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Diskussionen über sozialistische Geschichte, Gegenwart und Zukunft
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 Betreff des Beitrags: Die 16 Grundsätze des Städtebaus
BeitragVerfasst: Fr 8. Jun 2007, 19:03 
Moderator

Beiträge: 876
Die 16 Grundsätze des Städtebaus

Die folgenden Leitlinien der Stadtplanung vom 27. Juli 1950 markierten einen Wendepunkt in der Architekturpolitik der DDR. Das Aufbauprogramm orientierte sich nun am sowjetischen Vorbild.

"Von der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik am 27. Juli 1950 beschlossen:

Die Stadtplanung und die architektonische Gestaltung unserer Städte müssen der gesellschaftlichen Ordnung der Deutschen Demokratischen Republik, den fortschrittlichen Traditionen unseres deutschen Volkes sowie den großen Zielen, die dem Aufbau ganz Deutschlands gestellt sind, Ausdruck verleihen. Dem dienen die folgenden Grundsätze:

1. Die Stadt als Siedlungsform ist nicht zufällig entstanden. Die Stadt ist die wirtschaftlichste und kulturreichste Siedlungsform für das Gemeinschaftsleben der Menschen, was durch die Erfahrung von Jahrhunderten bewiesen ist. Die Stadt ist in Struktur und architektonischer Gestaltung Ausdruck des politischen Lebens und des nationalen Bewußtseins des Volkes.


2. Das Ziel des Städtebaues ist die harmonische Befriedigung des menschlichen Anspruchs auf Arbeit, Wohnung, Kultur und Erholung. Die Grundsätze der Methoden des Städtebaues fußen auf den natürlichen Gegebenheiten, auf den sozialen und wirtschaftlichen Grundlagen des Staates, auf den höchsten Errungenschaften von Wissenschaft, Technik und Kunst, auf den Erfordernissen der Wirtschaftlichkeit und auf der Verwendung der fortschrittlichen Elemente des Kulturerbes des Volkes.


3. Städte 'an sich' entstehen nicht und existieren nicht. Die Städte werden in bedeutendem Umfange von der Industrie für die Industrie gebaut. Das Wachstum der Stadt, die Einwohnerzahl und die Fläche werden von den städtebildenden Faktoren bestimmt, das heißt von der Industrie, den Verwaltungsorganen und den Kulturstätten, soweit sie mehr als örtliche Bedeutung haben. In der Hauptstadt tritt die Bedeutung der Industrie als städtebildender Faktor hinter der Bedeutung der Verwaltungsorgane und der Kulturstätten zurück. Die Bestimmung und Bestätigung der städtebildenden Faktoren ist ausschließlich Angelegenheit der Regierung.


4. Das Wachstum der Stadt muß dem Grundsatz der Zweckmäßigkeit untergeordnet werden und sich in bestimmten Grenzen halten. Ein übermäßiges Wachstum der Stadt, ihrer Bevölkerung und ihrer Fläche führt zu schwer zu beseitigenden Verwicklungen ihrer Struktur, zu Verwicklungen in der Organisation des Kulturlebens und der täglichen Versorgung der Bevölkerung und zu betriebstechnischen Verwicklungen sowohl in der Tätigkeit wie in der Weiterentwicklung der Industrie.


5. Der Stadtplanung zugrunde gelegt werden müssen das Prinzip des Organischen und die Berücksichtigung der historisch entstandenen Struktur der Stadt bei Beseitigung ihrer Mängel.


6. Das Zentrum bildet den bestimmenden Kern der Stadt. Das Zentrum der Stadt ist der politische Mittelpunkt für das Leben seiner Bevölkerung. Im Zentrum der Stadt liegen die wichtigsten politischen, administrativen und kulturellen Stätten. Auf den Plätzen im Stadtzentrum finden die politischen Demonstrationen, die Aufmärsche und die Volksfeiern an Festtagen statt. Das Zentrum der Stadt wird mit den wichtigsten und monumentalsten Gebäuden bebaut, beherrscht die architektonische Komposition des Stadtplanes und bestimmt die architektonische Silhouette der Stadt.


7. Bei Städten, die an einem Fluß liegen, ist eine der Hauptadern und die architektonische Achse der Fluß mit seinen Uferstraßen.


8. Der Verkehr hat der Stadt und ihrer Bevölkerung zu dienen. Er darf die Stadt nicht zerreißen und der Bevölkerung nicht hinderlich sein. Der Durchgangsverkehr ist aus dem Zentrum und dem zentralen Bezirk zu entfernen und außerhalb seiner Grenzen oder in einem Außenring um die Stadt zu führen. Anlagen für den Güterverkehr auf Eisenbahn und Wasserwegen sind gleichfalls dem zentralen Bezirk der Stadt fernzuhalten. Die Bestimmung der Hauptverkehrsstraßen muß die Geschlossenheit und die Ruhe der Wohnbezirke berücksichtigen. Bei der Bestimmung der Breite der Hauptverkehrsstraßen ist zu berücksichtigen, dass für den städtischen Verkehr nicht die Breite der Hauptverkehrsstraßen von entscheidender Bedeutung ist, sondern eine Lösung der Straßenkreuzungen, die den Anforderungen des Verkehrs gerecht wird.


9. Das Antlitz der Stadt, ihre individuelle künstlerische Gestalt, wird von Plätzen, Hauptstraßen und den beherrschenden Gebäuden im Zentrum der Stadt bestimmt (in den größten Städten von Hochhäusern). Die Plätze sind die strukturelle Grundlage der Planung der Stadt und ihrer architektonischen Gesamtkomposition.


10. Die Wohngebiete bestehen aus Wohnbezirken, deren Kern die Bezirkszentren sind. In ihnen liegen alle für die Bevölkerung des Wohnbezirks notwendigen Kultur-, Versorgungs- und Sozialeinrichtungen von bezirklicher Bedeutung. Das zweite Glied in der Struktur der Wohngebiete ist der Wohnkomplex, der von einer Gruppe von Häuservierteln gebildet wird, die von einem für mehrere Häuserviertel angelegten Garten, von Schulen, Kindergärten, Kinderkrippen und den täglichen Bedürfnissen der Bevölkerung dienenden Versorgungsanlagen vereinigt werden. Der städtische Verkehr darf innerhalb dieser Wohnkomplexe nicht zugelassen werden, aber weder die Wohnkomplexe noch die Wohnbezirke dürfen in sich abgeschlossene isolierte Gebilde sein.

Sie hängen in ihrer Struktur und Planung von der Struktur und den Forderungen der Stadt als eines Ganzen ab. Die Häuserviertel als drittes Glied haben dabei hauptsächlich die Bedeutung von Komplexen in Planung und Gestaltung.


11. Bestimmend für gesunde und ruhige Lebensverhältnisse und für die Versorgung mit Licht und Luft sind nicht allein die Wohndichte und die Himmelsrichtung, sondern auch die Entwicklung des Verkehrs.


12. Die Stadt in einen Garten zu verwandeln, ist unmöglich. Selbstverständlich muß für ausreichende Begrünung gesorgt werden. Aber der Grundsatz ist nicht umzustoßen: In der Stadt lebt man städtischer, am Stadtrand oder außerhalb der Stadt lebt man ländlicher.


13. Die vielgeschossige Bauweise ist wirtschaftlicher als die ein- oder zweigeschossige. Sie entspricht auch dem Charakter der Großstadt.


14. Die Stadtplanung ist die Grundlage der architektonischen Gestaltung. Die zentrale Frage der Stadtplanung und der architektonischen Gestaltung der Stadt ist die Schaffung eines individuellen, einmaligen Antlitzes der Stadt. Die Architektur verwendet dabei die in den fortschrittlichen Traditionen der Vergangenheit verkörperte Erfahrung des Volkes.


15. Für die Stadtplanung wie für die architektonische Gestaltung gibt es kein abstraktes Schema. Entscheidend ist die Zusammenfassung der wesentlichen Faktoren und Forderungen des Lebens.


16. Gleichzeitig mit der Arbeit am Stadtplan und in Übereinstimmung mit ihm sind für die Planung und Bebauung bestimmter Stadtteile sowie von Plätzen und Hauptstraßen mit den anliegenden Häuservierteln Entwürfe fertigzustellen, die in erster Linie durchgeführt werden können."

Quelle: Bolz, Lothar: Von deutschem Bauen. Reden und Aufsätze. Berlin (Ost): Verlag der Nation 1951, S. 32-52.

http://www.bpb.de/themen/RCVPOD,0,0,Die ... ebaus.html


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 Betreff des Beitrags: Re: Die 16 Grundsätze des Städtebaus
BeitragVerfasst: Di 12. Jun 2007, 06:23 

Beiträge: 55
Hallo,
aus welcher Aussage im Text ist zu erkennen, daß das Aufbauprogramm "sich nun am sowjetischen Vorbild" orientiert [denn diese Feststellung gehört ja nicht in den Text und ist von der "Bundeszentrale für Bildung"( ;) ) eingefügt worden]?
Womit wird die Feststellung belegt, daß mit dem vorliegenden Text ein "Wendepunkt in der Architekturpolitik der DDR" markiert wird (auch eingefügt von dieser "Zentrale"?
Wurde die DDR nicht erst am 07.10.1949 gegründet? Wie lautete der davor bestehende Text der "Leitlinien der Stadtplanung" (in der DDR) und welches Datum trug dieser?

Fünf Jahre nach der Zerschlagung des Faschismus hat die Regierung der DDR in dem von Dr. Lothar Bolz (Aufbauminister http://de.wikipedia.org/wiki/Lothar_Bolz ) erarbeiteten Grundsätzen einen wesentlichen Satz verkündet:
"Die Stadtplanung und die architektonische Gestaltung unserer Städte müssen der gesellschaftlichen Ordnung der Deutschen Demokratischen Republik, den fortschrittlichen Traditionen unseres deutschen Volkes sowie den großen Zielen, die dem Aufbau ganz Deutschlands gestellt sind, Ausdruck verleihen."
Frage: Gab es etwas ähnliches in der "freiheitlichen, demokratischen und rechtsstaatlichen " BRD?
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 Betreff des Beitrags: Re: Die 16 Grundsätze des Städtebaus
BeitragVerfasst: Di 12. Jun 2007, 08:33 
Moderator

Beiträge: 876
Hallo D.,

danke für Deine Anmerkungen. Wenn etwas von der "Zentrale" kommt, muß man tatsächlich alles sehr sorgfältig lesen, selbst in kurze einleitende Sätze wird schon Ideologie gepackt, mit dem Ziel der Meinungsmanipulation.

In diesem Fall ist die Einleitung zwar etwas unpräzise, aber wahrscheinlich nicht ganz unzutreffend.

Vor Gründung der DDR war die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung in Deutschland kein Staatsziel, daher konnte die Architektur zuvor nicht als ein Instrument zur Förderung des sozialistischen Aufbaus gesehen werden. In der Sowjetunion war dies bereits der Fall, insofern könnte man durchaus sagen, daß sich die DDR hier am sowjetischen Vorbild orientiert hat.

Soweit mir bekannt ist, gab es in der Sowjetunion sowohl in der Kunst als auch in der Architektur um 1932 eine Richtungsänderung. Der Konstruktivismus/Futurismus trat in den Hintergrund zugunsten des sozialistischen Realismus bzw. sozialistischen Klassizismus. Ob es eine entsprechende Änderung auch in der Stadtplanung gab, weiß ich nicht.

Bezogen auf den Städtebau in der DDR gab es wohl tatsächlich zwischen 1945 und 1950 eine Umorientierung. Einige Architekten und Stadtplaner, häufig Kommunisten, die in Moskau im Exil gelebt hatten, waren am Modernismus der 20er und 30er Jahre orientiert und hatten entsprechende Pläne für den Wiederaufbau Deutschlands. Sie erwarteten, diese Ideen nach ihrer Rückkehr in einem sozialistischen Deutschland am ehesten verwirklichen zu können. In Westdeutschland gab es aber durchaus vergleichbare Konzepte.

Ein wichtiges Dokument in diesem Zusammenhang sind die vom Ostberliner Bürgermeister Ebert im Juli 1949 vorgestellten Grundsätze zur "Neuplanung der Stadt Berlin", welche denen der in den Westzonen und in den Westberliner Bezirken tätigen Architekten und Stadtplaner ähneln sollen. Leider liegt mir der Text nicht im Original vor.

Ab 1950 ging die Planung in der DDR eher in Richtung sozialistischer Realismus/Klassizismus. Es gab auch einen Austausch zwischen deutschen und sowjetischen Stadtplanern. Eine gewisse Übereinstimmung zwischen Konzepten in der DDR und der UdSSR gab es insofern wirklich. - Was im übrigen natürlich überhaupt nicht schlecht war. Meines wissens hat die Städteplanung in der UdSSR viel Raum für lokale kulturelle Eigenheiten vorgesehen.


Ein konkretes Dokument aus der Sowjetunion, mit dem man die "Grundsätze" direkt vergleichen könnte, ist mir nicht bekannt. Wenn es so etwas gibt, wäre ich sehr daran interessiert, mehr darüber zu erfahren.


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 Betreff des Beitrags: Re: Die 16 Grundsätze des Städtebaus
BeitragVerfasst: Di 12. Jun 2007, 18:25 

Beiträge: 55
Hallo,
@Neo – vielen Dank für Deine ausführlichen Bemerkungen.
Leider kann ich in der Verfassung vom 07.10.1949 (siehe http://www.documentarchiv.de/ddr/verfddr1949.html ) in der DDR „die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung in Deutschland (als) Staatsziel“ nicht erkennen.
Auch sind mir keinerlei Dokumente bekannt, in denen mit der Gründung (oder davor – vom 08.05.1945 bis zum 06.10.1949 auf dem Territorium der sowjetischen Besatzungszone) der DDR am 07.10.1949 „die Architektur…als ein Instrument zur Förderung des sozialistischen Aufbaus gesehen werden“ kann.
Wenn das in der Sowjetunion der Fall war betraf dieses ausschließlich die Sowjetunion.
Sollte hier eine Abhängigkeit (auf dem Gebiet der Architektur bei Beseitigen von Schutt und Trümmern z.B. in Berlin) der sowjetischen Besatzungszone von der UdSSR – später dann der DDR – angedeutet werden, ist davon auszugehen, daß die Architektur in der französischen, britischen und amerikanischen Besatzungszone von der Gesellschaftsstruktur ihren jeweiligen Besatzerländern geprägt ist.
Dann stimme ich selbstverständlich mit Dir in diesem Punkt überein.
Für mich ist jedoch nicht zu erkennen, daß es beim beseitigen von Schutt in den deutschen Städten und Dörfern zwischen den Architekturen der Besatzungszonen irgendwelche Besonderheiten gab.
Da der massenhafte Neubau von Häuser in den Jahren von 1945 bis 1949 Einzelerscheinungen blieben, haben hier doch wesentlich regionale Architekturen an Bedeutung erlangt.

Die Richtungsänderungen in der Sowjetunion von 1932 haben sicher auch Einfluß auf die Entwicklung in der späteren DDR gehabt (besonders nach dem II. Parteikongress der SED 08.-12. Juli 1952), aber in den 16. Grundsätzen vom 27.Juli 1950 kann ich beim besten Willen auch nicht den geringsten Hinweis von „sozialistischen Realismus bzw. sozialistischen Klassizismus“ erkennen.
Auch der Austausch von deutschen und sowjetischen Stadtplanern begann erst nach dem 07.10.1949.

Interessant ist diese Veröffentlichung – wenn auch für mich sehr dem Zeitgeist verpflichtet:
http://www.luise-berlin.de/bms/bmstxt01/0103prof.htm

Übrigens: Das Hochhaus an der Weberwiese in der DDR war mit seinen 9 Etagen der erste Hochhaus Neubau in der DDR (Baubeginn 1951 – am 01.Mai 1952 zogen die ersten Mieter ein).
Über dem Eingang steht noch heute auf einer Tafel: "Friede in unserem Land, Friede in unserer Stadt, Dass sie den gut behause, der sie gebauet hat" – Bertolt Brecht.

Wann sind jemals zuvor in Deutschland die Erbauer der Häuser in solche Häuser eingezogen, wie die in der „Stalinallee“?
Wer will kann sich einige „Hinterhäuser“ noch auf den Bildern von Heinrich Zille oder im Original in Berlin, München, Frankfurt/M. ansehen.
Stark bleiben!


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 Betreff des Beitrags: Re: Die 16 Grundsätze des Städtebaus
BeitragVerfasst: Di 12. Jun 2007, 19:56 
Moderator

Beiträge: 876
D. Krüger hat geschrieben:
Leider kann ich in der Verfassung vom 07.10.1949 (siehe http://www.documentarchiv.de/ddr/verfddr1949.html ) in der DDR „die Errichtung einer sozialistischen Gesellschaftsordnung in Deutschland (als) Staatsziel“ nicht erkennen.

Das überrascht mich jetzt aber wirklich. Wo war denn der Bezug zum Sozialismus in der DDR verankert?

D. Krüger hat geschrieben:
Auch sind mir keinerlei Dokumente bekannt, in denen mit der Gründung (oder davor – vom 08.05.1945 bis zum 06.10.1949 auf dem Territorium der sowjetischen Besatzungszone) der DDR am 07.10.1949 „die Architektur…als ein Instrument zur Förderung des sozialistischen Aufbaus gesehen werden“ kann.

Daß vor der Gründung der DDR Architektur alls ein Instrument zur Förderung des sozialistischen Aufbaus gesehen wurde, hatte ich ja auch nicht geschrieben. Aber waren die "16 Grundsätze" nicht bereits in diesem Sinn zu verstehen? Spätestens mit der Errichtung von Eisenhüttenstadt als "erster sozialistischer Stadt Deutschlands" wurde die Verbindung zwischen Architektur und Aufbau des Sozialismus hergestellt.

D. Krüger hat geschrieben:
Für mich ist jedoch nicht zu erkennen, daß es beim beseitigen von Schutt in den deutschen Städten und Dörfern zwischen den Architekturen der Besatzungszonen irgendwelche Besonderheiten gab.

Da der massenhafte Neubau von Häuser in den Jahren von 1945 bis 1949 Einzelerscheinungen blieben, haben hier doch wesentlich regionale Architekturen an Bedeutung erlangt.

Ist die auch von Dir erwähnte Stalinallee in Berlin nicht gerade ein Beispiel für eine solche Besonderheit?


D. Krüger hat geschrieben:
(...)in den 16. Grundsätzen vom 27.Juli 1950 kann ich beim besten Willen auch nicht den geringsten Hinweis von „sozialistischen Realismus bzw. sozialistischen Klassizismus“ erkennen.

Nach meinem Kenntnisstand werden doch Teile der Stalinallee und von Eisenhüttenstadt dem sozialistischen Klassizismus zugerechnet. Das muß doch irgendwie im Zusammenhang mit den "16 Grundsätzen" stehen?


Das Thema Architektur und Sozialismus interessiert mich sehr. Ich dachte eigentlich, ich hätte da schon einen ganz guten Überblick, aber durch Deine Anmerkungen ist mir aufgefallen, daß ich da sicherlich noch einige Wissensdefizite habe. Weitere Informationen sind sehr willkommen!


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 Betreff des Beitrags: Re: Die 16 Grundsätze des Städtebaus
BeitragVerfasst: Do 14. Jun 2007, 20:38 

Beiträge: 55
Hallo,
@ Neo - leider erst heute meine Antwort.
Deine Frage zum Bezug auf den Sozialismus in der DDR:
Es ist eine Zeitgeisteinstellung, daß die Kommunisten (und nach der „Zwangsvereinigung“ natürlich dann die SED) ab dem 08.Mai 1945 in ganz Deutschland den Sozialismus/ Kommunismus „einführen“ wollten.
Mit keinem Wort hat die KPD nach der Zerschlagung den „Aufbau des Kommunismus“ auf die Tagesordnung gesetzt ( vgl. http://www.marxistische-bibliothek.de/k ... f1945.html ).
Auch in der von mir genannten Verfassung kannst Du kein Wort über „Sozialismus“ oder „Kommunismus“ lesen.

Ich will hier keine langen Ausführungen zur Geschichte veranstalten (auch bin ich kein Historiker) – ich empfehle Dir aber unter http://www.offen-siv.com/ den Artikel im Heft Mai-Juni 2007 auf Seite 22 bis 31 von Dieter Hainke: Was war der 17. Juni 1953? (erscheint aber erst in Kürze im Internet, ich habe leider nur das neuste gedruckte Heft)
Hier ist eine treffende Kurzfassung der geschichtlichen Entwicklungen und Hintergründe der Zeit nach 1945 bis zum Zeitpunkt der „16 Grundsätze des Städtebaus“ aufgezeigt.
Wer die Kategorie „soz. Klassizismus“ einführte ist mir leider unbekannt – die andere vom „soz. Realismus“ klingt mir schon vertrauter.

Architektonische Besonderheiten in der DDR haben sicherlich etwas mit Sozialismus zu tun – mit allen tollen Ideen und superidiotischen Entgleisungen.
Wie diese auch in den gebrauchten Ländern unter „kapitalistischen Klassizismus“ oder „kapitalistischem Realismus“ einzustufen sind.

Ausgangspunkt bei der Bewertung sollte aber sein, daß der „freiheitliche, demokratische Rechtsstaat“ alte Strukturen wiederherstellte, in denen die Arbeiter zu arbeiten hatten und die Besitzenden eben zu besitzen (oder besser die Ausbeuter eben auszubeuten).
In der DDR dagegen der Versuch unternommen wurde, eine völlig ANDERE Gesellschaft aufzubauen. Auch mit einem grundsätzlichen anderen Architekturauffassung. Ob die nun den bürgerlichen Architekten gefallen hat, mag zweifelhaft sein – zumindest einigen. Es sind eben grundverschiedene Voraussetzungen mit denen man in der DDR oder BRD an die Lösung dieser Aufgaben gegangen ist.
Ich kann mich erinnern, daß in den 60ger Jahren in Leningrad ein Wohnhaustyp zur Diskussion stand, bei dem in einer Etage die Schlafzimmer, Küche und sanitären Einrichtungen der Familien lagen und in einer anderen Etage große Gemeinschaftsräume vorhanden waren. Gott sei Dank wurde diese Idee nicht in der DDR verwirklicht. In Leningrad aber auch nicht viele.

Und da kann man eben im Nachhinein auch in jeden Fehler (und die gab es zu Hauf) den „soz. Klassizismus“ hineininterpretieren.
Ob dabei auch der „Palast der Republik“ ein „Klassizismusbau“ ist, bleibt sicher auch noch zu bewerten.
Doch nach welchen (und wessen) Kriterien.
http://www.architekturarchiv-web.de/ddr.htm
Stark bleiben!


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 Betreff des Beitrags: Re: Die 16 Grundsätze des Städtebaus
BeitragVerfasst: Do 14. Jun 2007, 21:39 
Moderator

Beiträge: 876
D. Krüger hat geschrieben:
Deine Frage zum Bezug auf den Sozialismus in der DDR:
Es ist eine Zeitgeisteinstellung, daß die Kommunisten (und nach der „Zwangsvereinigung“ natürlich dann die SED) ab dem 08.Mai 1945 in ganz Deutschland den Sozialismus/ Kommunismus „einführen“ wollten.
Mit keinem Wort hat die KPD nach der Zerschlagung den „Aufbau des Kommunismus“ auf die Tagesordnung gesetzt ( vgl. http://www.marxistische-bibliothek.de/k ... f1945.html ).
Auch in der von mir genannten Verfassung kannst Du kein Wort über „Sozialismus“ oder „Kommunismus“ lesen.

Hallo D., vielen Dank für die Texthinweise. Ich werde sie sobald wie möglich durchlesen.

Unabhängig davon kann nur sagen, daß mich Deine Ausführungen total verwirren. Ich halte mich wirklich für vom "Zeitgeist" weitgehend unbeeinflusst. Es war aber für mich immer eine klare Sache, daß die DDR ein sozialistischer Staat war. Und eine kommunistische Partei, die nicht den Aufbau einer kommunistischen Gesellschaft zumindest als langfristiges Ziel vertritt, wäre aus meiner Sicht ein Widerspruch in sich.

Wenn der Staat nicht sozialistisch war und die sozialistische Partei nicht sozialistisch war, woher kam dann der Sozialismus?

D. Krüger hat geschrieben:
Wie diese auch in den gebrauchten Ländern unter „kapitalistischen Klassizismus“ oder „kapitalistischem Realismus“ einzustufen sind.

Meines Wissens gab es im Westen in den Jahren nach 1945 bei Neubauten keine Anlehnung an den Klassizismus. Da stand die Architektur eher in der Tradition der Moderne.

D. Krüger hat geschrieben:
Ausgangspunkt bei der Bewertung sollte aber sein, daß der „freiheitliche, demokratische Rechtsstaat“ alte Strukturen wiederherstellte, in denen die Arbeiter zu arbeiten hatten und die Besitzenden eben zu besitzen (oder besser die Ausbeuter eben auszubeuten).
In der DDR dagegen der Versuch unternommen wurde, eine völlig ANDERE Gesellschaft aufzubauen. Auch mit einem grundsätzlichen anderen Architekturauffassung. Ob die nun den bürgerlichen Architekten gefallen hat, mag zweifelhaft sein – zumindest einigen. Es sind eben grundverschiedene Voraussetzungen mit denen man in der DDR oder BRD an die Lösung dieser Aufgaben gegangen ist.

Das sehe ich genauso. Daher auch meine Verwirrung. Wenn die "16 Grundsätze" nicht die Grundlage dafür waren, worauf basierte denn dann der Aufbau einer "völlig anderen Gesellschaft" im Bereich der Architektur und des Städtebaus?

Hier steht einiges zu den Architekten, die am Aufbau von Eisenhüttenstadt mitgewirkt haben:
http://www.irs-net.de/download/eisenhuettenstadt1.pdf

Was heute gelegentlich "sozialistischer Klassizismus" genannt wird, wurde in den 50er Jahren in der DDR "Nationale Bautradition" genannt. Hierbei handelte es sich um sehr aufwendige, hochwertige Bauten. Die Plattenbauten kamen erst später und stehen in keinem Zusammenhang mit dem Klassizismus.

D. Krüger hat geschrieben:
Ob dabei auch der „Palast der Republik“ ein „Klassizismusbau“ ist, bleibt sicher auch noch zu bewerten.

Nach meinem Verständnis hat der "Palast der Republik" mit dem Klassizismus nichts zu tun. Zum Zeitpunkt seiner Planung und Errichtung war die "Nationale Bautradition" schon lange nicht mehr Richtlinie für Neubauten.

"(Sozialistischer) Klassizismus", "Moderne" und "Nationale Bautradition" sind nur Fachbegriffe, mit ihnen ist keine Wertung verbunden.


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 Betreff des Beitrags: Re: Die 16 Grundsätze des Städtebaus
BeitragVerfasst: Do 14. Jun 2007, 21:45 
Literat

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Zitat:
Es war aber für mich immer eine klare Sache, daß die DDR ein sozialistischer Staat war. Und eine kommunistische Partei, die nicht den Aufbau einer kommunistischen Gesellschaft zumindest als langfristiges Ziel vertritt, wäre aus meiner Sicht ein unauflösbarer Widerspruch in sich.

Das gilt ab 1952, seit der 2. Parteikonferenz. Dort wurde der planmäßige Aufbau des Sozialismus beschlossen. Die Kollektivierung der Landwirtschaft z.B. setzte man erst danach um.

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 Betreff des Beitrags: Re: Die 16 Grundsätze des Städtebaus
BeitragVerfasst: Do 14. Jun 2007, 21:51 
Moderator

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NumaPompilius hat geschrieben:
Zitat:
Es war aber für mich immer eine klare Sache, daß die DDR ein sozialistischer Staat war. Und eine kommunistische Partei, die nicht den Aufbau einer kommunistischen Gesellschaft zumindest als langfristiges Ziel vertritt, wäre aus meiner Sicht ein unauflösbarer Widerspruch in sich.

Das gilt ab 1952, seit der 2. Parteikonferenz. Dort wurde der planmäßige Aufbau des Sozialismus beschlossen. Die Kollektivierung der Landwirtschaft z.B. setzte man erst danach um.


Das war es, was ich meinte. Vielen Dank. Gibt es zu dieser Parteikonferenz eine Dokumentation im Internet?


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 Betreff des Beitrags: Re: Die 16 Grundsätze des Städtebaus
BeitragVerfasst: Do 14. Jun 2007, 22:00 
Literat

Beiträge: 2947
Nicht, daß ich wüßte. Aber ich habe auch noch nicht nachgesehen.

Natürlich gibt es im Internet Schriften, die sich u.a. mit der 2. Parteikonferenz befassen. Gossweilers Arbeit über den 17. Juni z.B. Die Konferenz steht nämlich mit zwei weiteren Ereignissen eng im Zusammenhang: mit der Stalin-Note und eben mit dem 17. Juni.

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 Betreff des Beitrags: Re: Die 16 Grundsätze des Städtebaus
BeitragVerfasst: So 17. Jun 2007, 10:48 

Beiträge: 55
Hallo,
@Neo entschuldige und @NumaPompilius Danke für Deinen exakteren Hinweis auf die II. Parteikonferenz.
Ich hab zwar am 12.06.07 schon auf diesen Parteikongress verwiesen ("(besonders nach dem II. Parteikongress der SED 08.-12. Juli 1952))", doch erst von diesem Zeitpunkt an kann man davon ausgehen, daß in der DDR der "Aufbau des Sozialismus" auf der "Tagesordnung" stand (und somit auch "Staatsdoktrin" wurde).
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 Betreff des Beitrags: Re: Die 16 Grundsätze des Städtebaus
BeitragVerfasst: Sa 28. Jun 2008, 19:25 
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