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 Betreff des Beitrags: Schauerlicher Artikel von Michael Brie
BeitragVerfasst: Do 29. Mär 2007, 14:11 
Literat

Beiträge: 2947
Was hätte Rosa gesagt?

Über politische und soziale Menschenrechte, den Tyrannenmord und die Haltung zur Republik Kuba Von Michael Brie junge

Welt dokumentiert gekürzt einen Beitrag für die Rosa-Luxemburg-Konferenz der RLS, 5. März 2006. Langversion unter www.rosalux.de. Morgen antwortet auf diesen Text Uwe-Jens Heuer

Zitat:
Mehr als anderthalb Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der DDR und des staatssozialistischen Systems in Europa, nach einer ganzen Serie imperialer Kriege, beginnend mit dem Golfkrieg von 1991, vor dem Hintergrund des Übergangs von einem wohlfahrtstaatlichen fordistischen Kapitalismus zum Finanzmarkt-Kapitalismus sieht sich die Linke international, in Europa und Deutschland mit drei fundamentalen Konflikten konfrontiert: Innerhalb der herrschenden Klassen und Eliten streiten ein imperialer, wirtschaftsliberaler und autoritärer Neoliberalismus und eine Politik der multilateralen, sozialliberalen oder sozialdemokratischen, an demokratischen Grundnormen orientierten Gestaltung des Finanzmarkt-Kapitalismus um die Vorherrschaft. Aus der Radikalisierung des Neoliberalismus oder dem Scheitern des modernen sozialdemokratischen Ansatzes entstehen Tendenzen hin zur Barbarisierung und offener, alle Grundrechte verletzender, den Krieg als Normalfall organisierender Herrschaft.

Zugleich ist die Linke selbst wieder zu einer Herausforderung geworden. Der Weltsozialforumsprozeß, massive soziale Bewegungen der von Arbeitslosigkeit, Niedriglohn und Prekarisierung Bedrohten oder Betroffenen, der Land-, Obdach- und Paßlosen, jener, denen der Zugang zu Wasser, Gesundheitsversorgung und Bildung versagt ist oder genommen wird, die von Krieg und Terror bedroht sind, stellen die Legitimität von Neoliberalismus, Finanzmarkt-Kapitalismus und Imperialismus in Frage.
Genau an diesem Punkt aber brechen die inneren Widersprüche der Linken auf, eröffnen sich Alternativen, die eine strategische Diskussion herausfordern, muß die Linke zeigen, was sie ist, welche andere Welt sie in ihrem Kampf vorwegnimmt. Die Gefahr ist außerordentlich groß, daß sich die alten Schismen der Linken unter neuen Bedingungen wiederholen und eine Abwehr von Barbarei, die Überwindung der Hegemonie des Neoliberalismus, die Einleitung einer Strategie der Transformation, die über den Finanzmarkt-Kapitalismus hinaus führt und die Vorherrschaft der Kapitalverwertung über Wirtschaft und Gesellschaft überwindet, unmöglich macht. Was hat Rosa Luxemburg uns hinterlassen, was wir nie vergessen sollten? Nicht verlernen zu lernen! Wieder steht die Aufgabe, die Rosa Luxemburg schon 1915, in der Stunde der bis dahin tiefsten Niederlage der sozialistischen Kräfte, bewegt hat: »Wir sind nicht verloren und wir werden siegen, wenn wir zu lernen nicht verlernt haben1«. Dieser Lernprozeß aber ist nicht bequem. Wie schreibt Rosa in der Junius-Broschüre: »Selbstkritik, rücksichtslose, grausame, bis auf den Grund der Dinge gehende Selbstkritik ist Lebensluft und Lebenslicht der proletarischen Bewegung.«2 Da Denken aber überhaupt nicht möglich ist ohne das Denken von Differenz und in der Differenz, ist die Unterdrückung von Andersdenkenden die Unterdrückung von Denken überhaupt als öffentlicher Angelegenheit, ist Zerstörung des öffentlichen Raums, Vernichtung von Demokratie. Deshalb auch Rosas verzweifelte Bemerkung gegenüber ihren russischen Genossen drei Jahre später: »Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden3«.

Die dauerhafte Unterdrückung der Freiheit der Andersdenkenden ist das Ende des Sozialismus als Aufklärungs-, als Emanzipations-, als Befreiungsbewegung. Diese Beseitigung der Grundbedingungen politischer Demokratie, so Rosa, »verschüttet nämlich den lebendigen Quell selbst, aus dem heraus alle angeborene Unzulänglichkeit der sozialen Institutionen allein korrigiert werden können: das aktive, ungehemmte, energisch politische Leben der breitesten Volksmassen«4.

Weder mit Rosa noch mit dem geltenden Parteiprogramm läßt sich der kubanische Staat ohne die größten und das Wesen betreffenden Einschränkungen als »sozialistisch« bezeichnen. Dies mag weh tun, mag der eigenen Biographie, der Solidarität mit einer Volksrevolution, dem Kampf gegen den US-Imperialismus und seiner Embargopolitik scheinbar entgegenstehen, aber billiger ist Sozialismus nicht zu haben, als sich offen diesen Widersprüchen zu stellen.

Soziale Zielsetzungen allein, wie sie auch für viele staatssozialistische Gesellschaften in Europa primär waren, machen noch keinen Sozialismus, sondern nur eine sozial orientierte Diktatur im Namen des Volkes. Sozialistische Überzeugungen, die sich fangen lassen in dem Gefängnis der Hörigkeit einer Einparteienherrschaft, die nicht einmal Fraktionen in den eigenen Reihen zuläßt, so ermutigend, bewunderungswürdig, ehrlich diese Überzeugungen auch sein mögen, machen noch keine sozialistische Gesellschaft. Und umgekehrt sind formale Freiheit und Gleichheit zwar eine Voraussetzung, nicht aber die Substanz von Sozialismus. Praktisch bedeutet dies auch: Engste, beste, solidarischste Kooperation mit kubanischen Sozialistinnen und Sozialisten dort, wo unsere praktischen Ziele übereinstimmen, aber bei klarer Betonung der Differenzen darüber, was Sozialismus ist und wie mit politischen Widersprüchen umzugehen ist. Partei und Programm Jenseits von allen taktischen Opportunitäten, von Stimmungen und Meinungen ist – auch daran läßt Rosa Luxemburg keinen Zweifel – das wesentliche Kriterium politischer Entscheidungen das Programm der jeweiligen Organisation. Wenn nun aber eine Position eines Organs einer Partei selbst vom Parteiprogramm abweicht, kann von einer solchen Position ausgehend auch nicht begründet werden, daß andere, abweichende Auffassungen nicht die Position der Partei widerspiegeln würde. Nur am Parteiprogramm kann gemessen werden, ob eine einzelne Entscheidung der Position der Organisation entspricht oder nicht.

Von Hermann Klenner, Mitglied des Marxistischen Forums der PDS, kam der Vorschlag, folgenden Absatz in das Parteiprogramm aufzunehmen: »Eine sozialistische Gesellschaft, wie wir sie anstreben, garantiert in der Einheit von politischen, sozialen und kulturellen Rechten das Selbstbestimmungsrecht aller Menschen und Völker. Sie ist eine Gesellschaft, in der die Profitdominanz beseitigt ist. Sie verwirklicht eine sich auf die politischen, wirtschaftlichen, ökologischen und kulturellen Verhältnisse erstreckende Demokratie. Sie erfordert die Unterordnung der Produktions-, Verteilungs- und Konsumtionsweise unter das Prinzip, allen Bürgerinnen und Bürgern die Bedingungen für ein selbstbestimmtes und solidarisches Leben zu ermöglichen. Dazu gehören die entsprechende Veränderung der Richtung des wirtschaftlichen Wachstums und des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, die Bewahrung der natürlichen Umwelt, die Einheit von Rechtsstaat und Sozialstaat, Solidarität nach innen und außen sowie eine weltumspannende Ordnung des Friedens, der Gerechtigkeit und der Wohlfahrt.« Diesem Vorschlag wurde gefolgt. Die Resolution des Parteivorstandes der Linkspartei.PDS steht, indem sie Kuba uneingeschränkt als sozialistisch bezeichnet, in dieser Hinsicht im direkten Gegensatz zu Geist und Buchstaben des gültigen Parteiprogramms. Radikal, nicht extrem Die Politik der Linken und sozialistischer Parteien muß sich angesichts der wachsenden Bedrohungen der Grundlagen menschlicher Zivilisation radikalisieren. Daran gibt es für mich keinen Zweifel. Was aber bedeutet Radikalität? Mit Marx heißt Radikalität, »die Sache an der Wurzel fassen«. Und Marx fügt hinzu: »Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst.« Und deshalb führe der »Radikalismus der deutschen Theorie« hin zu »der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist«5. Rosa Luxemburg hat in dem programmatischen Text »Was will der Spartakusbund?« sich ganz im Geist ihrer Kritik an Lenin und Trotzki in aller Klarheit von den bolschewistischen Methoden,wie sie sich nach dem Januar 1918 in Rußland durchsetzten, abgegrenzt, wenn auch, ohne die Bolschewiki zu nennen: »In den bürgerlichen Revolutionen waren Blutvergießen, Terror, politischer Mord die unentbehrliche Waffe in der Hand der aufsteigenden Klassen. Die proletarische Revolution bedarf für ihre Ziele keines Terrors, sie haßt und verabscheut den Meuchelmord. Sie bedarf dieser Kampfmittel nicht, weil sie nicht Individuen, sondern Institutionen bekämpft, weil sie nicht mit naiven Illusionen in die Arena tritt, deren Enttäuschung sie blutig zu rächen hätte.«6 Linke Radikalität mißt sich weder an der Gewaltsamkeit der Sprache, auch nicht an der Zahl der Toten, der Schnelligkeit der Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse, sondern daran, ob durch sozialistische Politik ein tatsächlicher Beitrag geleistet wird zur Beseitigung von Verhältnissen der Ausbeutung, Unterdrückung und Entmündigung. Jeder praktische Schritt dahin ist human und radikal zugleich. Dabei steht linke Politik im Wettbewerb, dies unter den gegebenen Möglichkeiten und mit den vorhandenen Kräften umfassender und vollständiger, in der Einheit der Durchsetzung der politischen, sozialen und kulturellen Menschenrechte zu tun.

Radikalität unterscheidet sich dadurch von Extremismus, daß Radikalität die Mittel dem menschlichen Zweck unterordnet, während der Extremismus in seiner Verachtung für Demokratie und für »Verweise auf Menschenrechtsfragen«, die nur von den eigentlich wichtigen Dingen ablenken würden, die Mittel, den Kampf gegen den Feind, die Durchsetzung einer anderen politischen und Eigentumsordnung, über das Recht von Menschen auf Leben und demokratische Selbstbestimmung stellt. Das System des Extremismus ist die Diktatur, ob rechts oder links, das System eines sozialistischen Radikalismus ist eine soziale Demokratie.

Für eine solche linke Radikalität hat die Geschichte eine Reihe von Maßstäben entwickelt. Der erste Maßstab ist der der Präferenz von demokratischen und friedlichen Methoden. Der Bruch der Bolschewiki mit sozialistischer Politik war nicht der bewaffnete Putsch im Oktober 1917, der nur wenige Opfer verlangte, die Agonie der Provisorischen Regierung beendete und sich auf eine linke Mehrheit in den frei gewählten Räten stützte, sondern die Auflösung der Verfassungsgebenden Versammlung Rußlands mit polizeilichen Mitteln im Januar 1918. Dies beendete auch die Ära der demokratischen Räte, denn auch diese wurden von da an nicht mehr frei gewählt. Das Verbot von politischen Parteien, selbst jenen, die den Oktoberaufstand mitgetragen hatten, folgte fast unmittelbar. Damit wurden die Möglichkeiten einer friedlichen, legalen Austragung der inneren Konflikte beseitigt, so daß nur der offene Bürgerkrieg oder aber die Unterordnung unter die Diktatur der Bolschewiki als Alternative blieben. Dieser Konflikt kostete zehn Millionen Menschenleben.

Das Attentat auf Lenin durch linke Sozialrevolutionäre war die zwangsläufige Folge der Unterdrückung demokratischer Ausdrucksformen – war versuchter Tyrannenmord. Und Tyrannenmord ist der einzige Mord, der vom Standpunkt der Demokratie legitim ist, da es der Tyrann ist, der sich zum Herren über Leben und Tod erklärt und über das Leben anderer außerhalb von rechtsstaatlichen Bedingungen verfügt. Gleichzeitig entzieht er jedem anderen die Möglichkeit, dem Menschen, der der Tyrann auch ist, gewaltlos die Macht, andere zu töten, zu nehmen. Nur der Tod beendet die Herrschaft von Tyrannen. Die Präambel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948 beginnt deshalb mit den klaren Worten: »Da die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet, da Verkennung und Mißachtung der Menschenrechte zu Akten der Barbarei führten, die das Gewissen der Menschheit tief verletzt haben, und da die Schaffung einer Welt, in der den Menschen, frei von Furcht und Not, Rede und Glaubensfreiheit zuteil wird, als das höchste Bestreben der Menschheit verkündet worden ist, da es wesentlich ist, die Menschenrechte durch die Herrschaft des Rechts zu schützen, damit der Mensch nicht zum Aufstand gegen Tyrannei und Unterdrückung als letztem Mittel gezwungen wird.«

Der zweite Maßstab eines radikalen sozialistischen Ansatzes ist die Gerichtetheit der gesellschaftlichen Transformation und die Unteilbarkeit der Menschenrechte. Es ist klar, daß jede Veränderung einer Gesellschaft immer von den gegebenen Bedingungen ausgeht und die Verhältnisse, die der universellen Erfüllung der politischen, sozialen und kulturellen Menschenrechte entgegenstehen, nur schrittweise überwunden werden können. Es kann für erforderlich angesehen werden, nach revolutionären Umwälzungen, die einen Zustand der Tyrannei beendeten, zwei oder sogar vier Jahre vergehen zu lassen, bis die Bedingungen für freie Wahlen geschaffen sind. Wird dieser Zustand aber auf Dauer gestellt oder sogar zur Verfassungsnorm, nimmt eine Partei oder Parteiführung für sich außerdemokratisch die Führung in Anspruch, wird sie illegitim. Es gab in der Linken immer eine Strömung, die um der Erreichung sozialer Ziele (Herstellung einer bestimmten Eigentumsordnung, Durchsetzung sozialer Gleichheit, Umverteilung nach unten) bereit war, die politische Freiheit einzuschränken oder ganz zu unterdrücken. Dies ist die Tendenz zu einem sozial orientierten Autoritarismus, die in eine sich sozial legitimierende Diktatur übergehen kann und historisch auch übergegangen ist. Und diese Diktatur ist dann wiederum unter bestimmten Bedingungen in eine totalitäre Herrschaft umgeschlagen, die die Menschenvernichtung im Namen des Sozialismus einschloß.

Demokratischer Sozialismus, und in dieser Frage ist er tatsächlich gleich weit von einer liberalen Demokratie wie einem sozial orientierten Autoritarismus entfernt, strebt an, zugleich die Möglichkeiten, an demokratischen Entscheidungen teilzuhaben, zu erhöhen, wie solche Eigentumsverhältnisse zu schaffen, die die Produktion und gleiche Verteilung derjenigen Güter, die die Menschenrechtserfüllung erst ermöglichen, der Freiheitsgüter, an die erste Stelle zu setzen. Im Parteiprogramm der PDS heißt es dazu: »Alle Eigentumsformen – genossenschaftliche, kommunale, private, staatliche und andere –, die die natürlichen, sozialen und kulturellen Lebensgrundlagen entwickeln und den Zugang zu den Grundbedingungen menschlichen Lebens erleichtern, sollten gefördert, andere, die Lebensgrundlagen untergraben, vernichten und diesen Zugang erschweren oder verhindern, sollten zurückgedrängt und überwunden werden. Wir halten an der durch das Grundgesetz gegebenen Möglichkeit von Vergesellschaftung von Grund und Boden, Naturschätzen und Produktionsmitteln und ihrer Überführung in Gemeineigentum oder andere Formen der Gemeinwirtschaft fest und sind dafür, diese Möglichkeit umzusetzen, wenn dies nach Ansicht der Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger zu sozialer Gerechtigkeit und wirksamer Bereitstellung der sozialen Grundgüter beiträgt.«

Anders als viele Linke meinen, gibt es ein demokratisch wie sozialistisch begründetes Primat der politischen Menschenrechte. Solange die Bereitstellung jener Güter und Bedingungen, die die sozialen und kulturellen Menschenrechte sichern, durch ein undemokratisches System erfolgt, sind es keine Rechte, sondern vom Willen und den Interessen der Machthaber abhängige Gratifikationen und Zugeständnisse. Dieses Primat der politischen Rechte relativiert die sozialen und kulturellen Menschenrechte nicht, sondern macht sie erst zu unveräußerlichen Rechten, weil es die politischen Menschenrechte sind, deren Wahrung den demokratischen Kampf um eine menschenrechtskonforme Eigentumsordnung erst ermöglichen, erst sichern, daß man ohne Angst um Leib und Leben dafür eintreten kann, daß Eigentum wirklich sozial verpflichtet. Machtungleichheit beachten Die Linke ist nur links, wenn sie vom Standpunkt derer auf die Gesellschaft blickt, die durch die herrschenden Verhältnisse unterdrückt, ausgebeutet, ausgegrenzt und entwürdigt werden. Von einem solchen Standpunkt stellt sie ihre Forderungen vor allem an jene, die politischen, ökonomisch, geistig und militärisch in der Übermacht sind, kämpft für die Veränderung vor allem des Verhaltens dieser Kräfte bzw. für ihre Zurückdrängung und letztlich für die Überwindung dieser Übermacht. Dies betrifft auch das Verhältnis einer demokratisch-sozialistischen Linken zu Kuba. Die USA-Blockade, die auf die Verfügung der revolutionären Regierung Kubas über Eigentum auf Kuba (Verstaatlichung einer Reihe großer US-amerikanischer Wirtschaftsunternehmen und kubanischer Großgrundbesitzer) folgte, griff in das legitime Recht jedes Staates ein, die Eigentumsordnung entsprechend den eigenen Interessen zu gestalten. Über die Jahrzehnte ist daraus ein erklärter Krieg der USA mit militärischen, geheimdienstlichen, ökonomischen, politischen und kulturellen Mitteln geworden. Die Hauptkritik an den damit verbundenen Verletzungen staatlicher Rechte Kubas und der Menschenrechte der Kubaner muß deshalb die USA treffen. Aber es gibt ein anderes Machtungleichgewicht, das die Linke nicht nur deshalb ignorieren darf, weil es vom Standpunkt der weltpolitischen Zusammenhänge geringer zu sein scheint – das zwischen der Führung Kubas und der Bevölkerung und vor alle jenen, die abweichende Vorstellungen über die politische und Eigentumsordnung Kubas haben.

In den letzten Jahren wurden in Kuba eine Reihe von Gesetzen erlassen, die es u. a. verbieten,

– US- oder anderen ausländischen Medien Interviews zu geben, die Kritik an der wirtschaftlichen, sozialen oder politischen Ordnung üben,

– mit internationalen Menschenrechtsorganisationen zu kommunizieren,

– sich in Gruppen zu betätigen, die durch die kubanischen Autoritäten nicht anerkannt sind oder der konterrevolutionären Aktivität verdächtigt werden.

Dies alles sind Gesetze, wie wir sie aus der DDR, der Sowjetunion und anderen staatssozialistischen Ländern kennen. Da gibt es keinerlei grundlegenden Unterschied. Nun ist es zweifelsohne das Recht jedes Staates, sich ausländische Einmischung zu verbitten. Solange aber das Recht auf freie Meinungsäußerung, Versammlungs- und Vereinsfreiheit nicht gewährleistet ist, solange die Bürgerinnen und Bürger nicht selbst Ressourcen frei bereitstellen und nutzen können für die Wahrnahme dieser Rechte, solange im eigenen Land kein Rechtsstaat wacht über die Unverletzbarkeit dieser Rechte, führt die Unterdrückung jeder Außenkontakte nur dazu, daß das interne Machtungleichgewicht zugunsten der Regierung weiter erhöht wird, ihr Spielraum sich steigert für massive politische Verfolgung. Vom Standpunkt des Parteiprogramms der PDS kann einer solchen Politik der Name »sozialistisch« nicht gegeben werden.

Es handelt sich auch nicht um einzelne Menschenrechtsverletzungen, sondern um die dauerhafte strukturelle Außerkraftsetzung aller wesentlichen politischen Freiheitsrechte. In diesen Fällen, anders als bei sozialen Grundrechten, bedeutet die Einschränkung der Freiheitsrechte der Andersdenken das direkte Verbot zu freiem Denken jedes anderen Bürgers, jeder anderen Bürgerin überhaupt.

***

Was hätte Rosa gesagt? Drei mögliche Antworten habe ich genannt. Sie fordern uns auf, uns in den komplexen Widersprüchen unserer Zeit keine einfachen Antworten zu geben, uns nicht zu flüchten in die Bequemlichkeit der Anpassung an Stimmungen, den Urgrund des Sozialismus, Freiheit und Gleichheit jeder und jedes einzelnen, die Solidarität mit allen, die davon ausgeschlossen werden, nie zu vergessen. Für Rosa Luxemburg war der Kampf für den Sozialismus vor allem ein Kampf gegen die Barbarei. Sozialismus war für sie die notwendige Bedingung, um dem Untergang in die Barbarei zu entgehen. Niemals wäre es für sie hinnehmbar gewesen, selbst zu den Mitteln der Barbarei zu greifen. Rosa Luxemburg war Sozialistin, weil sie radikale Humanistin war. Dieser Bezug ist es, der sie über so viele andere ihrer sozialistischen Zeitgenossen stellt.


1 Rosa Luxemburg: Die Krise der Sozialdemokratie. In: Werke, Bd. IV, S. 63
2 Ebenda, S. 53
3 Rosa Luxemburg: Zur Russischen Revolution. In: Ebenda, S. 359
4 Ebenda, S. 355 f.
5 Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. In: MEW, Bd. 1, S. 385.
6 Rosa Luxemburg: Was will der Spartakusbund? ebenda, S. 445

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 Betreff des Beitrags: Re: Schauerlicher Artikel von Michael Brie
BeitragVerfasst: Do 29. Mär 2007, 14:13 
Literat

Beiträge: 2947
Zur Information: Michael Brie ist der geheime Chefideologe der PDS. Er besorgt ihr (mit seinem Brüderchen André) die Denkgeschäfte.

Daß ich diesen Artikel hier reinstelle, hat einen Grund. Es hat hier in letzter Zeit häufiger Diskussionen gegeben, in denen verschiedene Leute immer wieder mit abstrakten Idealen an die Wirklichkeit herangetreten sind, anstatt dieselbe dahingehend zu untersuchen, was in ihr notwendig ist. Dieser Artikel mag einen Ausblick geben, wohin solch ein Denken führt.

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 Betreff des Beitrags: Re: Schauerlicher Artikel von Michael Brie
BeitragVerfasst: Do 29. Mär 2007, 14:14 
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Beiträge: 384
Hier die Antwort von Uwe-Jens Heuer in der JW:

Worum geht es?
Krieg und Imperialismus oder der Sozialismus auf Kuba. Eine Antwort auf Michael Brie
Von Uwe-Jens Heuer

Zitat:
* In der Dienstagsausgabe haben wir die Position von Michael Brie, des stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Leiter ihres Bereiches Politikanalyse, zur Debatte um Kuba, die Linkspartei und die Menschenrechte vorgestellt. Im Vorfeld des Parteitags Ende April, auf dem dieses Thema nochmals diskutiert werden wird, antwortet heute Uwe-Jens Heuer vom Marxistischen Forum. In seiner Erwiderung bezieht er sich auf einige Luxemburg-Zitate in Michael Bries Text, die im gestrigen Abdruck keinen Platz gefunden haben.

Michael Brie geht in seinem Artikel »Was hätte Rosa gesagt?« von zwei Widersprüchen aus: Erstens gebe es einen Widerspruch innerhalb des Finanzmarkt-Kapitalismus zwischen imperialem Neoliberalismus und sozialliberalen oder sozialdemokratischen, an demokratischen Grundnormen orientierten Kräften. Zweitens bestünde innerhalb der Linken die Gefahr eine Wiederholung der alten Schismen, die eine »Einleitung der Strategie der Transformation, die über den Finanzmarkt-Kapitalismus hinaus führt«, unmöglich macht. Michael Brie interessiert hier nur der zweite Widerspruch. Als Kronzeugin für den erfolgten oder angestrebten Sieg des »demokratischen Sozialismus«wird von ihm Rosa Luxemburg aufgerufen. Belegen sollen das knapp zehn Zitate, deren erstes zur Überschrift des ersten Teils wird, allerdings reichlich nichtssagend ist: »Wir sind nicht verloren, und wir werden siegen, wenn wir zu lernen nicht verlernt haben«(LuW 4/63).Was wir lernen sollen, ist »Selbstkritik, rücksichtslose, grausame, bis auf den Grund der Dinge gehende Selbstkritik« (LuW 4/S. 53). Wessen Selbstkritik ist hier gemeint? Ein halbes Jahr später hatte Rosa Luxemburg die »weltgeschichtliche Katastrophe«geschildert in Gestalt der »Kapitulation der internationalen Sozialdemokratie«, vor allem der deutschen Partei, ihrem stärksten Vortrupp und denkenden Hirn (4/53–55, veröff. Anfang 1916). Lernen müßten aus der gewaltigen Niederlage die Führer, aber auch die ganze Partei, das Proletariat. Für Rosa Luxemburg ging es »um Sozialismus oder Imperialismus« (4/20) in einer welthistorischen Auseinandersetzung.

Freunde und Gegner

Eine solche Auseinandersetzung gibt es auch heute, aber sie interessiert Michael Brie hier nicht. Wer soll also nach seiner Ansicht Selbstkritik üben und wofür? Er schreibt: »Eine solche Selbstkritik hat zwei Bedingungen: erstens die Achtung der Würde, der persönlichen Integrität des Anderen, der Anderen, und zweitens der Schutz der ðAndersdenkenden und -fühlenden in den eigenen ReihenÐ (Rosa Luxemburg: Gegen den Franktireurkrieg. In: Werke, Bd. 4, S. 7.). Werden die Andersdenkenden ausgeschlossen durch Diffamierung und Denunziation – die wichtigsten Formen sind einerseits die Unterstellung schlechter Motive oder die Zuordnung zum ðFeindÐ als dem absolut Bösen, werden ihre Rechte auf die eigenständige, autonome Vertretung ihrer Meinung und die dazu notwendigen Rechte auf Organisation zum Zwecke der Meinungsbildung (Fraktionsverbot) nicht geachtet, ist Anders-Denken nicht möglich.« (Warum eigentlich Feind in Anführungsstrichen, gibt es denn heute keine Feinde?). Rosa Luxemburg kritisierte einen »Franktireurkrieg« gegen die französischen, belgischen und andere Genossen wegen ihrer Haltung. Welche ausländischen Genossen könnten nun heute gemeint sein? Vielleicht die Kubaner? Weit gefehlt.

Michael Brie zitiert »Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden« (LuW 4/359). Bei Rosa Luxemburg ging es um Kriegskredite, um die Auslieferung der Sozialdemokratie an den deutschen Imperialismus. Und worum geht es Michael Brie? Schließlich haben wir heute wiederum Imperialismus in neuer Form, haben wir Krieg und zwar einen Krieg, dessen Ende nach Auffassung seiner Urheber nicht abzusehen ist. Das ist aber nicht sein Problem. Vielmehr führt er aus: »Staaten, die diese politische Demokratie beseitigen, indem sie öffentliche Dissidenz dauerhaft unterdrücken, haben sich wie schon Lenin und Trotzki ðfür die Diktatur einer Handvoll PersonenÐ entschieden. Für Rosa Luxemburg ist dies trotz ihrer Sympathie mit den sozialen Zielen der Bolschewiki eine ðbürgerliche DiktaturÐ. Sie schrieb in ihrer Gefängniszelle: Bürgerliche Demokratie und diese Art von Diktatur seien ðzwei Gegenpole, beide gleich weit entfernt von der wirklichen sozialistischen PolitikÐ.« (Ebenda, S. 362)

Aber dieser Ausflug in die Geschichte ist nur Mittel zum Zweck. Der eigentliche Schlag gilt dem heutigen Kuba. Kuba sei kein sozialistischer Staat. Das mag weh tun. Dieser Satz ist immer sehr beliebt bei Leuten, die anderen weh tun. Man meint nicht eigene Schmerzen, sondern die anderer, denen man nicht weh tun möchte, aber es muß doch, zum größten Leidwesen, sein. Gegen Kuba müßte der Ansatz eines demokratischen Sozialismus verteidigt werden. Nun wüßte ich nicht, was die Kubaner gegen diesen »sozialistischen Ansatz« haben. sollten. Sie könnten höchstens das sagen, was damals Lenin den Deutschen gesagt hat: Wir haben es schwer, wir machen Fehler, aber ihr macht im Augenblick noch überhaupt nichts. Mit Kuba sei engste Kooperation angesagt »wo unsere praktischen Ziele übereinstimmen, aber bei klarer Betonung der Differenzen darüber, was Sozialismus ist und wie mit politischen Widersprüchen umzugehen ist«. Immer noch wundert sich der Leser, was eigentlich die Kritik an Kuba mit Rosa Luxemburgs Kampf gegen die Bewilligung von Kriegskrediten zu tun hat.

Das erfährt er nun im nächsten Punkt der Auseinandersetzung, in dem vom Verhältnis zum Parteiprogramm die Rede ist. Für Rosa Luxemburg sei das Programm der jeweiligen Organisation das wesentliche Kriterium politischer Entscheidungen. Sie schreibe: »Keine Gruppe von hundert Genossen« und sei es eine parlamentarische Fraktion, habe »in einer demokratischen Partei wie der Sozialdemokratie die Befugnis, den einzelnen zum Verrat an der Partei zu zwingen.«(LuW 4/16). Rosa Luxemburg spricht hier, der Leser wird es schon ahnen, von der Bewilligung der Kriegskredite durch die SPD-Fraktion. Dabei geht es ihr vor allem um die Millionen Parteimitglieder, die sich unter den Bedingungen des Belagerungszustandes nicht gegen die 110 Reichstagsabgeordneten durchsetzen können (LuW 4/17).


Kämpfer für welches Programm

Wer sind nun aber heute die Kämpfer für das Programm, die gegen einen verräterischen Parteivorstand zu unterstützen sind? Die Katze wird immer noch nicht aus dem Sack gelassen, aber es kann sich nur um André Brie, Helmuth Markow und Gabi Zimmer handeln, die drei Europaabgeordneten, die jetzt heldenhaft gegen einen sie unterdrückenden Parteivorstand kämpfen. Es geht um die Zustimmung dieser Abgeordneten und die Stimmenthaltung weiterer zwei Abgeordneter bei einer Resolution im Europäischen Parlament am 2. Februar. In der Resolution wurde verlangt, daß »Rat und Kommission (der EU) weiterhin alle erforderlichen Maßnahmen ... ergreifen, um Freilassung der politischen Häftlinge und die sofortige Beendigung der Schikanen« zu erreichen. Weder zu den positiven Leistungen Kubas noch zu dem ungeheuren Druck, unter dem es steht, wurde ein Wort gesagt. Die vom Parteivorstand gerügte Zustimmung zu dieser Resolution wird nun im Namen des Parteiprogramms für recht befunden und auf Rosa Luxemburgische Höhen befördert. Der Bundesvorstand der Linkspartei hatte am 27. Februar erklärt »Die Zustimmung zur Resolution entspricht nicht der Position der Linkspartei.PDS«. Auf diese doch sehr zurückhaltende Distanzierung, die offenbar der Stimmung der »Massen« der Parteimitglieder und ihres Umfeldes entsprach, wurde von André Brie geantwortet, es ginge um die universelle Geltung der Menschenrechte. Dazu hätte sich der Parteivorstand 1998 eindeutig bekannt.. Jetzt wirke »Feigheit, die notwendige Auseinandersetzung zu führen« und differenziert zu urteilen. (taz vom 3.3.2006). Eine solche Differenzierung wäre aber doch wohl Sache des Europarlaments und unserer Abgeordneten gewesen. Michael Brie fordert jetzt mit Gabi Zimmer und anderen in einem Parteitagsantrag, »die Praxis der SED ... vollständig zu überwinden« (ND vom 23. März).

Im Programm der PDS heißt es zur universellen Geltung der Menschenrechte: »Die PDS tritt dafür ein, den universellen Menschenrechten durch die Stärkung und Achtung der internationalen Gerichtsbarkeit, durch den Dialog der Kulturen und Zivilisationen in allen Ländern Geltung zu verschaffen. Die Menschenrechte dürfen nicht als Vorwand für Militärinterventionen benutzt werden.« Zum Umgang mit der »Dritten Welt«, zu der ja Kuba gehört, ist von den »Profit- und Herrschaftsinteressen der international mächtigsten Teile des Kapitals« auf Kosten des »Südens« die Rede. »In den Ländern der kapitalistischen Peripherie werden die Regierenden zunehmend zu Ausführungsinstanzen für die Beschlüsse von Institutionen des internationalen Kapitals.« Man braucht nur hinzuzusetzen, daß Kuba sich diesem vollen Zugriff nach wie vor entzieht. Daraus leitet sich die Parteinahme des Europaparlaments ebenso ab wie unsere eigene, entgegengesetzte.


Sozialismus und Imperialismus

Für Michael Brie ist die eigentliche Sünde die uneingeschränkte Charakterisierung Kubas als sozialistisch. Tatsächlich hat der Bundesvorstand der Linkspartei zweimal vom sozialistischen Kuba gesprochen. Das stünde »im direkten Gegensatz zu Geist und Buchstaben des gültigen Parteiprogramms«. Wenn das Programm der PDS vom Staatssozialismus spricht, warum soll man bei Kuba nicht von einem sozialistischen Kuba reden? Michael Brie hatte selbst 2003 auf einer Konferenz von Rosa-Luxemburg-Stiftungen zum osteuropäischen Staatssozialismus auf sozialistische Seiten des »Staatsparteisozialismus« hingewiesen, vor allem auf ein hohes Maß gleicher Teilhabe an der Entwicklung.

Ziehen wir das Resümee dieses ersten Teils, so läuft er darauf hinaus, daß so wie damals Rosa Luxemburg gegen die Zustimmung der Sozialdemokratie zum Krieg auftrat, müßten jetzt André Brie und andere gegen die Unterstützung Kubas auftreten. Dieser Vergleich ist ungeheuerlich. Damals ging es um einen Weltkrieg, der insgesamt zehn Millionen Menschen das Leben raubte. Heute geht es, und das war ja der Anlaß der Resolution, um das Verbot der »Frauen in Weiß«, sich ihren Preis selbst abzuholen, und im weiteren Sinne um ungerechtfertigte Gefängnishaft. In Zeiten, wo der Imperialismus bereits den dritten völkerrechtswidrigen Krieg führt und der nächste Krieg gegen den Iran ganz offen vorbereitet wird, das Völkerrecht überhaupt nicht mehr interessiert, sondern nur noch technische Fragen stehen, ob man genug Kraft hat für zwei Kriege gleichzeitig, ob ein Angriff durch die USA selbst oder besser stellvertretend durch Israel erfolgen sollte, in solchen Zeiten sollte man vor allem von Rosa Luxemburg lernen, wer heute eine bedrohliche Kraft in der Welt ist. Aber davon ist überhaupt nicht die Rede, schließlich gibt ja ein demokratisches Finanzkapital, unter dem man dann durchaus mitregieren könnte, wenn man dazu nur zugelassen würde.

Nach der Erledigung dieses mühseligen Vorhabens wendet sich Michael Brie einer zweiten Auseinandersetzung unter der Überschrift »Radikal, nicht extrem« zu. Radikal sei, und hier beruft er sich auf Karl Marx, »die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst« (MEW 1/385). Anschließend wird Rosa Luxemburg aus dem von ihr entworfenen Programm der KPD zitiert, daß der Spartakusbund die Regierungsgewalt nur »durch den klaren, unzweideutigen Willen der großen Mehrheit der proletarischen Massen« übernehmen wird (LuW 4/450). Gleichzeitig habe sie sich indirekt »von den bolschewistischen Methoden« abgegrenzt. »Die proletarische Revolution bedarf für ihre Ziele keines Terrors, sie haßt und verabscheut den Meuchelmord« (LuW 4/443: »Menschenmord«). Michael Brie folgert: »Jeder praktische Beitrag« zur Beseitigung von Verhältnissen der Ausbeutung, Unterdrückung und Entmündigung »ist human und radikal zugleich. Dabei steht linke Politik im Wettbewerb, dies unter den gegebenen Möglichkeiten und mit den vorhandenen Kräften umfassender und vollständiger, in der Einheit der Durchsetzung der politischen, sozialen und kulturellen Menschenrechte zu tun«. Damit unterscheide sich, folgert er weiter, Radikalität von Extremismus, der »die Mittel, den Kampf gegen den Feind, die Durchsetzung einer anderen politischen und Eigentumsordnung, über das Recht von Menschen auf Leben und demokratische Selbstbestimmung stellt. ... Das System des Extremismus ist die Diktatur, ob rechts oder links, das System eines sozialistischen Radikalismus ist eine soziale Demokratie«.

Sozialismus ist durch soziale Demokratie ersetzt. An Stelle von Feinden gibt es nur Partner, mit denen man im Wettstreit steht. Rosa Luxemburg dagegen sprach immer wieder von der Feindschaft zum Imperialismus. »Er sei »als letzte Lebensphase und höchste Entfaltung der politischen Weltherrschaft des Kapitals ... der gemeinsame Todfeind des Proletariats aller Länder« (LuW 4/45).


Ehrenrettung des Sozialismus

Nach dem heutigen Maßstab Michael Bries wird nun die Geschichte der Jahre 1917 und 1918 in Rußland und Deutschland bewertet. Gibt es keine Feinde mehr, dann ist »die Präferenz der demokratischen und friedlichen Methoden« besiegelt. »Der Bruch mit sozialistischer Politik war nicht der bewaffnete Putsch vom Oktober 1917« – das Wort Revolution wird sorgfältig umschifft –, sondern »die Auflösung der Verfassungsgebenden Versammlung Rußlands mit polizeilichen Mitteln im Januar 1918.« Dies beendete die Ära der demokratischen Räte. Dem folgte fast unmittelbar das Verbot von politischen Parteien, selbst der erst verbündeten linken Sozialrevolutionäre.

Die Übernahme der Macht im Oktober hatte zwangsläufig die Auflösung der Konstituierenden Versammlung, die die neue Macht mehrheitlich ablehnte, zur Folge gehabt. Insgesamt hatten die Bolschewiki 24 Prozent der Stimmen erhalten, die Sozialrevolutionäre 40,4 Prozent, die Kadetten 4,7 Prozent und die Menschewiki 2,7 Prozent. Sowohl in Moskau wie in Petrograd hatten die Bolschewiki fast die Hälfte der Stimmen erlangt. Es gab keine militärische Unterstützung der Parteien der Februarrevolution. »Die Konstituierende Versammlung fand keine Verteidiger.«1

Aus der fast unblutigen Machtergreifung war bald die Errichtung der Macht einer einzigen Partei geworden. »Keine Partei, außer Lenins Bolschewiken, war darauf vorbereitet, dieser Verantwortung allein ins Auge zu blicken«, schrieb Eric Hobsbawm2. »Daß es besser gewesen wäre, wenn ein demokratisches Rußland aus der Revolution hervorgegangen wäre, ist etwas, worin die meisten Menschen übereinstimmen würden. Aber es ist eine Aussage über unsere politische Ideen und nicht über die Geschichte«, schrieb er an anderer Stelle.3 Es gibt eben in der Geschichte niemals beliebig viele reale Alternativen und wir können nicht den damaligen realen Alternativen eine Wunschlösung aus heutiger Sicht an die Seite stellen. Rosa Luxemburg hatte sich entschieden gegen die Auflösung der Konstituierenden Versammlung gewandt (LuW 4/353-355). Aber das war zum einen keineswegs ein Gesamturteil über die Bolschewiki. Dies lautete, bei aller Kritik: »Was eine Partei in geschichtlicher Stunde an Mut, Tatkraft, revolutionärem Weitblick und Konsequenz aufzubringen vermag, das haben die Lenin, Trotzki und Genossen vollauf geleistet. ... Ihr Oktoberaufstand war nicht nur eine tatsächliche Rettung für die russische Revolution, sondern auch eine Ehrenrettung des internationalen Sozialismus« (LuW 4/341).

Zum anderen erwähnt Michael Brie auch mit keinem Wort die sich aus neuen Erfahrungen ergebende veränderte politische Haltung Rosa Luxemburgs nach ihrer Entlassung aus der »Schutzhaft«am 8. November 1918. Die »unabhängigen Sozialdemokraten« wollten der Revolution den Bürgerkrieg ersparen. Verschiedenste Klassen sollen – schrieb sie voller Ironie am 20. November – mit einander diskutieren und dann abstimmen. »Wenn dann die Kapitalistenklasse sieht, daß sie in der Minderheit ist, erklärt sie als wohldisziplinierte parlamentarische Partei ...: Wohlan, wir fügen uns und übergeben unsere gesamten Ländereien, Fabriken, Bergwerke, alle unsere feuersicheren Kassen und schönen Profite den Arbeitern«. Die Nationalversammlung sei »ein überlebtes Erbstück bürgerlicher Revolution« (LuW 4/ 407-409). »Für oder gegen den Sozialismus, gegen oder für die Nationalversammlung, ein Drittes gibt es nicht!« schrieb sie am 29. November (LuW 4/427). Die Nationalversammlung, die ja nichts anderes war als die deutsche Konstituante, war inzwischen zur Losung aller Gegner der Revolution geworden, selbst Hindenburg forderte sie am 8. Dezember.

Zulässiger Meuchelmord?

Der letzte und ich muß sagen, erschreckende Punkt ist der Positionswechsel Michael Bries zum Meuchelmord, wenn es denn nicht um Bürgerliche, sondern um Lenin geht. Er hatte das Verbot der linken Sozialrevolutionäre bemängelt. Was war dem vorausgegangen? »Im Frühsommer hatte der beginnende Getreidekrieg dem Unmut der einstigen Partner über den Brester Frieden weitere Nahrung gegeben«. Darauf suchte diese Partei »beim alten Konzept des individuellen Terrors Zuflucht. Der Schuß, der den deutschen Botschafter Graf Mirbach am 6. Juli tötete, sollte den schändlichen Pakt mit dem Reich annullieren und die eigene Regierung zu einem Kurswechsel (also zur Fortsetzung des Krieges) zwingen« (Hildermeier a.a.O. S. 150).

Zu dieser Zeit waren Krieg und Bürgerkrieg im vollen Gange. Englische, französische und amerikanische Truppen waren in Murmansk gelandet. Im Mai leitete ein tschechoslowakisches Korps die Konterrevolution in Sibirien ein. Die deutschen Truppen gingen an die Besetzung des Westens des Landes einschließlich der Ukraine. Der Versuch der linken Sozialrevolutionäre, auch den Krieg mit Deutschland zu provozieren, mußte ihr Verbot auslösen. Die Idee, daß damit die »Möglichkeiten einer friedlichen, legalen Austragung der inneren Konflikte beseitigt wurden«, ist nur bei totaler historischer Unwissenheit vermittelbar.

Und jetzt kommt der erschreckende Höhepunkt. Der »bolschewistische« Meuchelmord wird gerechtfertigt, wenn es um den Mordanschlag auf Lenin am 30. August durch die linke Sozialrevolutionärin Fanny Kaplan geht. Dieser Mordanschlag »war die zwangsläufige Folge der Unterdrückung demokratischer Ausdrucksformen – war versuchter Tyrannennord. Und Tyrannenmord ist der einzige Mord, der vom Standpunkt der Demokratie legitim ist, da es der Tyrann ist, der sich zum Herren über Leben und Tod erklärt und über das Leben anderer außerhalb von rechtsstaatlichen Bedingungen verfügt«.

Hatte Michael Brie im ersten Teil die Vergangenheit bemüht, um in gegenwärtigen Auseinandersetzungen Partei zu ergreifen, so wird im zweiten Teil direkt im damaligen Kampf Partei genommen bis hin zur Rechtfertigung des Mordanschlags auf Lenin, und der Briesche »demokratische Sozialismus« für die damaligen Auseinandersetzungen als Lösung empfohlen, wieder allerdings, ohne die damalige Situation zu analysieren.

Knapp zehn Zitate ohne historischen Hintergrund können die Wahrheit Rosa Luxemburgs nicht wiedergeben. Die Kronzeugin hat sich als Kommunistin erwiesen. Die Strafe war Meuchelmord. Auch ich weiß, daß es niemandem möglich ist, erst recht nicht in einem Artikel, die ganze Wahrheit zu schreiben, aber eine solche Aphorismensammlung ist schlimmer als gar nichts. Dafür berufe ich mich mit Rosa Luxemburg auf Gotthold Ephraim Lessing: Es sei Pflicht, »wenn man Wahrheit lehren will, sie ganz, oder gar nicht zu lehren; ...ohne Mißtrauen in ihre Kraft und Nützlichkeit ... .Denn je größer der Irrtum, desto kürzer und gerader der Weg zur Wahrheit; dahingegen der verfeinerte Irrtum uns auf ewig von der Wahrheit entfernt halten kann« (LuW 4/501).
1) M. Hildermeier, Geschichte der Sowjetunion 1917-1991, München 1998 S. 130-132

2) E. Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme, München-Wien, 1995, S. 87

3) E. Hobsbawm, Wieviel Geschichte braucht die Zukunft, München-Wien 1998, S. 313 f.


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 Betreff des Beitrags: Re: Schauerlicher Artikel von Michael Brie
BeitragVerfasst: Do 29. Mär 2007, 14:14 
Administrator
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Beiträge: 4023
Von allen Revolutionären winkt dem erfolglosen der größte Ruhm, die Hitliste der T-Shirt-Kommunisten führt keinen Lebenden.

Na da wissen wir ja, wer ein erfolgreicher Revolutionär war. Ich hab ihn auf dem T-Shirt.

Aber zu Rosa: Ich hab jetzt wieder mal eine DKP-Fahne gesehen, ganz groß (Wer hat den Längsten?) mit Rosa drauf. Mir scheint, die Frau ist eine Alibifigur für alle, die sich gerne als ach so revolutionär sehen aber zu feige sind, richtiger Revolutionär zu sein. Rosa kann man noch mit Marx abbilden, im Januar 1919 gabs noch keinen Stalin oder Thälmann, und auch Lenin steckte noch mitten im Aufbau der Sowjetunion. Und mit Rosa kann man alles begründen, sogar den "Tyrannenmord an Lenin" (Brie).

Zumindest Gysi, Bisky & B&B brauchen nicht befürchten von den raktionären Kräften ermordet zu werden. Sie sind selber reaktionär genug.

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Der Marxismus ist allmächtig – weil er wahr ist. (E.C.)

“Die Stellung zum Vermächtnis Willi Dickhuts ist der Prüfstein für den Kampf zwischen proletarischer und kleinbürgerlicher Denkweise!” (RF/MLPD)


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 Betreff des Beitrags: Re: Schauerlicher Artikel von Michael Brie
BeitragVerfasst: Do 29. Mär 2007, 14:16 
Literat

Beiträge: 2947
Das Problem ist, daß es eigentlich doch nicht geht. Rosa Luxemburg hat einen gewaltigen Feldzug gegen Bernstein geführt. Brie und die Seinen könnten sich nicht auf sie berufen, würden sie Rosa Luxemburg vollständig zur Kenntnis nehmen. Aber sie nehmen sie nur in Auszügen wahr. Auf Bernstein könnten sie sich berufen, ohne irgendwas von dem zu ignorieren. Nur wäre, fiele der Name Bernstein, die Katze ja aus dem Sack. Fairerweise muß man ihnen zugestehen, daß ihnen der Name Bernstein nicht tabu ist. So ehrlich sind sie immerhin.
Rosa Luxemburg ist zum Verfälschen gut geeignet, weil (wie du richtig schreibst) sie in einer historisch noch weitgehend unentschiedenen Phase die Weltbühne verlassen hat. In den Zwanziger Jahren hätte sie sich entscheiden müssen, auf wessen Seite sie steht. Darüberhinaus enthält ihre Theorie - neben vielen klugen - auch viele unreife Gedanken. Ihre Überlegungen enthalten mitunter wichtige Gedanken, die Ergänzungen zu denen Lenins sind, aber einige Theoreme (insbesondere ihre Vorstellung vom Akkumulationsprozes in ihrer Imperialismustheorie und ihre Auffassung zu politischen Organisationsfragen, d.h. ihre abstrakte Forderung nach Demokratisierung - beides von Lenin zurecht kritisiert) sind ziemlich unbrauchbar für die Revolution und ziemlich brauchbar für Leute wie Brie.

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Der Hunsch wars!


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