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Diskussionen über sozialistische Geschichte, Gegenwart und Zukunft
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 Betreff des Beitrags: Karl Poppers Kritik am Marxismus
BeitragVerfasst: Do 14. Mai 2009, 19:48 
Möchtegernputschist
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Beiträge: 1624
habe mal bei wikipedia den Text "Kritik am Marxismus" gelesen und fand da folgende Stelle, basierend auf den Aussagen von Karl Popper

Zitat:
So sei etwa die hegelsche Dialektik - auf der der historische und der dialektische Materialismus aufbauen - von Grund auf falsch, wie zum Beispiel Karl Raimund Popper in seinem Werk Die offene Gesellschaft und ihre Feinde kritisiert. Marx´ Denken führe in eine „geschlossene Gesellschaft“. Diese sei dadurch gekennzeichnet, dass sie sozusagen am Reißbrett geplant werde von Eliten, die sich im Besitz angeblich wissenschaftlicher Erkenntnisse über die „objektiven Interessen“ der Unterworfenen glaubten, auch wenn diese von deren subjektiv empfundenen Interessen deutlich abwichen. Die geschlossene Gesellschaft sei also eine totalitäre Diktatur. In seiner Schrift „Das Elend des Historizismus“ kritisierte Popper 1957 die Vorstellung des historischen Materialismus,

* dass Geschichte zielgerichtet verlaufe,
* dass bestimmte Muster in ihr durch bestimmte darauffolgende Muster begründet würden,
* dass die vermeintlich „objektive“ Erkenntnis dieser Grundmuster Prognosen des Geschichtsverlaufs und normative Aussagen darüber erlaube, wie er zu beeinflussen sei.

Insgesamt sei der „wissenschaftliche Sozialismus“ aber keineswegs wissenschaftlich, da er nicht falsifizierbar sei.


nun bin ich kein Philosoph und auch kein Experte in Fragen der marxistischen Philosophie, dass ich Popper auf anhieb widerlegen könnte. Doch hatte sich dieser in seiner Wissenschaftstheorie durchaus so manche Peinlichkeit erlaubt, wie z. B. seine Behauptung die natürliche Selektion schwer experimentell überprüfbar und eher als metaphysisches Forschungsprogramm anzusehen sei. Eine Ansicht die er jedoch mit der Zeit revidierte. Seine Aussagen bezüglich Marxismus kommen mir auch eher vage vor, so wird ja im Marixmus nicht behauptet, dass die Geschichte zielgerichtet verlaufe, sondern nur bestimmten Gesetzesmäßigkeiten unterliegt aus denen man Rückschlüsse ziehen kann; daher sind Marx Aussagen über den Sozialismus und insbesondere Kommunismus auch eher vage bzw. sie machen nur einen sehr kleinen Teil seiner gesellschaftlichen Analysen aus. Das einzige "marxistische" Werk dass einen zielgerichteten und schematischen Ablauf der Geschichte sieht, ist nach meiner Erkenntnis das Buch von unserem beliebten Lion Wagner "Sozialismus gab es nie"

Auch was die Falsifizierbarkeit des Marxismus angeht labert Popper - ganz ähnlich wie bei der natürlichen Selektion - Unsinn, zum einen hat der Marxismus seine Weiterentwicklungen gehabt durch Lenin und Stalin (und je nach unterschiedlicher Meinung auch durch Mao, Hoxha oder Ulbricht - ganz gleich ob man jenen zustimmt) und bestimmte Punkte - z. B. die Klassenanalyse oder die Imperialismustheorie - sind durchaus falsifizierbar (hätte Leo Mayer mit seiner Neoliberalismus-Theorie recht hätte er leicht Lenin ablösen können).

Aber gut vielleicht irre ich mich hier auch in meinen Überlegungen. Vielleicht weiß einer mehr dazu, der sich auch mit Karl Poppers Kritiken an Marxismus genauer auseinandergesetzt hat.

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 Betreff des Beitrags: Re: Karl Poppers Kritik am Marxismus
BeitragVerfasst: Fr 15. Mai 2009, 07:28 
Literat

Beiträge: 2947
Ich habe keine Zeit, hier Romane reinzuschreiben. Nur soviel: Karl Popper ist in der Philosophie nicht unwichtig, weil er wichtige Beiträge zur Entwicklung und dem Verständnis der Logik geschrieben hat. Aber seine Marxismus-Kritik geht auf ein Buch zurück, das man weniger der Wissenschaft als vielmehr Ideologie zuordnen sollte: The Open Society and Its Enemies. Dieses Buch führt in der Hauptsache Angriffe auf andere Philosophen. Die offene Gesellschaft ist jenes Abstraktum, mit dem das Selbstverständnis (nicht die Wirklichkeit) heutiger Systemapologeten umfaßt ist: die freiheitliche und demokratische Gesellschaft. Daß Popper sie offen nennt, hängt vermutlich mit seiner grundlegenden Wissenschafttheorie zusammen. So wie er nämlich politisch ein Gegner geschlossener Systeme ist, ist er es auch philosophisch. Ich will das hier nicht lange ausbreiten, aber kurz und für den Laien verständlich gesagt: Popper lehnt allgemeingültige Theorien ab, da eine Verallgemeinerung immer ein Hinausgehen über das Wissen, das man sicher hat, bedeutet. Man kann nach Popper Theorien mit Einzelwissen widerlegen, nicht aber beweisen. Diese Tendenz gegen alle Verallgemeinerung und als gültig genommene Theorie ist bei Popper universell, und es ist also kein Wunder, daß man sie auch in der The Open Society, die eigentlich kein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte, sondern eine politische Kampfschrift ist, wiedererkennen kann. Popper sucht sich bei seiner Polemik gerade die Philosophen heraus, deren Denken spekulativ ist, und so findet sich in der von ihm kritisierten Gesellschaft eine Gruppe von Philosophen zusammen, die für die größten überhaupt gelten können: Platon, Aristoteles, Hegel und Marx. Er polemisiert auch noch gegen andere (z.B. Heraklit), aber die vier sind seine Hauptgegner.

Soviel zum Charakter seiner Kritik. Was das Niveau derselben betrifft, so läßt sich kaum ein Buch finden, in dem das Subjektive so ausgeprägt ist und das forschungsmäßig auf so schlechten Beinen steht wie eben die Open Society. Das ist kein leichter Vorwurf. Ich persönlich halte sehr viel von Kritik am Marxismus, Hegel usw., wenn es sich dabei um scharfsinnige Beobachtungen handelt, die mit einer gründlichen und zuverlässigen Forschung abgeglichen sind. Von solch einer Kritik kann man nur profitieren, selbst wenn man das Ziel der Kritik ist. Aber Poppers Kritik ist einfach nicht haltbar. Er arbeitet mit Verkürzungen, sinnentstellten Zitaten, platten Auslegungen gut durchdachter Gedanken usw. (Hinzukommt, daß offenkundig ist, daß Popper Schwierigkeiten mit dialektisch-spekulativen Gedankenbewegungen zu haben scheint; seine Kritik an Hegel z.B. ist oft einfach nur ein Ausdruck von Unverständnis. Man liest in seinem Buch und denkt sich: ach Karli, ein einfache Ich-versteh-das-alles-nicht hätte es auch getan.) Er ist so sehr damit beschäftigt, Gift zu verspritzen, daß die Zeit dann einfach nicht mehr gereicht zu haben scheint, die Philosophen, die er angreift, wenigstens gründlich zu studieren. Das betrifft insbesondere seine Kritik an Hegel, auf der seine Kritik an Marx aufbaut (Der Abschnitt zu Marx ist sehr viel kürzer als der zu Hegel).

Zu Poppers Hegel-Kritik gibt es eine sehr guten Aufsatz:

http://hegel-system.de/popper/W.Kaufman ... chkeit.pdf

Derartige Widerlegungen wird es mit Sicherheit auch in Bezug auf die Marx-Kritik von Popper geben, mir allerdings nicht bekannt. Im Grunde bedarf es hier auch nicht der Kenntnis solcher Aufsätze, weil jeder, der Hegel, Marx etc. ein wenig kennt, die Fehler in Poppers Kritik selbst erkennen kann, da er in der Lage ist, das theoeretische Gebilde mit der Kritik an ihm zu vergleichen. Um z.B. nur auf das eine, erstgenannte, Beispiel einzugehen: Es gibt bei Marx keine Zielrichtung in der Geschichte. Schon Aristoteles hat betont, daß Zweckursache und Formursache gegenläufig sind. Ziel, das müßte bedeuten, daß der Materie, aus der heraus die geschichtliche Bewegung stattfindet, von Beginn an ein Zweck, eine Zielrichtung, eingepflanzt ist. Aber Marx spricht nicht von Zwecken oder Zielen, Geschichte hat für ihn keine Funktion, zu der zu kommen die Bewegung bestimmt ist, sondern Ursachen. Marx hat die Gründe der geschichtlichen Bewegung zu erforschen gesucht, und aus der Kenntnis der Gründe Ableitungen für bestimmte Bewegungsrichtungen getroffen. Das ist der umgekehrte Prozeß im Vergleich zu dem, den Popper behauptet. Über die Frage, ob die Ableitungen, die Marx aus seinen Gründen gezogen hat, richtig waren, läßt sich ja (sofern man kein dogmatischer Marxist ist) durchaus streiten. Aber daß die Gründe vor den Ableitungen kamen, das hätte selbst Popper erkennen müssen. Aber dann hätte er ja Marxens Theorie selbst angreifen müssen, d.h. die politische Ökonomie von Marx kritisieren, was er sich aber offenkundig nicht zugetraut zu haben scheint. So ist es nichts als das alte Spiel: einem Gegner, dem mit Argumenten schwer beizukommen ist, dessen Theorie selbst schwer widerlegbar ist, den greift man gern mal dort an, wo der Einfluß seiner Theorie nicht wirksam ist: bei den weltanschaulichen Grundlagen oder bei seiner politischen Gesinnung oder am besten gleich ethisch-moralisch (d.h. persönlich).

Man kennt dieses Verfahren, wenn diese letzte Bemerkung gestattet ist, aber nicht von den Gegnern des Marxismus, sondern auch von Marxisten selbst. Wir alle kennen zur Genüge Marxisten, deren Verhalten ähnlich dem Poppers ist. Und ehrlich: ob ich nun - als Gegner des Marxismus - einen Denker zu erledigen trachte, indem ich ihn des Totalitarismus und Dogmatismus bzw. eines Mangels an freiheitlich-demokratischer Gesinnung bezichtige, oder ob ich - als Marxist - jeden unliebsamen Denker wahlweise des Idealismus, Revisionismus oder charakterlicher Fehlbildung beschuldige, das ist nur in der Richtung, nicht aber in der Denkweise verschieden. Karl Popper, will ich damit sagen, ist (was diesen Teil seines Schaffens angeht) einfach ein ideologischer Scharfmacher, der denen, die er zu kritisieren vorgibt, mehr gleicht, als diejenigen selbst.

_________________
Der Hunsch wars!


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 Betreff des Beitrags: Re: Karl Poppers Kritik am Marxismus
BeitragVerfasst: Di 1. Sep 2009, 09:34 

Beiträge: 132
Auf welche Aussage bei L.Wagner beziehst Du Dich, wenn Du von einem schematischen Geschichtsverlauf sprichst?


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