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Diskussionen über sozialistische Geschichte, Gegenwart und Zukunft
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 Betreff des Beitrags: Re: Leistung, Gleichheit, Moralin
BeitragVerfasst: Mo 8. Sep 2008, 19:50 
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Beiträge: 104
Ben hat geschrieben:
Eine Frage, Marc, was hältst du von Zensur?


Zensur im Sinne von Informationskontrolle ist natürlich erst einmal ein negativ besetzter Begriff und steht ja allgemein im Gegensatz zur sogenannten "Meinungsfreiheit". Auch hier, und auch wenn das wieder sehr plump klingt, sollte man zunächst die Klassenfrage stellen. Offiziell und per Grundgesetz gibt es bekanntlich in der BRD keine Zensur. Aber natürlich, da alle Medien in den Händen des Klassenfeinds sind, bedarf es der direkten Zensur auch nicht.

Zensur im Sozialismus sollte meines Erachtens dort einsetzen, wo "Meinungsfreiheit" missbraucht werden soll, um Unwahrheiten zu verbreiten. Und muss scharf abgegrenzt werden von einer Unterdrückung berechtigter Kritik.

Ben hat geschrieben:
3. Was, und das ist ein weiterer Knackpunkt, wenn sich der Klassenfeind nicht als Klassenfeind zu erkennen gibt und als Erneuerer des Sozialismus auftritt? Die haben nicht geschrien "Wir sind der Klassenfeind", die haben tatsächlich gedacht, sie könnten den Sozialismus durch Abschaffung verbessern.


Machen wir uns erstmal nichts vor: Der Sozialismus in der DDR hätte in den achtzigern dringend einer Erneuerung oder zumindest grundlegender Korrekturen bedurft. Was nun die sogenannten "Erneuerer" des Sozialismus betraf hatte ich zumindest für mich eine einfache Regel: Wer sich beim Klassenfeind und seinen Medien präsentiert ist mein Freund nicht.
Ben hat geschrieben:
2. Du weist nun schon wiederholt darauf hin, daß du, und nur du, weißt, wie es in einem Betrieb in der DDR zugegangen ist. Bitteschön, raus mit der Sprache: Wie wars denn so, das willst du doch mal niedergeschrieben haben.

Eigentlich habe ich wiederholt darauf hingewiesen, dass Du nicht weißt, wie es in Betrieben der DDR zugegangen ist. Und da ist nun keineswegs ein Vorwurf: Woher solltest du es auch wissen? Die Arbeiter schreiben in aller Regel keine Memoiren, und die Memoirenschreiber erwähnen Arbeiter höchstens mal am Rande. Dieses "Du, und nur Du weißt es" ist natürlich die passende Antwort. Aber wieder mal total daneben. Das wissen Millionen. Aber die meisten schreiben nunmal nicht in Foren und Blogs.

Wie's denn so war? Keine Ahnung. Ich kann für meinen Betrieb reden und für all die anderen auch nur mutmaßen. Ein Marc wie du ihn beschreibst hätte bei uns keine Chance gehabt. Wir waren Eisenbahner, und bevor irgendwo Sozialismus oder Kapitalismus auch nur erwähnt wurden kam das alltägliche gegenseitige Vertrauen, weil jeden Tag jede Gesundheit und jedes Leben von vielen anderen abhing.

Das allerdings schreibe ich dir gern mal auf.

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"Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und er muss es so nutzen, dass ihn später sinnlos vertane Jahre nicht qualvoll gereuen, die Schande einer unwürdigen nichtigen Vergangenheit ihn nicht bedrückt und dass er sterbend sagen kann: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich dem Herrlichsten auf der Welt - dem Kampf für die Befreiung der Menschheit - geweiht."

Nikolai Ostrowski


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 Betreff des Beitrags: Re: Leistung, Gleichheit, Moralin
BeitragVerfasst: Mo 8. Sep 2008, 20:32 
Salonbolschewist
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Beiträge: 1077
Ich wäre tatsächlich daran interessiert, deine Sicht auf das Verhältnis zwischen dem Verhalten und der politischen Bildung deiner Mitarbeiter und der politischen Linie des Landes zu erfahren. Der Zusammenhang mag mir nicht so recht einleuchten. Dazu kannst du dann gerne unter der etwas verwaisten Rubrik "Eigene Texte" die Diskussion eröffnen.

@ Erneuerung: Manche sagen, daß eben die "Erneuerungen" der revisionistisch unterwanderten Regierung ab Mitte der 70er der Ursprungsfehler war. Es ging also Erneuerer gegen Erneuerer, wenn man das unbedingt so sehen will. Aber dazu kann man ja Gossweiler lesen, er hat die Sache lange genug umfassend erforscht. Ich empfehle "Wider den Revisionismus", ein hervorragender Überblick über den Lauf ebensolcher Dinge.

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 Betreff des Beitrags: Re: Leistung, Gleichheit, Moralin
BeitragVerfasst: Mo 8. Sep 2008, 21:05 
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Beiträge: 104
@Erneuerung, so wie ich es meinte, betraf die Situation in den achtzigern. gewe hat es ein paarmal erwähnt; so ab Anfang bis Mitte der achtziger waren die Probleme eigentlich nicht mehr zu übersehen. Es knirschte mächtig im Getriebe, gerade bei uns bei der Bahn waren die grundlegenden Probleme nun wirklich offensichtlich. Auf die verständlichen Fragen "Warum ist das so, und was kann man dagegen tun" gab es nirgendwo eine vernünftige Antwort. Statt dessen war in allen Medien nur von weiteren großen Erfolgen bei der Entwicklung des Sozialismus die Rede.

Genossen in Leitungsfunktionen und im Parteiapparat störte das wenig, die waren weit weg von der Realität und wurden mit geschönten Berichten nur so gefüttert. Genossen im direkten Kontakt zu den tatsächlichen Verhältnissen gerieten in immer größere Konflikte.

Als dann Gorbatschow auf der Bühne erschien war er für so ziemlich jeden, der den Sozialismus ernst nahm, die große Hoffnung: Als erstes forderte er "Glasnost", und genau das forderten wir an der Basis doch auch! Schluss mit dem hohlen Geschwätz, Schluss mit der Schönfärberei und den Lügen! Offen die Fakten auf den Tisch, und offen geklärt, wie wir gemeinsam das Beste daraus machen.

Dass Gorbatschow ein ganz übler Verräter ist konnte damals niemand erkennen.

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"Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur einmal gegeben, und er muss es so nutzen, dass ihn später sinnlos vertane Jahre nicht qualvoll gereuen, die Schande einer unwürdigen nichtigen Vergangenheit ihn nicht bedrückt und dass er sterbend sagen kann: Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich dem Herrlichsten auf der Welt - dem Kampf für die Befreiung der Menschheit - geweiht."

Nikolai Ostrowski


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 Betreff des Beitrags: Re: Leistung, Gleichheit, Moralin
BeitragVerfasst: Di 9. Sep 2008, 07:25 
Literat

Beiträge: 2947
Ich hake mich mangels Zeit an dieser Stelle nur kurz ein, um eine Stelle, die ich für exemplarisch halte, herauszunehmen und zu kommentieren. Marc schreibt:

Zitat:
Mit Egoisten und Individualisten kann man keinen Sozialismus aufbauen.


Und das ist eben wieder eine Aussage, die höchst problematisch ist. Aus verschiedenen Gründen:

(1) Egoismus und Individualismus gibt es, wo es Menschen gibt. Die Aussage, man könne einen Sozialismus nur dort machen, wo die Menschen dieser Haltungen ledig sind, ist keine andere Aussage als die, daß man den Sozialismus überhaupt nicht machen kann. Hieraus folgt:

(2) daß man differenzieren muß zwischen Anspruch und Wirklichkeit, d.h. zwischen der Ideologie, mit der man die Menschen formen will, und dem von der Wirklichkeit her bestimmten Rahmen, durch den deutlich wird, in welche Richtung und bis zu welchem Grad man die Menschen formen kann. Natürlich muß man den Menschen beibringen, daß sie ihre persönlichen Interessen nicht rücksichtslos durchsetzen sollen; doch man vergesse nie, daß man ihnen die persönlichen Interessen nicht austreiben kann.

(3) Es ist nämlich unmöglich, den Menschen ihren Egoismus und ihren Individualismus auszutreiben. Beide Haltung sind berechtigt und dennoch zu differenzieren:

3a) Egoismus ist die natürlichste Haltung des Menschen; einfach die humane Form des Selbsterhaltungstriebs, den jedes Lebewesen (die Lemminge, wie immer, ausgenommen) besitzt. Jeder tut, was gut für ihn ist oder was er als gut für sich erachtet. Das ist vollkommen in der Ordnung, und daran gibt es nichts zu nörgeln. Worauf es ankommt - vielmehr als darauf, den Menschen das, was ihnen natürlich ist, auszutreiben -, das ist, die politischen Unternehmungen auf sie und ihre Eigenheiten einzurichten. Ein Sozialismus-Modell, das nur dann Erfolg hätte, wenn seine Menschen ihre persönlichen Interessen ablegten, hat verloren, noch ehe es begonnen wurde. Man muß den Sozialismus mit den Leuten machen, die da sind; andere wird man nicht bekommen. Worauf es also ankommt, das ist: Bedingungen zu schaffen, in denen sich das Interesse der einzelnen Menschen und das der Allgemeinheit nicht unversöhnlich gegenüberstehen, in denen sie vermittelt werden. Einen solchen Versuch hat es in der Tat in der DDR gegeben, und es war Walter Ulbricht, der genau das in den sechziger Jahren versucht und gefordert hat, wenngleich freilich anzumerken wäre, daß er ein bißchen leichtfertig von der Möglichkeit einer Übereinstimmung von persönlichen und allgemeinen Interessen gesprochen hat.

3b) Indiviualismus ist eine auf hohem zivilisatorischen Niveau ausgebildete Haltung, die nur bedingt mit dem Egoismus und der Selbsterhaltung zu tun hat. Sie steht nicht wie diese am Anfang der menschlichen Entwicklung, sondern an deren Ende. Sie wächst durch die Möglichkeiten, die die Gesellschaft dem Menschen bietet. Individualismus ist kein Übel, sondern das Ziel emanzipatorischer Bemühungen. Es war ja Marx selbst, der als einen der wichtigsten Gründe für den Kommunismus anführte, daß erst unter seinen Bedingungen die Individualität des Menschen voll ausgebildet werden kann. Auch wenn Marx die Möglichkeiten der Individualität im Fall der Zeit vor dem Kommunismus unter- und im Fall der Zeit des Kommunismus überschätzte, so bleibt doch zumindest bemerkenswert, daß in ihr ein Ziel des Kommunismus und einen erheblichen Grund für ihn sah.

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Der Hunsch wars!


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