aus einem Kopfe entspringen; also muß es aus dem des Herrschers hervorgehen.


Friedrich der Große


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Personenkult
BeitragVerfasst: Mo 20. Okt 2008, 18:10 

Beiträge: 2008
Kleine Korrektur: Nicht YAK, sondern JAK nannten sich die Flugzeuge.

Bei den Flugzeugkonstrukteuren gab es wirklichen Wettbewerb zwischen den einzelnen Konstruktionsbüros. Letztendlich habe mehrere Büros Entwicklungsaufträge erhalten und nach etlichen Tests und Bewertungen bekam ein einziges Flugzeug die Produktionsfreigabe.
Also nicht jedes bei Mikojan entwickelte Flugzeug wurde eine MiG und auch nicht jedes bei Jakowlew erdachte Fluggerät würde eine JAK.
Der Wettbewerb sorgte hier für das beste Ergebnis hinsichtlich Qualität, Flug- und Kampfeigenschaften. Der Wettbewerb sorgte aber nicht für Arbeitslosigkeit und Hunger. Deshalb nennt man das im Sozialismus ja auch Wettbewerb und im Kapitalismus Konkurrenz.

Ein Land muß sicher die erforderliche Größe haben, um sich einen derartigen Wettbewerb leisten zu können. Doch alle RGW-Länder zusammengenommen, hätten auch diesen Wettbewerb untereinander führen können.

_________________
»Menschen, ich hatte Euch lieb. Seid wachsam!«
»Ein Mensch wird nicht kleiner, auch wenn man ihn um einen Kopf kürzer macht.«

Julius Fucik, ermordet von den Nazis am 08.September 1943


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Personenkult
BeitragVerfasst: Di 21. Okt 2008, 20:10 
Benutzeravatar

Beiträge: 131
polly hat geschrieben:
Lieber Genosse Jens, ich danke Dir für Deine Leseempfehlung Jakowlew: „Ziel des Lebens“.


Freut mich, das ich dir helfen konnte.

_________________
"Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse." - Karl Marx, Kommunistisches Manifest


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Personenkult
BeitragVerfasst: Mi 22. Okt 2008, 19:44 
Benutzeravatar

Beiträge: 104
gewe hat geschrieben:
Also nicht jedes bei Mikojan entwickelte Flugzeug wurde eine MiG und auch nicht jedes bei Jakowlew erdachte Fluggerät würde eine JAK.


Auch wenn da nun wirklich nur sehr indirekt zum Thema gehört möchte ich diese Aussage nicht unwidersprochen lassen. Sorry, @gewe, aber da gab es wohl ein Missverständnis. Jedes Flugzeug, auf dem "Jak" stand stammte auch aus dem OKB Jakowlew. Das gilt auch für die Konstruktionsbüros Mikojan und (i) und Gurewitsch (MiG) und Lawotschkin (La).

Richtig ist, dass die Produktion der Flugzeuge unabhängig vom Konstruktionsbüro in verschiedenen Flugzeugwerken erfolgte, aber immer nach den Plänen der jeweiligen Konstrukteure. Definitiv hat es keine von Jakowlew entworfene MiG gegeben. Das kann man recht leicht bereits an den Fotos der verschiedenen MiG und Jak aus dem 2. Weltkrieg erkennen.

Deutlich wird diese Verfahrensweise bei den nach den Krieg entwickelten Hubschraubern: Die aus dem Konstruktionsbüro Mil (Mi) sind bis auf die Sonderbauart Mi 12 alles klassische Hubschrauber mit Trag- und Heckschraube, die aus dem Büro Kamow (Ka) dagegen sind Helis mit doppelter gegenläufiger Tragschraube. Keine Mil würde je als Kamow durchgehen und umgekehrt.

Unnötige Konkurrenz war die Entwicklung verschiedener Typen dennoch nicht. Jagdflugzeuge werden für verschiedene Zwecke entworfen und gebaut: Höhenjäger, Begleitjäger, Jäger für den Objektschutz usw.

Und, um zum Thema zurückzukommen, an sehr vielen dieser Flugzeuge stand an der einen Seite "Für Stalin". Und auf der anderen Seite oft "Für die Heimat"

_________________
"Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und er muss es so nutzen, dass ihn später sinnlos vertane Jahre nicht qualvoll gereuen, die Schande einer unwürdigen nichtigen Vergangenheit ihn nicht bedrückt und dass er sterbend sagen kann: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich dem Herrlichsten auf der Welt - dem Kampf für die Befreiung der Menschheit - geweiht."

Nikolai Ostrowski


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Personenkult
BeitragVerfasst: Do 23. Okt 2008, 16:28 

Beiträge: 2008
@Marc Ja selbstverständlich stimmt Deine Darstellung. Ich war da etwas zu schnell mit dem Textschreiben. Ich wollte zum Ausdruck bringen, dass nicht jedes bei Jakowlew oder Mikojan entwickelte Flugzeug auch in den Dienst gestellt wurde.

_________________
»Menschen, ich hatte Euch lieb. Seid wachsam!«
»Ein Mensch wird nicht kleiner, auch wenn man ihn um einen Kopf kürzer macht.«

Julius Fucik, ermordet von den Nazis am 08.September 1943


Nach oben
 Profil  
 
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 37 Beiträge ]  Gehe zu Seite Vorherige  1, 2

Alle Zeiten sind UTC


Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen

Gehe zu:  
cron
Powered by phpBB © 2000, 2002, 2005, 2007 phpBB Group

Deutsche Übersetzung durch phpBB.de