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 Betreff des Beitrags: Lion Feuchtwanger - "Moskau 1937"
BeitragVerfasst: Mo 11. Jan 2010, 12:07 

Beiträge: 132
Ich kann jedem nur empfehlen, dieses Buch zu lesen. Auch wenn wir an Hand von Fakten wissen, wie es unter Stalin wirklich war, ist dieser Erfahrungsbericht doch nochmal lebendiger und führt einem die realen Verhältnisse dort sehr eindrucksvoll vor Augen.

Ich habe das Buch heute morgen durchgelesen und möchte nun eine Zusammenfassung geben:

Im ersten Kapitel schildert der Autor das Leben in der Sowjetunion. Die Menschen sehen voller Freude ihrer sozialistischen "Pflanze" beim Blühen und Gedeihen zu. Sie sind glücklich und größtenteils gut versorgt, was das Ergebnis einer richtigen Wirtschaftsplanung ist. Ein umfassender Sozialstaat sorgt für die Leute und hat auch schon große Erfolge vorzuweisen (etwa in Sachen Bildung und Gesundheit). Die Identifikation mit Staat und Partei ist riesig.

Das zweite Kapitel handelt von der Einstellung der Sowjetmenschen in Sachen Bildung und Arbeit. Feuchtwanger beschreibt die Menschen, seit sie für ihr eigenes Wohl arbeiten, als fleissig und arbeitsam. Der zusammen erarbeitete Reichtum wird an alle je nach Leistung verteilt. Es gibt weder unberechtigte Privilegien noch primitive Gleichmacherei. Kritik an noch vorhandenen Mängeln ist ausdrücklich erwünscht. Die Entwicklung der Bildung und das Interesse an Kultur sind beeindruckend.

Im dritten Kapitel geht es um Demokratie und Freiheit. Feuchtwanger lobt die neue sowjetische Verfassung (die "Stalin-Verfassung), weil sie dem Volk alle Freiheiten zugesteht. Die einzigen nicht vorhandenen Freiheiten seien die (wie Feuchtwanger es nennt) "Schimpffreiheit" und die "Freiheit", gegen die Sowjetmacht zu kämpfen. Während die Demokratie im Westen nur Fassade ist, ist sie in der Sowjetunion echt. Der Autor berichtet zudem von einem Treffen mit Stalin und setzt sich mit dem "Personenkult" auseinander. Stalin wird als volkstümlicher, selbstloser und bescheidener Mann beschrieben. Seine Verehrung erfolgt freiwillig und ist echt - die Menschen sehen, dass es ihnen besser geht, und danken dafür lieber einem Menschen als einem System.

In Kapitel 4 wird das Zusammenleben im Vielvölkerstaat Sowjetunion beschrieben. Der Autor schildert, wie die Pflege der nationalen Kultur, ein gemeinsames Ziel und viel Toleranz die vielen Völker zusammenschweisst. Zudem geht Feuchtwanger, selbst Jude, auf das Jüdische Autonome Gebiet Birobidschan ein.

Kapitel 5 beschäftigt sich mit der Stimmung im Volk angesichts des bevorstehenden faschistischen Angriffs, vom Autor treffend "Kriegsmentalität" genannt. Viele Dinge, die im Westen nicht verstanden werden, erklären sich aus dieser Situation. Ungetrübte Begeisterung beim Aufbau, aber auch Furcht vor Krieg sind allgegenwärtig. Die Bevölkerung sieht jedoch ein, dass gewisse Opfer unvermeidlich sind, will man das Erreichte erhalten.

Das sechste Kapitel widmet sich den Personen Stalin und Trotzki. Der Auto geht auf Trotzkis Leistungen ein, beschreibt diesen jedoch als "Nur-Revolutionär", der für den Aufbau nicht zu gebrauchen sei, als arroganten, sturköpfigen und dogmatischen Intellektuellen, während er Stalin als intelligenten und umsichtigen Organisator lobt, ohne seine Leistungen während und nach der Revolution zu verschweigen.

In Kapitel 7 geht es um ein sehr brisantes Thema, um die sogenannten "Trotzkistenprozesse". Der Autor, der den Prozessen gegen Radek und Pjatakov beiwohnte, schildert sie als ganz normale Prozesse, fast sogar mehr als Diskussion, in der reumütige Angeklagte mit den Richtern die Wahrheit finden wollen. Die Geständnisse seien unbedingt glaubwürdig, da es gute Gründe gab - teils erdrückende Beweislast, teils ehrliche Reue. Die Motive der Angeklagten (vor allem die "Pervertierungen" des "Stalinstaates" um jeden Preis zu "korrigieren") werden dargestellt. Stalin könne, so Feuchtwanger, unmöglich so blöd gewesen sein, sich ein solches propagandistisches Eigentor zu schiessen, nur um Rache zu üben oder Gegner zu beseitigen.

Im achten Kapitel schliesslich schildert Feuchtwanger die Lügen und den Hass, der die Sowjetunion im Westen ausgesetzt ist. Er nimmt die Lügen auseinander, steltl sie richtig und macht diese somit lächerlich.

Ein enorm lesenswertes Buch, auch wenn (jedenfalls in meiner Version von 1993) noch ein propagandistisches Nachwort enthalten ist, damit der Leser den Bericht auch ja "richtig" auffasst und einordnet. Kleine Kostprobe: "Aber auch Ende der neunziger Jahre wirkt der Bericht anstößig, enthält er doch neben einigen klarsichtigen Urteilen über den Charakter des Sowjetregimes und ironischer Kritik an Mißständen zahllose grundlegende Irrtümer und naive Schlüsse." Heisst im Klartext: Feuchtwanger berichtet nicht nur negativ über die Sowjetunion - mehr noch, er wagt es auch noch, größtenteils sehr positiv zu berichten! Was für ein anstössiger Bericht!

Da das ja aber nicht die Schuld von Feuchtwanger selbst ist und man dieses Nachwort ja nicht lesen muss (habe ich zum Beispiel auch nicht getan, nur mal überflogen), ist das Buch dennoch unbedingt empfehlenswert!


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 Betreff des Beitrags: Re: Lion Feuchtwanger - "Moskau 1937"
BeitragVerfasst: Mo 11. Jan 2010, 13:50 
Möchtegernputschist
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Beiträge: 1624
jo das Buch ist ziemlich interessant.
Über Feuchtwanger wird auch in der Doku Aufstieg und Fall des Kommunismus gesprochen (ich glaube im 2. Teil). Dort wundern sich Kommentarsprecher und "Augenzeugen" wie z. B. Wolfgang Leonhard, dass damals die klügsten Leute sich positiv über die Sowjetunion äußerten. Dann kam noch ein Kommentar der so ähnlich lautete wie dass es einen Unterschied gibt zwischen intelligent sein und klug sein oder so ähnlich. Echt bemerkenswert, wenn irgendwelche No-Names der Weltgeschichte sich drüber aufregen dass Leute die um einiges klüger und talentierter waren als die (was erstmal keine große Kunst ist), wohl doch nen besseren Durchblick hatten als sie.

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 Betreff des Beitrags: Re: Lion Feuchtwanger - "Moskau 1937"
BeitragVerfasst: Di 12. Jan 2010, 12:19 

Beiträge: 105
Ja, das Buch ist wunderbar. Ich habe mir eine Ausgabe besorgt, die ein Nachwort und einen Auszug aus den KGB-Akten über Feuchtwanger. Man bekommt dann auch mal einen kleinen Einblick in die Welt der Intellektuellen der SU, daß es dort auch einige gab, die die schlimmsten Gerüchte verbreitet haben und wie diese u.a. auch von Feuchtwanger geglaubt wurden. Z.B. das berühmte Künstlerinnen keine Wohnung bekommen würden und auf der Straße schlafen müßten. Aber im Nachwort bezeichnet man Feuchtwanger als schizophren, da er doch die schlimmen Zuständen gesehen hätte, aber etwas anderes geschrieben hat.

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Es gibt noch einen kommunistischen Verlag und Versand, den zu besuchen sich lohnt.


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