Forum.stalinwerke.de - stalinforum.de

Diskussionen über sozialistische Geschichte, Gegenwart und Zukunft
Aktuelle Zeit: Di 27. Jun 2017, 03:45

Alle Zeiten sind UTC




Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 15 Beiträge ] 
Autor Nachricht
 Betreff des Beitrags: Robert Steigerwald in junge Welt
BeitragVerfasst: Mi 12. Dez 2007, 21:34 

Beiträge: 78
Ich will einfach mal eure Meinungen zu dem Artikel von Robert Steigerwald in der jungen Welt wissen.

Teil 1
Teil 2

_________________
Karl Marx:
Ein Element des Erfolges besitzen die Arbeiter: Ihre große Zahl


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Robert Steigerwald in junge Welt
BeitragVerfasst: Do 13. Dez 2007, 15:41 

Beiträge: 176
Hans Heinz Holz antwortet heute in der jW:

http://www.jungewelt.de/2007/12-13/009.php


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Robert Steigerwald in junge Welt
BeitragVerfasst: Fr 14. Dez 2007, 13:33 
Ehrenmitglied des gewe-Fanclub
Benutzeravatar

Beiträge: 353
Interessant. Dass das Thema so stark in der jungen Welt thematisiert wird, hätte ich nicht erwartet. Zeigt aber, dass die junge Welt nicht ganz unnütz ist.

Zitat:
Zum Schluß ein persönliches Wort: Daß Robert Steigerwald und ich jetzt das Alter von über 80 Jahren erleben können, verdanken wir der Roten Armee, die unter Führung des Generalissimus Josef Stalin den deutschen Faschismus besiegte. Hier darf die Emotion in die Argumentation eingehen!


Eine schöne Schlußaussage von Holz. :redstar164:

_________________
Eine gut geleitete Staatsregierung muß ein ebenso festgefügtes System haben wie ein philosophisches Lehrgebäude. Alle Maßnahmen müssen gut durchdacht sein, Finanzen, Politik und Heerwesen auf ein gemeinsames Ziel steuern.
Ein System kann aber nur aus einem Kopfe entspringen; also muß es aus dem des Herrschers hervorgehen.


Friedrich der Große


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Robert Steigerwald in junge Welt
BeitragVerfasst: Fr 11. Jan 2008, 13:34 

Beiträge: 79
und hier die antwort "wendejahr 1956?" von helmut dunkhase auf hhh.

http://www.jungewelt.de/2008/01-09/005.php


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Robert Steigerwald in junge Welt
BeitragVerfasst: Fr 11. Jan 2008, 15:57 
Literat

Beiträge: 2947
Ich persönlich finde in allen diesen Postionen - Gossweilers, Münders, Steigerwalds, Holzens und Dunkhase - vernünftige Argumente, in allen aber auch Stuß. Ich sage das nur, damit nicht der Eindruck entsteht, daß ich, wenn ich im folgenden eine Passage von Dunkhase kommentiere, ich teilte Gossweilers oder HHHs Position zur Gänze oder lehne Dunkhases Einwände zur Gänze ab.

Nun denn:

Zitat:
In der Revisionismusdebatte gibt es m. E. zwei bemerkenswerte blinde Flecken. Der erste betrifft das Ausblenden der DDR. Man erhält den Eindruck, Revisionismus hätte es nur in der Sowjetunion gegeben. Allenfalls wird ein Bruch (vom Guten zum Bösen) beim Übergang von Walter Ulbricht zu Erich Honecker diagnostiziert.


Niemand sagt, es hätte keinen Revisionismus in der DDR gegeben. In Wahrheit ist es doch vielmehr umgekehrt: Die meisten, die Chruschtschow kritisieren, tun das, was Dunkhase tut: Sie stopfen den dicken Ulbricht einfach mit unter Nikitas Mütze. Wie wenn dieser Riese unter die Hutkrempe dieses Zwergen paßte. Ich erinnere mich eben an Konrad Lorenz, der einmal berichtete, daß eine seiner Dohlen ihn überreden wollte, ihr in seine eigene Westentasche zu folgen ...

Zitat:
Doch die Ulbrichtsche Gesellschaftskonzeption ist in vielerlei Hinsicht mit der Chruschtschows kompatibel.


Ein Unsinnssatz. Chruschtschow hatte keine "Gesellschaftskonzeption". Er hat doch nun wirklich jeden Tag etwas anderes erzählt. Ich halte z.B. die These von Gossweiler, Chruschtschow sei ein Agent gewesen, für unhaltbar. Chruschtschow war, was er war: ein Idiot. Und ein solcher kann in verantworlicher Position mindestens ebenso gut ein Land zugrunde richten wie ein bezahlter Agent.

Zitat:
Die von Holz bei Chruschtschow kritisierte Zielstellung finden wir wörtlich auch bei Ulbricht, wenn dieser auf dem V. Parteitag (1958) als »ökonomische Hauptaufgabe« verkündete, daß die DDR bis 1961 »bei allen wichtigen Lebensmitteln und Konsumgütern den Pro-Kopf-Verbrauch der Gesamtbevölkerung in Westdeutschland« erreichen und übertreffen wird. (Die spätere Formel »Überholen ohne Einzuholen« war da etwas intelligenter.)


Was immer Holz da zusammengeschrieben hat, Dunkhase irrt.

Der verheerendste Fehler, den Chruschtschow begangen hat, ist diese Prognose: "Die USA haben den Höhepunkt der Nutzung ihrer Wirtschaftsmöglichkeiten der Nachkriegszeit überschritten, neue Märkte sind nicht zu erwarten. Also gibt es auch keine Perspektiven für ein weiteres beträchtliches Wachstum der Produktion." (1956, auf dem XX. Parteitag) Aus ihr nämlich folgte, daß der Sozialismus kein Produktivitätsproblem haben werde. Man konnte in Ruhe vor sich hin wirtschaften und abwarten, bis die nächste Krise die USA und den westlichen Imperialismus dahinraffen werde. Als diese Entwicklung dann ausblieb, war der Schock natürlich groß. Diese Illusion und die auf sie folgende Resignation haben sich schädlicher auf die Moral der Kommunisten ausgewirkt als der ganze restliche Schwachsinn zusammengenommen.

Wie anders dagegen Ulbricht, wenn er mit dem Siebenjahrplan (1959-1965) immerhin das Ziel verfolgte, die BRD wirtschaftlich einzuholen! Das war eine Kampfansage, gesprochen aus der Überzeugung heraus, daß der Sieg gegen den Imperialismus sich sicher nicht von selbst einstellen werde.

Zitat:
Auch in der DDR wurde dann die Konsumgüterindustrie auf eine Weise ausgeweitet – wofür es, wie in der UdSSR vermutlich auch, einen realen Zwang gab: hier vor allem die Konkurrenz zur BRD –, die den Maschinenbau überforderte und Disproportionen erzeugte.


Auch wieder so ein Unsinn. Natürlich wurde die „Konsumgüterindustrie“ ausgeweitet, denn das eben ist das Resultat wirtschaftlichen Wachstums. Es geht doch nicht darum, der Produktion von Produktionsmitteln den Vorrang einzuräumen, - diese Vorstellung ist, auch wenn sie dem Marxschen Reproduktionsschema zu entsprechen scheint, doch viel zu einfach gedacht -, sondern man muß eine vernünftige Proportion zwischen Akkumulation und Konsumtion finden. Ich zitiere hierzu Walter Florath:

Der entscheidende nichtantagonistische Widerspruch ist zweifellos der Widerspruch zwischen Akkumulation und Konsumtion - meiner Ansicht nach die Haupttriebkraft der ökonomischen Entwicklung. Die Akkumulation dient letztlich der künftigen Steigerung der individuellen sowie der gesellschaftlichen Konsumtion. Wird heute zuviel konsumiert und zu wenig investiert, wird die künftige Konsumtionssteigerung abgewürgt, wie das in den achtziger Jahren geschah. Wird zuviel investiert und stagniert die Konsumtion, so entsteht Desinteresse an der Produktionssteigerung und es droht Destabilisierung, wofür es Ende der sechziger Jahre Anzeichen gab.

Die Disportionen, von denen Dunkhase spricht und womit er vermutlich die Wirtschaftkrise zu Beginn der sechziger Jahre meint, hatten ihre Ursache vor allem in einem Arbeitskräftemangel, der durch die zwischen 150.000 und 250.000 Abwanderer pro Jahr immer größer wurde. Die Senkung der Akkumulationsrate 1960 und 1961 (auf 19,0 und 17,6%) war nicht die Ursache der Krise, sondern deren Folge. Selbst mit ihrer Senkung hatte man ein zurückgehendes Wirtschaftswachstum zu verzeichnen. Ohne die Senkung wäre das Wachstum sogar in den Minusbereich gesunken.

Zitat:
Das vom sowjetischen Ökonomen Jewsei G. Liberman (1897–1982) entwickelte Modell, unter dem Ministerpräsidenten Alexei N. Kossygin (1904–1980) 1965 als Reformen auf den Weg gebracht, hatte mit der Orientierung auf die Eigenverantwortung der Betriebe und den Gewinn als zentralen Leistungsmaßstab ähnliche Zielsetzungen wie das 1963 unter Ulbricht verkündete Neue Ökonomische System der Planung und Leitung (NÖS).


Und noch so eine Ungenauigkeit: Libermann hat nie geschrieben, Gewinn habe der „zentrale“ Leistungsmaßstab zu sein. Was er schrieb, das war, daß die Erfüllung des Bruttoproduktionsplanes nicht mehr der einzige Leistungsmaßstab der Betriebe sein sollte, sondern daß auch der Gewinn ein Kriterium sein muß. Es sollte in den Betrieben jeweils eine selbstständige Rechnungsführung eingeführt werden und damit eine Orientierung auf effektives und qualitätvolleres Produzieren erreicht werden (was in der DDR auch gelang). Es ging nicht nur – wie im traditionellen Planverständnis – darum, bestimmte Normen (also rein quantitative Vorgaben) zu erfüllen, sondern die Produkte hatten sich auch qualitativ zu bewähren. Davon, wie erfolgreich der Absatz dieser Produkte dann war, hing ab, wieviel Mittel der Betrieb zur weiteren Produktion hatte. Genau dieser Ansatz macht den Erfolg der DDR der sechziger Jahre aus.

Zitat:
Etwa zur gleichen Zeit, Anfang der 70er Jahre, wurden in beiden Ländern die Reformen mehr oder weniger wieder zurückgefahren. Auch scheint Ulbrichts »sozialistische Menschengemeinschaft« nicht so meilenweit von Chruschtschows Illusionen entfernt zu sein in seiner Verwischung noch vorhandener Klassenunterschiede und der Überschätzung des »tatsächlich erreichten Standes der Annäherung der Klassen und Schichten«, wie Kurt Hager (1912–1998) 1971 kritisierte.


Dunkhase kritisiert Holz hier zurecht. Allerdings nun insofern, als Ulbricht und Chruschtschow sich in dieser Frage wirklich näher sind, als Holz und Gossweiler behaupten. Aber ich finde an dieser Nähe nichts Anstößiges: Ulbrichts „sozialistische Menschengemeinschaft“ ist der Versuch, den Sozialismus ideologisch von der Fixierung und Beschränkung auf eine einzelne Klasse zu emanzipieren. Der Sozialismus ist eine neue Gesellschaft, die natürlich auch in sich Klassen besitzt, aber diese Klassenverhältnisse unterscheiden sich von den Klassenverhältnissen im Kapitalismus. Die Klassenverhältnisse des Sozialismus z.B. kennen keine Ausbeutungsverhältnisse mehr. Sie ergeben sich ganz einfach aus dem Nebeneinander verschiedener Systeme der Produktion. Niemand leugnet, daß auch das Spannungen zeugt, aber diese Art Spannungen ist anderer, mithin milderer Natur als der Widerspruch zwischen Lohnarbeit und Kapital.

Daß nicht einzusehen und das Proletariat weiterhin zu behandeln, als sei es noch eine unterdrückte Klasse, die sich kriegerisch gegen andere Klassen absondern muß, bedeutet: in der geistigen Entwicklung stehen zu bleiben. Kluge Köpfe haben daher das Selbstverständnis der sozialistischen Gesellschaft aus der sozialistischen Gesellschaft hergleitet und nicht aus einer Klasse, die zusammen mit ihrer Unterdrückerin, der Bourgeoisie untergegangen war.

_________________
Der Hunsch wars!


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Robert Steigerwald in junge Welt
BeitragVerfasst: Fr 11. Jan 2008, 17:45 
Möchtegernputschist
Benutzeravatar

Beiträge: 1624
passend sind auch die Artikel von K-online
http://kommunisten-online.de/Kommuniste ... htm#Haltet

sowie eine Reihe von Antworten, die kamen, nachdem Steigerwald auf beleidigte Leberwurst gespielt hat

http://kommunisten-online.de/Kommuniste ... tm#Genosse

_________________
Pole Pole Mzungu. Welcome to Tanzania, the land where dead cows are lying and dogs are flying. But be careful of the ju-wai-biems. Now let's search for some Schtonetools and after that let's go to Tohu-Wa-Bohu (also known as Mto-Wa-Mbu/Moskitotown)


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Robert Steigerwald in junge Welt
BeitragVerfasst: Fr 11. Jan 2008, 22:20 
Literat

Beiträge: 2947
Aber warum polemisiert Ackermann gegen die Kybernetik? Was soll dieser Mist? Ist das Jahr 2008 wirklich der geeignete Ort, die Kinderkrankheiten des Kommunismus wieder aufzuwärmen? Warum inthronisiert Ackermann nicht auch gleich wieder den Idioten Lyssenko?

_________________
Der Hunsch wars!


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Robert Steigerwald in junge Welt
BeitragVerfasst: Sa 26. Jan 2008, 18:06 

Beiträge: 78
In "Trotz Alledem" gibt es 2 Antworten auf Robert Steigerwald:
http://ta.kpdb.de/arc/ta0801/ta0801_03.html
http://ta.kpdb.de/arc/ta0801/ta0801_04.html

_________________
Karl Marx:
Ein Element des Erfolges besitzen die Arbeiter: Ihre große Zahl


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Robert Steigerwald in junge Welt
BeitragVerfasst: Di 29. Jan 2008, 22:32 

Beiträge: 132
Hallo, ich muß Numa recht geben, was die billige Polemik von Ackermann zur Kybernetik soll verstehe ich auch nicht. Man kann ja nicht Erkenntnisse einfach wegwerfen als gäbe es sie nicht. Seine Erklärung was Kybernetik sein soll trifft nicht den Kern. Thesen wie das der Mensch dabei nicht vor kam sind nachweißlich grundfalsch. Es wäre ja ok gewesen wenn er sagt ich habe davon keine Ahnung, ich kenn mich damit auch kaum aus (aber was ich laß reicht erstmal um zu sehen, dass das nicht Blödsinn ist). Es sieht so aus als hätte A. krampfhaft nach Fehlern gesucht bei R.Steigerwald


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Robert Steigerwald in junge Welt
BeitragVerfasst: Mi 30. Jan 2008, 15:53 
Möchtegernputschist
Benutzeravatar

Beiträge: 1624
wenn Ackermann verkrapmpft versucht hätter Fehler bei Steigerwald zu finden, wäre es klüger gewesen zu beweisen, dass Kybernetik in der Sowjetunion nicht wirklich verboten wurde und das der Lysenkoismus in seinem historischen Kontakt gesehen werden muss (allgemeiner Konflikt zwischen Genetikern und Biologen bis in die 30er Jahre hinein, Lysenkos Erfolg in der Landwirtschaft bei der Erschließung neuer landwirtschaftlich nutzbarerer Flächen und den Missbrauch der Genetik durch die Nazis)

_________________
Pole Pole Mzungu. Welcome to Tanzania, the land where dead cows are lying and dogs are flying. But be careful of the ju-wai-biems. Now let's search for some Schtonetools and after that let's go to Tohu-Wa-Bohu (also known as Mto-Wa-Mbu/Moskitotown)


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Robert Steigerwald in junge Welt
BeitragVerfasst: Mi 30. Jan 2008, 21:55 

Beiträge: 132
na dann hat er eben nochdazu schlampig gearbeitet, wie Du selbst zeigst. Ich hab jedenfalls den Eindruck gehabt, er hat geschut, fand dasn das Wort Kybernetik und hat gesucht was man daran kritiseren kann. es ist eh etwas lustig zu sagen, wie Stalin dazu stand, denn die Kybernetik hat sich in dieser zeit ja erst entwickelt... Wenn ich mir so ansehe was der Kybernetiker Kaus auch in anderen Feldern geschrieben hat, so kann es seinen Kof nicht durcheinander gemacht haben. Das von ihm mitherausgegebene Wörterbuch der Philosophie ist jedenfalls klasse.


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Robert Steigerwald in junge Welt
BeitragVerfasst: Mo 18. Feb 2008, 23:14 

Beiträge: 79
http://www.jungewelt.de/serien.php?id=497 eine übersicht und unter http://www.jungewelt.de/2008/02-19/003.php der aktuellste beitrag von HHH.

die beiträge insgesamt bringen wenig neues und kommen insgesamt über ein ausreichend nicht hinaus.

Zitat:
Es ist an der Zeit, die Perspektiven ins Auge zu fassen, die sich daraus ergeben. Dann ergibt es einen vorwärtsweisenden Sinn, aus den Leistungen und Verfehlungen der Sowjetgeschichte zu lernen – nicht indem man sie »beurteilt«, sondern sie aus der Bewegungsform objektiver Widersprüche begreift – das heißt »auf den Begriff bringt«.


und sowas soll ein normaler jW leser verstehen?


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Robert Steigerwald in junge Welt
BeitragVerfasst: Di 19. Feb 2008, 09:51 
Literat

Beiträge: 2947
Das Problem dieser Debatte ist, daß sie keine Höhepunkte hat. Auch die besseren Beiträge enthalten Stellen von eklatanter Schwäche. Holz hat die Fähigkeit, Kontinuitäten herauszuarbeiten, indem er alles Widersprechende ausblendet. So hat Dunkhase, wenn er auf solche Widersprüche hinweist, gegen Holz auch ein wenig Recht, obwohl er sonst nur dummes Zeug schreibt. Und Gossweilers Fixierung auf Chruschtschow ist doch kaum anderes als Altersstarrsinn und verhindert, daß er andere Seiten an der Sache entdeckt. Seine Aufzählung der Merkmale des Revisionismus sind nicht so gut und vollständig, wie er meint. Deswegen hat auch Steigerwald, der im ganzen unrecht hat, stellenweise in seiner Kritik gegen Gossweiler recht.

Aber der Tiefpunkt der Debatte ist zweifellos Gerhard Hanloser. Man lese:

Zitat:
Wo beginnt antirevolutionäre Politik?

[...]

läßt sich der Schnitt relativ präzise ziehen zwischen Lenin, der – nach Rosa Luxemburg – das Endziel der Verbreiterung staats-kommunistischer Vergesellschaftung nicht aus den Augen verlor, und Stalin, bei dem die Bewahrung der nationalen Integrität der Sowjetunion über allem anderen stand. Kein Wunder auch, daß ein bedeutender Denker und Kommunist wie Karl Korsch, der zum einzigen Kriterium der Gültigkeit und der revolutionären Wiederherstellung der Marxschen Theorie die Klassenkampfpraxis erhob, Mitte der 20er Jahre aus der Kommunistischen Internationale und der KPD ausgeschlossen wurde, als Stalin Ruhe an der außenpolitischen Front brauchte, um seinen »Sozialismus in einem Land« zu stabilisieren. Bedenkenswert, daß Amadeo Bordiga, der Gründer der KPI, bei seiner letzten Konfrontation mit Stalin in Moskau 1926 zur Verhinderung einer nur noch auf Moskau ausgerichteten Politik der Komintern vorschlug, daß alle kommunistischen Parteien der Welt zum Zeichen der internationalen Realität der Arbeiterbewegung die Sowjetunion gemeinsam regieren sollten.


Natürlich stand für Stalin die "Bewahrung der nationalen Integrität der Sowjetunion über allem anderen", denn das heißt in Deutsche übersetzt, daß die Existenz der Sowjetunion, ihre Behauptung im Kampf gegen die Länder des imperialistischen Systems das oberste Ziel seiner Politik war. Hanloser kritisiert also wirklich, daß ein Regierungschef eines Landes dem Überleben seines Landes oberste Priorität einräumt. Und so gesagt wird auch klar, warum er das nicht mit deutlichen Worten tut, sondern für dieses Ziel die für Marxisten zweifellos pejorative Phrase "Bewahrung der nationalen Integrität" verwendet. Drückte er den Sachverhalt in deutlichen Worten aus, träte ja der Schwachsinn klar zutage. Die Sicherung des eigenen Landes ist gleichbedeutend mit der Sicherung der revolutionären Ergebnisse. Was muß in einem Kopf vorgehen, der eine Politik, die diese Sicherung im Hauptzweck verfolgt, für revisionistisch hält? Wie tief muß man sinken, daß man auf den Gedanken kommen kann, es sei eine gute Idee, die Sowjetunion gemeinsam von den Parteien der KI regieren zu lassen?

Aber das Problem ist ja eigentlich ein anderes: Es ist ja kein Sinken des Denkniveaus, sondern ein von Anfang an vorhandener Fehler. Die sozialistischen Staaten sind entstanden aus der Arbeiterbewegung, und die war eben ihrem Wesen nach oppositionell, und diese Form des gesellschaftlichen Seins prägt Denken und Handeln der in ihm tätigen Subjekte genauso wie jede andere Form. Als die Vertreter der Arbeiterbewegung nach der Revolution die Regierungsverantwortung hatten, mußten sie natürlich umdenken. Und das hieß vor allem, den unzähligen ideologischen Ballast zu entfernen, dessen Zweck sich allein darin erschöpfte, unzufriedene Menschen zum Zweck der Revolution zu versammeln. Es galt, den plebejischen Unrat zu beseitigen, den Kommunismus-von-unten, und an dessen Stelle ein Bewußtsein zu setzen, in dem Macht nicht etwas Abartiges ist, sondern eine Möglichkeit, die Welt besser zu machen. Ausdruck dieser Entwicklung sind Lenins Schriften seit 1917 und auch Stalins Äußerungen, in denen er ja meist nicht schöpferisch ist, sondern im Grunde nur mit den Vorgaben Lenins operiert. Aber selbst Lenin konnte sich nicht ganz von dem plebejischen Quatsch freimachen. Staat und Revolution z.B. ist zugleich ein Ausdruck der Befreiung von als auch des weiteren Leidens an dieser Krankheit. Es ist offenkundig, daß die Arbeiterbewegung dieses Problem nie ganz loswerden konnte und auch in Zukunft nie ganz loswerden wird.

Es gibt im Grunde zwei Sorten von Menschen, die sich Kommunisten nennen. Die eine Sorte lebt ganz im Reich der Wünsche, sie baut sich eine Welt, wie sie sein soll, und neigt dazu, der zuliebe die Welt, wie sie ist, vollständig zu ignorieren. Diese Sorte hätte lieber gar keinen Sozialismus als einen unvollkommenen, und da ein vollkommener Sozialismus nie zu kriegen ist, sind sie immer gegen den, der sich gerade durchsetzt. Die andere Sorte hat nicht weniger Wünsche als die erste, aber sie fragt im Gegensatz zur ersten danach, inwieweit und in welcher Form diese sich in der Wirklichkeit umsetzen lassen. Ein Veränderung gemäß ihrer Vorstellung, wie die Welt sein soll, gefällt ihr nur, wenn sie in der Welt, wie sie ist, vor sich geht.

Diese beiden Gruppen sind, man sieht es, Vetreter höchst unterschiedlicher, oft geradezu entgegengesetzer Haltungen. Es geht in der kommunistischen Szene zu wie bei Grimms: Die böse Schwiegermutter warf in einem Anfall von Willkür die guten und die schlechten Erbsen in eine Schale zusammen, und eine Trennung beider Erbsensorten ist für Aschenputtel eigentlich nicht möglich. Doch obgleich die Trennung nicht möglich ist, ist doch unübersehbar, daß diese beiden Gruppen im Grunde nichts miteinander zu tun haben: Gegensätzlich in Denken und Fühlen, gegensätzlich bald auch in den Taten. Der einzige Zustand, der diese gewaltigen Unterschiede eine zeitlang etwas zu verdecken vermag, das ist die gemeinsame Ablehnung des Imperialismus und der kapitalistischen Produktionsweise. Aber sobald es darum geht, aus diesem bloß negativen Gefühl einen positiven Gedanken zu machen, nicht bloß also zu sagen, daß es so nicht geht, sondern anzuzeigen, wie es besser geht, und spätestens wenn es darauf ankommt, diese bessere Wirklichkeit zu schaffen, gehen die Vertreter dieser verschiedenen Gruppen weit auseinander. Deswegen ist es so wichtig, über die Geschichte des Sozialismus zu diskutieren. Nicht weil die sich noch einmal auf dieselbe Weise wiederholen wird, sondern weil sie eine Projektionsfläche ist, an der man die unterschiedlichen Haltungen der verschiedener Subjekte deutlich machen kann. In der Betrachtung der Geschichte der DDR, Chinas oder der Sowjetunion erfahre ich mehr über die politische Haltung eines Menschen als in einer Diskussion über Hartz-IV oder die Gesundheitsreform.

_________________
Der Hunsch wars!


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Robert Steigerwald in junge Welt
BeitragVerfasst: Di 19. Feb 2008, 10:21 
Literat

Beiträge: 2947
Nasum hat geschrieben:
Zitat:
Es ist an der Zeit, die Perspektiven ins Auge zu fassen, die sich daraus ergeben. Dann ergibt es einen vorwärtsweisenden Sinn, aus den Leistungen und Verfehlungen der Sowjetgeschichte zu lernen – nicht indem man sie »beurteilt«, sondern sie aus der Bewegungsform objektiver Widersprüche begreift – das heißt »auf den Begriff bringt«.


und sowas soll ein normaler jW leser verstehen?


Was ist daran unverständlich? Holz sagt, was ich auch immer sage. Geschichtliche Ereignisse müssen nicht beurteilt, sondern in ihren Gründen verstanden werden. Widersprüchen soll man nicht aus dem Weg gehen, sondern man soll sie beschreiben. Wer sich nicht mit der Realität verbündet, nicht alle ihre Tücken auch geistig erfaßt, kann keine Politik machen, die sich in dieser Realität behaupten kann. Daran ist überhaupt nichts schwierig. Das einzige an Holzens Satz, das dem gewöhnlichen jW-Leser nicht sofort einsichtig sein dürfte, das ist die Behauptung, daß auf den Begriff bringen die Erfassung der Bewegungsformen von Widersprüchen bedeutet. Das hat er von Hegel, für den der Begriff des Begriffs eine bestimmte Bedeutung hat, nämlich nicht nur die immanente Beschaffenheit einer Sache zu bezeichnen, sondern auch die Beziehung zu anderen Dingen. Es geht darum, daß die Beziehungen einer Sache für den Begriff dieser Sache genauso wichtig sind wie ihre Beschaffenheit. Was ein Mann ist, versteht man immer erst, wenn man auch versteht, was eine Frau ist. Oder in einem Beispiel für Marxisten: Was eine Produktion ist, zeigt sich immer erst, wenn sich die Beziehung des Produktes zur Sphäre Konsumtion herstellt, d.h. wenn das Produkt vernichtet wird.

_________________
Der Hunsch wars!


Nach oben
 Profil  
 
 Betreff des Beitrags: Re: Robert Steigerwald in junge Welt
BeitragVerfasst: Di 19. Feb 2008, 15:13 
Literat

Beiträge: 2947
Ich habe Holzens Antwort jetzt gelesen, und die gefällt mir wirklich außerordentlich gut, viel besser als seine Antwort auf Steigerwald.

Ich gebe mal ein paar schöne Stellen:

Zitat:
Da wird zum Beispiel gesagt, der Aufbau des Sozialismus in einem Land nach der Oktoberrevolution sei eine Revision des Marxismus gewesen – sozusagen der Ursündenfall – und habe den ganzen realen Sozialismus zur Konterrevolution gemacht. Hätte etwa die Revolution wieder rückgängig gemacht werden sollen, als sie sich nicht zur Weltrevolution ausweitete, um das Land den Kerenskis oder gar den Zaren wieder auszuliefern?


Eigentlich eine Frage, auf die, so meint man, nur ein Natürlich nicht! folgen kann. Ob aber ein Gerhard Hanloser nur aus Verwirrung oder nicht doch in vollem Bewußtsein die Realisierung des Sozialismus gegenrevolutionär nennt, während der Verzicht auf diese Realisierung der Ausdruck wahrhaft revolutionärer Gesinnung ist, darf wohl als möglich betrachtet werden. Wieviel Antikommunismus im marxistischen Mäntelchen möglich ist, hat schon Trotzki 1932 bewiesen: „Die linke Opposition ... muß ... sagen: Der zweite Fünfjahrplan muß verschoben werden. Schluß mit der schreihälsigen Hasardspielerei! Rückzug? Ja, zeitweiliger Rückzug ... Der zeitweilige Rückzug ist notwendig in der Industrie sowohl, wie auch in der Landwirtschaft. Die letzte Linie für den Rückzug ist im voraus nicht zu bestimmen. Nur durch die Erfahrungen der allgemeinen wirtschaftlichen Wiederherstellung wird sie sich zeigen ... Der Rückzug ist vor allem auf dem Gebiete der Kollektivierung unvermeidlich."

Stalin wiederum sagt (1934): "Wir haben stets erklärt, daß die „Linken“ ganz dasselbe wie die Rechten sind".

Doch zurück zu Hans Heinz Holz. Wie er in einem Satz die gesamte weltanschauliche Grundlage jener linken Marxisten erodieren läßt, ist schon groß:

Zitat:
Daß eine einfache Vorstellung – zum Beispiel die der Revolution – in der Wirklichkeit nicht bei sich bleibt, sondern gemäß den materiellen Verhältnissen eine andere besondere Gestaltung erfährt, macht die geschichtliche Bewegung aus.


Eben das aber interessiert - so komisch es klingt - Leute wie Hanloser nicht. Sie wollen einen Sozialismus, wie sie ihn sich denken. Vollkommen und widerspruchsfrei. Und weil es einen solchen nicht geben kann, wollen sie lieber gar keinen als einen unvollkommenen.

Holz geht medias in res. Was passierte im Oktober 1917:

Zitat:
Ein Volk erhebt sich gegen Auspowerung, Unterdrückung, Kriegselend. Aufstände hatte es da schon ein Jahrhundert lang immer wieder gegeben, sie wurden von den Herrschenden niedergeschlagen.


Genau so muß man in eine historische Darstellung einsteigen. Denkt dran, steht da an die Adresse der Linken, was immer ihr an der Geschichte des Sozialismus kritisiert, diese entstand nicht aus einer Laune heraus, sondern sie war das Resultat vorausgegangener Entwicklungen, die eine Zuspitzung von Widersprüchen enthielten, die sich zu diesem Zeitpunkt nicht anders als so entladen konnten, wie es dann passierte.

Zitat:
Jetzt setzt sich eine organisierte Minderheit an die Spitze der Empörung.


Wunderbar auch das. Kein Rumdrucksen von Volkswillen, Merheitsmeinung u.ä. - Revolutionen werden nie von Mehrheiten gemacht, selbst wenn sie im Interesse der Mehrheit sind. Auch das ist so ein Beispiel dafür, daß man besser daran tut, einen Widerspruch deutlich auszusprechen als ihn durch einen Phrase zu verwischen.

Zitat:
Und (Lenin) zeigt das nächste Ziel: »In Rußland müssen wir jetzt den Aufbau des proletarischen sozialistischen Staates in Angriff nehmen«. Was daraus folgte, war nicht ein Irrweg, sondern die Konsequenz der materiellen Umstände und der in ihnen liegenden Widersprüche.


Gut, das mit dem proletarischen Staat ist natürlich Unsinn, aber doch letztlich nur eine Frage der Terminologie. Ob man nun den unsinnigen Begriff Diktatur des Proletariats oder den sinnvollen Begriff Sozialismus verwendet, man meint ja, wenn man kein Linker ist, letztlich dasselbe, das historische Phänomen nämlich.

Wichtiger aber ist der Hinweise auf die Widersprüche, denn es ist ein Merkmal von Linken, daß sie Widersprüchen gern aus den Weg gehen. Sie denken immerzu darüber nach, wie man einen widerspruchsfreien Sozialismus basteln kann, anstatt einzusehen, daß der Sozialismus selbst in seinem besten Zustand immer Widersprüche besitzen wird, und daß folglich der einzig richtige Weg in der Theorie der ist, diese Widersprüche in ihrem Wesen zu erfassen. Denn einen Widerpruch, den man nicht beseitigen kann, kann man vielleicht doch vermitteln, d.h. seiner schlimmsten Konsequenzen berauben. Um das aber zu können, muß man ihn erkannt haben.

_________________
Der Hunsch wars!


Nach oben
 Profil  
 
Beiträge der letzten Zeit anzeigen:  Sortiere nach  
Ein neues Thema erstellen Auf das Thema antworten  [ 15 Beiträge ] 

Alle Zeiten sind UTC


Du darfst keine neuen Themen in diesem Forum erstellen
Du darfst keine Antworten zu Themen in diesem Forum erstellen
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht ändern
Du darfst deine Beiträge in diesem Forum nicht löschen
Du darfst keine Dateianhänge in diesem Forum erstellen

Gehe zu:  
cron
Powered by phpBB © 2000, 2002, 2005, 2007 phpBB Group

Deutsche Übersetzung durch phpBB.de