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Diskussionen über sozialistische Geschichte, Gegenwart und Zukunft
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 Betreff des Beitrags: »Peter Hacks war ein Klassiker, nichts weniger«
BeitragVerfasst: Mo 26. Mär 2007, 06:37 
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Geschrieben: 15.09.2005 00:51

Junge Welt, 14.9.2005

Interview

Interview: Ina Flasshaar

»Peter Hacks war ein Klassiker, nichts weniger«

Texte aus den letzten 15 Lebensjahren des Dichters sind jetzt im Eulenspiegel Verlag erschienen. Ein Gespräch mit André Thiele
* André Thiele ist Mitherausgeber der »Politischen Schriften von Peter Hacks 1988– 2003«, die unter dem Titel »Am Ende verstehen sie es« in diesen Tagen im Eulenspiegel Verlag in Berlin erscheinen


F: Beim Eulenspiegel Verlag erscheint neben der Werkausgabe eine Reihe von Büchern mit Hacks-Texten. Was war das Motiv für den neuen Band mit politischen Schriften?

Das schiere materielle Bedürfnis. Von wenigen Ausnahmen abgesehen sind alle nicht-künstlerischen Arbeiten von Hacks seit 1990 notgedrungen in abgelegensten Blättchen erschienen, die heute kaum einer kennt. Wer kommt denn da ran? Wir wollten diese Texte bündeln und verfügbar machen.

F: Gab es für die Auswahl des Zeitabschnitts 1990 bis 2003 auch inhaltliche Gründe?

Selbstverständlich. Peter Hacks hielt die erste Etappe der Erringung der Zukunft, die sozialistische Revolution, in der DDR für erledigt, und er hielt diesen Schritt für unumkehrbar. Nun, er erwies sich als umkehrbar. Die Frage ist doch, was macht dieser Mann jetzt?

F: Das klingt nach einem Laborexperiment.

Aber natürlich. Die nackte Neugier ist ein vortrefflicher Grund, seine Nase in Dinge zu stecken. Und wer seine Nase nicht in Dinge steckt, der findet nicht zum Denken.

F: Wie paßt hierzu der Briefwechsel mit Gossweiler?

In Kurt Gossweiler begegnet Hacks ein Gelehrter, der ihm in Konsequenz und Eindeutigkeit in nichts nachsteht. Außerdem fällt er dem Hacks nicht auf dessen Theatertricks rein. Zum romantischen Glotzen taugt der Gossweiler nicht.

F: Wie also hat Hacks den Epochenwechsel bewältigt?

Da würden Ihnen die beiden Herausgeber zwei sehr verschiedene Antworten geben.

F: Inwiefern?

Mein geschätzter Kollege Johannes Oehme ist ein revolutionärer Marxist. Ich bin ein konservativer Kleinbürger. Oehme fasziniert am Sozialismus, daß er so viel Umwälzenswertes umwälzt. Mich fasziniert am Sozialismus, daß er so viel Erhaltenswertes erhält. Wir sind folglich ein Herz und eine Seele, gehen aber anders an die Sache ran.

Hacks ist rigoros das geblieben, was er vorher war, ein konsequenter Anhänger des Sozialismus und der DDR. Er hebt sich gegenüber anderen, die inzwischen zaghaft wieder ähnlich denken, dadurch ab, daß er das von Anfang an laut und vernehmlich äußert: polemisch, zugespitzt, provozierend.

F: Bei Hacks spielt Stalin zuletzt eine exponierte Rolle. Im Augenblick wird gerade in einigen Kreisen der Linken die Forderung nach einer »Restalinisierung der Politik« laut. Hängt das miteinander zusammen?

Der Slogan »Restalinisierung der Politik« ist bemerkenswert. Er steht in einer Reihe mit solchen Forderungen wie »Legalisierung aller Drogen«, »Abschaltung der Atomkraftwerke«, »Schaffung einer gemeinsamen europäischen Außenpolitik« oder »Kinder an die Macht«: Man ruft das laut und beherzt, weil man genau weiß, das kommt eh nicht.

F: Was kommt statt dessen?

Hoffentlich ein Realismus. Die heroischen Irrtümer des 20. Jahrhunderts haben sich abgenutzt. Aber die depressiven Illusionen der letzten 15 Jahre waren auch nicht wirklichkeitsnäher.

F: Finden Sie, daß Hacks in seiner späten Kunst, z.B. mit der Zeile »der Erdenwunder schönstes war die Mauer«, oder dem Gedicht »Venus und Stalin«, den Realismus befördert hat?

Erstens müssen Sie sehen, und Sie können es aus dem Briefwechsel mit Gossweiler lernen, daß hinter solchen Ästhetisierungen des Politischen nüchterne Reflexionen auf höchstem Niveau stecken. Bei Hacks kommt das Denken zuerst. Zweitens dürfen Sie bei Hacks nicht Meinung und Bedeutung verwechseln. Die Poesie ist kein Parteiprogramm. Drittens steht Stalin, für was immer er auch sonst noch steht, in der sozialistischen Symbolik nicht zuletzt dafür, die Sache ernst zu nehmen, sich auf das politische Ziel zu konzentrieren. Wer will denn hiergegen etwas haben? Viertens hatte Hacks wohl schlicht und einfach keine Lust, zu allem Ärger auch noch bundesdeutsche Literaturpreise angehängt zu bekommen. Also lobte er Stalin und lobte er die Mauer und hielt sich dadurch die Literaturbetriebswirte so sicher vom Leib, wie man sich Vampire mit Knoblauch vom Leib hält.

F: Bieten die »Politischen Schriften« von Hacks konkrete Handlungsvorschläge für unsere Gegenwart, sind sie »sozialistische Aufklärung«?

Hacks war ein Klassiker, nichts drunter. Er wurde 1990 in eine Epoche geschleudert, in der wieder Aufklärung gefordert war. Also stellte er sich dieser Aufgabe. Aber genau wie bei Brecht merkt man bei Hacks: Der ist für manche Frage einfach zu groß. Ob die Antworten, die Hacks gibt, für das politische Tagesgeschäft taugen, muß das Fachpersonal herausfinden. Ich versuche herauszufinden, wie sich Hacks’ Schaffen ab 1990 im Verhältnis zum Gesamtwerk einordnen und verstehen läßt.

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 Betreff des Beitrags: Re: »Peter Hacks war ein Klassiker, nichts weniger«
BeitragVerfasst: Mi 4. Apr 2007, 08:57 
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Geschrieben: 15.09.2005 00:52

Junge Welt, 14.9.2005

Befreiungsschläge wider den »Zeitgeist«

Vorabdruck: »Am Ende verstehen sie es«. Aus dem Briefwechsel zwischen Peter Hacks und Kurt Gossweiler (Teil 1)

* Unter dem Titel »Am Ende verstehen sie es« erscheint dieser Tage im Eulenspiegel Verlag ein Band mit den politischen Schriften von Peter Hacks aus den Jahren 1988-2003 (siehe Interview Seite 8). Das Buch enthält den fast 90 Druckseiten umfassenden Briefwechsel zwischen Hacks und dem marxistischen Historiker Kurt Gossweiler, der dort erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. jW veröffentlicht vorab in zwei Teilen die Eröffnung der Korrespondenz vom November 1996 sowie Ausschnitte aus den folgenden Briefen, die bis kurz vor Hacks’ Tod am 28. August 2003 gewechselt wurden; sie berühren die Themenkomplexe Revisionismustheorie, Geschichte des Untergangs des Sozialismus sowie die Organisationsfrage in der Linken.


Gossweiler an Hacks, 14.11.96

Herrn
Peter Hacks
c/o Edition Nautilus

Sehr geehrter Peter Hacks!

Die Deutsche Post ist bekanntermaßen für Überraschungen gut, für böse allemal, so sie von den Post-Oberen ausgeheckt werden. Als Dienstleistungsbetrieb bereitet sie einem indessen mitunter auch ausgesprochen angenehme und erfreuliche Überraschungen.

Eine solche war es für mich – den von A. Brie zum Post-Stalinisten ernannten Geschichtsbuch-Schreiber –, als mir der Post-Bote Ihr umfangreiches, gehaltvolles Werk ins Haus brachte.1 Dem Begleitschreiben des Verlages konnte ich entnehmen, daß mir dieses Freiexemplar auf Ihren Wunsch hin zuteil geworden ist.

Durch diese Sendung wurde ich zum einen in einen Zustand der Freude versetzt, als hätte ich den – noch gar nicht existenten – Peter-Hacks-Preis verliehen bekommen; zum anderen aber beschäftigte mich heftig die Frage, wie ich zu dieser unerwarteten und ganz unverdienten Ehre gekommen bin.

Die Tatsache, daß Sie in diesem Band Ihr Vorwort aus dem Jahre 1966 auch im Jahre 6 nach der Konterrevolution nicht verleugnen – ein Vorwort, in dem immerhin zu lesen ist, der Sozialismus habe in der DDR nach 1961 seine Fähigkeit bewiesen, für eine moderne Industriegesellschaft zu taugen, welches ein Erfolg sei, der weit über das Jahrhundert hinausgreife –, legt mir die Erklärung nahe, diese Sendung könnte ein Zeichen einer Gemeinsamkeit im Mißbehagen gegenüber einer Haltung widerwärtig-sklavischer Unterwerfung unter den »Zeitgeist« sein, wie sie sich u.a. in der Forderung exhibitioniert, endlich doch in den Jubel darüber einzustimmen, aus dem Unrechtsstaat DDR in der bundesrepublikanischen freiheitlichen Demokratie »angekommen« zu sein.

Ich möchte hoffen, daß diese Deutung von Ihnen nicht dementiert zu werden braucht.

Mit herzlichem Dank und allen guten Wünschen für Sie,

Ihr Kurt Gossweiler


Hacks an Gossweiler, 9.3.1998

Lieber Herr Gossweiler,

ich kann gar nicht sagen, wie froh ich bin, daß Sie Ihr Lebenswerk zu diesem provisorisch-vollständigen Abschluß gebracht haben.2 Das Buch hat noch Züge einer Materialsammlung, es ist als System noch nicht bis in den letzten Winkel widerspruchsfrei. Aber es gravitiert in allen seinen Teilen in Richtung des Ganzen, das das Wahre ist, und die Welt in ihrer großen Schwierigkeit kann mit seinem Erscheinen erst einmal für abgehandelt gelten.

Es gibt ja schon wieder ein paar wohlgemeinte Bücher, es gibt auch schon Bücher, die Tatsachen enthalten. Es gibt eine überaus kleine Zahl von Büchern, die vom höchsten Stand des sozialistischen Bewußtseins her ins Wesen packen, und ich denke, daß das Ihrige sich an deren Spitze gestellt hat. Wenn ein Standardwerk ein Hauptwerk über einen Hauptgegenstand ist, dann, lieber Herr Gossweiler, haben Sie unserem Jahrhundert das Standardwerk geschrieben.

Für Ihre wichtigste Nachricht halte ich eine These, die Sie gar nicht aufstellen, die ich aber aus Ihnen extrapoliere und das Gossweilersche Gesetz nennen will. Es lautet: Jede kommunistische Bewegung zu jeder Zeit seit 1848 ist zu einem etwa konstanten Anteil mit Kräften durchsetzt, denen die ganze Sache zu anstrengend ist und die potentiell bereit sind, die Friedensangebote, die die Bourgeoisie ihnen macht, wohlwollend zu prüfen. Wie hoch dieser Anteil jeweils ist, ist kaum eine Frage der Gunst oder Ungunst der gesellschaftlichen Stunde. Das Vorhandensein großartiger Führer, Lenins, Stalins, Ulbrichts, hingegen kann die Quote der Revisionisten entmutigen und für eine gewisse Weile senken.

Daß die Sowjetunion die DDR eigentlich zu keiner Zeit nicht dem Imperialismus andienen wollte, war ja klar. Auf wie schmutzige Art sie es tat, schildern Sie sehr erhellend. Ihre Analysen der Schauprozesse, des Stalin-Hitler-Pakts und der Tito-Geschäfte sind samt und sonders Befreiungsschläge. (Haben Sie Heyms »Radek« gelesen? Heym zögert nicht, sich mit Radek zu identifizieren, und er kommt gar nicht auf den Gedanken, daß beide, er wie der, etwas anderes im Sinn gehabt haben könnten, als was Wyschinski ihnen vorhält). Über Gorbatschows Pfiffigkeit, sich immer in eine politische Mitte zu arrangieren, habe ich schon seinerzeit viel gelacht.

Wie richtig ist Ihre Bemerkung, daß der Imperialismus jede Form erlaubt, den Sozialismus zu denken, und jede verbietet, ihn zu unternehmen. Ihre andere Grundthese, die ich für richtig halte, ist, daß nicht Brzezinski und Kissinger die SU geleimt haben, sondern daß die SU Brzezinski und Kissinger eingeladen hat, sie zu leimen. Es war unmöglich, uns zu betrügen, solange wir nicht den Wunsch hatten, betrogen zu werden. (Dennoch gestatte ich mir zu meinen, daß die methodische Diskussion zwischen Ihrer Freundin Wagenknecht und Ihnen über diesen Punkt nicht vor die Öffentlichkeit gehört hätte).

Dieser Brief ist zu lang und ernsthaft, um durchaus beholfen zu sein. Es ist mir wurst, es kam mir nur darauf an, Ihnen zu erzählen, wie lebhaft ich Sie wahrgenommen habe. Da im Augenblick keiner zur Verfügung steht, Ihnen den Nationalpreis und den Karl-Marx-Orden zu verleihen, tue ich es eben. Ich danke Ihnen, und ich grüße Sie.

Ihr Peter Hacks


Gossweiler an Hacks (Ende März/Anfang April 1998)

(...) Ich möchte Ihnen – weil Sie davon sprechen, mit diesem Buch hätte ich mein Lebenswerk zu diesem provisorisch-vollständigen Abschluß gebracht – einiges über seine Entstehungsgeschichte erzählen: dieses Buch entstand als ein Notnagel, als eine Zwischenlösung, weil das eigentliche Vorhaben nicht rechtzeitig – d.h. zum 80. Jahrestag der Oktoberrevolution – fertiggestellt werden konnte.3 Es handelt sich dabei um eine Chronik, begonnen Ende 1956, nachdem ich mir über die politische Qualität Chrustschows klargeworden war, und den Zeitraum 1953 bis 1964 umfassend, mit der ich das Wirken dieses scheinbaren Polit-Clowns, der in Wirklichkeit die wichtigste und wirksamste ferngelenkte V-Waffe des USA-Imperialismus war, begleitete. Als absehbar war, daß diese Chronik zum gewünschten Termin nicht für den Druck fertigwürde, schlug ich meinem Verleger-Genossen vor, als Ersatz einen Sammelband herauszubringen. Der sollte eigentlich auch noch viel mehr Stücke enthalten, aber da er die Preisgrenze von 30,– DM nicht überschreiten sollte, mußte ich schweren Herzens vieles, was schon ausgedruckt war, wieder herausnehmen. Ich habe also nicht im mindesten daran gedacht, mit diesem Band etwas »Systemartiges« vorzulegen. Ich versuche nur, die lähmenden feindlichen Geschichtsentstellungen zu bekämpfen durch eine Analyse der Geschichte mit den Erkenntnissen und dem Instrumentarium des dialektischen und historischen Materialismus. (...)


Zur Revisionismustheorie


Hacks an Gossweiler, 13.6.1998

(...) Es ist, denke ich, ein Mangel, daß Sie das nie fehlende Statthaben von Revisionismus innerhalb des Marxismus – also eine Dauererscheinung – aus vielen jeweiligen Kombinationen verschiedenster Ursachen erklären, statt aus einem generellen Gesetz. Was stets ist, kann nur einen Grund haben. Sie nennen den Grund auf Seite 309 selbst: Der Kapitalismus entsteht spontan; den Sozialismus muß man machen, und er ist deshalb schwer zu machen.

Ich wieder schreibe (in »Maßgaben« pag 908) ganz analog vom Absolutismus folgendes: Feudalismus und Kapitalismus bilden sich auf natürliche Weise; der Absolutismus muß politisch hergestellt werden. Er ist, sage ich, »fortwährend bedroht und immer im Zustand der Verteidigung«.

Aus dieser Voraussetzung, auf der wir beide fußen, folgt, daß für die nicht gewachsenen, planmäßig durchzusetzenden und also auf Fähigkeit der Führung angewiesenen Herrschaftsweisen regelmäßige historische Rückschläge unvermeidlich sind. Soziologische Gründe wie kleinbürgerliche Einflüsse, Arbeiteraristokratie, Kretinisierung der Intelligenz (zumal der künstlerischen), Bestechung durch das Kapital bewirken die Rückschläge im Sozialismus. Aber sie bewirken diese Rückschläge eben nur, weil die sich, der Natur des Sozialismus nach, bewirken lassen.

Wenn Sie diese Aussage nicht als »Gossweilersches Gesetz« deklariert wollen, biete ich sie Ihnen als »Hackssches Gesetz« an, und in folgendem Wortlaut. »Für den Sozialismus ist das Vorhandensein einer opportunistischen Opposition so selbstverständlich wie für den Absolutismus die Existenz einer Fronde«. (Übrigens ist eine opportunistische Opposition meist eine recht und linke Opposition, also eine Fronde. War es nicht eine recht und linke Opposition, die es Ulbricht auf dem 14. Plenum des VII Parteitags besorgte?) (...)


Gossweiler an Hacks, 11.8.1998

(...) Der Revisionismus hat nach meiner Ansicht seine Ursache nicht darin, daß der Sozialismus nicht spontan entsteht, vielmehr »gemacht werden« muß, sondern seine Ursachen liegen – wie die jeder Opposition – in einer politischen, um die Macht oder um Machterhalt kämpfenden Organisation bzw. Regierung – zum einen in unterschiedlichen Klassen- und Schicht-Interessen, zum anderen darin, daß nicht allen Menschen gegeben ist, mit gleicher Konsequenz und Ausdauer zu kämpfen. Anders gesagt: die Ursachen liegen in der Struktur der Gesellschaft und in der Natur des Menschen.

Ich verzichte darauf, aus Ihrem Brief noch einmal zu zitieren den Wortlaut des Gesetzes, dem Sie ihren Namen gaben, und die Erläuterung dazu.

Mein Eindruck ist, daß Sie dem Absolutismus unter den Ausbeuter-Herrschaftsweisen eine Sonderrolle zuschreiben, die ihm nicht zukommt, andererseits eine Gemeinsamkeit mit dem Sozialismus, die er nicht besitzt.

Jede Herrschaftsweise in der Klassengesellschaft hat ihre »Fronde«, ihre Opposition, weil diese Opposition die Folge objektiv gegebener Interessenkonflikte ist.

Keine Herrschaftsweise wird anders als politisch hergestellt, jede Herrschaftsweise erwächst aus dem Kampf der Klassen und erhält ihre Eigenart als politischer Überbau von der Spezifik der ihr zugrundeliegenden ökonomischen Basis, um in der Marx’schen Terminologie zu sprechen.

Mit der Beschreibung der Herausbildung der Produktionsweisen Feudalismus und Kapitalismus als »auf natürliche Weise« erfolgt, der Beschreibung des Absolutismus aber als einer »nicht gewachsenen« Herrschaftsweise wird nach meinem Dafürhalten ein untrennbar zusammengehöriger einheitlicher Prozeß – bei dem der Absolutismus erwächst und entsteht als Ergebnis des Hinüberwachsens aus dem Feudalismus in den Kapitalismus und zugleich als Instrument dieses Übergangsprozesses – künstlich auseinandergerissen in eine »natürlich gewachsene« ökonomische Formation und eine »nicht gewachsene«, sondern »politisch hergestellte« Herrschaftsweise. (...)


Hacks an Gossweiler, 28.8.1998

(...) Der Absolutismus wird von mir zu Recht als eine Formation besonderer (und dem Sozialismus in struktureller Hinsicht ähnelnder) Art betrachtet. Der Absolutismus konkurrierte mit der bürgerlichen Revolution und das nicht unbedingt zu seinem Nachteil: weil die bürgerliche Revolution zu Cromwells Zeit mit Gewißheit, zu Robespierres Zeit mit höchster Wahrscheinlichkeit eine Übereilung und eine unkluge Vorwegnahme war; sie mußte beide Male zurückgenommen werden. Sehr vergleichbar Ulbrichts Absolutismus, der ein anderes Wort für die Epoche des Sozialismus und gegenüber einem übereilten und vorweggenommenen Kommunismus im Vorteil ist. – Der Thomas Müntzer, mit Ihrer Erlaubnis, erscheint als Ideologe einer bürgerlichen Revolution gegenüber Luther, dem Ideologen des Absolutismus, einfach als Amokläufer. Ich habe immer Ihre Wut darüber geteilt, daß Honecker (einer, den »Grundsätzliches überhaupt nicht interessierte«) sein unappetitliches Lob über Luther und Friedrich auskippte, ohne auch nur zu ahnen, wer diese Leute mögen gewesen sein können. Aber das ändert nichts daran, daß besagte Leute große Leute waren, und keine rückschrittlichen. – Wenn der alte Absolutismus dadurch gekennzeichnet war, daß der Fürst die ausgleichende und regelnde Macht über den sich hassenden herrschenden Klassen Adel und Bürgertum bildete und an der Fronde aus diesen sich hassenden Klassen litt, so bildete Ulbrichts sozialistischer Absolutismus die ausgleichende und regelnde Macht über der herrschenden sozialistischen Klasse der Intelligenz (Forscher, Planer, Leiter) und der herrschenden sozialistischen Klasse des Parteiapparats. Die Instrumente, womit den Widerspruch der sich hassenden sozialistischen Klassen zu stabilisieren, waren 1. der Staatsrat, 2. das Theorem von der moralisch-politischen Einheit. (Die Bauern waren für den Monarchen. Die Arbeiterklasse war gespalten: wenn sie arbeiten wollte, hing sie der Intelligenz an, wenn sie nicht arbeiten wollte, dem Apparat). – Das 14. Plenum zeigte unter anderem den Sturz des Monarchen durch die Fronde. Wer immer und naturläufig vom Sturz durch die Fronde bedroht ist, muß begabt sein; die Geschichte kann es ihm nicht ersparen. Den USA ist wurst, ob Clinton begabt ist. Der DDR war nicht wurst, ob Ulbricht begabt und Honecker unfähig war. Um ein Feind zu sein, genügt im Sozialismus, wenn einer »an Grundsatzfragen nicht besonders interessiert ist«. – Diese Weise, über den Absolutismus zu denken, ist seit ein paar Jahrzehnten von André Müller und mir entwickelt worden; denn jener weiß alles über Shakespeare und Elizabeth I, und ich weiß nicht wenig über die französische Klassik und Louis XIV. Wir stimmen in der Beschreibung des Phänomens vollkommen mit Marx und Engels überein, nicht ganz vollkommen, kann sein, in dessen Bewertung. Der Beweis für die Richtigkeit unserer Denkweise besteht darin, daß ich mit ihr so ungewöhnlich gute Theaterstücke geschrieben habe.


Hacks an Gossweiler, 25.12.1998

(...) Man kann nicht auf die intelligente Arbeit verzichten. Und man kann ebensowenig hoffen, aus Spezialisten Marxisten zu machen. Was der Sozialismus nur kann, ist: Er kann den Spezialisten ideologisch das Maul verbieten und sie ökonomisch hätscheln. Aus dem hierbei entstehenden Klassengleichgewicht zwischen Spezialistenklasse und Apparatklasse folgt Stalins und Ulbrichts Alleinherrschaft, und folgt beider Erfolg. (...)


Gossweiler an Hacks, 20.3.1999

(...) Das »alte und vertraute« Schema der Klassen im Sozialismus kennt zwei Klassen – Arbeiter und Bauern – und als drittes die »Schicht der Intelligenz«. Ihr neues und ungewohntes Klassenschema wird bereichert durch die aus dem Sozialismus hervorgehenden neuen Klassen »Spezialistenklasse« und »Apparatklasse«. Der Klassenkampf im Sozialismus – das muß man daraus folgern –, von dem das Schicksal des Sozialismus abhängt, ist der Kampf zwischen diesen beiden neuen Klassen, in die sich die Schicht der Intelligenz aufgeteilt hat.

Der Begriff der »Spezialistenklasse« birgt aber vielerlei Probleme: sind die Apparatleute nicht auch Spezialisten? Wieso gehören sie dann nicht zur Spezialistenklasse?

Verkörpert die ganze Spezialistenklasse die Gefahr des Revisionismus – oder nur die Ökonomen und Physiker? Wenn aber nur die – wo bleibt dann das gemeinsame Klasseninteresse »der Spezialistenklasse«? Und warum nur die Ökonomen und Physiker? Wieso nicht auch die Diplomaten, Künstler und überhaupt die Kulturschaffenden?

Und wie steht es mit der »Apparatklasse«? Ist das die »Klasse« der »Antirevisionisten«, der »Verteidiger des ML«? Wieso wurde dann aber der revisionistische Umsturz gerade vom Apparat eingeleitet und vollendet? Wieso geht die Spaltung in Revisionisten und Antirevisionisten quer durch die »Spezialisten«- und die »Apparatklasse«?

So originell Ihr Klassenschema ist: hat es vielleicht doch mehr mit der Freude daran zu tun, mit ihm die Analogie von Absolutismus und Sozialismus auf den Punkt bringen zu können, den Sie mit der Feststellung so formulieren: »Aus dem hierbei entstehenden Klassengleichgewicht zwischen Spezialistenklasse und Apparatklasse folgt Stalins und Ulbrichts Alleinherrschaft, folgt beider Erfolg«, als mit einer exakten Strukturanalyse der sozialistischen Gesellschaft?

Schließlich will mir, lieber Peter Hacks, überhaupt nicht einleuchten, wieso »man nicht darauf hoffen kann, aus Spezialisten Marxisten zu machen«, wie Sie sagen. Wir brauchen hier gar nicht zu theoretisieren, – etwa in der Art: warum sollen hochintelligente Menschen nicht imstande sein, sich eine wissenschaftliche Weltanschauung, die ihnen dazu verhilft, ihr Spezialfach noch besser zu beherrschen, zu eigen zu machen? Sie wie ich würden doch mühelos nicht wenige Spezialisten beim Namen nennen können, die sich zu Marxisten entwickelten (nicht »gemacht wurden«, backen kann man sie wirklich nicht.)

Jedenfalls wäre für mich eine sozialistische Gesellschaft, die mit ihren Spezialisten keinen anderen Umgang pflegen kann, als den von ihnen als allein möglich beschriebenen, eine Karikatur dessen, was Marx und Engels im Manifest als Sozialismus beschrieben, und geht auch von einem Menschenbild aus, das dem eines mit der Erbsünde behafteten Menschen nicht gar so fern steht: »Was der Sozialismus nur kann, ist: den Spezialisten ideologisch das Maul verbieten und sie ökonomisch hätscheln.« Nein, so schlimm stand es weder um den Sozialismus noch um die Menschen, sogar in dem unterentwickelten Stadium, in dem sich der Sozialismus bei uns und in der Sowjetunion befand.

Aber ich fürchte, ich bin jetzt schon viel zu ernsthaft auf Sentenzen eingestiegen, die von Ihnen als provokante »bon mots« eingestreut wurden.

Dennoch kann ich einen weiteren Einwand nicht unterdrücken: Sie schreiben: »Die revisionistische Gefahr resultiert nicht aus Fehlerstellen im Sozialismus, sie resultiert aus dem Sozialismus.« Das klingt so, als betrachteten Sie die revisionistische Gefahr als etwas dem Sozialismus unabhängig von Zeit und Bedingungen Innewohnendes. Das läuft dann aber wieder nicht auf den Sozialismus, sondern auf die menschliche Natur hinaus. Denn im Sozialismus, der, nicht mehr von einem überlegenen Imperialismus bedroht, einen erbitterten Klassenkampf um seine Existenz führen muß, sondern den Zustand – sagen wir mal – einer sozialistischen Umkreisung des untergehenden Rest-Kapitalismus erreicht hat und deshalb in seiner Sozialstruktur der Beseitigung aller Klassenunterschiede schon sehr nahe gekommen ist – wo liegen da die Ursachen für eine Gefahr des Revisionismus? Für mich ist der Revisionismus ein Ergebnis des Klassenkampfes sowohl im Kapitalismus als auch im Sozialismus; er ist ein Widerschein des Kapitalismus in der Arbeiter- und sozialistischen Bewegung – wobei dessen potentielle Stärke in direkter Beziehung steht zur Stärke des Kapitalismus im gegenseitigen Kräfteverhältnis. Das »potentiell« ist wichtig, weil der andere Bestimmungsfaktor für die Stärke des Revisionismus die Konsequenz des antirevisionistischen Kampfes innerhalb der revolutionären marxistischen Bewegung ist. Darin, in dieser Konsequenz des Kampfes gegen den Revisionismus, liegt für mich der Erfolg nicht der Personen Stalins und Ulbrichts, sondern der von ihnen geführten Parteien und Massen. (...)


Hacks an Gossweiler, 30.4.1999

(...) Warum, fragen Sie mich, Spezialisten keine Marxisten sein könnten? Sie sollten sie selbst fragen. Ich nehme an, Naturwissenschaftler haben einen anderen Denkapparat als Gesellschaftswissenschaftler, und es war Ulbrichts größte und verdienstvollste und gescheitertste Anstrengung, aus Parteimenschen zugleich Fachmenschen und aus Fachmenschen zugleich Parteimenschen zu züchten. Er ließ seine Funktionäre den Doktor machen und seine Professoren ML studieren. Die einen wie die anderen, mit verschwindenden Ausnahmen, wollten das nicht. Ehe diese Klassen bereit waren zu verschmelzen, stürzten sie ihn lieber.

Meinen Vorschlag, Spezialisten das Maul zu verbieten und sie aber ökonomisch zu hätscheln, nennen Sie zynisch. Es ist die erklärte Linie der chinesischen Partei, und es ist lang her, daß ich gewohnt war, die zu unterschätzen. (...)

1 Peter Hacks, »Die Maßgaben der Kunst. Gesammelte Aufsätze 1959–1994«, Hamburg: Edition Nautilus im Verlag Lutz Schulenburg 1996.

2 Kurt Gossweiler, »Wider den Revisionismus. Aufsätze, Vorträge, Briefe aus sechs Jahrzehnten«, München 1997.

3 Später erschienen als Kurt Gossweiler, »Die Taubenfuß-Chronik oder Die Chruschtschowiade 1953 bis 1964«, Band I: 1953 bis 1957, München 2002.

*** Peter Hacks: Am Ende verstehen sie es. Politische Schriften 1988–2003. Nebst dem Briefwechsel mit Kurt Gossweiler 1996 bis 2003; mit einem Vorwort von Hans Heinz Holz und einem Nachwort von Kurt Gossweiler; herausgegeben von André Thiele und Johannes Oehme, Berlin. Eulenspiegel 2005, 240 Seiten, 14,90 EUR. Die Buchpremiere findet am morgigen Donnerstag um 18 Uhr in Anwesenheit von Kurt Gossweiler im Senatssaal der Humboldt Universität zu Berlin statt.

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 Betreff des Beitrags: Re: »Peter Hacks war ein Klassiker, nichts weniger«
BeitragVerfasst: Mi 4. Apr 2007, 08:58 
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Geschrieben: 15.09.2005 00:52

Junge Welt, 15.9.2005

Mit Fakten gegen Legenden

Vorabdruck: »Am Ende verstehen sie es«. Aus dem Briefwechsel zwischen Peter Hacks und Kurt Gossweiler (Teil 2 und Schluß)

* jW veröffentlicht Auszüge aus dem Briefwechsel zwischen dem Dramatiker und Dichter Peter Hacks (1928–2003) und dem marxistischen Historiker Kurt Gossweiler (Jahrgang 1917). Die 90 Druckseiten umfassende Korrespondenz aus den Jahren 1996 bis 2003 erscheint erstmalig in dem Hacks-Band »Am Ende verstehen sie es. Politische Schriften 1988–2003« (Eulenspiegel Verlag, 240 Seiten, 14,90 EUR), der in diesen Tagen in den Buchhandel gelangt.

Im gestern veröffentlichten ersten Teil wurden Ausschnitte aus dem Briefwechsel abgedruckt, die sich mit der Revisionismustheorie beschäftigen, der Frage also, wie es Strömungen innerhalb der Arbeiterbewegung gelingen konnte, den Marxismus seines revolutionären Inhalts zu berauben und durch bürgerliche Theorien zu ersetzen.

Die Briefauszüge in der heutigen Folge befassen sich im ersten Teil mit der Geschichte des Untergangs des Sozialismus und im zweiten mit der Organisationsfrage in der Linken. Passagen zu Fragen der Imperialismustheorie, die in der Korrespondenz breiten Raum einnehmen, mußten hier aus Platzgründen entfallen.


Hacks an Gossweiler, 13.6.1998

(...) Unter den Gründen, die Sie für die Entstehung revisionistischer Anfälligkeiten während des Krieges auflisten, fehlt mir der wichtigste: Die Abweichungen vom Marxismus, die Stalin zuließ (und die eine große Sittenverderbnis in Gang setzten),

– um der russischen, slawischen, vaterländischen Seele zu schmeicheln, und

– erpreßt durch die Alliierten, welche auf »demokratischen«, »antifaschistischen« Phrasen insistierten, von der Rehabilitation der Kirche bis zur modernen Musik. Stalin war erpreßbar. Den Nazikrieg konnte er notfalls allein gewinnen, aber Churchill hatte jederzeit die Möglichkeit, das Bündnis zu kündigen oder zu wechseln, und einen Krieg gegen den vereinigten Weltimperialismus konnte Stalin nicht mehr gewinnen.

Solche Sauereien führt man ein, aber es ist fast unmöglich, sie anschließend wieder loszuwerden. Stalins letzte acht Jahre gelten der Augiasarbeit der Wegräumung dieses kriegsbedingten taktischen Mists. Vergeblich. (...)


Gossweiler an Hacks, 11.8.1998

(...) Die Tatsachen belegen, daß Stalin sich auf kein Bündnis einließ, das der anderen Seite Gewinne auf Kosten der eigenen Seite brachte, den Gegner stärkte und uns selber schwächte. Ganz im Gegenteil: Die Bündnisse, die er mit der anderen Seite einging, schwächten den Imperialismus und stärkten die antiimperialistischen und sozialistischen Kräfte. Und ich bin ganz sicher: Stalin hätte – um dieses Beispiel zu nennen – niemals dem Staatsvertrag mit Österreich in der Form zugestimmt, in der er abgeschlossen wurde: Hier wurde nur preisgegeben und die progressive Seite geschwächt. Solcherart »Entspannungspolitik« begann erst nach Stalin!


Hacks an Gossweiler, 28.8.1998

(...) Rechts stürzt rechts.

Breshnew war am Sturz Chruschtschows beteiligt und leitete, noch vor Chruschtschows Sturz, den Sturz Ulbrichts ein. Alfred Neumann, wenn ich ihn verstanden habe, sah es so. Ich wollte nicht ausdrücken, Kadar habe Nagy gehängt. Aber als Nagy gehängt war, war sein Nachfolger keiner von denen, die ihn gehängt hatten, so wie auch, als Dubzek verjagt war, sein Nachfolger keiner von denen sein durfte, die ihn verjagt hatten. (...)


Gossweiler an Hacks, 8.11.1998

(...) Der Text, den ich meinem letzten Brief beilegte, war ein Text von (nicht über) L. M. (Ludo Martens, d. Red.), aus einem Interview (...)

Ihnen roch dieser Text wie »wiedergekäutes Stroh aus dem Pansen der 4. Internationale!« So sehr ich Ihre verachtungsvolle Ablehnung des Trotzkismus teile – wie Sie aus beigelegtem Brief an einen führenden Mann der »Marxistisch-Leninistischen Partei Deutschlands« (MLPD) ersehen können –, und so sehr ich Ihnen recht geben würde, wenn dieser Text auf die Sowjetunion der Stalin-Ära gemünzt wäre – ist er aber nicht; er versucht vielmehr eine Antwort auf die Frage zu geben, auf wen und auf welche Schichten und Gruppen sich Chrustschow und seine Nachfolger stützen konnten bei der Zerstörung des von Stalin Aufgebauten, bei der Demontage der sozialistischen Staatsordnung in der Sowjetunion. (...)


Hacks an Gossweiler, 20.11.1998

(...) Ludo Martens und EPO (Parteiverlag der KP Belgiens, d. Red.) sind in den deutschen Komputern unvorhanden, auch wenn man die ISBN-Nummern weiß. (...)

Über die Frage des »Kapitalismus« in der SU sind wir uns – wie doch hoffentlich immer – völlig einig; ich benötige Ihre tüchtige Argumentation gegen Briese nicht und schicke sie Ihnen zwecks fernern Gebrauchs zurück. Ich habe nicht die mindeste Schwierigkeit, die Breshnew-Honecker-Gesellschaft korrupt oder doch rotten (angegangen) zu nennen. Bloß kapitalistisch, das eben war sie nicht, und Honecker, bemerkenswerter Weise, schreckte vor dem realen Kapitalismus Gorbatschows mit schöner Entschiedenheit zurück. (...)


Hacks an Gossweiler, 25.12.1998

(...) Die »Samtene Konterrevolution« scheint mir kein glücklich gewählter Begriff. Diese historische Sauerei muß L. M. lange Zeit sehr samten vorgekommen sein, sehr einschmeichelnd. Rolf Vellay hat den Gorbatschow vor der Welt entlarvt im Frühjahr 89. Ich habe ihn im Juni 89 einen erwiesenen Unmarxisten und einen kaukasischen Gewohnheitslügner genannt, habe auch »Perestroika« als das russische Wort für New Age bezeichnet. L. M. hätte im August 89 ruhig etwas weiter sein können als bloß im Zweifel über Gorbatschow. Überhaupt sind seine ersten zwei Abschnitte, der vom September 87 und der vom August 89, voller Zurückweichlereien und zeugen nicht eben von flinkem Denken. Wo kommt der Bube her? Mit Trotzki, das zu seinen Gunsten, hat er von Anfang an nichts am Hut. Aber nach einer maoistischen Amme scheinen mir seine frühen Bäuerchen doch zu riechen.

Das ganze Buch, so verdienstvoll es durchweg ist, kommt mir nicht wirklich tadellos vor. Noch in den letzten und spätesten Kapiteln redet er von einer »Gorbatschowistischen Klasse«: Kadern, die unter Breshnew zu »Kapitalisten« geworden seien. Bei Johann Nestroy ist ein Kapitalist ein reicher Mann. L. M. hat seinen Begriff vom Kapitalismus nicht von Marx, sondern von Nestroy. (...)


Gossweiler an Hacks, 18.3.1999

(...) Einen seiner – L. M.’s – großen Vorzüge sehe ich darin, daß er sich auf zuverlässige und vielseitige, aber bei uns weitgehend unbekannte Quellen stützt, deren Existenz nun endlich auch bei uns bekannt wird. Ganz wichtig auch sein Trotzki-Kapitel mit Fakten gegen Legenden.

L. M. sind aber auch nicht wenige Fehler unterlaufen, und die Übersetzung ist manchmal ungenau bis unrichtig; das müßte bei einer hoffentlich möglichen zweiten Auflage korrigiert werden. Für mich ist sein schwächster Satz einer, dem Sie sicherlich mehr zustimmen als ich, lautet er doch (S. 342), Chrustschows wahre Rolle sei die einer Art Hanswurst. Aber trotz dieses Satzes mißfällt mir L. Martens ebensowenig wie Sie mir mißfallen wegen eines anderen Satzes, der Chrustschows Kapitalismus-Restauration als eine Kapitalismus-Restaurations-Duldung aus Schwäche deutet; ich bin da nur anderer Ansicht, nämlich der, daß Sie beide den Nikita gewaltig unterschätzen und damit genau den gleichen Fehler begehen wie seinerzeit Molotow, Kaganovic und alle anderen seiner Gegenspieler, die gerade deshalb auch seine Opfer wurden. Er spielte gekonnt die Rolle des Hanswursts und machte es dadurch schwer, seine wirkliche Rolle als des gerissensten und gefährlichsten Verbündeten der Churchill, Dulles und Eisenhower innerhalb der Festung zu erkennen. (...)


Hacks an Gossweiler, 30.4.1999

(...) Wenn Sie der Welt die Beweise dafür vorlegen, daß Chrustschow sich als Anhänger des Imperialismus verstanden hat, soll es mich nur freuen.

Wir haben ja keine unterschiedlichen Meinungen über dieses Mannes Taten. Wir bemühen uns ja nur um die Psychologie der Renegaten. Begannen Bernstein, Kautsky, Trotzki, Wehner als Feinde, oder wurden sie es? Mehr Streit ist ja nicht.

Erst bei Gorbatschow ist klar, daß er, spätestens seit seiner Wahl zum Generalsekretär, den Imperialismus bewußt anstrebte. Alles Unheil, das in diesen Tagen über die Menschheit hereinbricht, ist die Folge dessen, was 1985 oder 1989 geschah. Die toten Serben gehen auf Gorbatschows Konto, wie die toten Iraker und die toten Kaukasusvölker auf sein Konto gingen, und man wird ihn unter die großen Massenmörder dieses Jahrhunderts zu rechnen haben. (...)

Zum Schluß zu Brecht und zu Gremliza.

Vor dem Gorbatschowismus wäre Brecht zurückgeschreckt. Er liebte die Vernunft, er liebte die Arbeiter, und wenn auch seine Vertrauten sämtlich Trotzkisten waren, so hat ihn doch keiner gegen die Sowjetunion aufzuwiegeln vermocht. Er hätte bei der Konterrevolution natürlich zur DDR gehalten. Was er hierunter verstanden hätte, bleibt freilich offen.

Die Zeitschrift »konkret« war nicht immer, wie sie ist. Sie hat sich in den Jahren 90–93 große Verdienste um die DDR erworben, und irgendwie ist es diesem Blatt gelungen, im Lauf seines Daseins, die wichtigsten deutschen Autoren auf seinen Seiten zu versammeln: Ulrike Meinhof und Peter Rühmkorf, Sebastian Haffner und Arno Schmidt, Hermann Kant und mich.

Der Sündenfall von »konkret« geschah, als es plötzlich den Golfkrieg rechtfertigte, das war neu und kostete Gremliza ein Drittel seiner Leser. Danach nahm Gremliza sich noch einmal ein wenig zusammen. Seit über einem Jahr ist er ein politisches und moralisches Wrack und hat einen Mann zum Redaktionssekretär gemacht, der für Netanjahu schreibt.

Zwei Deutungen lassen sich denken.

– Gremliza hat in Marburg studiert und ist ein Schüler von Abendroth (so wie etwa auch der Finanzminister Eichel).

– Gremliza gehört der CIA oder dem Mossad.

Ich glaube, nicht nur jenes trifft zu, sondern auch dieses. Schriftsteller, die für einen Geheimdienst arbeiten, neigen zu sinnlosen und zwanghaften Ausbrüchen, wenn sie einmal, bei Gelegenheiten, die der Dienst für klassenkampfentscheidend hält, gezwungen sind, ihre Tarnung zu verlassen. Ich kenne diese Art von unplausiblen Eruptionen auch von Hermann Kant.

Meine Gedichte in »konkret« sind leicht zu erklären: Von den Periodika, die bereit sind, diese Gedichte zu drucken, ist »konkret« das größte. Diese Reihe »Jetztzeit« ist einfach das Bündnis zweier Einflußlosen. (...)


Gossweiler an Hacks, 23.12.1999

(...) Ich bin mit Ihnen ja völlig einig, daß einer nicht von Anfang an Renegat ist. Das steckt ja schon im Begriff des Renegaten. Wie Chrustschow ein Feind wurde, wodurch und seit wann – das weiß ich nicht, da habe ich nur die Vermutung, daß er schon seit längerem einer der oppositionellen Gruppen angehörte. Daß er aber von Anfang seiner Amtsübernahme 1953 an schon zielstrebig auf die Umwandlung der bolschewistischen, leninschen Partei in eine antileninistische, revisionistische Partei hinarbeitete und auf die Zerstörung der Einheit der kommunistischen Bewegung – daran kann für den Marxisten kein Zweifel sein, der dieses »Friedenshelden« Handlungen über den ganzen Zeitraum hinweg genau verfolgt und analysiert. Daß darüber bei allen Kommunisten Klarheit herrscht, halte ich deshalb für so wichtig, weil ohne eine richtige Einschätzung Chrustschows und des XX. Parteitages die wirklichen Ursachen für unsere Katastrophe nicht aufgedeckt werden und folglich auch keine richtigen Schlußfolgerungen für die Wiedergeburt einer geschichtsmächtigen kommunistischen Bewegung gefunden werden können – siehe das Drama der DKP. Was Breshnew betrifft: der war durchaus ein Chrustschow-Mann, aber ohne dessen Drang, die gewünschten Veränderungen mit Energie und Tempo voranzubringen. Er hat sich im wesentlichen darauf beschränkt, zu verhindern, daß die von den Revisionisten eroberten Positionen wieder verlorengingen, indem er eine Entlarvung Chrustschows verhinderte und in den anderen Parteien seine schützende Hand über die geschlagenen Revisionisten-Aktivisten, wie Dubˇcek, Husák, Svoboda in der ˇCSSR, Kádár in Ungarn und Gomulka und seine Nachfolger in Polen hielt. Im übrigen scheinen in seinem Politbüro solche echten Kommunisten wie Kossygin und Gromyko auf der einen, die Militärs, die den »Sowjetblock« gegen die NATO zusammenhalten wollten, zum anderen noch starke Positionen gehabt zu haben.

Was Gorbatschow betrifft – der ist kein Produkt der Breshnew-Ära, sondern, wie er selbst sagte, »ein Mann des XX. Parteitages«. Er trat ganz bewußt die Nachfolge Chrustschows an. Schon auf der Parteischule freundete er sich mit dem späteren »Prager-Frühlings«-Aktivisten Mlynar an und stand schon 1968 ganz auf dessen Seite. (...)


Hacks an Gossweiler, 1.1.2000

(...) Ich sehe dem vollendeten Buch (»Die Taubenfußchronik«, Anm. d. Red.) mit Gier entgegen und wünsche Ihnen und mir, daß das Jahr 2000 es uns bringe. Es ist dann mit der Analyse der »Kommunistischen Weltbewegung« wieder ein Hauptkapitel der heute unerledigten theoretischen Arbeit abgetan, und das 20. Jahrhundert endet doch nicht so dumm, wie es meistens war. (...)


Gossweiler an Hacks, 22.8.2000

(...) Die Klarstellung der Rolle, welche die Rehabilitierungen von solchen Figuren wie Noël Field bei der Vorbereitung des Sieges des Revisionismus gespielt haben, ist eine Aufgabe, ohne deren Lösung die Wiederherstellung der geschichtlichen Wahrheit und damit die restlose Befreiung der kommunistischen Sache von den Bleigewichten des Revisionismus – nämlich den Verbrechensvorwürfen, die meiner Meinung nach die tiefste, breiteste und nachhaltigste Wirkung erreicht haben –, nicht gelingen wird. (...)


Hacks an Gossweiler, 5.4.2002

(...) Auch ich bekenne, nicht gewußt zu haben, daß die sogenannte Geheimrede kein Teil des XX Parteitags der KPdSU, zu dessen Materialien sie bis heute nicht gerechnet wird, sondern ein Solo-Abend und eine Privatvorstellung Chruschtschows war. (...)


Hacks an Gossweiler, 3.3.2003

(...) Der Imperialismus betreibt eine Einparteienstrategie, homogener und monolithischer als es der Sozialismus je vermochte. Manchmal betreibt er sie weltweit, manchmal nur innerhalb seiner drei Blöcke. Der Aufstand des Europablocks unter Chirac gegen den US-Block wird wohl nicht Hussein, aber vielleicht doch für eine Weile den Frieden retten.

Ich glaube nicht, daß sich sagen läßt, Sie oder Huar oder Brar – von mir wirklich zu schweigen – störten den deutschen Imperialismus. Wahrscheinlich besitzen die Imperialisten einen kleinen silbernen Handfeger, um Leute wie unsereinen von der Tischdecke zu kehren, wenn sie unerwarteter Weise einmal auffallen. Abgesehen von diesem Handfeger haben wir das Privileg, im Schutz unserer Unwichtigkeit die neue linke Stimmung zu genießen.

Ein schöner Fall von ihr ist der kleine Gerald Hoffmann, und es war ein glücklicher Einfall von Ihnen, ihn in »offensiv« vorzustellen. Es besteht kein Zweifel, daß in den wenigen letzten Jahren eine riesenhafte antiimperialistische Bewegung sich gebildet hat, ob auf globaler Ebene (in Kuala Lumpur, of all the places!) oder unter den DDR-Großvätern oder den DDR-Enkeln, den Geralds – und zwar absolut und uneingeschränkt spontan. Die Welt ist nicht mehr bewohnbar, es ist nicht mehr möglich, das nicht mehr zu spüren. Mehr Kausalität ist da nicht. (...)


Zur Organisationsfrage in der Linken


Hacks an Gossweiler, 20.11.1998

(...) Ich weiß fast nichts über jene Partei, die sich KPD nennt und die irgendein Geheimdienst aus Gründen des Markenmonopols mit diesem Namen versehen hat. Es ist ja so, daß auf den Namen KPD alles ankommt. Wie, da einmal eine Partei gegründet werden muß, sollte sie denn anders heißen? – Mit beiden Namen, DKP wie PDS, würde man sich doch unweigerlich den Revisionismus ins Nest schleppen. Die MLPD-Verbrecher sind ohnehin außer Betracht. (...)


Gossweiler an Hacks, 20.3.2000

(...) Ich wage es, Ihnen wieder einigen Lesestoff beizulegen; er soll Sie aber nicht zu der Annahme verleiten, ich sei Mitglied der KPD, deren Heft ich beilege. Noch bin ich Mitglied der PDS, da selbst nach meinem Kommentar zu den Gysi-Thesen keine neue Forderung nach meinem Ausschluß erhoben wurde. Nach dem nächsten Parteitag dürfte es allerdings kaum noch mit einem kommunistischen Gewissen zu vereinbaren sein, dieser Partei noch länger anzugehören. (...)


Hacks an Gossweiler, 25.3.2000

(...) In welcher Partei einer ist, ist, glaub ich, zur Zeit nicht wichtig. Untadlige Frauen und Männer befinden sich heute in fünf bis sieben Vereinigungen (und häufen sich in keiner).
Die Wiedergeburt der KPD wird erst dringlich, wenn die Revolution zu drängen beginnt. (...)


Gossweiler an Hacks, 25.1.2001

(...) Besonders wird Sie befriedigen, meine Austrittserklärung aus der PDS zu lesen. Es wäre allerdings ein Fehlschluß anzunehmen, dieser mein Schritt sei eine Folge ihrer auf meine Person gerichteten Bemerkung in ihrem »Natürlichen System der Linken«.1 Ich habe diesen ihren Versuch, »Ordnung« in die Linke zu bringen, mit großem Vergnügen genossen; aber mein Entschluß zum Austritt stand schon eine ganze Weile fest, nachdem klar war, daß ein zweiter Versuch, mich durch Ausschluß loszuwerden, nicht mehr unternommen werden würde, ganz gleich, was ich gegen Gysi und den Kurs der PDS schreiben werde. Nun ging es mir nur noch darum, eine solche Handlung oder Entscheidung der Parteiführung abzuwarten, um meinen Austritt so begründen zu können, daß auch meine Genossen der Parteigruppe und auch solche Genossen, die Kommunisten geblieben sind, aber anders als ich noch nicht den Trennungsschritt gehen wollen, Verständnis dafür aufbringen, daß es für mich keine andere Möglichkeit mehr gibt, und daß mein Schritt sie vielleicht dahin bringt, auch über ihre eigene Position nachzudenken. (...)


Hacks an Gossweiler, 11.2.2001

(...) Wenn es je eine Partei gibt, darf sie niemals anders als KPD heißen, um der Wahrheit, der Schönheit und der Geschichte willen. Für klassische Gegenstände ist der klassische Name eben gut genug. (...)


Hacks an Gossweiler, 5.4.2002

(...) Hochinteressant Ihre Darlegungen zu der allerpeinlichsten »Was tun mit der SPD«-Frage. Ich glaube Ihnen, daß es für die KPD in den 20ern eine richtige SPD-Politik gab. Aber ich glaube nicht, daß es möglich war, sie durchzuführen, überkompliziert, wie sie war. Ich glaube, daß es im Reich der Tatsachen für die Kommunisten nur die Wahl gab, sich den Nazis zum Fraß vorzuwerfen (was sie taten) oder sich der SPD zum Fraß vorzuwerfen, was sie nicht taten. Vielleicht gottlob nicht, denn hiervon gibt es keine Erholung und keine Wiederkehr. (...)


1 »Die Namen der Linken«: Erstdruck in offensiv Nr. 8/2000, S. 4 ff. (auch in Hacks Werke, Bd. 13, S. 531-539).


* Die Buchpremiere findet am heutigen Donnerstag in Anwesenheit von Kurt Gossweiler um 18 Uhr im Senatssaal der Humboldt Universität Berlin, Unter den Linden 6, statt.

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“Die Stellung zum Vermächtnis Willi Dickhuts ist der Prüfstein für den Kampf zwischen proletarischer und kleinbürgerlicher Denkweise!” (RF/MLPD)


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 Betreff des Beitrags: Re: »Peter Hacks war ein Klassiker, nichts weniger«
BeitragVerfasst: Mi 4. Apr 2007, 08:59 
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Beiträge: 4023
Geschrieben: 15.09.2005 01:25

Und als Bonus noch das letzte Interview Hacks mit der Jungen Welt vom 30.8.2003

Interview: Matthias Hering / Arnold Schölzel

Am Ende verstehen sie es

jW-Gespräch mit Peter Hacks über den Bankrott des deutschen Sprechtheaters, des Imperialismus und über die kommunistische Weltbewegung

F: In Berlins Antiquariaten fällt auf, daß es Bücher von Peter Hacks fast nie gibt, und wenn, zu unverschämten Preisen.

Meine Stücke sind in den Siebzigern gut verlegt worden, also sie existieren. Danach sind sie überhaupt nicht mehr verlegt worden. Und das ist natürlich eine Menge Zeit, in der eine Sache auch verlieren kann.

Die Leute, die bestreiten, daß ich existiere, wissen ja, daß ich existiere. Wenn sie mich verkaufen, verkaufen sie mich teuer.

F: Sie wurden seit den siebziger Jahren nicht mehr verlegt?

Ich vermute, daß es so ist: Seit dem Ende der 70er Jahre wurde ich nicht mehr aufgeführt, in beiden deutschen Staaten. Und damit ist natürlich der Buchmarkt nicht mehr interessiert. Wir leben in einer Zeit, in der Dramen nicht gelesen werden. 1960 konnten Sie eine Broschüre mit einem Stück von irgend jemandem herausbringen und für 20 Mark verkaufen. Die wurde in Zehntausenden verscheuert. Damals war Drama noch Mode.

Im 19. Jahrhundert war ein Mensch überhaupt nur ein Autor, wenn er Dramen geschrieben hatte. Romane wurden nicht angerechnet, die Romanciers wurden behandelt wie heute die Dramatiker. Und die Abschaffung des Lesens von Dramen ist die Folge oder eine Parallele zur Abschaffung des Aufführens. Natürlich bedingt Regietheater, daß man die Texte auch nicht mehr verbreiten darf. Sonst könnte man ja den Text mit der Aufführung vergleichen. Das sind zwei wahrscheinlich parallele Bemühungen um die Abschaffung des Dramas.

F: Gibt es einen Punkt, an dem das begann?

Nein, in der Politik und schon gar nicht in der Literaturstrategie gibt es keine Brüche. Alles wird mit gleitenden Übergängen gemacht. Aber die Generation, die noch das beliebte Drama schrieb, war wirklich Frisch und Dürrenmatt.

F: Welche Ursachen hatte diese Zensur?

Die Hauptursache war, daß der westdeutsche Geheimdienst Mitte der 70er Jahre herauskriegte, daß seine ungeheuren Investitionen, mich zu korrumpieren, wirkungslos geblieben waren. Dafür war das Biermann-Spektakel ein Modell. Das heißt, bis Biermann wurde jedes Stück, das ich geschrieben hatte, in einer Theaterzeitschrift veröffentlicht, fast immer in Theater heute. Und Theater der Zeit in der DDR war auch noch da. Das endete schlagartig für immer, insofern war das der Drehpunkt. Gleichzeitig passierte zur Biermann-Zeit der Erfolg der »Stein« (»Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden Herrn von Goethe« – Anmerkung der Redaktion). Die »Stein« war so unmißverständlich ein Weltbestseller, daß es wirklich unmöglich gewesen wäre, die abzustellen. Theater heute hat, was es niemals getan hatte, über die »Stein« drei Kritiken geschrieben und dreimal mitgeteilt, daß das Stück schlecht und unspielbar ist. Dann verschwand ich. Das war die Zeit, in der die DDR-Theaterpolitik mit der westdeutschen identisch wurde. Die wurde übernommen im Rahmen von Helsinki. Ich denke, entlarvt war ich Mitte der Siebziger, überlebt habe ich noch bis Achtzig. Da läpperte sich das alles aus, weil Kulturstrategie keine Brüche liebt und ich war weg im Theater, in beiden Ländern bis heute.

F: Die »Schöne Helena« wird noch oft gespielt.

Zum Nichtspielen gehört erstens eine Verabredung, daß ich einzelne weniger wichtige Stücke doch geschrieben habe, alle anderen werden nicht mal dem Namen nach erwähnt. Aber »Helena« und »Plundersweilen« (»Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern«), sogar »Amphitryon« und »Adam und Eva« dürfen vorkommen. Sie haben sich ziemlich lange in den Tourneetheatern gehalten, die ja gerne mit Stücken Geld verdienen. Die Boykottmaßnahmen gegen mich, werden, da sie organisiert sind, natürlich nur über die höheren Instanzen weitergegeben. Ganz viele Provinztheater haben davon nichts gewußt. Das absolute Hacks-Erwähnungsverbot fand statt in der überregionalen Presse und in den Staatstheatern. Die anderen wußten sowieso nicht, was richtig und was falsch ist, da macht man schon mal einen Hacks. Es ist sehr schwer, soviel geschrieben zu haben wie ich und gar nicht bemerkt zu werden.

F: In Ihrem Text »Unter den Medien schweigen die Musen« findet sich die Bemerkung, daß es im Verlauf der Entspannung überraschenderweise »zu einer weiteren und einseitigen Abrüstungsmaßnahme des Ostens kam. Er beschloß, die Herstellung von Kunst zu beenden und statt ihrer die Erzeugung von Unkunst aufzunehmen.«

Es war am Theater wirklich am Allerschlimmsten. Das Theater ist die öffentliche Kunst, für die sich die Politik interessiert. Dafür haben sie selbst im Westen Minister. Die Abschaffung des Theaters an sich wurde in der Akademie der Wissenschaften der DDR von Mittenzwei und Wekwerth eingeleitet. An den theaterwissenschaftlichen Fakultäten traten Herr Schumacher und Herr Münz ins Geschäft, dann ging es an die Kritik und irgendwann erfuhren auch die Theater, daß es sie nicht mehr geben soll.

Natürlich gibt es ein allgemeines Bekenntnis zur Kunst, die keine Kunst ist, und zu Büchern, die niemand liest und die gedruckt werden, weil sie niemand liest.

F: Haben Sie die Entwicklung der Berliner Theaterlandschaft in den letzten zehn Jahren verfolgt?

Ich habe immer noch die Gewohnheit, in den Zeitungen nachzusehen, was sie spielen. Aber ich habe kein Theater mehr betreten. Und zwar nicht erst seit 1990, sondern seit 1980 nicht. Das ist sinnlos, das bringt nichts.

F: Warum nicht?

Weil das Quatsch ist und von meinen Feinden veranstaltet wird.

Sie müssen der Welt ins Gesicht sehen, wie sie ist. Diese Beziehungen sind abgebrochen und lassen sich auch nicht wiederaufnehmen.

F: Das gilt auch für die Beziehung zwischen Ihnen und dem deutschen Stadttheater?

Mit Ausnahmen in den ganz entlegenen Ecken der Provinz. Und auch die nehmen in einer anständigen geometrischen Reihe ab. Wir leben zur Zeit in einer Epoche, die Kultur ablehnt. Das müssen wir schlucken. Und wir müssen uns erinnern, wie schnell Kultur wieder herzustellen ist.

F: Die Epoche der Kunstlosigkeit. Wie überlebt ein Dramatiker, wenn die Tantiemen fast nur aus dem Ausland kommen?

Es ist nicht mein Problem zu überleben. Wenn ich jetzt in Ihrem Alter wäre, wüßte ich überhaupt nicht, was ich mit mir anfangen sollte, da ich tatsächlich außer Texte schreiben konstitutionell nichts anderes kann. Eine Entscheidung dafür wäre die Entscheidung, erstens ganz energisch zu darben und zweitens über Themen zu schreiben, die nicht lohnen, geschrieben zu werden.

Der Imperialismus hat beschlossen, sich nicht für den Sozialismus, sondern für die Barbarei zu entscheiden, das ist das wesentliche Element der gegenwärtigen Epoche. Alle Leute sind unglücklich, denn komischerweise liebt der Mensch als Spezies Barbarei nicht wirklich. Diese großen neuen Mythen, die auf der Welt auftreten, diese politisch schlecht begründeten, aber großen Volksbewegungen lassen mich hoffen, daß man zwar mit den Menschen fast alles machen kann, aber doch nicht alles. Daraus könnte sich in hundert Jahren etwas entwickeln. Aber darüber kann man kein Stück schreiben.

F: Ein anderer Satz aus den »Maßgaben der Kunst« lautet: »Man sieht dem Imperialismus Tag für Tag beim Zusammenbrechen zu.« Der nächste Krieg, der angekündigt ist...

Der Imperialismus muß auseinanderbrechen und das tut er. Momentan sieht man den amerikanischen gegen den europäischen Block kämpfen. Wie der asiatische aussieht, wissen wir noch nicht, der ist noch nicht konstituiert, aber er hat sich immerhin gegen Amerika schon festzulegen gewagt. Also die Dreiblocklage ist unmißverständlich und muß zum Krieg führen.

F: Also ein Krieg aus Schwäche?

Nein, aus Verteilung des wenigen Geldes, was es gibt. Der Imperialismus hat alle seine Kunden umgebracht und wundert sich jetzt, warum ihm niemand etwas abkauft. Und um die paar Leute, die ihm was abkaufen, müssen sie Kriege führen.

Wenn der Bush jetzt die Hitlerrolle hat – damals im Kriege hat die Frage: »Wer ist der Schurke?« eine Rolle gespielt – dann spricht das zur Zeit gegen den Bush. Daß er die Schurkenrolle hat, wird ihm Schwierigkeiten machen. Und daß alle Menschen es verstanden haben. Deswegen kann es sein, daß er jetzt nicht gewinnt oder einen Pyrrhussieg erringt, der ihm nicht lieb sein wird.

F: Den Beginn der Niedergangsepoche beschrieben Sie mit Ulbrichts Verschwinden aus der Politik.

Jeder, außer der jungen Welt, weiß, daß der Niedergang mit Stalins Tod begann. Und das von mir beschriebene Langsamverfahren öffentlicher Angelegenheiten brauchte von 1953 bis 1973, um fertig zu sein. Der Ulbricht-Mord von Honecker und Breshnew, der in meinem Busen ein furchtbarer Einschnitt war und den ich nie verwunden habe, war dann der Schlußstein. Von da an konnte es niedergehen. Der weltgeschichtliche Zeitpunkt war die Konferenz von Helsinki, war das SED/SPD-Papier, also die Sozialdemokratisierung des Weltkommunismus. An der Stelle kann man sagen: Da war nun nichts mehr zu retten.

F: Eine Bewegung, die sich selbst abgeschafft hat?

Ja. Ja.

F: Und welcher Voraussetzung bedarf es dafür?

Meine russische Übersetzerin gab mir, als ich sie fragte, was will denn der Gorbatschow, den einzigen rationellen Grund, den ich je gehört habe: Er gehört der aserbaidshanischen Rauschgiftmafia und die brauchen einen konvertierbaren Rubel. Da habe ich sehr gelacht und fand es geistreich.

Aber ich weiß niemanden, der Chruschtschow hätte bezahlen können. Und ich weiß nicht, warum Chruschtschow den konvertierbaren Rubel gebraucht hat. Hier waltet für mich ein Weltgeheimnis. Zu Stalins Todeszeit war Rußland in keinem schlechten Zustand. Er hatte die Sorgen, die das Land hatte, im wesentlichen behoben. Und der Sozialismus ist, genau wie der Imperialismus, eine Gesellschaft, die sich aus tiefen Krisen überraschend rüstig und schnell rausarbeiten kann. Es werden nicht immer nur erstklassige Leute durch Idioten ersetzt, es werden auch mal Idioten durch erstklassige Leute ersetzt. Auch wenn es für einen Marxisten peinlich ist, es zu sagen, die Figur, die vorne steht, spielt mehr als nur eine Beirolle.

F: Womit wir wieder bei der Monarchie wären.

Die Monarchie hat den Vorteil gegenüber dem Sozialismus, daß sie schwer abzuschaffen ist. Richtig ist, daß in absolutistischen Zeiten das Land blüht, wenn der Fürst ein großer Mann ist, und hungert und Kriege verliert, wenn der Fürst ein Idiot ist. Aber die Begabung des Fürsten entscheidet in der Weltgeschichte nur zwei- oder dreimal über das Fortbestehen der Monarchie. Und selbst, wenn man Karl von England oder Ludwig von Frankreich guillotiniert, weiß das Volk, jetzt kommt irgend etwas Neues, aber dann brauchen wir wieder einen König. Der Sozialismus ist nun einmal eine wissenschaftliche und bewußt eingesetzte Willensentscheidung und die kann man zurücknehmen. Und er hat die Fähigkeit, in sich konterrevolutionäre Seelen zu gebären. Hier bringen Sie mich auf eine Frage, die noch nicht aufgehört hat, mich zu wundern.

F: Wie konnte jemand auf die Idee kommen, daß das mit der friedlichen Koexistenz geht?

Damals sagte ich, wir legen die Friedensfrage vertrauensvoll in die Hände des Imperialismus. Danach mußte man darüber nichts mehr sagen. Aber das Geheimnisvolle ist, beide Politbüros, das sowjetische und das der DDR, wußten natürlich ununterbrochen, daß der Westen sie mit seinem Frieden abschaffen will. Sie haben sich gegenseitig immer gesagt: Paßt auf, der Feind meint es nicht gut mit uns. Und haben immer gehandelt, als meine es der Feind gut mit uns. Das heißt, obwohl sie wußten, daß sie sich abschaffen, schafften sie sich ab.

F: Wird über die Dramatik der DDR geredet, gibt es irgendwann nur noch zwei Namen, Heiner Müller und Peter Hacks. Und erstaunlicherweise ist von der Übereinkunft der sechziger Jahre, grundsätzlich an der Weltesche zu sägen, nichts übrig. Leute wie Werner Buhs und Volker Braun schreiben zwar noch, aber nur Befindlichkeiten. Und sie werden nicht aufgeführt.

Ich denke niemals an Volker Braun, wenn ich an Dramatiker denke. Und mehr fällt mir auch nicht ein.

Bei Müller ist das einfacher, der hat sein Frühwerk radikal verleugnet, hat seinen Frieden mit der SED, mit der Stasi, mit dem Regietheater, mit dem Modernismus gemacht. Die Leute, die er fortan bestahl, waren plötzlich der Comte de Lautréamont oder der Engländer, bei dem sie immer ihre Kinder fressen, Mister Bond. Müller ist mit einem Bruch abgegangen. Er wollte nicht von Kommunisten ernst genommen werden. Er wollte vom Broadway ernstgenommen werden.

F: Was können die Theater jetzt überhaupt machen?

Nicht Stücke. Die Kunst eines Dramaturgen besteht darin, etwas aufzuführen, das kein Stück sein darf. Das geht von Filmdrehbüchern bis zu Projekten und anderen Zusammensetzungen. Wenn ihnen gar nichts einfällt, dann spielen sie ein Stück von Kleist so, daß man es nicht versteht. Das Wesen des modernen Theaters ist das Nichtstückespielen und die Schließung der Bühnen, ihre Ersetzung durch achtzig Off-Theater.

Es gab eine Zeit, als die Russen es auch nicht konnten. Und deren Ersatz fürs Theater war die Estrade, der bunte Abend.

F: Was sind die Bedingungen dafür, daß Staatskunst blüht?

Es ist wahrscheinlich so platt, wie ich es manchmal vermute. Sie brauchen einen absolutistischen Zustand, also einen Zustand, wo ein Klassenwiderspruch, wie immer er beschaffen ist, austariert und im Gleichgewicht gehalten wird.

Kann man bei Ludwig XIV. noch sagen, er hat als der Staat, der er war, auch noch ein Kunstwerk dirigiert, so kann man das weder von Stalin noch von Ulbricht sagen. Sie haben sich beide für Kunst in höchstem Maße interessiert, waren beide wirklich gebildete Leute, aber man kann nicht unbedingt sagen, daß sie in jedem einzelnen Moment die Kunst auf ewigkeitliche Weise begriffen und gefördert hätten. Das Verhältnis des absolutistischen Künstlers zu seinem Fürsten ist immer ein außerordentlich dialektisches, gespanntes und drolliges, immer ein funktionierendes, aber immer ein schlecht funktionierendes. Und das gilt natürlich für uns alle auch. Die Frage, was bleiben wird, bitte ich diesmal nicht auf DDR-Ebene zu behandeln.

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts gehört einfach Thomas Mann und Brecht. Thomas Mann gehört die Prosa und Brecht das Drama und die Lyrik.

Was ich Ihnen als Vermutung anbiete, ist, daß die zweite Hälfte Arno Schmidt und mir gehört. Arno Schmidt für Prosa, mir für Dramatik und die Lyrik. Das sage ich mit dem Vorbehalt eines Menschen, der wirklich weiß, daß dies eine Art von Urteilen ist, die eigentlich nicht fällbar sind. Aber ich kann ja nicht so tun, als hätte ich kein Urteil.

Die erste Hälfte dieses Jahrhunderts wird nicht existieren. Und was die Leute mit den früheren Kunstwerken anfangen, kann ich Ihnen nicht sagen. Es gibt eine berühmte Geschichte. Die ist nicht von Heiner Müller, die ist von Hartmut Lange gestohlen worden: Als die Germanen nach Rom kamen und auch die Kunst abschafften, gab es einen letzten Römer, der noch ein paar Metren kannte. Ich glaube, die Pointe war, er unterwarf sich und schmierte sich Butter ins Haar. Weil es eine Gewohnheit der Germanen war.

F: Die völlige Unbrauchbarkeit dessen, was ist, ist die Auskunft über die Gegenwart, die man geben kann?

Zu den ökonomischen Gründen kommt jetzt natürlich der Grund der politischen Ausweglosigkeit hinzu.

Und das zusammen erklärt, was ja sonst eine menschliche Seele nicht aushalten würde, daß Leute solche Dinge reden können im Fernsehen, wie wir sie jetzt seit Wochen reden hören, und nicht sofort an den Haken beim Schlächter gehängt werden.

Wenn Sie auf einer Liste der CIA stehen und Herr Melvin Lasky Ihr Vorgesetzter ist, dann brauchen Sie nicht marktkonform zu schreiben.

Im ersten Kulturabkommen zwischen der DDR und der Bundesrepublik, das die Regierung Honecker mit der Regierung Kohl abschloß, stand drin: Es werden zwei Heiner-Müller-Festtage in Frankfurt am Main und in Berlin durchgeführt.

Ich glaube, Künstler sind schwer auszurotten. Nicht einmal in schlechten Zeiten nimmt ihre Zahl stark ab.

Die Bettelkünstler werden selbstverständlich alles überleben, wie die Schaben auch.

F: Lassen Sie uns noch ein Wort über die Zukunft der kommunistischen Weltbewegung reden.

Mit dieser Frage werden wir auch noch fertig. Das hängt von der Frage ab, ob China ein kapitalistisches Land wird, was ich vermute. Wenn China ein kapitalistisches Land wird, wird nach Castros Tod von Kuba nicht mehr die Rede sein. Also wäre die institutionalisierte kommunistische Weltbewegung dann doch ausgetilgt.

Und all die unzufriedenen Leute, die Bambulas und die südamerikanischen Präsidenten werden nachdenken, wie man den Fortschritt und die Revolution macht. Es wird ihnen jemand sagen, daß es Bücher gibt, in denen es drinsteht. Ein kultureller Aufschwung ist manchmal in unglaublich kurzer Zeit herbeizuführen. Insofern würde ich sagen: Selbst, wenn ich auf kurze Frist mit einem weiteren Sterben rechne, rechne ich auch, und zwar in einer überhaupt nicht Jahrhunderte währenden Frist, mit einem Wiederaufleben. Die Krise des Imperialismus besteht im Moment darin, daß er bankrott ist. Sie wird sich mit Sicherheit zu einer Weltwirtschaftskrise auswachsen. Jedermann weiß, Weltwirtschaftskrisen zeugen kommunistische Parteien. Und diese kommunistischen Parteien haben sich durch das politische Ende des Kommunismus überhaupt nicht beeinflussen lassen. Sie denken, wie sie immer gedacht haben, erst ungeschickt, und dann geschickt, am Ende verstehen sie es sogar.

Und wenn die Weltwirtschaftskrise und ein sinnloser Krieg oder eine Gewohnheit von Kriegen zusammenkommen, hat man ganz schnell wieder kommunistische Bewegungen.

Mit anderen Worten: Eine Sache, die der Weltgeist vorgesehen hat, auf die kann man sich dann auch verlassen.

F: Weltgeist? Da hätten wir gern eine Definition.

Dann ändere ich den Satz. Auf eine Sache, die ich einmal gesagt habe, kann man sich verlassen.


* Peter Hacks wird heute fünfundsiebzig Jahre alt. Aus diesem Anlaß erschien ein Band mit Beiträgen u. a. von Helmut Baierl, Klaus Ensikat, Eberhard Esche, Georg Fülberth, Hermann Kant, Rainer Kirsch, Wolfgang Kohlhaase, Horst Tomayer, Sahra Wagenknecht. André Thiele (Hrsg.): In den Trümmern ohne Gnade. Festschrift für Peter Hacks. Eulenspiegel Verlag, Berlin 2003, 256 Seiten, 14,90 Euro

(Aus jW vom 21. März 2003)

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“Die Stellung zum Vermächtnis Willi Dickhuts ist der Prüfstein für den Kampf zwischen proletarischer und kleinbürgerlicher Denkweise!” (RF/MLPD)


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 Betreff des Beitrags: Re: »Peter Hacks war ein Klassiker, nichts weniger«
BeitragVerfasst: Mi 4. Apr 2007, 08:59 
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Beiträge: 198
Geschrieben: 15.09.2005 19:07

Und wer soll das als Beufstätiger Mensch bitte alles lesen?


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 Betreff des Beitrags: Re: »Peter Hacks war ein Klassiker, nichts weniger«
BeitragVerfasst: Mi 4. Apr 2007, 09:00 

Beiträge: 2008
Geschrieben: 15.09.2005 19:44

Zitat:
Und wer soll das als Beufstätiger Mensch bitte alles lesen?


Der, der es lesen will. Lesen will, wer mehr wissen will, wer erkennen will, was die Ursachen der Veränderungen in dieser Welt sind.

Ich habe mir als berufstätiger Mensch die Zeit genommen - und ich habe es nicht bereut. Ich sehe eine Notwendigkeit darin, derartige interessante Beiträge zu lesen.

Wenn wir bei diesen "kurzen" Beiträgen Deine obige Frage stellen, wer soll als berufstätiger Mensch Stalinwerke, Marx, Engels und Lenin lesen? Nur die Philosophiestunden oder nur die Arbeitslosen und Rentner?

Die Frage ist doch eher, wer braucht das theoretische Rüstzeug für die erforderlichen gesellschaftlichen Veränderungen? Philosophen, Arbeitslose, Rentner allein sicher nicht. Ohne die Mitwirkung der berufstätigen Menschen, also der von täglicher Ausbeutung unmittelbar Betroffenen kommt es nicht zur nächsten proletarischen Revolution.

Damit ich nicht falsch verstanden werden, ich will Philosophen, Arbeitslose, Rentner nicht von dieser Revolution ausschließen.

Stern mit Nelke

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»Menschen, ich hatte Euch lieb. Seid wachsam!«
»Ein Mensch wird nicht kleiner, auch wenn man ihn um einen Kopf kürzer macht.«

Julius Fucik, ermordet von den Nazis am 08.September 1943


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 Betreff des Beitrags: Re: »Peter Hacks war ein Klassiker, nichts weniger«
BeitragVerfasst: Mi 4. Apr 2007, 09:01 
Administrator
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Beiträge: 4023
Geschrieben: 15.09.2005 23:01

Zitat:
Und wer soll das als Beufstätiger Mensch bitte alles lesen?


Wie gewe bereits sagte. Der, der es lesen will. Und erzähl mir nicht, das du als Berufstätiger keine Zeit hast. Ich arbeite auch. Mach halt mal was Sinnvolles in Deiner Freizeit!



VVN/BdA

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Der Marxismus ist allmächtig – weil er wahr ist. (E.C.)

“Die Stellung zum Vermächtnis Willi Dickhuts ist der Prüfstein für den Kampf zwischen proletarischer und kleinbürgerlicher Denkweise!” (RF/MLPD)


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 Betreff des Beitrags: Re: »Peter Hacks war ein Klassiker, nichts weniger«
BeitragVerfasst: Mi 22. Aug 2007, 11:51 

Beiträge: 79
junge Welt 22.08.08

»Nun bin ich auch wie Goethe«

Vorabdruck: »Fröhliche Resignation«. Der Dichter Peter Hacks im Interview über sein Schaffen und Bedingungen der Kunstproduktion im Sozialismus

Im Berliner Eulenspiegel Verlag erscheint Ende August unter dem Titel »Fröhliche Resignation« ein Band mit wichtigem, bislang nicht publiziertem Material zu Peter Hacks (1928–2003) und seinen Dramen. Herausgeber ist der Theaterwissenschaftler Gottfried Fischborn, der über Jahre mit Hacks im Briefwechsel stand. Im April 1974 führte Fischborn gemeinsam mit seinen Kollegen Gerda Baumbach und Rolf Rohmer von der Leipziger Theaterhochschule »Hans Otto« ein Interview mit Hacks. Darin äußert sich der Dichter ausführlich zu seiner Theaterarbeit und analysiert deren zentrale theoretische und gesellschaftliche Voraussetzungen. Wir veröffentlichen im folgenden einen Auszug aus dem 85 Druckseiten umfassenden Gespräch.

http://www.jungewelt.de/2007/08-22/018.php


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