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Diskussionen über sozialistische Geschichte, Gegenwart und Zukunft
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 Betreff des Beitrags: Sozialismusdefinition und Bequemlichkeit
BeitragVerfasst: Do 24. Mai 2007, 23:09 
Literat

Beiträge: 2947
Der Untergang des Sozialismus ...


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 Betreff des Beitrags: Re: Sozialismusdefinition und Bequemlichkeit
BeitragVerfasst: Mi 30. Mai 2007, 16:27 
Administrator
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Ich hatte das übrigens mal verbloggt, um es einem etwas größerem Leserkreis zugänglich zu machen. (Nicht das ich denke, ihr wüsstet das nicht eh schon.)

War die DDR sozialistisch?

Eine umstrittene Frage unter vor allem jungen Linken in Deutschland ist die Frage, ob die DDR (und die anderen Staaten des RGW) überhaupt oder später noch sozialistisch waren. Nicht unmaßgeblich beeinflußt hat die Antwort die MLPD, die bei der DDR von einem "Staatskapitalismus" spricht.

So schreibt Peter Borgwardt, Spitzenkandidat der MLPD zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2002, in einem Leserbrief vom 17. März 2002: "Zugleich musste die Arbeiterbewegung in den letzten Jahrzehnten die leidvolle Erfahrung machen, dass der Sozialismus in allen ehemals sozialistischen Ländern verraten und in einen bürokratischen Staatskapitalismus umgewandelt wurde. Das geschah in der Sowjetunion und in der DDR seit Mitte der 50 er Jahre, der Prozess hatte aber schon früher eingesetzt."

Aber auch die DKP, die derzeit größte kommunistische Partei in Deutschland, sprach von einem "Staatsmonopolistischen Kapitalismus". Im aktuellen Programm der DKP heißt es dagegen inzwischen klar: "Mit der DDR entstand auf deutschem Boden eine sozialistische Alternative zum deutschen Imperialismus. Die DDR, ihr konsequenter Antifaschismus, ihr Eintreten für Frieden, Entspannung und Abrüstung sowie die Verwirklichung elementarer sozialer Grundrechte gehören zu den größten Errungenschaften der deutschen Arbeiterbewegung und sind Teil des humanistischen Erbes in Deutschland."

Auf die Entschuldigungsorgien der PDS will ich nicht weiter eingehen, dafür aber auf zwei lesenswerte Texte zum Thema Sozialismus in der DDR hinweisen.

Der Brief von Kurt Gossweiler an einen Funktionär der MLPD von 1994 mit dem Titel "Zu den Positionen der MLPD", der speziell auf die MLPD-These vom "bürokratischen Kapitalismus" in der DDR eingeht und an Hand einfacher aber klarer Fakten die Unsinnigkeit dieser "Theorie" beweist.

Außerdem gibt es im Stalinwerke-Forum einen Artikel von Numa Pompilius: "Sozialismusdefinition und Bequemlichkeit". Numa geht an dieser Stelle, nach bereits längeren Diskussionen im Forum, auf die Frage ein, warum es für viele Linke heutzutage offensichtlich eine Frage der Bequemlichkeit ist, zu behaupten, die DDR wäre nicht sozialistisch gewesen.

Beide Texte sind eine gute und wichtige Grundlage zum Verständnis. Denn trotz der Probleme, die es in der DDR und in anderen Staaten des RGW gab, ist eines Fakt: Es handelte sich um Sozialismus.

Enden möchte ich mit den Worten der Genossen der FDJ in einem Text zu DDR: <em>"Wir wollen nicht länger reden von einem Staat ohne Fehler, den es sowieso nicht geben kann. Ja, selbst wenn diese DDR noch schlimmer war, als uns das Fernsehen jeden Tag vorlügt: Ja, wir wollen diesen winzigen Anfang! Diesen Sack Probleme und Fehler der DDR, den wollen wir auch. Denn wir haben große Lust, uns zu versuchen an diesen Aufgaben! Weil es in einer fehlerhaften Gesellschaft hilft, an Fehlern zu arbeiten! Denn um zu einem staatenlosen, friedlichen Miteinander der Menschen zu kommen, müssen wir erst denen das Handwerk legen, die skrupellos über Leichen gehen für ihren Profit. Eine faulende Gesellschaft wie diese, die eine Sackgasse darstellt, in der wollen wir nicht länger herum doktern. Ein Anfang aber, wie klein er auch sein mag; ist immer die Zukunft!"</em>

Bild
(Bildquelle: http://www.FDJ.de)

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Der Marxismus ist allmächtig – weil er wahr ist. (E.C.)

“Die Stellung zum Vermächtnis Willi Dickhuts ist der Prüfstein für den Kampf zwischen proletarischer und kleinbürgerlicher Denkweise!” (RF/MLPD)


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 Betreff des Beitrags: Re: Sozialismusdefinition und Bequemlichkeit
BeitragVerfasst: Do 31. Mai 2007, 15:02 
Literat

Beiträge: 2947
Vielen Dank für die Verbreitung. Leider wird der Text denjenigen, denen er wirklich helfen könnte, kaum helfen, denn was ein echter Linksradikaler ist, der ist geübt darin, alles, was nicht in sein Weltbild paßt, auszublenden. Und wenn das schon von der Betrachtung anderer Gegenstände gilt, so gilt es in noch viel höherem Maße von der Selbstreflexion.

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 Betreff des Beitrags: Re: Sozialismusdefinition und Bequemlichkeit
BeitragVerfasst: Mo 19. Nov 2007, 16:43 
Moderator

Beiträge: 384
Liebe, vernachlässigte Freunde und liebe, vernachlässigte Freundin,


ich habe mich, daß sehe ich ein, lange nicht gemeldet. Ich hoffe, ihr seid mir deswegen nicht böse, und wenn doch, so akzeptiere ich das und gestehe euch dieses Recht durchaus zu, muss aber in aller Freundschaft hinzufügen: Heult doch.

Warum ich schreibe:

Ich hatte vor ca. 100 Jahren einen kleinen Ergänzungstext zu Numas begonnen, der sich damit beschäftigen sollte, wie Linke in ihrer Jugend geprägt und geformt werden, wie sie zu Ansichten kommen usf. Dieser Text war lange verschollen, just aber habe ich ihn wiedergefunden. Ich muss sagen, daß ich das gesteckte Ziel nicht erreicht habe, ich finde den Text aber dennoch lesenswert und möchte euch ungern damit verschonen. Hier nun also:




Versuch einer Skizze der Entstehung eines Linken


Ich bin jung, mein Herz ist voll Schwung, soll niemand drin wohnen als Mao Tse Tung.
- Robert Gernhardt

Wenn wir uns fragen, warum die jungen Linken und Ultralinken zu diesen, von Numa beschriebenen Ansichten kommen (und warum die älteren Linken, die keine Entwicklung zu zeigen scheinen, bei solchen Ansichten bleiben), dann ist es nicht unsinnig zu untersuchen, auf welchem Weg sie überhaupt ins linke Lager gelangen, denn wie ich versuchen werde zu zeigen, liegen schon da Eckpunkte ihrer geistigen Entwicklung, die entweder zu den von Numa geschilderten Ansichten führen und sie fördern oder aber dann von diesen Ansichten wiederum gefördert werden, denn ich denke tatsächlich, daß es hier eine Wechselwirkung gibt.

Am Anfang steht, wenig überraschend, der Imperialismus bzw. die durch ihn hervorgebrachte Gesellschaft. Es erscheint mühselig, das noch zu erwähnen, aber diese Feststellung hat mehrere Ebenen. Zum einen ist es quasi selbstverständlich, die Einflüsse des Imperialismus auf die Menschen, besonders jene, die keine andere Welt erlebt haben, zu erwähnen, denn wer möchte abstreiten, daß wir alle, der eine anders als der andere, von der Weltordnung beeinflusst werden? Aber in der Art, und das zum zweiten, wie der heutige Imperialismus aussieht, sich gibt und mit der Geschichte umgeht, liegt ein entscheidener Faktor.

Der Einstieg vieler, wenn nicht fast aller jungen Linken, erfolgt über den Antifaschismus.

Der Antifaschismus ist heutzutage besonders präsent in seiner übertrieben kompensierenden, vereinzelten (das heißt, nicht als von staatlicher Seite allgegenwärtig und selbstverständlich gemachten) und dabei also gänzlich für den Imperialismus ungefährlichen Variante. Das Wiederaufkeimen des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit seit der Konterrevolution ist nicht dadurch bedingt, daß die Regierung zu wenig tun würde, sondern durch die Verhältnisse selbst, das momentane Handeln der Regierung hat mit Minderung von Fremdenfeindlichkeit oder der Schaffung von Sicherheit überhaupt nichts zu tun. Neonazis, Xenophobe, Homophobe und dergleichen mehr sind wieder ein Thema. Und wenn man als junger, verwirrter Mensch nicht selbst in derlei Kreise gerät, so stellen sie, je nach eigener sozialer Lage, auch ein ganz akutes Problem und/oder eine Gefahr dar. Man hat also natürlicherweise eine Abneigung gegen und zumeist auch Angst vor derlei. Das ist ein überall zu beobachtendes Phänomen, ich denke, daß das keiner abstreiten wird.

Hier aber kommt die Art und Weise ins Spiel, auf die der Imperialismus mit solchen Themen umgeht bzw. eben nicht umgeht. Gemeint ist natürlich primär das leidige Thema "Medien". Die vorgebliche Ablehnung des Faschismus durch den heutigen Imperialismus vermittels der Medien (daher der Name) ist insofern nicht echt und nicht antifaschistisch, als daß es auf gesellschaftlicher Ebene keine Entnazifierung und Bekämpfung von faschistischen Strukturen und Denkweisen gibt, sondern stattdessen ein wehrhafter „Anstrich“ gepflegt wird, und dieser nichteinmal besonders gut und glaubwürdig. Peter Hacks' durchaus nicht witzige Bermerkung, der Kapitalismus denke sich für schlechte Waren keine Verbesserungen, sondern neue Reklamekampagnen aus, lässt sich, wie man sieht, gut auf das hier beobachtete Prinzip übertragen. Guido Knopp, das ist die „Geiz ist geil“-Kampagne der bürgerlich-rechtskonservativen Nazitadelung.

Bevor wir nun aber zu den jungen Leuten und deren Rezeption dieser antifaschistischen Reklame kommen, muss man einige Dinge über junge Gemüter feststellen, die keineswegs polemisch gemeint sind, zwar wenig schmeichelhaft klingen, jedoch nicht aus der Welt zu leugnen und für junge Geister völlig normal, also nicht als Vorwurf gedacht sind. Problematisch ist, daß sich einige der nun folgenden Probleme auch bei älteren Menschen finden, bei denen sie sich also nichtmehr durch die Jugend erklären lassen.
Diese Feststellungen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und bilden auch kein Gesetz, ich bilde mir doch aber ein, sie seien wesentlich und bildeten zumindest eine Regel. Ausnahmen sind, wie immer, ausgenommen.

Jugendliche versuchen ab einem gewissen Alter, dem nämlich, in dem sie mit den ersten Problemen, Schwierigkeiten und Aporien konfrontiert sind, diese Sachverhalte zu erfassen, sie zu systematisieren, zu durchschauen und, so unmöglich das immer sein mag, sie zu lösen. Die Schemata, die sie hierbei zu erkennen glauben und doch selbst formen, sind selbst nicht unproblematisch, sind sie doch gerade komplex genug, als daß die junge Seele sich mittels ihrer und einer gehörigen Portion Unkenntnis einen Reim auf seine ganz eigenen und akuten Probleme machen kann, und viel zu einfach, als daß irgendwelche Umstände sich gänzlich hineinzwängen ließen, von der Welt in ihrer Gesamtheit ganz zu schweigen. (Diese letzte These ließe sich übrigens auch auf den Kopf stellen: leicht genug, als daß man sich in ihnen zurecht findet, aber zu komplex bzw. verworren, als daß irgendetwas so funktionieren könnte. Andere Ebene, umgekehrte Formulierung, selbes Problem.) Ganz selbstverständliche Prozesse sind hierbei Moralisierungsvorgänge, Suche von Feindbildern, aber auch, und das mag im ersten Moment widersinnig klingen, Positivismus und Faktengläubigkeit. Die Denkschwierigkeit hier lässt sich recht leicht auflösen, sie liegt in dem alten Scholastikwitz, bei dem ein frommer Mensch versucht, die Welt zu erklären: Auf jeden Fall komme am Ende Gott dabei heraus, jetzt müsse er das nur noch beweisen. Faktenselektion und Selbsttäuschung sind hier Schlagwörter.
Ich habe vorhin einen Sprung gemacht, von den persönlichen, sicher nicht einzigartigen Problemen unserer jungen Freunde, die sie mittels ihrer zurechtgelegten Schubladen im Schädel in Ordnung zu bringen versuchen, zur Weltproblematik. Diesen Sprung machen die Jugendlichen selbst eben auch, sie stoßen irgendwann zwangsläufig auf eine Welt, die sie nicht verstehen und als schwierig und wenig wünschenswert empfinden und haben aber glücklicherweise bereits vor der Untersuchung derselben Antworten parat, die bis jetzt eben mehr oder minder gut funktioniert haben und deshalb, hier liegt die Fehlannahme, ja auch weiterhin funktionieren sollten. Von außen betrachtet ist es natürlich leicht zu erkennen, daß man eklatanten Taschengeldmangel und das Handelsembargo gegen Kuba nicht mit denselben Mitteln und auf derselben Ebene erklären kann, aber so albern es klingen mag, genau dieser Prozess liegt vor. Die Vorstellung, jede Wahrheit müsse einfach und leicht erkennbar sein, ist eben ganz kindlich und naiv und im jungen Alter normal.
Bevor ich nun endlich zum eigentlichen Thema zurückkomme, sei noch erwähnt, daß die Art und Ausprägung der gerade beschriebenen Entwicklung eine individuelle Frage ist, nicht selten lautet die Frage: Wer nimmt die jungen Leute bei der Hand?

Womit wir bei unseren plakativ antifaschistischen Medien wären. Diese machen im Grunde nichts anderes, als es der Anführer der örtlichen Neonazi-Clique macht, nur eben in einem größeren Maße und einer vorgeblich anderen Richtung. Dieser Berührungspunkt mit jener Form des Denkens und Argumentierens ist notwendigerweise der erste, wir treffen, wie Hacks es so schön sagt, mit den Urteilen über Dinge früher zusammen als mit den Dingen selbst. Zu dem Zeitpunkt, an dem der junge Antifaschist sich zu einem jungen Linken, einem Sozialisten oder sonstwas entwickelt, ist es meist schon zu spät, es sei denn, unser Jungspund ist überdurchschnittlich kritisch und denkfähig. Denn ansonsten geht, man befindet sich ja nach wie vor im jugendlichen Alter, das Spiel von vorne los, die Schubkästen werden neu geordnet. Die bürgerlichen Medien sind ab diesem Zeitpunkt natürlich der Böse, aber die Tatsache, daß sie die oben beschriebenen Eigenarten der jugendlichen Psyche auf solche Art benutzt und instrumentalisiert haben, lässt sich nicht mehr wegwischen, an die Stelle des ZDF tritt dann eben der MLPD-Zirkel, wenn der Jugendliche Pech hat. Nichts anderes bei Nazis: Papa verliert den Job und beschuldigt die Ausländer, die Medien (und hieran sieht man, daß deren Ausrichtung unwesentlich und die Denkweise aber wesentlich ist) fördern diese Form der Argumentation bzw. haben sie zu diesem Zeitpunkt bereits gefördert, mit dem gleichen Recht und im gleichen Maß, wie die Medien antifaschistisch sind können sie ja auch faschistisch sein, kein Hindernis liegt ihnen hierbei im Weg. Der junge Kamerad gerät dann an den oben genannten Anführer der Dorfnazis oder bleibt sein ganzes Leben ein erzkonservativer rechter Nörgler, der seinen Arbeitskollegen erzählt, die „müsste man alle aufhängen“.

Ich denke, ich habe den Prozess der Prägung hiermit vorerst hinreichend beschrieben, wenn auch nicht bewiesen. Ich halte Beweise in diesem Fall nicht für nötig. Muss man heute beweisen, daß Jugendliche doof sind, dann muss man morgen früh den Kaffee beweisen, es kann und soll hier nicht erfolgen. Zweifesohne ließe sich diese Thematik noch ausführlicher und besser untersuchen und darlegen, als eine grundsätzliche Orientierung sollte der vorliegende Text aber ersteinmal reichen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Sozialismusdefinition und Bequemlichkeit
BeitragVerfasst: Di 20. Nov 2007, 14:33 
Literat

Beiträge: 2947
Kein schlechter Anfang, aber wie du selbst schreibst: Es bleibt im Ansatz stecken. Das kann an zwei Dingen liegen. Entweder läßt sich der Ansatz nicht weiter verfolgen, oder du hast unterlassen, ihn weiter zu verfolgen. Ich wäre, im Fall du dich entschlössest, eine ganze Sache draus zu machen, drauf gespannt, was dabei herauskommt.

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 Betreff des Beitrags: Re: Sozialismusdefinition und Bequemlichkeit
BeitragVerfasst: Di 20. Nov 2007, 15:11 

Beiträge: 462
Dein Beitrag ist in der Tat sehr lesenswert, gibt er - jedendfalls mir - einen interessanten Einblick in die Bewustseinswerdung eines jungen Menschen. Ich kann deshalb Numas Meinung nicht ganz teilen. Vom im Ansatz stecken bleiben kann nicht die Rede sein, gibt der Text doch einen interessanten Einblick in den Mechanismus, den ich durch mein persönliches Erleben bestätigen kann. Deshalb stellt der Text für mich schon ein abgeschlossenes Ganzes dar. Jedenfalls solltest du den Faden den du gesponnen hast wieder aufnehmen und noch weiter verfolgen. Denn auf das was dann herauskommen wird, bin ich auch sehr gespannt. :laola:


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 Betreff des Beitrags: Re: Sozialismusdefinition und Bequemlichkeit
BeitragVerfasst: Di 20. Nov 2007, 15:47 
Literat

Beiträge: 2947
Ein Ganzes ist die Sache erst, wenn eine Phänomenologie vorliegt, d.h.: Wenn die Erscheinung auf ihre Ursprünge zurückgeführt und von denen aus in ihrer eigentümlichen Entwicklung aufgezeigt ist. Das leistet dieser Text aber nur in Ansätzen, weswegen ich denke, daß die Gedanken, die er enthält weiter ausgearbeitet und daß sie um weitere Gedanken bereichert werden müssen. Asmodai hat das ja selbst eingestanden, und ich will ihn lediglich dazu ermuntern weiterzumachen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Sozialismusdefinition und Bequemlichkeit
BeitragVerfasst: Mi 21. Nov 2007, 16:27 
Moderator

Beiträge: 384
Der Text ist, wie gesagt, schon etwas älter, ich hatte ihn nur wiedergefunden. Eine weitere Ausarbeitung wäre wünschenswert, was ich einsehe, jedoch bezweifle ich, daß ich hierzu imstande bin. Das ist an dieser Stelle mal ausnahmsweise keine falsche Bescheidenheit meinerseits, sondern ein Problem, auf das ich beim abermaligen Durchlesen des Textes gestossen bin: Um diese Angelegenheit angemessen zu vertiefen braucht man mehrerlei, einen klugen Kopf, Lebenserfahrung und Know-How sind absolute Mindestvorraussetzung. Ersteren mag ich haben, an zweiterer mangelt es und bei Punkt 3 wird die Krise vollends ersichtlich. Das Thema, was ich angeschnitten habe, ist ein weitestgehend psychologisches, und so gerne ich klugscheisse, Psychologie ist nicht mein Fach. Natürlich könnte ich weiterhin Thesen aufstellen (bzw, wie ich es gerne nenne, wild in die Gegend behaupten), aber momentan hätte ich nichtmal einen Ansatz, wo weitermachen. Was bislang im Text steht sind zum Teil eigene Erfahrungen und Selbstbeobachtungen, zum Teil Beobachtungen an anderen jungen Linken (meist von etwas früher her, da ich selbst noch einer war) und zum dritten Teil Spekulationen und Verallgemeinerungen. Ich fürchte, daß ich allein damit diesem Thema nicht gerecht werden könnte, denn schließlich geht es hier nicht darum, gegen junge Leute zu polemisieren (was ich gut könnte, wie ihr bestimmt wisst), sondern etwas zu untersuchen und zu erklären. Ich lasse mir die Sache durch den Kopf gehen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Sozialismusdefinition und Bequemlichkeit
BeitragVerfasst: Di 4. Dez 2007, 19:39 
Literat

Beiträge: 2947
Übrigens:

Es haben Unfreunde des gegenwärtigen Sozialismus denselben der Sklavenhalterei verdächtigt, ihn mit der asiatischen Produktionsweise in einen Topf geworfen, feudales Brauchtum an ihm entdeckt, seine ursprüngliche Akkumulation beschrieben oder ihn endlich gar Staatskapitalismus und SU-Imperialismus geheißen. Nichts davon hält einer wissenschaftlichen Betrachtung stand. Er ist, was er ist, nichts anderes, und sie könnten ihn gerade so gut lieb haben und Sozialismus nennen.

Peter Hacks

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 Betreff des Beitrags: Re: Sozialismusdefinition und Bequemlichkeit
BeitragVerfasst: Fr 14. Dez 2007, 13:45 
Ehrenmitglied des gewe-Fanclub
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Beiträge: 353
Und eine weitere, passende Ergänzung zu diesem Faden:

So wäre denn an den Einzelheiten der Erscheinung vieles zu tadeln. Dies subjektive Tadeln, das aber nur das Einzelne und seinen Mangel vor sich hat, ohne die allgemeine Vernunft darin zu erkennen, ist leicht und kann, indem es die Versicherung guter Absicht für das Wohl des Ganzen herbeibringt und sich den Schein des guten Herzens gibt, gewaltig groß tun und sich aufspreizen. Es ist leichter, den Mangel an Individuen, an Staaten, an der Weltleistung einzusehen als ihren wahrhaften Gehalt. Denn beim negativen Tadel steht man vornehm und mit hoher Miene über der Sache, ohne in sie eingedrungen zu sein, d.h. sie selbst, ihr Positives erfaßt zu haben. Das Alter im allgemeinen macht milder, die Jugend ist immer unzufrieden; das macht beim Alter die Reife des Urteils, das nicht nur aus Interesselosigkeit auch das Schlechte sich gefallen läßt, sondern durch den Ernst des Lebens tiefer belehrt, auf das Substantielle, Gediegene der Sache ist geführt worden.

G. W. F. Hegel (Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte)

_________________
Eine gut geleitete Staatsregierung muß ein ebenso festgefügtes System haben wie ein philosophisches Lehrgebäude. Alle Maßnahmen müssen gut durchdacht sein, Finanzen, Politik und Heerwesen auf ein gemeinsames Ziel steuern.
Ein System kann aber nur aus einem Kopfe entspringen; also muß es aus dem des Herrschers hervorgehen.


Friedrich der Große


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 Betreff des Beitrags: Re: Sozialismusdefinition und Bequemlichkeit
BeitragVerfasst: Do 1. Sep 2011, 10:34 

Beiträge: 132
Ich denke, ich sollte mich auch dazu äußern, weil ich eine gewisse Zeit an den "Staatskapitalismus" im Ostblock geglaubt habe.

Wie kommt das? Nun, als junger Mensch lernt man zunächst natürlich das Abc des Marxismus. Man weiß aber bereits, wie der Realsozialismus ausging. Also muss was schief gelaufen sein. Man hört ja eh schon immer wieder von den Vorwürfen, da wurde dann quasi wieder ausgebeutet (mein eher konservativer Vater benutzte das Wort "Staatskapitalismus" gern, und meine Mutter, die in Ceausescu-Rumänien aufwuchs, erzählte mir auch einiges - wobei sie nie von Rumänien auf den Ostblock schloss), vom "roten Imperialismus" usw. Und dann tauchen da plötzlich Marxisten-Leninisten auf, Leute auf der eigenen Seite also, die genau das behaupten, was ja schon "offensichtlich" war, es jedoch "wissenschaftlich" nachweisen. Dass diese Nachweise einen wahren Kern haben, aber überspitzt und teils schlampig sind - das fällt einem zunächst mal gar nicht auf.

Als zweites kommt natürlich hinzu, dass die Thesen vom "bürokratischen Kapitalismus" zwar das Herzstück, aber letztlich doch nur einen kleinen Teil ausmachen. Weite Teile der Lektüre der entsprechenden Gruppen sind mit Vorwürfen und Kritiken gefüllt, die sicher auch ein Gossweiler oder einige ähnliche Leute unterschreiben könnten. Da man - siehe oben - von solchen Kritiken bzw. dem Umfang erstens erst mal "überfahren" und zweitens auch emotional berührt wird, neigt man natürlich dazu, diesen kleinen, aber wichtigen Teil sozusagen gleich mit zu schlucken. Erst durch weiteres Nachforschen und den Grundsatz von Marx - an allem ist zu zweifeln - kam ich dann mit der Zeit davon ab.

Ich halte die Analyse der MLPD etwa im Kern immer noch für richtig, auch wenn sie das intellektuelle Niveau eines Aufsatzes von Kurt Gossweiler nicht erreicht. Aber es ist eben einfach nicht richtig, den sozialistischen Staaten ihren Charakter als solche abzusprechen, "nur" weil eine Gruppe von Verrätern und Saboteuren die Führung übernahmen. Diese hätten sicher gerne bereits im Februar 1956 die Restauration beendet - aber sie konnten eben nicht, weil Staat und Partei nach wie vor marxistisch, leninistisch, sozialistisch waren. Und wenn die Sowjetunion bereits ab 1956 kapitalistisch war, dann ergibt es doch keinen Sinn, warum dann Gorbatschov seinen eigenen kapitalistischen Staat zerstören wollte?

Das soll nur kurz als Exkurs in das Denken eines "Insiders" dienen und somit vielleicht als Ergänzung, vielleicht nur als Bestätigung von Numas Text.


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 Betreff des Beitrags: Re: Sozialismusdefinition und Bequemlichkeit
BeitragVerfasst: Fr 2. Sep 2011, 15:49 
Möchtegernputschist
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Beiträge: 1624
da ich ja auch mal dieser Nach 56 war alles kein Sozialismus mehr anhing, kann ich das vom Rafl gesagte bestätigen.

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Pole Pole Mzungu. Welcome to Tanzania, the land where dead cows are lying and dogs are flying. But be careful of the ju-wai-biems. Now let's search for some Schtonetools and after that let's go to Tohu-Wa-Bohu (also known as Mto-Wa-Mbu/Moskitotown)


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 Betreff des Beitrags: Re: Sozialismusdefinition und Bequemlichkeit
BeitragVerfasst: Sa 3. Sep 2011, 13:38 

Beiträge: 132
Es gibt da übrigens noch eine Widersprüchlichkeit, die mir bisher nie aufgefallen ist - nämlich im Buch "Die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion". Ich schätze dieses Buch, es gibt einem viele interessante Fakten und eine detaillierte Kritik an Chruschtschovs Politik usw. - nur eben der Name, der sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht. Ich würde auch den Titel sofort unterschreiben, wäre das Buch etwa 1993 erschienen und würde es den gesamten Prozess der Restauration beschreiben. Doch nun zu dem Widerspruch, den ich meine.

Auf Seite 43 heißt es: "Sie [die neue Bourgeoisie - R.] betreibt als herrschende neue bürgerliche Klasse eine bürgerliche Klassenpolitik zur Wahrung der Gesamtinteressen des bürokratischen Kapitalismus. Diese Entwicklung ging allmählich vor sich, wobei neben den neuen kapitalistischen Erscheinungen Errungenschaften des Sozialismus bestehen blieben."

Bisher dachte ich: Genau so war es - die damals Herrschenden betrieben eine bürgerliche Klassenpolitik, entwickelten neue kapitalistische Erscheinungen neben den sozialistischen Errungenschaften, die aber natürlich bestehen blieben und erst mit Gorbatschov total verschwanden.

Wenn man sich das aber mal genau ansieht, impliziert der erste Satz, dass der "bürokratische Kapitalismus" bereits vollends errichtet und die Restauration damit schon abgeschlossen ist. Der zweite Satz wiederum nimmt genau das wieder zurück, denn wo sozialistische Errungenschaften vorhanden sind, ist der Kapitalismus nicht restauriert.


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