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 Betreff des Beitrags: Über Schirdewan und Wollweber
BeitragVerfasst: Mi 9. Mär 2011, 01:08 

Beiträge: 132
Hallo Genossen!

Ich erinnere mich daran, dass der Genosse gewe einst (so wie ich ihn verstanden habe) die Frage aufwarf, warum genau Schirdewan und Wollweber in der DDR zu Unpersonen wurden, möchte ich hier mal Auszüge aus einem Spiegel-Artikel zitieren, der sich unter Anderem mit diesem Thema befasst:

"Dann kam das Jahr 1956 mit seinen beiden politischen Erdstößen: Dem XX. Parteitag der KPdSU im Frühjahr – dem Polnischen Oktober, der Ungarischen Revolution im Herbst.

Chruschtschov entgottete Stalin, distanzierte die KPdSU von der "Periode des Personenkults". Er verwarf Stalins Theorien von der "Verschärfung des Klassenkampfes beim Aufbau des Sozialismus" und der "Unvermeidlichkeit von Kriegen, solange der Imperialismus nicht im Weltmaßstabe geschlagen" sei. (...)

Kurzum, die Sowjetunion begann sich – unter gefährlichen Krämpfen – den unerbittlichen Gesetzen der modernen Industriegesellschaft anzupassen.
Niemals hatte Walter Ulbricht vor einer schwierigeren Situation gestanden. Niemals hatte er sie machiavellistischer.

In all dieser bewegten Zeit hatte Karl Schirdewan Gelegenheit gehabt, Walter Ulbricht aus unmittelbarer Nähe kennenzulernen. Er war durch die Enthüllungen Chruschtschows aufgeschreckt, aufs schwerste erschüttert worden.

Während er tief betroffen war, sah er Ulbricht, seinen Chef, den XX. Parteitag als routinemäßige Hürde nehmen, wie sie sich in der bewegten Laufbahn eines altgedienten stalinistischen Komintern-Apparatschiks "alle Nase lang" bot.

Karl Schirdewan nahm das sehr, sehr ernst, was nun "Abkehr vom Personenkult" und "Rückkehr zu den Leninschen Parteinormen" hieß. Verbissen, grimmig, zäh – so wie er einst den Ulbricht-Kurs nach dem 17. Juni vertreten hatte, weil dieser ihm die einzig sinnvolle Konsequenz aus jenen tragischen Ereignissen schien – machte er sich nun daran, "auch für die DDR die Konsequenzen aus den Ergebnissen des XX. Parteitages zu ziehen".

Notwendigerweise stieß er damit sehr bald erst auf den erstaunten, dann auf den erbitterten Widerstand seines Chefs. Karl Schirdewan, gradlinig, dickschädelig und eben keinesfalls ein Karrierist, sah in den abwehrenden, bremsenden Maßnahmen Walter Ulbrichts nur eine Bestätigung dafür, dass er auf dem richtigen Wege sei. Die ausgeklügelten taktischen Tricks des in bedenkenloser Routine ergrauten Parteichefs widerten ihn an.

Er nannte ihn von nun an im Freundeskreis den "Meister der Lüge".

Karl Schirdewan behauptete, daß er anlässlich eines Moskau-Besuches nach dem XX. Parteitag bei einem Gespräch unter vier Augen zu Nikita Chruschtschov gesagt habe:

"Ihr habt mit eurem Berija abgerechnet, wir müssen es mit dem deutschen Berija tun, sonst wird bei uns nichts aus dem XX. Parteitag."

Der deutsche Berija, das war Walter Ulbricht.

Chruschtschov riet – so berichtete Schirdewan – zur Vorsicht. Er verwies auf seine eigene schwierige Lage.
"Ulbricht wird sich morgen mit allen verbünden, die Ihnen Schwierigkeiten bereiten, weil Sie ihnen zu weit gehen", drängte Schirdewan.

Nikita Chruschtschov: "Es darf keine neuen Erschütterungen in der DDR geben. Der Führungswechsel muss glatt verlaufen. Dafür müssen Sie garantieren. (...)"

Es steht außer Zweifel, dass eine kurze Zeit lang Nikita Chruschtschov damit einverstanden war, ja erstrebte, daß Karl Schirdewan zum Ersten Sekretär der SED aufrücke und ein neues Pol-Büro etabliere.

Damals sah er in Schirdewan den deutschen Gomulka und sagte ihm seine Unterstützung zu: "Aber vorsichtig, vorsichtig, bei euch gibt es so viele duraki (Dummköpfe)."

"Die Verbrechen Ulbrichts sind so groß", beharrte und beruhigte Schirdewan, "dass wir sie der deutschen Partei nur tropfenweise werden beibringen können."
Karl Schirdewan wollte überhaupt etappenweise vorgehen:

> Die SED sollte an den Namen und das Schicksal Ernst Thälmanns erinnert und gleichzeitig sollten (in der Sowjetunion bereits vollzogene) Maßnahmen gegen den Personenkult durchgeführt werden.

> Alle Bezeichnungen volkseigener und staatlicher Einrichtungen nach lebenden Personen sollten aufgehoben werden; sie seien insgesamt im Gedenken an die hingemordeten Opfer des Faschismus umzubenennen. So schlug er zum Beispiel vor, die historischen Leuna-Werke (sie hatten in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung eine bedeutende Rolle gespielt), die jetzt nach Walter Ulbricht benannt waren, in "Leuna-Werke Ernst Thälmann" umzutaufen.

> Schirdewan wollte die engmaschige Kontrolle der Partei über alle, auch die privatesten Bereiche des Lebens lockern und eine Reihe der Massenorganisationen auflösen. Die Menschen in der DDR sollten ihre Freizeit auch wieder frei gestalten können. Er beabsichtigte, die hypertrophische Politisierung des Lebens weitgehend einzuschränken und den Staatssicherheitsdienst auf seine elementare Funktion einer kontrollierten, eng begrenzten politischen Polizei zu reduzieren. Strenge Rechtsstaatlichkeit sollte gesichert sein.

> Ihm schwebte eine Parteiorganisation vor, die von den staatlichen und kommunalen Funktionen gelöst war (wie etwa neuerdings in Jugoslawien) und sich darauf beschränkte, die allgemeinen Richtlinien der Politik festzulegen. Schirdewan war sich durchaus klar darüber, wie sehr die Bevölkerung der DDR der ständigen Bevormundung und Reglementierung überdrüssig war. Er erhielt von seinem Fraktionsfreund Wollweber (dem damaligen SSD-Chef) ungeschminkte Informationen über die Stimmung im Lande.

> Unter solch liberalisierten Lebensbedingungen, so meinte er, müssten Ausgleich und Entspannung mit der Bundesrepublik möglich werden – sowie normale, ja freundschaftliche Beziehungen zur SPD.

Solange die wohlwollende Billigung Chruschtschovs vorlag, sympathisierten auch Otto Grotewohl, Fritz Selbmann, Franz Dahlem, Fred Oelßner, Gerhart Ziller, Kurt Hager und eine Reihe weiterer hoher und höchster Parteiführer mehr oder weniger weitgehend mit Schirdewans Plänen. Als aber Chruschtschov nach dem Ungarn-Debakel in wachsende Schwierigkeiten geriet – wurde ihm doch vorgeworfen, mit seiner Geheimrede, seiner Tauwetter-Politik die Auflösungserscheinungen im bisher "monolithischen" Ostblock ausgelöst zu haben –, sah er sich gezwungen, die Schirdewan-Wollweber-Fronde fallen zu lassen.

Walter Ulbricht schwang sich wieder fest in den Sattel und ging zum rücksichtslosen Gegenangriff über. Schirdewan und seine Getreuen blieben als "Parteifeinde" auf der Strecke. Chefplaner Ziller griff zum Dienstrevolver (1957), so wie später sein Nachfolger Erich Apel (1965).

(...)

Wieder einmal waren die Träume der Nationalkommunisten, Entstalinisierer, Liberalisierer zerstoben. (...)"


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