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Diskussionen über sozialistische Geschichte, Gegenwart und Zukunft
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 Betreff des Beitrags: Über die Schwierigkeiten des Begriffs Revisionismus
BeitragVerfasst: Fr 13. Apr 2007, 20:32 
Literat

Beiträge: 2947
Diskussion wegen Eigenynamik abgetrennt und hierher verschoben

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 Betreff des Beitrags: Re: Über die Schwierigkeiten des Begriffs Revisionismus
BeitragVerfasst: Di 17. Apr 2007, 09:19 
Moderator

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NumaPompilius hat geschrieben:
Revisionismus ist ohnehin ein Wort für Leute, die Angst haben, ein Problem konkret zu benennen.

Würdest Du da z.B. Kurt Gossweiler einbeziehen wollen? Schließlich hat er u.a. ein Buch und viele andere Veröffentlichungen zu dem Thema "Revisionismus" verfasst und verwendet diesen Begriff auch kontinuierlich?

"Wider den Revisionismus"
Gossweiler, Kurt. - München : Verl. zur Förderung der Wiss. Weltanschauung Eggerdinger, 1997

Revisionismus - Totengräber des Sozialismus
Zur Entstehung des modernen Revisionismus und zu seiner Etablierung in der Sowjetunion unter Chruschtschow 1953-1964
http://www.kurt-gossweiler.de/artikel/totengr.htm

Wie würdest Du das Phänomen, daß hier und anderswo "Revisionismus" genannt wird denn konkret bezeichnen?


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 Betreff des Beitrags: Re: Über die Schwierigkeiten des Begriffs Revisionismus
BeitragVerfasst: Mi 18. Apr 2007, 14:57 
Literat

Beiträge: 2947
Neo hat geschrieben:
NumaPompilius hat geschrieben:
Revisionismus ist ohnehin ein Wort für Leute, die Angst haben, ein Problem konkret zu benennen.

Würdest Du da z.B. Kurt Gossweiler einbeziehen wollen? Schließlich hat er u.a. ein Buch und viele andere Veröffentlichungen zu dem Thema "Revisionismus" verfasst und verwendet diesen Begriff auch kontinuierlich?

"Wider den Revisionismus"
Gossweiler, Kurt. - München : Verl. zur Förderung der Wiss. Weltanschauung Eggerdinger, 1997

Revisionismus - Totengräber des Sozialismus
Zur Entstehung des modernen Revisionismus und zu seiner Etablierung in der Sowjetunion unter Chruschtschow 1953-1964
http://www.kurt-gossweiler.de/artikel/totengr.htm

Wie würdest Du das Phänomen, daß hier und anderswo "Revisionismus" genannt wird denn konkret bezeichnen?

Ja, teilweise zähle ich auch Gossweiler hierzu, aber das nicht aus dem Grund, daß er nicht konkret genug wäre, sondern weil auch er den entscheidenden Punkt nicht sieht. Es nicht das Problem, daß ein Politiker von den Vorgaben seiner Vorgänger abweicht, daß er die Theorie noch einmal kritisch durchleuchtet. Was das Entscheidende bei der Beantwortung der Frage ist, habe ich vor einer Weile schon einmal, übrigens dir gegenüber, ausgeführt:

Es gibt doch nicht einen Satz bei Marx oder Engels, der beinhaltet, daß man die Theorie um jeden Preis unangetastet lassen soll. Bei Lenin ist es noch deutlicher, er selbst hat die marxistische Theorie ja "modernisiert" wie kein zweiter. Natürlich wußten sie, daß die Geschichte immer auch Überraschungen bringt, und natürlich ist es nötig, die Theorie der Wirklichkeit anzupassen. Die Frage, ob dabei Revisionismus herauskommt, stellt sich in diesem Zusammenhang gar nicht. Sie kann nur beantwortet werden, wenn man die Auswirkungen betrachtet, die eine Theorie hat. Wenn man also eine neue Sozialismusvorstellung entwickelt, zeigt nicht die Tatsache, daß sie neu ist, daß sie revisionistisch sei, sondern hierüber entscheidet die Frage, ob diese neue Theorie eine schädliche, entwicklungshemmende Auswirkung auf die sozialistische Wirklichkeit hat (was bei Chruschtschow, Mao, Ota Sik usw. der Fall war) oder ob die Theorie zu nützlichen, die Entwicklung befördernen Resulaten führte (wie man es bei Ulbricht, gewissermaßen auch bei Castro und ganz bestimmt bei Chavez sagen kann).

Und um diese Frage zu beantworten, muß man konkret urteilen. Darauf wollte ich hinaus. Zudem war meine Aussage mit besonderem Hinblick eben nicht auf Leute wie Gossweiler, sondern auf jene linken Sektengehirne getroffen worden, die ihre theoretische Unsicherheit durch ein Übermaß an ideologischer Reinheit zu kompensieren suchen, und eigentlich immer dort, wo der Sache nach eigentlich ein Gedanke oder eine Begründung kommen müßte, mit solchen lückenfüllenden Verlegenheitsworten wie Revisionismus operieren. In diesem Sinne habe ich an anderer Stelle mal folgendes geschrieben:

Nebenbeigesagt kann man das mit einem Schlagwort wie Revisionismus auch nicht wirklich zusammenfassen. Wir haben es mit einem komplexen Prozeß von einiger Verwicklung zu tun und da ist es kaum hinreichend zu sagen, der Revionismus wäre schuld. Es ist interessant, daß praktisch immer, wenn das Wort Revisionismus auftaucht, eine gedachtes ... folgt. Da, wo die eigentlich Erklärung beginnen müßte, kommt ein ..., so als ob das Wort Revisionismus bereits alles erklärte. Bei näherem Hinsehen erweist sich, daß der Revisionismus, der stets als die Lösung des Rätsels ageboten wird, das eigentliche Rätsel ist. Wie kommen durch Welt- und Bürgerkrieg, sozialistischen Aufbau und Klassemkampf geschulte Funktionäre auf die Idee, daß das mit der friedlichen Koexistenz eine dauerhafte Sache sein müsse. Ich persönlich bin der Lösung dieser Frage teilweise auf die Spur gekommen und halte mich aber sehr mit absoluten Aussagen zurück. Anders als viele andere, die meinen mit einem Wort wie Revisionismus die ganze Sache erklärt zu haben.

(Irgendwann werde ich noch dahin kommen, nur noch mich selbst zu zitieren ... Opa )

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 Betreff des Beitrags: Re: Über die Schwierigkeiten des Begriffs Revisionismus
BeitragVerfasst: Mi 18. Apr 2007, 19:35 
Moderator

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@Numa
Danke für Deine Ausführungen, die ich auch schon in dem anderen Faden sehr interessant fand. Meine Frage hier war ursprünglich etwas anders gemeint, läuft aber eigentlich doch auf das gleiche hinaus.


NumaPompilius hat geschrieben:
Wenn man also eine neue Sozialismusvorstellung entwickelt, zeigt nicht die Tatsache, daß sie neu ist, daß sie revisionistisch sei, sondern hierüber entscheidet die Frage, ob diese neue Theorie eine schädliche, entwicklungshemmende Auswirkung auf die sozialistische Wirkung hat (was bei Chruschtschow, Mao, Ota Sik usw. der Fall war) oder ob die Theorie zu nützlichen, die Entwicklung befördernen Resulaten führte (wie man es bei Ulbricht, gewissermaßen auch bei Castro und ganz bestimmt bei Chavez sagen kann).[/i]

Und um diese Frage zu beantworten, muß man konkret urteilen.

Was sind denn die konkreten Kriterien hierfür? Woran kann man erkennen, ob eine Theorie eine schädliche, entwicklungshemmende Auswirkung auf die sozialistische Entwicklung hat oder ob die Theorie zu nützlichen, die Entwicklung befördernen Resultaten führt?

Vor allem, wie kann man es erkennen bevor sie umgesetzt wird?


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 Betreff des Beitrags: Re: Über die Schwierigkeiten des Begriffs Revisionismus
BeitragVerfasst: Mi 18. Apr 2007, 19:43 
Salonbolschewist
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Zitat:
Was sind denn die konkreten Kriterien hierfür? Woran kann man erkennen, ob eine Theorie eine schädliche, entwicklungshemmende Auswirkung auf die sozialistische Wirkung hat oder ob die Theorie zu nützlichen, die Entwicklung befördernen Resultaten führt?


Interessante Frage, anders als an den Resultaten lassen sich Entwicklungen die derzeit stattfinden wie bei Chavez nicht messen. Und genau auf die Resultate warten wir noch in dem ein oder anderen Fall. Ausserdem laufen manche Kommentatoren oft Gefahr, Entwicklungen im Ausland mit den eigenen Maßstab wahrnehmen zu wollen oder verlassen sich ganz einfach als Informationsquelle auf die BüProp. (Neue Abkürzung für Bürgerliche Propaganda Very Happy )

Zitat:
Vor allem, wie kann man es erkennen bevor sie umgesetzt wird?


Abgesehen von den ganz groben Fällen wohl leider gar nicht. Würde mich freuen wenn mir da wer mehr dazu sagen könnte.

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 Betreff des Beitrags: Re: Über die Schwierigkeiten des Begriffs Revisionismus
BeitragVerfasst: Mi 18. Apr 2007, 20:14 
Moderator

Beiträge: 876
Ben hat geschrieben:
Interessante Frage, anders als an den Resultaten lassen sich Entwicklungen die derzeit stattfinden wie bei Chavez nicht messen.


Und selbst das ist schwierig. Welche marxistisch-leninistischen Theorien können zur Beurteilung von Resultaten herangezogen werden?

Als Kriterum zur Messung des Erfolgs von Politik im allgemeinen erscheint mir das Ausmaß der Befriedigung der menschlichen Grundbedürfnisse nach Maslov als ziemlich geeignet. Haben sich kommunistische Theoretiker mal hierzu geäußert?


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 Betreff des Beitrags: Re: Über die Schwierigkeiten des Begriffs Revisionismus
BeitragVerfasst: Mi 18. Apr 2007, 20:19 
Salonbolschewist
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Beiträge: 1077
Zitat:
Als Kriterum zur Messung des Erfolgs von Politik im allgemeinen erscheint mir das Ausmaß der Befriedigung der menschlichen Grundbedürfnisse nach Maslov als ziemlich geeignet


Ja das kann man gelten lassen. Allerdings muss man auch die bessere Befriedigung der Bedürfnisse im Kommenden berücksichtigen, auch wenn sich anfangs nicht gleich eben das einstellt. Hat sich Maslov dazu mal geäussert?

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 Betreff des Beitrags: Re: Über die Schwierigkeiten des Begriffs Revisionismus
BeitragVerfasst: Mi 18. Apr 2007, 20:32 
Moderator

Beiträge: 876
Ben hat geschrieben:
Zitat:
Als Kriterum zur Messung des Erfolgs von Politik im allgemeinen erscheint mir das Ausmaß der Befriedigung der menschlichen Grundbedürfnisse nach Maslov als ziemlich geeignet


Ja das kann man gelten lassen. Allerdings muss man auch die bessere Befriedigung der Bedürfnisse im Kommenden berücksichtigen, auch wenn sich anfangs nicht gleich eben das einstellt. Hat sich Maslov dazu mal geäussert?



Ist mir nicht bekannt.


Off topic:

Ich habe gerade ein ziemlich gutes Zitat von Maslow gefunden:

"Wenn man als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht jedes Problem wie ein Nagel aus."


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 Betreff des Beitrags: Re: Über die Schwierigkeiten des Begriffs Revisionismus
BeitragVerfasst: Mi 18. Apr 2007, 23:01 
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 Betreff des Beitrags: Re: Über die Schwierigkeiten des Begriffs Revisionismus
BeitragVerfasst: Do 19. Apr 2007, 20:07 
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Danke für die detaillierte Antwort. Klingt sehr schlüssig, aber ich muss es noch ein paar mal durchlesen, bevor ich sagen kann, ob ich es verstanden habe.


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 Betreff des Beitrags: Re: Über die Schwierigkeiten des Begriffs Revisionismus
BeitragVerfasst: Sa 2. Jun 2007, 20:14 
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 Betreff des Beitrags: Re: Über die Schwierigkeiten des Begriffs Revisionismus
BeitragVerfasst: Sa 2. Jun 2007, 20:28 
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 Betreff des Beitrags: Re: Über die Schwierigkeiten des Begriffs Revisionismus
BeitragVerfasst: So 3. Jun 2007, 06:07 

Beiträge: 2008
Tja, also das da mit der Dialektik, gelle, das war schon immer nich so einfach zu verstehen. Vielleicht sollten wir einen neuen Faden aufmachen. Primat und Vorrang der Dialektik.
Das Beispiel zeigt aber mal wieder, die Zensur in der DDR hat ooch nischt getaucht ...
zumindest nicht bei politischen Lexika. Lags am Vertrauen, dass die Verfasser nix falsch machen können oder unterlagen politische Lexika gar etwa keiner Zensur?
:schild-dumm:

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 Betreff des Beitrags: Re: Über die Schwierigkeiten des Begriffs Revisionismus
BeitragVerfasst: So 3. Jun 2007, 06:56 
Literat

Beiträge: 2947
Ja, wer soll das kontrollieren? Die Leute, die das schrieben, waren ja selbst Ideologen, die die Partei sich dafür hielt, dergleichen durchzusetzen. Eine Kontrolle über solche Leute kann, wenn dann nur von ganz oben kommen. Aber ganz oben saßen Leute wie Honecker, Hager usw., solche Leute also, die diese Ideologen im Grunde billigten.

Aber selbst wenn oben jemand sitzt, der alles richtig sieht und entsprechend handelt, ist es unmöglich, die Dummheit aus akademischen Instituten herauszusäubern. Das vermehrt sich schneller, als man es bekämpfen kann. Deswegen bin ich nicht der Aufassung, daß man derlei verhindern kann, aber man kann mit richtiger Politik von oben eine gesellschaftliche und geistige Atmosphäre erzeugen, die die Idioten zwingt, sich der Klugheit in einem gewissen Grad zu unterwerfen. Sie tun es nicht gern, weil sie es nie verstehen, aber sie müssen es.

Aber die ganze Sache mit dem Widerspruch von Ideologie und Wissenschaft ist natürlich komplizierter, weil das nicht allein eine lose Ansammlung von Einzelwesen betraf, sondern durch gesellschaftlich Institutionen vermittelt war: Es gab in der DDR mehrere wissenschaftliche Institutionen, die zwar nicht völlig unbeeinflußt voneinander waren, aber doch weitgehend eigene Bereiche. Zunächst war typisch (und von der SU übernommen) die Trennung von Forschung (Akademie) und Lehre (Universität). Ein dritter Bereich war dann das Institut für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED. In der Akademie war die Kontrolle am geringsten, weswegen es es billigerweise dort dann auch am reaktionärsten zuging. Aber an der Universität, wo mehr kontrolliert wurde, und am ZK-Institut für Gesellschaftswissenschaften, wo ideologisch ja von vornherein ein starke Auslese gegeben war, war es kaum weniger schlimm.

Das gehört nämlich auch zu den Widersprüchen des Sozialismus, daß er einerseits eine gute wissenschaftliche Forschung nötig hat, und um so schlechter beraten ist, desto mehr er diese Forschung behindert, daß zum anderen aber die Partei nicht den Anspruch, ideolgische Führung des Landes zu sein, aufgeben kann. Deswegen gab es immer jene merkwürdigen Gegenstücke innerhalb der Parteiorgane: Gegen die pilosophischen und gesellschaftswissenschaftlichen Fachzeitschriften der Universitäten und der Akademie gab es z.B. die "Einheit". Diese Zeitschrift war, rein vom Wissenschaftsbetrieb her gesehen, vollkommen überflüssig, aber ideologisch war sie notwendig, weil sie das Organ war, was zu Not immer gegen Akademie und Universität ins Feld geführt werden konnte, wovon man das eine oder andere Mal auch ausgiebigen Gebrauch machte. Genauso verhielt es sich mit dem Institut für Gesellschaftswissenschaften am ZK. Es gab keinen Grund, dieses als Konkurrenz gegen die Akademie oder die Universität zu halten, außer den, daß die Partei ein ideologisches Gegengewicht brauchte.

Diese offiziellen Wörterbücher, von denen das oben zitierte eins ist, wurden übrigens alle vom ZK-Institut herausgegeben.

Entsprechend dieser Konstellation - Wissenschaftbetrieb mit beigeordnetem ideologischen Gegengewicht - waren dann auch die gesitigen Strömungen der Zeit beschaffen. Es war nämlich, das muß man einmal betonen, nicht alles Revisionismus. Es gab ja auch immer die guten alten Dogmatiker. Und in diesem Spannungsbogen zwischen Revisionisten, die, stets anfällig für jeden Quatsch, der vom Westen kam, immer eine Gefahr der ideologischen Erosion waren, und Dogmatikern, die instinktiv diese Gefahr witterten aber nie irgendwas verstanden haben und nur Buchstabengelehrte waren und nicht zuletzt wegen dieser ihrer Unbildung und Dummheit selbst wieder eine Menge Schaden anrichten - in diesem Spannungsbogen zwischen dünkelhaften Akademikern und dümmlichen Gesinnungsschnüfflern jedenfalls fand nun die Wissenschaft der DDR statt. Es klingt traurig und es war auch traurig, aber vielleicht ist ein Trost, daß es nicht anders sein konnte.

Übrigens sind Dogmatismus und Revisionismus nicht unbedingt Haltungen, die sich ausschließen. Sicherlich neigen die meisten Persönlicheiten eher zum einen oder zum anderen, aber es gibt auch eine nicht unbeträchtliche Menge, die zu beiden neigt. Und diese Doppelnatur zeigt sich für mich am deutlichsten im ZK-Institut für Gesellschaftswissenschaften. Dort war, spätestens unter Honecker jener merkwürige Mischgeist aus alten Dogmatismus und revisionistischen Denkquatsch zu Hause, wie man ihn bewundern darf, wenn man jene Artikel liest, in denen immer von Lenin-Zitaten direkt zu Honecker-Zitaten übergegangen wird.

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 Betreff des Beitrags: Re: Über die Schwierigkeiten des Begriffs Revisionismus
BeitragVerfasst: So 3. Jun 2007, 11:17 

Beiträge: 2008
Ergo, müssen wir uns auch beim nächsten Anlauf auf derartige Situationen einstellen?

Sicher wird es viele heftige Diskussionen geben in der Art, dass man ja aus den Erfahrungen ... lernen müßte. Doch lernen heißt hier wohl eher, dass wir erst mal da wieder ansetzen müssen, was bereits erreicht war, oder?

Oder es gelingt, alle Dogmatiker durch wirklich hochgebildete Leute zu ersetzen und die Revisionisten sofort still zu legen? Ja, ja ich mit meinen Wunschträumen.

Aber schließlich sind Wiedersprüche die Triebkraft der Entwicklung. Also brauchen wir für die zukünftige Weiterentwicklung des Sozialismus zu einer vollendeteren Form und bis zum Kommunismus diese Wiedersprüche. Vielleicht löst sich die Notwendigkeit dieses Spannungsfeldes im Kommunismus auf.

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 Betreff des Beitrags: Re: Über die Schwierigkeiten des Begriffs Revisionismus
BeitragVerfasst: So 3. Jun 2007, 11:45 
Literat

Beiträge: 2947
Natürlich wiederholt sich Geschichte nicht einfach, und die Haltung einiger Leute, die sich keine andere Zukunft vorstellen können, als die, die wir schon mal hatten, ist mir auch zu beschränkt. Aber es gibt gewisse Probleme, an denen man nicht vorbeikommt, wozu ich auch den Widerspruch zwischen Spezialisten und Gemeininteresse zähle. Die Spezialisten werden benötigt, aber ihnen ist die Tendenz eigen, ihr besonderes Können mit besonderen Ansprüchen zu verbinden. Umgekehrt neigt die Allgemeinheit dazu, die besonderen Begabungen den Kopf abschlagen zu wollen. Das ist noch nicht mal ein spezifisch sozialistisches Problem. Ich kenne keine Gesellschaft, die mit diesem Widerspruch an seiner Wurzel fertig werden könnte.

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 Betreff des Beitrags: Re: Über die Schwierigkeiten des Begriffs Revisionismus
BeitragVerfasst: So 3. Jun 2007, 19:14 

Beiträge: 48
Der Revisionismus ist nicht der direkte Grund für den Zerfall der sozialistischen Staaten, sondern, die Restauration zum Kapitalismus.
Fidel kann auf Kuba soviel Revisionismus machen wie der will, solange die Produktionsmittel nicht in den Besitz irgendwelcher "Direktoren" übergehen gibt es doch kaum Probleme.
Allerdings ist der Kapitalismus auf Kuba schon teilweise da; seit dem Zerfall des Ostblocks wurde dieser notwendig.

Lenin hat ja auch die NÖP gemacht, weil diese nun mal notwendig war. Man braucht also einfach nur echte Kommunisten - und wir wissen doch alle wie selten es diese leider gibt.

Die sozialistische Produktion produziert nach Bedürfnis (Wer bracht was?) und nicht nach Profit (Wer hat Geld?)

Bei dem revolutionärem Kampf sollte man jedoch revisionistische Parteien besser meiden; deshalb finde ich es OK wenn diese sich gegenseitig kritisieren. So werden sie (gegenseitig) ihre Strukturen besser anpassen müssen und könnten so, später vieleicht, Bündnisse eingehen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Über die Schwierigkeiten des Begriffs Revisionismus
BeitragVerfasst: So 3. Jun 2007, 19:40 

Beiträge: 2008
NumaPompilius hat geschrieben:
Natürlich wiederholt sich Geschichte nicht einfach, und die Haltung einiger Leute, die sich keine andere Zukunft vorstellen können, als die, die wir schon mal hatten, ist mir auch zu beschränkt.


Nun, wenn es als Startpunkt der nächsten soz. Entwicklung verstanden wird, könnte ich damit schon leben. Allerdings dabei stehen bleiben würde mir keinesfalls gefallen. Ich denke, das wird nicht geschehen, wenn es gelingt, die Menschen aktiv in die Gestaltung der neuen Gesellschaft einzubinden. Ihnen zu zu hören und versuchen, sie zu verstehen ist das eine. Das andere ist, ihnen geduldig zu erklären, was machbar ist und was nicht und vor allen warum.

Wenn die Erklärungen in verständlicher Umgangssprache und nicht jedes mal in einem ML-Grundsatzreferat bestehen, werden hoffentlich mehr Menschen sich für die Fragen dieser Diskussionen interessieren können.

Das setzt allerdings einiges voraus, wo ich heute nicht sagen kann, wie man es machen sollte. Einerseits sollte man mit den Menschen ehrlich über bestehende Probleme sprechen. Andererseits kommt es wohl auf die konkreten historischen Randbedingungen an, inwieweit das möglich sein wird

Auch in Zukunft wird nicht jeder machen können, was er gern möchte. Einsicht und Freiheit sind auch dann wieder ein beliebtes Diskussionsthema.

Auch in Zukunft wird es (zumindest bis zu einer bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungsstufe nicht ohne Staat, ohne Machtorgane usw. gehen.

Bis sich die Zivilisation soweit entwickelt hat, dass für alle Menschen eine brauchbare und akzeptable Grundversorgung sicher bar ist, wird man nicht umhin können, diejenigen die gern auf Kosten anderer leben wollen, mit gewissem Nachdruck zu behandeln.

In einem anarchistischem System ist das für mich alles nicht vorstellbar.

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 Betreff des Beitrags: Re: Über die Schwierigkeiten des Begriffs Revisionismus
BeitragVerfasst: Di 5. Jun 2007, 08:27 
Literat

Beiträge: 2947
Zitat:
Der Revisionismus ist nicht der direkte Grund für den Zerfall der sozialistischen Staaten, sondern, die Restauration zum Kapitalismus. Fidel kann auf Kuba soviel Revisionismus machen wie der will, solange die Produktionsmittel nicht in den Besitz irgendwelcher "Direktoren" übergehen gibt es doch kaum Probleme.

Die Restauration des Kapitalismus ist das letztliche Resultat des Verfalls des Sozialismus. Die Frage nach dem Revisionismus, wenn man ihn nach meinen Ausfürhungen oben als eine theoretische Bewegung versteht, deren Wesen das Insistieren auf Vorstellungen und Handlungsweisen ist, die dem Sozialismus schaden, setzt früher an, weil sie damit befaßt ist, welche Entwicklungen den Ereignissen von 1989/90 vorausgegangen sind, was schließlich in diesen Zustand geführt hat. Wenn man noch weiter geht, muß man freilich auch fragen, worin wiederum die Ursachen für den Revisionismus liegen.

Zitat:
Die sozialistische Produktion produziert nach Bedürfnis (Wer bracht was?)

Der Sozialismus ist per definitionem eine Leistungsgesellschaft. Verteilung und Produktion finden, da die materielle Voraussetzungen für Bedürfnisproduktion noch nicht gegeben ist, unter Berücksichtigung der Leistung statt.

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