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 Betreff des Beitrags: Erörterung: Aktualität des Romans "1984" von George Orwell
BeitragVerfasst: Sa 24. Mär 2007, 20:14 
Held der Arbeit
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Otto Grotewohl, Ministerpräsident der DDR, zum 17. Juni 1953:
"Viele klassenbewußte Arbeiter, die Zeugen der Ereignisse des 17. Juni waren, erklärten: Wir haben manchen Streik erlebt, aber wo Arbeiterheime zerstört, volkseigene Geschäfte geplündert und rote Fahnen heruntergerissen und verbrannt werden, dort kann von einem Kampf um Arbeiterinteressen nicht mehr die Rede sein, dort ist der Klassenfeind am Werk."
("Otto Grotewohl - Im Kampf und die einige Deutsche Demokratische Republik - Reden und Aufsätze, Auswahl aus den Jahren 1945-1953", Dietz Verlag Berlin, 1954, Band III, S. 436/437)


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 Betreff des Beitrags: Re: Erörterung: Aktualität des Romans "1984" von George Orwell
BeitragVerfasst: Sa 24. Mär 2007, 20:14 
Möchtegernputschist
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Beiträge: 1624
gute arbeit kleinalex....zumindest das was ich lesen konnte fand ich gut

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Pole Pole Mzungu. Welcome to Tanzania, the land where dead cows are lying and dogs are flying. But be careful of the ju-wai-biems. Now let's search for some Schtonetools and after that let's go to Tohu-Wa-Bohu (also known as Mto-Wa-Mbu/Moskitotown)


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 Betreff des Beitrags: Re: Erörterung: Aktualität des Romans "1984" von George Orwell
BeitragVerfasst: Sa 24. Mär 2007, 20:14 
Literat

Beiträge: 2947
Drei Blicke auf "1984" und ein Urteil

Das ist ein sehr guter Aufsatz. Und eine schöne Handschrift hast du auch. Vieles von dem ist trefflich gedacht, aber ich bin mit deiner abschließenden Bewertung des Romans nicht einverstanden. Am Ende kommst du zu dem Schluß, daß "1984" eine "perfekte" Widerspiegelung unserer heutigen Gesellschaft ist. Das kann man so aber nicht sagen. Der Roman ist eine negative Utopie. Nicht deswegen, weil er in Wahrheit zurückgerichtet wäre (das ist "1984" auch, aber auf einer viel tieferen Ebene), sondern weil hier Unerfreuliches, in hohem Maße angehäuft, in die Zukunft projiziert wird. Sehen wir einmal genau hin.
Asmodai und ich haben uns letzte Woche gerade über das Thema unterhalten. Wir hatten unterschiedliche Ansichten, kamen aber darin überein, daß man den Roman als Anspielung auf beide Gesellschaftssysteme des 20. Jahrhunderts, Kapitalismus und Sozialismus, verstehen kann. Aber ich muß uns da korrigieren. Orwell nennt die Gesellschaft von "1984" Sozialismus. Es gibt nun in dem Roman eine Elite und eine Arbeiterklasse, es gibt Armut und Ausbeutung. Das klingt doch irgendwie nach Kapitalismus. Aber eben nur irgendwie. Als ich nun noch einmal über den Roman nachgedacht habe, kam mir die Sozialimperialismustheorie in den Sinn. Im Grunde ist dieselbe ja ursprünglich von Trotzki, weil er als erster in der sowjetischen Bürokratie die neue Bourgeoisie zu erkennen glaubte, und Orwell war Trotzkist. Einen Kapitalismus gibt es in "1984" überhaupt nicht. Alles gehört dem Staat. Eine herrschende Klasse tritt überhaupt nicht auf. Für Orwell ist das im Grunde eine Art Staatskapitalismus, weil – in Unkenntnis oder Mißachtung von Marxens Kapitalanalyse – der Begriff Kapitalismus von den Trotzkisten so begriffen wird, daß eine Gruppe von Menschen sich auf Kosten anderer bereichert. Wie immer die Realität in der Sowjetunion auch ausgesehen haben mag, der Begriff Kapitalismus ist damit nicht definiert. In "1984" wird eine Gesellschaft beschrieben, die alle Nachteile beider 1948 existenten, wirklichen Gesellschaften in sich vereint. Und wenn wir nun also mit Orwells Augen in dessen Gegenwart sehen, dann müssen wir feststellen, daß diese Gesellschaft damals so bereits existiert. Und zwar in der Sowjetunion, die nach Orwells Vorstellungen alle diese Nachteile (wie Unfreiheit, Verbot von Individualität, Eingriff in die Gedanken der Bevölkerung, Ausbeutung, Armut) in sich hatte. Der Roman paßt auf den Stalinismus, wie Orwell ihn sah. Er paßt aber nicht auf den Kapitalismus; nicht mal nach Orwells einfältigen Vorstellungen.

Ein zweiter Blick läßt mich stutzen. Könnte Orwell etwa den Faschismus gemeint haben? Hätte damit sein Abbild nicht doch Geltung für den Kapitalismus? Das klingt plausibel, aber man muß beim Betrachten der Gedanken von Leuten, die wirr denken, stets aufpassen, sich nicht selbst in Verwirrung zu begeben. Bestand für Orwell ein Unterschied zwischen Faschismus und Sozialismus? Ohne eine Äußerung von ihm zu dieser Frage zu kennen, bin ich in der Lage zu sagen, daß es genau das Wesen der Romane "1984" und "Farm der Tiere" ist, den gewaltigen Unterschied zwischen diesen beiden Gesellschaften wegzuerklären. Auch brauche ich wohl nicht extra auf die einschlägigen Arbeiten Trotzkis hinzuweisen, der den Stalinismus kaum seltener als immer mit dem Faschismus verglichen hat. Wichtig ist in diesem Zusammenhang wieder das völlige Abhandensein einer grundlegenden gesellschaftlichen Analyse. Die Klassenfrage wird nicht gestellt und dann muß es einem tatsächlich vorkommen, als seien Stalinismus und Faschismus nichts als zwei menschenverachtende Ausprägungen der Industriegesellschaft. Natürlich berechnet Orwell nicht, daß der Stalinismus, wäre er anders gewesen, den Kampf mit dem Faschismus niemals gewonnen hätte.
Da hat das Kapital seit Beginn des 20. Jahrhunderts Tod und Teufel – von Hindenburg bis Hitler, von Mussolini bis Churchill, von Kennedy bis Georg W. Bush – gegen das "Gespenst" des Kommunistischen Manifests in Bewegung gesetzt, und bis heute klagen Leute wie Orwell darüber, daß Sozialismus seine Unschuld verloren habe! Sie haben nicht begriffen, daß man Churchill nicht von Hitler trennen kann.
Noch ein weiterer Umstand spricht gegen den zweiten Blick. Der Faschismus wurde ja historisch hervorgebracht – und das hatte sogar Trotzki begriffen – um den Bolschewismus vom Erdball zu fegen. Wo ist denn in "1984" dieser äußere Feind? Wir müssen also ein drittes mal hinsehen.

Man kann den Roman weder als eine Analyse des Sozialismus bezeichnen, noch als eine Analyse irgendeines Gemeinsamen beider Gesellschaftssysteme. Der Roman spiegelt die wirklichen Gesellschaftsformen nicht wieder. Spiegelt er die Welt wieder? Ich denke nicht, und es fällt leicht, das zu beweisen. In dem Roman ist die weltpolitische Konstellation die: Drei Weltmächte bekämpfen sich. Nichts weiter. Sie sind untereinander absolut gleichartig. Es gibt überhaupt keine Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Systemen. Ozeanien, Eurasien und Ostasien sind "verfeindeten Brüdern", wie Lenin es nannte. Es ist Konkurrenz, nicht Antagonismus. Offenbar sieht Orwell in dem Weltganzen seiner Epoche keinen Sinn (und augenscheinlich hat ihn nur seine Soldatentreue zu Trotzki daran gehindert, zum Existentialismus überzulaufen, was in diesem Zusammenhang sicherlich auch kein Lichtblick gewesen wäre, aber immerhin hat Albert Camus den richtigen Feind bekämpft.) Wenn diese Konstellation konkurrierender Weltmächte, die gleichartig sind, zufällig auch auf unsere Zeit paßt, kann man das wohl kaum einen Kunstgriff Orwells nennen. Man kann also keineswegs mit guten Gewissen das "Sozialismus" durch das Wort "Kapitalismus" ersetzen. Zumal wir ja oben gesehen haben, worauf es eigentlich hinauslaufen soll; nämlich, daß der Sozialismus (und hier läßt sich spielend ein Bogen zu "Farm der Tiere" schlagen) nichts anderes ist als ein neuartiger Kapitalismus, aber natürlich ein noch viel bösartiger.

Dreimal hingesehen und zusammengefaßt: Der Roman enthält eine Abrechnung mit dem Sozialismus, der in Orwells Kopf als Stalinismus herumgeistert. Es wird entdeckt, daß der Stalinismus nichts ist als ein Kapitalismus, daß er identisch ist mit dem Faschismus und daß es in der Welt überhaupt keine Systemauseinandersetzungen gibt, sondern lediglich einen sinnentleerten Wettstreit zwischen gleichartigen Weltmächten. Soweit der Inhalt. Diese Beschreibung reicht völlig, denn mehr zeigt der Roman nicht. Genau darum er ist keine gelungene Beschreibung. Beschreibung, aber, von was? Ja eben, es ist eine Beschreibung von gar nichts. Es ist nichts als ein zynisches Auskotzen über die Welt im allgemeinen, die der Autor zu allem Überfluß auch noch durchschaut zu haben glaubt. Zynismus hat noch nie jemals große Kunst gemacht. Erfolgreiche schon. Man wird auch nicht umhinkommen zugeben zu müssen, daß die scheinbare Vielseitigkeit der Kritik an der Welt immerhin so gut versteckt ist, daß sie in allen seichten und unreifen Köpfen Identifikation erzeugen kann und daß dies dem Roman in seiner Wirkungsgeschichte geholfen hat.
Wenn nun aber der Roman ausschließlich gegen die Sowjetunion gerichtet ist und diese auch dem Anspruch der Abbildung (wohlgemerkt in den Augen des Autors) voll entspricht, wieso habe ich ihn dann oben eine Utopie genannt? Weil in dem Roman Zustände beschrieben werden, die nicht sein können. Man kann am Rad der Zeit drehen, wie man will, diesen Gesellschaftszustand bekommt man nicht hin. Ich rede hier nicht von den technischen Möglichkeiten. Auch nicht davon, daß man Erinnerungen nicht löschen kann. Es geht mir um folgendes: Eine Welt in dieser Sinn- und Trostlosigkeit läßt sich nicht herstellen. Sogar im Faschismus gab es in Form der Sowjetunion den Trost von Außen, die große Alternative. Eine Utopie ist etwas, das – ob zynisch oder optimistisch – sich in der Wirklichkeit nicht erreichen läßt. Es kommt aber nicht darauf an, was sie genau von der Entwicklung der Welt behauptet. Was sie im Grunde meint, das ist, worauf es ankommt. Erwartet der Autor vom geschichtlichen Verlauf Verbesserungen oder Verschlechterungen? Im ersten Fall wird er bei ausreichendem Talent in der Lage sein, ein großes Kunstwerk zu verfertigen. Im zweiten Fall kann er ein populäres Stück Politliteratur schreiben, aber nichts Bleibendes. In der Geschichte setzen sich Realitäten gegen die Ideen immer durch. Die Ideen werden dabei nicht unbeschadet bleiben, aber immerhin werden sie historische Tat. Es ist noch nie jemals etwas zuerst gedacht worden, was dann nur noch durchgesetzt werden mußte. Immer hat die Praxis auch die Idee korrigiert. Daß das passiert, ist keine Tragödie, außer man ist Trotzkist und offenkundig überhaupt nicht an der Durchsetzung der Ideen interessiert, damit letztere in ihrer Reinheit erhalten bleiben. Diese geistige Haltung ist Ausdruck von Frondeuren. So denken Menschen, die keine Macht haben, aber gerne hätten (– in welchem anderen Fall sie freilich auch anders denken würden). Wann aber ist jemals etwas auf andere Weise zum Besseren geregelt worden, als durch Macht?
Natürlich reicht die Macht allein nicht aus. "Drei sind, die da herrschen auf Erden: die Weisheit, der Schein und die Gewalt.", schreibt Goethe in seinem "Märchen". Ja, aber wenn wir schon Orwell und Goethe wie Aff und König nebeneinanderhalten, dann lassen wir doch den Vergleich für sich sprechen. Auf der einen Seite der geniale Dichter mit seinem Lebens- und Dichtwerk, das den Menschen zeigt, in allen seinen Möglichkeiten, die Vielfalt und die Tiefe des Lebens zusammengeführt, mitunter in den kürzesten Äußerungen oder Versen. Und auf der anderen Seite den enttäuschten Revoluzzer, der sein nicht übles literarisches Talent dazu hergibt, reinpolitische Propagandaromane zu schreiben und dann auch noch gegen die falsche Seite. Vor Orwell hätte Goethe den gleichen Ekel gehabt, den er vor ETA Hoffmann, Kleist und den Arnims hatte. Goethe war ursprünglich gegen die Französische Revolution und als sie aber in Gestalt Napoleons begann, sich auf gesittete Bahnen zu begeben, als sie ihren anarchischen Zug ablegte und zur Gestaltung des Staates überging, da erhielt sie bekanntlich Goethes Beifall. Orwell hat, als der Napoleon des 20. Jahrhunderts, Stalin, das gleiche Werk wie jener verrichtete, sich schaudervoll von der Russischen Revolution abgewandt. Kann man sich unterschiedlicher verhalten? Goethe, in das 20. Jahrhundert verbracht, hätte – daran besteht kein Zweifel – zu seinem Stalin gehalten.

Noch eine Information zu Orwell:


"Vor etwa zwei Monaten erschien eine neue 20-bändige Ausgabe der gesammelten Werke George Orwells. Unter den Büchern, Essays und der umfangreichen Korrespondenz des berühmten britischen Schriftstellers und Journalisten, der vor knapp 50 Jahren verstarb, befand sich auch eine Liste von etwa 130 bekannten Persönlichkeiten, die er 1949 erstellt hatte.

Die Liste bestand aus kurzen, manchmal prägnanten, manchmal auch oberflächlichen Kommentaren über Intellektuelle, Politiker und andere, die Orwell für Sympathisanten des stalinistischen Regimes in Moskau hielt. Sie enthielt die Namen der Künstler Charlie Chaplin und Paul Robeson, der Schriftsteller J.B. Priestley und Stephen Spender, des Journalisten Walter Duranty (Korrespondent der New York Times in Moskau und Fürsprecher der Moskauer Prozesse) und des amerikanischen Botschafters in Moskau während des Zweiten Weltkrieges, Joseph Davies.

Es geht deutlich hervor, daß Orwell, der sich einen demokratischen Sozialisten nannte und der in den dreißiger Jahren, ehe er seine Werke Animal Farm (Farm der Tiere) und 1984 schrieb, wegen seiner eindrucksvollen Sozialkritik in Down and Out in Paris and London sowie The Road to Wigan Pier Aufsehen erregt hatte, etwa 35 dieser Namen ein Jahr vor seinem Tod 1950 an das sogenannte Information Research Department weitergab. Es handelte sich dabei um eine geheime Regierungsabteilung, die dem britischen Außenministerium unterstellt und zum Zweck antisowjetischer und antikommunistischer Propaganda eingerichtet worden war."


zitiert nach World Socialist Web Site - immer wieder schön, wenn sich Trotzkisten gegenseitig anschwärzen. Der Rest des Artikels besteht darin, diesen peinlichen Umstand, der hier angegeben ist, zu relativieren. Besonders beliebt sind immer Begründungen wie: Man muß das im historischen Kontext sehen!
Gerade durch den historischen Kontext, wird der Verrat ja besonders deutlich. Es gibt nur zwei Sorten von Antikommunisten: ehrliche und unehrliche. Ich überlege immer noch, welche gefährlicher sind.

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Der Hunsch wars!


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