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Diskussionen über sozialistische Geschichte, Gegenwart und Zukunft
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 Betreff des Beitrags: Re: Wende 1989, Konterrevolution oder eine Erhebung des Volkes?
BeitragVerfasst: Do 25. Sep 2008, 19:25 

Beiträge: 49
Gehört vielleicht nicht zum Thema dieses Fadens, aber irgendwie wohl doch:

gewe hat geschrieben:
Aber das allein erklärt nicht, warum nach Stalins Tod diese Entwicklung nachließ und stagnierte.
Ein Walter Ulbricht hat die Ursachen erkannt.

W.Ulbricht hat geschrieben:
Niemand bestreitet auch, daß Stalins Theorien und besonders seine Praxis negative Auswirkungen auf unsere Wirtschaft hatten... In Stalins Vorstellungen von der politischen Ökonomie war das Wertgesetz - grob gesprochen - ein Überbleibsel des Kapitalismus, ...
In unserem neuen ökonomischen System betrachten wir das Wertgesetz als ein echtes ökonomisches Gesetz des Sozialismus, das auf der Grundlage der sozialistischen Produktionsverhältnisse wirkt und aufs engste mit ihnen verflochten ist.
("Zum ökonomischen System des Sozialismus in der DDR", Band 1, Seite 406)

Demnach liegt der Fehler bei Stalin, oder? :denknach:

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"Die Geschichte der organischen Materie verzeichnet drei Sprünge aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit. Der erste Sprung ist der vom Unbelebten zum Leben. Der zweite ist der vom Tier zum Menschen. Der dritte, (den wir im Begriff sind zu tun), ist der vom Ideologen zum Marxisten." P.H.


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 Betreff des Beitrags: Re: Wende 1989, Konterrevolution oder eine Erhebung des Volkes?
BeitragVerfasst: Do 25. Sep 2008, 19:35 
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Beiträge: 82
NumaPompilius hat geschrieben:
Zitat:
War es nicht Lenin, der davon gesprochen hat, dass das sozialistiche Wirtschaftssystem eine höhere Arbeitsproduktivität erreichen muß, als das bisherige Kapitalistische System?


Ja, das war Lenin (LW 29, 416).


Dann ist doch so, dass Trotzki auch richtiges widergab. Ich bin nur froh, dass diese Ansicht eine gute und richtige ist - ich hätte mich auch gewundert. Ist doch eigentlich auch logisch.
Schade das Zitat hätte ich kennen müssen, als mein M/L Lehrer mich damals tadelte (siehe oben). :redstar161:

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"Was wäre die Folge, wenn es dem Kapital gelänge, die Republik der Sowjets zu zerschlagen? Eine Epoche der schwärzesten Reaktion würde über alle kapitalistischen und kolonialen Länder hereinbrechen, man würde die Arbeiterklasse und die unterdrückten Völker vollends knebeln, die Positionen des internationalen Kommunismus würden liquidiert." -Stalin, Werke Band 9, S. 29,


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 Betreff des Beitrags: Re: Wende 1989, Konterrevolution oder eine Erhebung des Volkes?
BeitragVerfasst: Do 25. Sep 2008, 19:58 
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Beiträge: 82
polly hat geschrieben:
Gehört vielleicht nicht zum Thema dieses Fadens, aber irgendwie wohl doch:

gewe hat geschrieben:
Aber das allein erklärt nicht, warum nach Stalins Tod diese Entwicklung nachließ und stagnierte.
Ein Walter Ulbricht hat die Ursachen erkannt.

W.Ulbricht hat geschrieben:
Niemand bestreitet auch, daß Stalins Theorien und besonders seine Praxis negative Auswirkungen auf unsere Wirtschaft hatten... In Stalins Vorstellungen von der politischen Ökonomie war das Wertgesetz - grob gesprochen - ein Überbleibsel des Kapitalismus, ...
In unserem neuen ökonomischen System betrachten wir das Wertgesetz als ein echtes ökonomisches Gesetz des Sozialismus, das auf der Grundlage der sozialistischen Produktionsverhältnisse wirkt und aufs engste mit ihnen verflochten ist.
("Zum ökonomischen System des Sozialismus in der DDR", Band 1, Seite 406)

Demnach liegt der Fehler bei Stalin, oder? :denknach:


Hallo polly!

Zeitlich entstand das NÖS ein Jahrzehnt nach Stalins Tod. Damals wurde unter Chrustschow die Propaganda der Entstalinisierung betrieben. Dem konnte sich W. Ulbricht natürlich nicht entziehen und musste ein paar Worte dazu sagen. Ich bin der persönlichen Meinung, Stalin hat seine Methode zu diesem Schwerpunkt in seiner Zeit richtig gemacht und Ulbricht hat darauf aufgebaut und Fehler korrigiert.
Dass er am Ende scheiterte, lag nicht an der Sache, sondern daran, dass sich einige führende Genossen als nicht reif für ihr Amt erwiesen und lieber dem eigenen Machtbestreben nachgaben und die Sache fallen ließen.


Ganz nebenbei war ich gerade bei der Fahne, als 1973 W. Ulbricht während der Weltfestspiele starb. Jetzt verstehe ich auch die damaligen Worte meines Kommandeurs, der sagte, dass es sich bei Ulbricht um den letzten kommunistischen Vertreter der Alten Garde handelt, Tito aus berechtigtem Grunde ausgenommen.

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"Was wäre die Folge, wenn es dem Kapital gelänge, die Republik der Sowjets zu zerschlagen? Eine Epoche der schwärzesten Reaktion würde über alle kapitalistischen und kolonialen Länder hereinbrechen, man würde die Arbeiterklasse und die unterdrückten Völker vollends knebeln, die Positionen des internationalen Kommunismus würden liquidiert." -Stalin, Werke Band 9, S. 29,


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 Betreff des Beitrags: Re: Wende 1989, Konterrevolution oder eine Erhebung des Volkes?
BeitragVerfasst: Fr 26. Sep 2008, 06:56 
Literat

Beiträge: 2947
Zitat:
Zeitlich entstand das NÖS ein Jahrzehnt nach Stalins Tod. Damals wurde unter Chrustschow die Propaganda der Entstalinisierung betrieben. Dem konnte sich W. Ulbricht natürlich nicht entziehen und musste ein paar Worte dazu sagen. Ich bin der persönlichen Meinung, Stalin hat seine Methode zu diesem Schwerpunkt in seiner Zeit richtig gemacht und Ulbricht hat darauf aufgebaut und Fehler korrigiert.


Im großen und ganzen stimmt das, wobei man allerdings einschränken muß. Stalins Erklärung der Warenproduktion im Sozialismus (aus der Existenz verschiedener Eigentumsformen in verschiedenen Wirtschaftssektoren und aus den Außenhandelsbeziehungen) war auch zu seiner Zeit theoretisch unzulänglich. Daß die Warenproduktion nicht aus dem Begriff des Eigentums ableitetbar ist, das zu erkennen, braucht es keine Erfahrung mit dem Sozialismus, dazu muß man einfach nur Marx gelesen und begriffen haben. Aber was die Praxis angeht, so ist die Wirtschaftsform der Stalinzeit genauso ein Kind ihrer Zeit wie das NÖS. Man hätte den zweiten Weltkrieg genauso wenig mit dem NÖS führen können, wie die Tonnenideologie und die rein administrative Form der Wirtschaftsplanung in den Sechziger Jahren sich anzulänglich erwiesen haben. Stalins Modell und Ulbrichts Modell hatten jeweils zu ihrer Zeit ihre Berechtigung. Aber bezüglich der Theorie ist der Unterschied, daß das NÖS nur gemacht werden konnte, wenn man endlich auch begriff, wie es um das Verhältnis von Warenproduktion und Sozialismus bestellt ist, genauer: daß die Warenproduktion eben nicht einfach nur ein Muttermal ist, das es schnellstmöglich auszubrennen gilt, sondern daß das Wertgesetz im Sozialismus wirksam ist und daß in ihm die Ökonomie der Zeit, die Marx für ein universelles Gesetz der Ökonomie hielt, allein zum Ausdruck kommen kann. Das Wertgesetz berücksichtigen, das bedeutete ganz einfach: effektiv wirtschaften, die Preise mehr an das anpassen, was in den Produkten an gesellschaftlicher Arbeit enthalten ist usw, also all die Dinge zu berücksichtigen, die eine leistungsfähige Wirtschaft garantieren. In dieser Frage hat Walter Ulbricht zweifellos einen wichtigen Beitrag geleistet, wenngleich ich denke, daß das Lehrbuch von N.A. Zagolow (Moskau 1970) die wissenschaftlich beste Darstellung ist und die am weitesten entwickelte Theorie spiegelt.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wende 1989, Konterrevolution oder eine Erhebung des Volkes?
BeitragVerfasst: Fr 26. Sep 2008, 11:24 

Beiträge: 49
Stalin wollte also die Warenproduktion perspektivisch überwinden, Ulbricht hingegen benutzte sie in abgewandelter Form (Arbeitskraft soll keine Ware sein; über den Gewinn disponiert der Staat), um die Produktivkraftentwicklung voranzutreiben und die Effizienz zu sichern. Das sind, meine ich, unterschiedliche Ansätze.
Folgende Unklarheit besteht bei mir: Marx:

"Gebrauchsgegenstände werden überhaupt nur Waren, weil sie Produkte voneinander unabhängig betriebener Privatarbeiten sind." a.a.O.:
"Nur Produkte selbständiger und voneinander unabhängiger Privatarbeiten treten einander als Waren gegenüber."

Das Eigentum scheint bei der Warenproduktion also doch eine Rolle zu spielen. Wie ist es nun zu verstehen, daß der Sozialismus mit seinem überwiegend gesellschaftlichen Eigentum an Produktionsmitteln und der gesamtgesellschaftlichen Planung der Arbeitszeit sich zu seinen Produkten wie zu "Waren", also Tauschwerten und nicht wie zu Gebrauchswerten verhält?
Die Entwicklung der Warenproduktion, angefangen beim Produktentausch über das Geld bis hin zum Kapital, hat schließlich den Imperialismus hervorgebracht. (Das ganze Elend auf der Welt beruht doch irgendwie letztlich auf den Konsequenzen eben der voll entfalteten Warenproduktion - Die rasante Entwicklung der Produktivkräfte natürlich auch.) Wie kann also die Warenproduktion auch wieder von ihm (dem Imp.) wegführen, ihn überwinden und überflügeln, ohne dabei negiert zu werden? In der Geschichte haben wir glaub ich gerade gesehen und sehen es noch, daß die "sozialistische" Warenproduktion konsequent zum Kapitalismus zurückführt.

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"Die Geschichte der organischen Materie verzeichnet drei Sprünge aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit. Der erste Sprung ist der vom Unbelebten zum Leben. Der zweite ist der vom Tier zum Menschen. Der dritte, (den wir im Begriff sind zu tun), ist der vom Ideologen zum Marxisten." P.H.


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 Betreff des Beitrags: Re: Wende 1989, Konterrevolution oder eine Erhebung des Volkes?
BeitragVerfasst: Fr 26. Sep 2008, 12:51 
Literat

Beiträge: 2947
Zitat:
Stalin wollte also die Warenproduktion perspektivisch überwinden, Ulbricht hingegen benutzte sie in abgewandelter Form (Arbeitskraft soll keine Ware sein; über den Gewinn disponiert der Staat), um die Produktivkraftentwicklung voranzutreiben und die Effizienz zu sichern. Das sind, meine ich, unterschiedliche Ansätze.


Das sind durchaus unterschiedliche Ansätze. Obwohl natürlich auch von Ulbricht nie ein Zweifel darüber gelassen wurde, daß die Warenproduktion letztlich beseitigt würde. Nur galt das nicht für Transformationsperiode, sondern für das Ziel, den Kommunismus.



Zitat:
Folgende Unklarheit besteht bei mir: Marx:

"Gebrauchsgegenstände werden überhaupt nur Waren, weil sie Produkte voneinander unabhängig betriebener Privatarbeiten sind." a.a.O.:
"Nur Produkte selbständiger und voneinander unabhängiger Privatarbeiten treten einander als Waren gegenüber."

Das Eigentum scheint bei der Warenproduktion also doch eine Rolle zu spielen.


Daß Eigentum keine Rolle spielt, hat niemand behauptet. Gestatte mir aber, meine Zeit ist knapp bemessen, Dir einfach etwas vor die Nase zu setzen, das ich früher schon in einem anderen Zusammenhang geschrieben habe. Es weist auf einen grundlegenden und leider sehr folgenreichen Fehler hin, den viele Marxisten machen.

Privatarbeit ist nicht identisch mit Privateigentum. Eigentum ist eine juristische Kategorie, die von Marx in den "Grundrissen" noch verwendet, im "Kapital" aber zurecht ausgeschlossen wurde. Die Warenproduktion ist viel älter als das geschriebene Gesetz, denn sie entspringt nicht aus der juristischen Festlegung von Privatbesitz, sondern aus dem praktischen Aneignungsverhältnis der Privatarbeiten. Privatarbeiten sind ihrem Charakter nach dadurch bestimmt, daß sie vom gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang lösgelöste Produktionseinheiten sind, die aber dennoch nicht autark sind, also in demselben gesellschaftlichen Zusammenhang stehen, mit dem sie, insofern sie produzieren, nichts zu tun haben wollen. Da nun aber dieser gesellschaftliche Zusammenhang, insofern produziert wird, nicht besteht, aber insofern verbraucht wird, doch, muß er sich einen Weg suchen, und folglich realisiert er sich in der Sphäre der Zirkulation, und zwar durch die Wertform. Es ist dieser verlorene Zusammenhang der gesellschaftlichen Produktion, der den Charakter der Privatarbeiten ausmacht, und nicht der Umstand, daß irgendwo ein Grundbuch liegt, in dem steht, wem welche Immobilien gehören usw. Die juristischen Phänomene kommen viel später in der Geschichte, und daraus wird nun auch deutlich, warum die Warenproduktion nicht einfach dadurch verschwindet, daß man alle Privateigentümer enteignet. Die Warenproduktion verschwindet erst, wenn der verlorengegangene Zusammenhang der gesellschaftlichen Produktion wiederhergestellt ist. Und das gelingt nur durch eine gesamtgesellschaftliche Planung. Die Planung hat diese Funktion, die Zersplitterung des Produktionsprozesses aufzuheben, und damit, so ging Marxens Rechnung, ist der gesellschaftliche Zusammenhang bereits in der Sphäre der Produktion hergestellt, und es ist somit nicht mehr nötig, diesen im Nachhinein (durch die Wertform) herzustellen.

Ich reite auf diesem Unterschied nicht umsonst schon so lange rum. Nur wenn man begriffen hat, daß Warenproduktion nicht auf einer juristischen Festlegung, sondern auf einer bestimmten Organisationsform der Wirtschaft beruht, wird man auch begreifen, warum im Sozialismus nicht einfach dadurch die Warenproduktion verschwindet, daß man alle Produktion zum Volkseigentum macht. Man muß vielmehr durch die Planung jenen Zusammenhang herstellen, der durch die Form der Privatarbeiten verlorengegangen war.

Soweit die Theorie bei Marx. Daß indes die wirtschaftliche Praxis in der DDR neue Erkenntnisse hervorbrachte, hängt damit zusammen, daß die Vergesellschaftung der Produktion, also die Aufhebung der Warenproduktion, nicht das alleinige Ziel im Sozialismus war. Die Vergesellschaftung der Produktion konnte immer nur in dem Maße vorangetrieben werden, in dem das vom Standpunkt der Produktivität machbar schien. Man hatte ja, angesehen davon, daß man den Kommunismus einführen wollte, auch noch die Aufgabe, eine leistungs- und im Kampf mit dem Imperialismus konkurrenzfähige Wirtschaft aufzubauen. Daß hierbei ein von Widersprüchen geprägter Weg der Politik beschritten wurde, mag vielleicht einige Freunde von einfachen und reinen Wahrheiten betrüben, aber es zeugt von viel Realismus, diesen Weg erkannt zu haben und ihn gegangen zu sein.

Zitat:
Wie ist es nun zu verstehen, daß der Sozialismus mit seinem überwiegend gesellschaftlichen Eigentum an Produktionsmitteln und der gesamtgesellschaftlichen Planung der Arbeitszeit sich zu seinen Produkten wie zu "Waren", also Tauschwerten und nicht wie zu Gebrauchswerten verhält?


Nicht der Sozialismus verhält sich zu seinen Produkten wie Waren, er bringt Waren hervor. Und zwar solange wie die Verflechtung der Betriebe in der gesamten Volkswirtschaft noch nicht soweit fortgeschritten ist, daß sie sich zueinander etwa wie Teile eines und desselben Betriebes verhielten. Die Warenproduktion, ich sagte es oben bereits, entspringt einer bestimmten Organisationsform der Arbeit und kann, wenn überhaupt, nur dann abgeschafft werden, wenn man an dieser Organisationsform etwas ändert. Die Änderung der Eigentumsverhältnisse schafft bestenfalls die Voraussetzung dieser Veränderung, sie ist aber nicht diese Veränderung.

Zitat:
Die Entwicklung der Warenproduktion, angefangen beim Produktentausch über das Geld bis hin zum Kapital, hat schließlich den Imperialismus hervorgebracht. (Das ganze Elend auf der Welt beruht doch irgendwie letztlich auf den Konsequenzen eben der voll entfalteten Warenproduktion - Die rasante Entwicklung der Produktivkräfte natürlich auch.) Wie kann also die Warenproduktion auch wieder von ihm (dem Imp.) wegführen, ihn überwinden und überflügeln, ohne dabei negiert zu werden?


Sie sollte, das wurde von Ulbricht nie bezweifelt, letztlich überwunden werden.

Abgesehen davon und dem Vielen, was sich hierzu jetzt näher ausführen ließe, sollte man sich wirklich hüten, sozialistische Warenproduktion einfach gleichzusetzen mit einfacher Warenproduktion und kapitalistischer. Es gibt dort beträchtliche Unterschiede, und wenn man etwa auf die problematischen Folgen der kapitalistischen Warenproduktion hinweist, sollte man in Ruhe betrachten, wodurch diese bei dieser verursacht werden, und dann sollte man die sozialistische Warenproduktion betrachten und sich fragen, worin die Differenzen zur kapitalistischen und auch zur einfachen Warenproduktion bestehen. Es gab z.B. in der sozialistischen Warenproduktion kein Oszillieren der Preise um den Wert, weil es ein festgefügtes Preissystem gab, das bewußt installiert und nur mit Bedacht geändert wurde. Im Kapitalismus wirkt das Wertgesetz blind, d.h. es kann sich, wie Marx in den Grundrissen schreibt, allein durch die Abweichung des Preises vom Wert durchsetzen. Die Krise ist das einzige, das den Kapitalismus regelt. Diese Wirkweise des Wertgesetzes existiert im Sozialismus z.B. nicht mehr. Auch der Fetischcharakter der Ware ist Sozialismus, wo nicht abgestorben, so doch soweit verkümmert, daß er keine Wirkung mehr hat, die man als problematisch ansehen kann.

Zitat:
In der Geschichte haben wir glaub ich gerade gesehen und sehen es noch, daß die "sozialistische" Warenproduktion konsequent zum Kapitalismus zurückführt.


Nunja, das ist eben die Frage, ob wir das wirklich gesehen haben. Ich langweile mal mit den Tatsachen: Das NÖS, das einen Schritt von der Vergesellschaftung wegführte, um die Entwicklung der Produktivkräfte zu beschleunigen, war in den Sechziger Jahren das erfolgreichste Wirtschaftmodell nicht nur innerhalb der sozialistischen Staaten, sondern auch im Weltmaßstab. Nicht an ihm ist die DDR zugrundegegangen, sondern daran, daß es abgeschafft wurde. Honecker und seine Leute haben dann ganze 20 Jahre benötigt, die DDR in den Ruin zu wirtschaften. Der Schwierigkeit am NÖS ist: es ist viel anstrengender zu machen. Man lädt sich eine große Protion Konliktpotential zwischen der zentralen Planung und Lenkung und den Wirtschaftleitungen der einzelnen Betriebe auf. Dieser Antrengung ist man aus dem Weg gegangen, und das hat der DDR den Kopf gekostet.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wende 1989, Konterrevolution oder eine Erhebung des Volkes?
BeitragVerfasst: Fr 26. Sep 2008, 14:39 

Beiträge: 49
Danke NumaPompilius für die schnelle Antwort.
"Sozialistische" Warenproduktion stellt also einen Übergang dar von der Wert- zur Bedarfsökonomie. Sie ist kein Selbstläufer, sie bedarf vielmehr ständiger Korrekturen, Anpassungen, Präzisierungen usw..Der Tauschwert bleibt zunächst noch das bestimmende Element gegenüber dem Gebrauchswert. Ob der Festpreis dabei förderlich oder doch eher hinderlich ist, ist noch nicht entschieden. Honeckers Abweichung vom NÖS brachte das Unternehmen zum Scheitern. Er behielt zwar die "sozialistische" Warenproduktion bei, vermochte aber den Spagat zwischen gesamtgesellschaftlicher Planung und quasi privatwirtschaftlich agierenden Produktionseinheiten nicht auszuhalten.
Richtig?
Diese Werthascherei stärkt allerdings auch das bürgerliche Element in der Gesellschaft (Eigennutz). Da gefällt mir Stalins Ansatz besser und irgendwie war diese Sowjetgesellschaft auch weiter. Aber, wie Du richtig sagst, jeder der beiden (Stalin/ Ulbricht) hatte zu seiner Zeit und unter den gegebenen Bedingungen recht.
Vielleicht noch folgenden Gedanken von Marx aus den Grundrissen:
"Ökonomie der Zeit, sowohl wie planmäßige Verteilung der Arbeitszeit auf die verschiednen Zweige der Produktion, bleibt also erstes ökonomisches Gesetz auf Grundlage der gemeinschaftlichen Produktion. es wird sogar in viel höherem Grade Gesetz. Dies ist jedoch wesentlich verschieden vom Messen der Tauschwerte (Arbeiten oder Arbeitsprodukte) durch die Arbeitszeit."

"Wesentlich verschieden" also, sollte man nicht vergessen, wenn man sich die Zukunft denkt.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wende 1989, Konterrevolution oder eine Erhebung des Volkes?
BeitragVerfasst: Fr 26. Sep 2008, 15:32 
Literat

Beiträge: 2947
Ich würde nicht unbedingt von "Werthascherei" sprechen, aber in der Sache stimme ich Dir zu. Der Wert ist nicht, wie Engels einmal irgendwo fallen ließ, eine "schielende und sinnlose Form", sondern eine Möglichkeit, das Quantum gesellschaftlicher Arbeit zu messen. Das, was Marx "Ökonomie der Zeit" nennt und worauf Du dankenswerterweise hingewiesen hast, wird durch die Wertform zum Ausdruck gebracht, und solange keine andere Möglichkeit besteht, es zum Ausdruck zu bringen, wäre es im Sinne einer Volkswirtschaft, die funktionieren muß, grob fahrlässig, die Wertform auf Gedeih und Verderb abzuschaffen. Schon deswegen bin ich relativ allergisch auf jene absoluten Wertkritiker, die im Angesicht der Politischen Ökonomie des Sozialismus keine anderen Sorgen haben als allein die, die Warenproduktion möglichst bald aus ihm auszutilgen. Ob oder inwieweit sich eine andere Methode, gesellschaftliche Arbeitszeit zu messen, finden läßt, ist eine Frage, die durchaus offen ist. Man sollte bei all dem vergessen, daß wir aufgrund unserer historischen Lage nur begrenzt zu abschließenden Urteilen über die ganze Angelegenheit fähig sind. Wir leben ja in einem durch Restauration hergestellten Zustand der Gesellschaft und blicken auf die Zukunft, indem wir auf die Vergangenheit blicken, diese Vergangenheit aber ist selbst nicht vollkommen und bietet auch nur abgebrochene Gesellschaftsbewegung (Gossweiler hat mal ganz treffen von "Frühsozialismus" im Sinne eines nie vollendeten gesprochen); die Unvollkommenheit dieser Gesellschaft muß demnach aber auch unseren Urteilen über sie anhaften.

Hierzu noch:

Zitat:
Er [Honecker] behielt zwar die "sozialistische" Warenproduktion bei, vermochte aber den Spagat zwischen gesamtgesellschaftlicher Planung und quasi privatwirtschaftlich agierenden Produktionseinheiten nicht auszuhalten.


Zum einen ist, du hast es ja durch das Beiwort "quasi" bereits eingeschränkt, natürlich der Begriff der Privatwirtschaft durch die Existenz der gesamtgesellschaftlichen Planung grundlegend aufgehoben. Die Beitriebsleitungen waren auch im NÖS niemals wirklich freie Produzenten; es Vorgaben, die sie erfüllen mußten, und ihr Verbleib war an die Erfüllung dieser Aufträge und Vorgaben gebunden. Ich erinnere auch daran, daß das ÖSS (ab 1967) in dieser Frage eine zusätzliche Restriktionen gegenüber dem NÖS enthielt. Ich würde es ingsgesamt vorziehen, statt von "quasi privatwirtschaftlicher Produktion" von einer relativen Selbstständigkeit, mithein von einem Spannungsverhältnis zwischen gesellschaftlicher Verantwortung und Eigenverantwortung der Betriebe zu reden. Der Vorteil der Sache ist ganz klar der, daß die Betriebe selbst am besten wissen, wie sie wirtschaften müssen und daß keine Planung der Welt das im voraus bestimmen kann, ohne daß es zu erheblichen Reibungen kommt. Führt man selbstständige Rechnungsführung und eine gewisses Maß an Eigenverantwortung ein, erhöht man die Produktivität. Man löst quasi das, was man von oben nicht lösen kann, von unten. Man überlagert gesellschaftliche und individuelle Interessen, was ich für einen sehr klugen Ansatz halte. Aber der Nachteil der Angelegenheit ist natürlich, daß dieser Zustand bei den Betriebsleitern ein Bewußtsein erzeugt, das ökonomisch zwar von Vorteil ist, politisch allerdings höchst problematisch. Honckers Argumentation gegen das NÖS (sofern man überhaupt von einer Argumentation sprechen kann) zielte nicht auf ökonomische Fragen, sondern auf die politische Problematik des NÖS. Aber schon einige Jahre vor seiner Absetzung hatte Walter Ulbricht ganz klar gesagt, daß das NÖS mit politischen Risiken verbunden, aber, so fuhr er fort, wenn man der Politik zuliebe auf die Einführung des NÖS verzichtete, sei das sichere Untergang des Sozialismus, und man muß sich nur die nackten Zahlen der Wirtschaftskrise von 1960-62 anschauen, um zu sehen, wie recht er damit hatte.

Um also die Sache, die so verwickelt ist, auf eine einfache Formel zu bringen, so würde ich sagen, daß Ulbrichts Politik zwischen 1963 und 1970 die Summe der Bemühungen war, den Mittelweg zwischen Vergesellschaftung und Produktivität bzw. zwischen zentraler Planung und betrieblicher Eigenverantortung zu finden. Dieser Mittelweg machte zwei Abweichungen möglich, und beide Abweichungen hätten den Untergang des Sozialismus zur Folge gehabt. Honecker hat dagegen das, was ich die Vermittlung des konstituierenden Widerspruchs des Sozialismus (nämlich zwischen Produktivkraftentwicklung und Vergesellschaftung) oder das, was Du "Spagat zwischen gesamtgesellschaftlicher Planung und quasi privatwirtschaftlich agierenden Produktionseinheiten" nennst, immer nur durch einen dummen Zickzackkurs des Fallens von der einen Blödsinnigkeit in die andere und umgekehrt, zu bewältigen versucht und ist also gescheitert.

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 Betreff des Beitrags: Re: Wende 1989, Konterrevolution oder eine Erhebung des Volkes?
BeitragVerfasst: Fr 3. Okt 2008, 18:46 

Beiträge: 49
Folgendes möchte ich noch mal aufgreifen:

NumaPompilius hat geschrieben:
Privatarbeit ist nicht identisch mit Privateigentum. Eigentum ist eine juristische Kategorie, die von Marx in den "Grundrissen" noch verwendet, im "Kapital" aber zurecht ausgeschlossen wurde.
Wir waren darauf gestoßen, weil vorausgesetzt war, daß Erzeugnisse überhaupt nur dann zu Waren werden, wenn sie Produkte voneinander unabhängig betriebener Privatarbeiten sind.
In welchem Verhältnis steht nun die Privatarbeit zum Privateigentum?
Nach Marx ist die Arbeit das Wesen des Privateigentums.

Außerdem:

„Die Arbeit ist ihrem Wesen nach die unfreie, unmenschliche, vom Privateigentum bedingte und das Privateigentum schaffende Tätigkeit.“ (Über F.L.s Buch „Das nationale System der politischen Ökonomie“)

Und:

„Das Privateigentum ist also das Produkt, das Resultat, die notwendige Konsequenz der entäußerten Arbeit, des äußerlichen Verhältnisses des Arbeiters zu der Natur und zu sich selbst. ... Aber es zeigt sich bei der Analyse dieses Begriffes (der entäußerten Arbeit), daß, wenn das Privateigentum als Grund, als Ursache der entäußerten Arbeit erscheint, es vielmehr eine Konsequenz derselben ist, wie auch die Götter ursprünglich nicht die Ursache, sondern die Wirkung der menschlichen Verstandesverirrung sind. Später schlägt dieses Verhältnis in Wechselwirkung um." (Ökonomisch-Philosophische Manuskripte)

(Man möge mir das Zitieren an dieser Stelle nachsehen. Richtiger als K.M. kann ich es nicht sagen.)

So ist also das Verhältnis von Arbeit und Privateigentum. Der Zusatz „Privat“ zur Arbeit ändert daran zunächst nichts.
Das Privateigentum muß nun, um nicht unterzugehen, auf dem Äquivalenttausch seiner Produkte bestehen. Dazu bemüht es die gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit, also den Wert. Dieser Wert ist der Tauschwert, und er erscheint erst beim Verkauf des Produktes, was dadurch zur Ware wird. Erst bei der Realisation des Tauschwertes, also beim Tausch gegen andere Produkte, später Geld, bewährt sich das Produkt als Ware. Solange es nur im Regal liegt und keinen Käufer findet, ist es eine nur potentielle Ware, auch wenn ein Preis drauf klebt. Um Ware zu sein, muß es sich austauschen. Und zwar unter verschiedenen Eigentümern. Einer, dem das Produkt bereits vollständig gehört, braucht dieses nicht bei sich selbst zu erwerben.
Hier wird klar, daß eine Gesellschaft wie der Sozialismus, die einen Teil ihrer Produkte (zunächst Industrieprodukte) nach Plan unter den gesellschaftlichen Produzenten verteilt, also nicht austauscht (weil keine Privatarbeit), an dieser Stelle keine Waren mehr bewegt und folglich auch nicht erzeugt. Selbst wenn diesen Produkten noch Preise zugeordnet werden, handelt es sich nicht mehr um Waren, denn der Zweck der Übergabe des Produktes von Betrieb A an Betrieb B ist nicht mehr die Realisation von Tauschwert, sondern die Erfüllung der Planaufgabe. Der Preis dient hierbei lediglich als Rechengröße.
Der kommende Sozialismus sollte in dieser Frage (in der Theorie) nicht (wie Ulbricht) hinter Stalin zurück fallen. (NÖSPL mag ja das erfolgreichste Modell der 60-er Jahre gewesen sein, aber verglichen mit den 30-ern und 40-ern in der Sowjetunion nimmt es sich eher schmal aus und bleibt eine „Seitwärtsbewegung“, die exakt einen Rückschritt darstellt. Und NÖSPL/ später ÖSS zeigte auch keine Perspektive hinsichtlich der notwendigen Überwindung der Warenproduktion auf. Das ist selbstverständlich keine Kritik an Ulbricht, der auf die Bedingungen seiner Zeit reagieren mußte. Ewiger Ruhm gebührt unserem unvergessenen tapferen Genossen Walter!
Siehe (II):
    "Es wird heute viel darüber geredet, wer Revisionist war und wer nicht. Dabei sind viele schnell mit Urteilen bei der Hand, Schlagworte des Schreckens machen die Runde und es wird viel mit Ideologie hantiert. Ein wenig in Vergessenheit gerät darüber, daß die Wirtschaftspraktiker damals aufgrund ihrer Erfahrungen mit der Wirklichkeit, mit den täglichen Abläufen der Wirtschaft gehandelt haben. Niemand war näher an den Problemen dran als diese Leute. Warum hört man sich also nicht wenigstens an, was sie zu sagen haben oder hatten?")

Doch zurück zum Thema. Der Zusammenhang von Privatarbeit und Privateigentum muß also herausgearbeitet werden.

Das Abstellen auf den juristischen Bestand bringt dabei für das Verhältnis von Privatarbeit und Privateigentum keinen Erkenntnisfortschritt. Privateigentum existiert auch ohne Grundbuch. Der juristische Eigentumstitel ist nur der „Überbau“, die theoretische Begründung des Eigentums. Bei Karl Marx ist der „Jurist der Ideologe des Privateigentums“. (Dt. Ideologie)
Im „Kapital“ hat er den Begriff des Privateigentums auch nicht etwa deswegen zurückgestellt, weil dieser dort nicht hingehört, sondern weil bei der Betrachtung des Gegenstandes, zunächst der Ware und später der daraus folgenden Phänomene, und der Gesellschaft (nämlich der kapitalistischen), es sich von selbst versteht, daß Waren Eigentümer haben und diese Eigentümer verschiedene (also Privateigentümer, worunter auch Gruppeneigentümer rangieren) sind:

„Was ich in diesem Werk zu erforschen habe, ist die kapitalistische Produktionsweise und die ihr entsprechenden Produktions- und Verkehrsverhältnisse“, sagt Marx im Vorwort zur ersten Auflage. Produktionsverhältnisse sind bekanntlich Eigentumsverhältnisse und als solche Klassenverhältnisse. Verkehrsverhältnisse betreffen den Austausch.

Ja, der Sachverhalt der Warenproduktion im Sozialismus ist schwierig zu fassen. Aber wir kommen der Sache näher. Ich möchte auf zwei Publikationen zum Thema hinweisen, auf die ich erst kürzlich stieß und die meiner Ansicht nach bedeutend zur Erhellung beitragen können:

1.: Lehrbuch der Politischen Ökonomie

2.: Politische Ökonomie des Kommunismus

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