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Diskussionen über sozialistische Geschichte, Gegenwart und Zukunft
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 Betreff des Beitrags: Malenkow
BeitragVerfasst: So 1. Apr 2007, 14:26 

Beiträge: 122
Ihr erinnert an Georgi Malenkow.

Dazu muss man Folgendes bemerken:

Malenkow fälschte seine Biografie, um Zugang zur KPdSU, B. zu bekommen. Sein Vater war keineswegs irgendein Offizier, sondern ein zaristischer Gendarm, der für sein hartes Vorgehen gegen antizaristische Partisanen berücktigt war. Malenkow verschwieg dies, um nicht abgelehnt zu werden. Er wäre bei dieser Sachlage sonst nicht in die Partei aufgenommen worden.

Es gab 1940 eine Untersuchung gegen ihn, die Lew Mechlis leitete und die sich mit der Frage der Fälschung seiner Biografie beschäftigte. Molotow, der auch dieser Kommission angehörte, sorgte dafür, dass die Ergebnisse dieser Untersuchung, die für Malenkow weitreichende Folgen gehabt hätte, nicht publik gemacht wurden.

Malenkow schlich sich also in die KPdSU ein.

Woher wissen wir das?

Stalins Neffe, Budu Svanidze schrieb Anfang der fünfziger Jahre ein Buch über Georgik, so wie er genannt wurde. Das, was Svanidze schreibt, mag subjektiv eingefärbt sein, bringt jedoch so viele interessante Details über Malenkow ans Tageslicht, dass man ihn nur als Karrieristen bezeichnen kann, der ein übles Intrigenspiel spielte.

Nur eines dieser Details sei hier genannt:

Malenkow war die Schaltstelle in der KPdSU, B zur Zeit der Großen Säuberungen. Als Org-Sekretär und Nachfolger Jeschows, der zum Vorsitzenden des NKWD ernannt wurde (1936), hatte er für das ZK der KPdSU, B die Aufgabe, alle Todesurteile abzuzeichnen. Er tat dies nach Aussagen Svanidzes anstandslos, es sei denn unter den Verdächtigten befanden sich seine Anhänger.

Als die Rote Armee 1944 Estland befreit hatte, bekam Malenkow die Aufgabe, dort Säuberungen umfangreichen Ausmaßes zu veranstalten, die sich in erster Linie wohl gegen solche Leute richten sollten, die vorher mit der Wehrmacht und der SS zusammengearbeit hatten. Aber Malenkow machte mehr daraus. Svanidze schreibt:

"Die Säuberung wurde von einer Troika durchgeführt, an deren Spitze der NKWD-General Arutiuniantz stand, ein Freund Mikojans, aber ein Dekret des Politbüros, das vom Obersten Sowjet ratifiziert worden war, besagte, dass jedes Urteil jener Troika von Malenkow zu bestätigen sei, der deshalb der oberste Richter über Leben und Tod Tausender Menschen wurde."
(S. 98).

Es ist vorstellbar, dass Malenkow, der zur Gruppe Chruschtschow gehörte (er war mit Chruschtschow Schwester Jelena verheiratet und also mit ihm versippt) eine ganz entscheidende Rolle bei den Großen Säuberungen gespielt hat und dass man nicht nur den blutrünstigen Jeschow für die vielen Morde, die damals an ehrlichen Kommunisten (übrigens auch an zahlreichen deutschen, die in der Emigration lebten), verantwortlich machen kann.

Jeschow konnte später (1940) enttarnt werden und wurde hingerichtet. Malenkow blieb ungeschoren, und konnte nach Stalins Liquidierung im März 1953 seine Nachfolge antreten und gehörte auf dem revisionistischen Parteitag von 1956 zu jenen, die (ähnlich wie Mikojan, Molotow, Chruschtschow u.a.) damit begannen, die Sowjetunion vom Weg des sozialistischen Aufbaus abzubringen, die 'Liberalisisierung' der sowjetischen Wirtschaft einzuleiten und das vorzubereiten helfen, was dann Mitte der sechziger Jahre in der 'Wirtschaftsreform' Breschnews und Kossygins Wirklichkeit wurde: die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion hinter roten Fahnen.

Noch etwas zum Schluss:

Ich finde, wenn ihr an bestimmte Leute erinnert, sollte dies nicht so kritiklos geschehen, um diese Leute, die klammheimlich für die Opposition in der KPdSU gearbeitet haben, die sich Stalins Vertrauen erschlichen, die sich den Zugang zur Partei (wie Malenkow 1920) erschlichen usw., nicht aufzuwerten und als 'Marxisten-Leninisten' erscheinen zu lassen.

Man muss hier sehr vorsichtig sein, wie ich finde, um nicht Leuten zu neuen Ehren als 'Marxisten_Leninisten' zu verhelfen, die es keineswegs verdienen, sondern die, im Gegenteil eine ganz üble konterrevolutionäre Rolle, ähnlich wie Chruschtschow und Konsorten, gespielt haben.


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 Betreff des Beitrags: Re: Malenkow
BeitragVerfasst: So 1. Apr 2007, 14:26 
Literat

Beiträge: 2947
Ein paar Quellenangaben wären nett.

PS: Wer in der Bürgerkriegszeit und kurz danach Zugang zur Partei bekommen wollte und aber unrühmliche Verwandte hatte, mußte seine Biographie fälschen. Das kann man also niemand zum Vorwurf machen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Malenkow
BeitragVerfasst: So 1. Apr 2007, 14:28 
Moderator

Beiträge: 876
Danke für Deine Anmerkungen zu Malenkow. Auf genau solche Beiträge hoffe ich immer bei der Erinnerung an Persönlichkeiten, deren historische Rolle und Positionen nicht eindeutig bekannt sind.

Da es, wie an anderer Stelle schon diskutiert, praktisch unmöglich ist, über viele historische Vorgänge heute noch definitive Aussagen machen zu können, ermöglicht jede Meinung, die irgendwie fundiert erscheint oder eine gewisse Verbreitung gefunden hat, eine größere Annäherung an die historische Wahrheit.

Jede solcher Aussagen sollte aber nach Möglichkeit analysiert werden.

Zitat:
Malenkow fälschte seine Biografie, um Zugang zur KPdSU, B. zu bekommen. Sein Vater war keineswegs irgendein Offizier, sondern ein zaristischer Gendarm, der für sein hartes Vorgehen gegen antizaristische Partisanen berücktigt war. Malenkow verschwieg dies, um nicht abgelehnt zu werden. Er wäre bei dieser Sachlage sonst nicht in die Partei aufgenommen worden.


Das fände ich persönlich jetzt nicht so schlimm, wenn es tatschlich so gewesen wäre. Es ging ja nicht darum den Vater aufzunehmen. Wenn Malenkow ein überzeugter Bolschwik war, wäre es aus meiner Sicht eher ein Fehler der Partei gewesen, ihn wegen seiner Abstammung nicht aufzunehmen.

Zitat:
Es gab 1940 eine Untersuchung gegen ihn, die Lew Mechlis leitete und die sich mit der Frage der Fälschung seiner Biografie beschäftigte. Molotow, der auch dieser Kommission angehörte, sorgte dafür, dass die Ergebnisse dieser Untersuchung, die für Malenkow weitreichende Folgen gehabt hätte, nicht publik gemacht wurden.


Molotow ist doch meines Wissens stets zu Stalin loyal gewesen und wird nicht des Revisionismus beschuldigt. Könnte es sein, daß er Malenkow gedeckt hat, weil er seinen Wert für die Partei höher eingeschätzt hat als den Nutzen der Aufdeckung einer viele Jahre zurückliegenden möglichen Fälschung?

Zitat:
Stalins Neffe, Budu Svanidze schrieb Anfang der fünfziger Jahre ein Buch über Georgik, so wie er genannt wurde. Das, was Svanidze schreibt, mag subjektiv eingefärbt sein, bringt jedoch so viele interessante Details über Malenkow ans Tageslicht, dass man ihn nur als Karrieristen bezeichnen kann, der ein übles Intrigenspiel spielte.


In Wikipedia wird angezweifelt, daß Budu Svanidze überhaupt existiert hat. Die ihm und Litwinow zugeschriebenen Bücher sollen aus gleicher Quelle stammen und lanciert sein.
http://de.wikipedia.org/wiki/Rosa_Moiss ... ganowitsch

Zitat:
Es ist vorstellbar, dass Malenkow, der zur Gruppe Chruschtschow gehörte (er war mit Chruschtschow Schwester Jelena verheiratet und also mit ihm versippt) eine ganz entscheidende Rolle bei den Großen Säuberungen gespielt hat und dass man nicht nur den blutrünstigen Jeschow für die vielen Morde, die damals an ehrlichen Kommunisten (übrigens auch an zahlreichen deutschen, die in der Emigration lebten), verantwortlich machen kann.

Jeschow konnte später (1940) enttarnt werden und wurde hingerichtet. Malenkow blieb ungeschoren, und konnte nach Stalins Liquidierung im März 1953 seine Nachfolge antreten und gehörte auf dem revisionistischen Parteitag von 1956 zu jenen, die (ähnlich wie Mikojan, Molotow, Chruschtschow u.a.) damit begannen, die Sowjetunion vom Weg des sozialistischen Aufbaus abzubringen, die 'Liberalisisierung' der sowjetischen Wirtschaft einzuleiten und das vorzubereiten helfen, was dann Mitte der sechziger Jahre in der 'Wirtschaftsreform' Breschnews und Kossygins Wirklichkeit wurde: die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion hinter roten Fahnen.


Es ist vieles vorstellbar. Jeder streut Spekulationen so, wie sie seinen Zielen am besten nützen. Ich will auf keinen Fall undifferenziertem Relativieren das Wort reden, aber zu vielen Vorgängen ist eine Feststellung der Wahrheit fast unmöglich.

Zitat:
nach Stalins Liquidierung im März 1953


Die dieser Formulierung zugrunde liegende Annahme ist nach meinem Kenntnisstand bisher nicht allgeimein als historische Wahrheit akzeptiert. Ein Indiz, das die anderen Annahmen auch in einem eher spekulativen Licht erscheinen lässt.

Zitat:
Ich finde, wenn ihr an bestimmte Leute erinnert, sollte dies nicht so kritiklos geschehen, um diese Leute, die klammheimlich für die Opposition in der KPdSU gearbeitet haben, die sich Stalins Vertrauen erschlichen, die sich den Zugang zur Partei (wie Malenkow 1920) erschlichen usw., nicht aufzuwerten und als 'Marxisten-Leninisten' erscheinen zu lassen.

Man muss hier sehr vorsichtig sein, wie ich finde, um nicht Leuten zu neuen Ehren als 'Marxisten_Leninisten' zu verhelfen, die es keineswegs verdienen, sondern die, im Gegenteil eine ganz üble konterrevolutionäre Rolle, ähnlich wie Chruschtschow und Konsorten, gespielt haben.


Volle Zustimmung. Über die Problematik habe ich mir auch schon Gedanken gemacht. Den bisher praktizierten Ansatz, verfügbare Informationen einzustellen und abzuwarten, ob jemand ergänzende Informationen und andere Blickwinkel hinzufügt, halte ich aber für den praktikabelsten. Die Rubrik soll ja primär keine Ruhmeshalle sein, auch wenn dort ein Platz für ehrendes Gedenken ist.


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 Betreff des Beitrags: Re: Malenkow
BeitragVerfasst: So 1. Apr 2007, 14:29 

Beiträge: 122
Ich möchte darauf antworten, was zuletzt gesagt wurde:

1. 'Svanidze habe es nicht gegeben' (lt. Wikepedia, einer bürgerlichen Einrichtung).
Budu Svanidze, der auch das Buch 'Im engsten Kreis. Der unbekannte Stalin' schrieb, das
in sieben Sprachen übersetzt wurde, wurde 1895 in Gori geboren, dort wo auch Stalin geboren wurde. Er war während des Krieges zeitweise Stalins Sekretär in Moskau, später arbeitete er als finanzieller Berater von Woroschilow in Ungarn. Budus Vater, Alexander, war der Bruder von Stalins erster Frau, Jekaterina Svanidze, die früh starb; seine Mutter (geb. Guladze) war die Nichte von Stalins Mutter. Er war nicht nur mit Stalin verwandt, sondern verkehrte auch ständig in seinem Umfeld, lernte seine engsten Mitarbeiter gut kennen und kannte von daher so viele Einzelheiten zu bestimmten Persönlichkeiten - Einzelheiten, die leider verloren gegangen sind, die wir aber heute bei einer Aufarbeitung der Geschichte des Sozialismus gut gebrauchen und verwenden können, die uns viele neue wertvolle Hinweise geben. Natürlich hat eine Einrichtung wie Wikepedia an einer solchen Aufarbeitung kein Interesse!

2. 'Man kann nur noch spekulieren, die Wahrheit wird man wohl nicht mehr herausbekommen'

Dem Marxismus-Leninismus zufolge ist die Wahrheit erkennbar, es gibt kein unerkennbares 'Ding an sich' (so Kant). Voraussetzung, die geschichtliche Wahrheit zu erkennen, ist, dass man sich um zuverlässige Fakten bemüht und sie findet. Dies ist Aufgabe der marxistischen Geschichtswissenschaft. Schließlich müssen wir wissen, wer für den Niedergang des Sozialismus verantwortlich war, um Lehren daraus für die Zukunft ziehen zu können.
Die bürgerliche Geschichtswissenschaft behauptet ständig, alles sei relativ, das könne man so oder so sehen und so weiter. Aber das ist nicht unsere Herangehensweise. Unsere Erkenntnistheorie ist die Lenins, nicht die Bogdanows.

3. Zu Malenkows Fälschung der eigenen Biografie ist Folgendes zu sagen:

Zu Lenins Zeiten war es so, dass sehr viel stärker auf die Biografie, auch die der Eltern, der Verwandten geachtet wurde als später (um den proletarischen Charakter der Partei zu sichern). Malenkow kann natürlich nicht das vorgeworfen werden, was sein Vater gemacht hat, aber er hat dies absichtlich, wie jene Kommission, an deren Spitze Mechlis stand, (Vorsitzender der PUR bei der Roten Armee und damit ein hohes Kaliber) herausfand, absichtlich der Partei verschwiegen, um sich leichter Zugang zu ihr zu verschaffen. Außerdem trat noch etwas anderes hinzu: Seine Frau Lera, die wegen Beteiligung an einer Verschwörung gegen Stalin in den Gulag kam, gab zu, dass Malenkow auch die fünf Empfehlungen, die man beibringen musste, gefälscht hatte (alles nach Budu Svanidze, Stalins Neffen). Molotow deckte Malenkow, und man schob Mechlis, der die Ergebnisse dem ZK vorlegen wollte, an die finnische Front ab (es war zur Zeit des Winterkrieges 1939/40), so dass alles im Sande verlief. Nach dem Krieg gab es eine erneute Untersuchung zu Malenkow und auch zu einem anderen Georgi, zu Schukow, übrigens. All diese Untersuchungen verliefen seltsamerweise im Sande. Es war Berija, der damit immer wieder nicht durchkam - Stalins engster Vertrauter. Dies ist ein klares Indiz für den starken Einfluss der Revisionisten damals schon.

4. Noch ein Detail (und solche Details sind es, die die Wahrheit ergeben, wenn man sie im Zusammenhang sieht und sie richtig interpretiert):

Tupolew, der große sowjetische Flugzeugkonstrukteur, beschwerte sich ein oder zwei Jahre vor dem Kriege bei Shdanow (Politbüromitglied und Stalinvertrauter) über die ständigen Versuche Malenkows, ihm in seine Konstruktionspläne für ein neues Flugzeug hineinzureden. Tupolew wurde dann der 'Sabotage' beschuldigt und kam drei Jahre 'wegen Sabotage' in den Ural. Dazu Svanidze: 'Der Deportationsbefehl war nur von Malenkow unterschrieben gewesen, 'im Namen des Zentralkomitees'. Stalin, so Malenkow, 'habe dem zugestimmt'. ' Malenkow log. Gerade Stalin war es, der, liest man die Dimitroff-Tagebücher, immer wieder darauf gedrängt hat, die technologische Lücke zur Naziwehrmacht so schnell wie möglich zu schließen und förderte solche Leute wie Tupolew ganz besonders. Malenkow, der Stalins Autorität missbrauchte, schickt ihn dagegen in den Ural, so dass er sich nicht für die Verstärkung der Verteidigungsfähigkeit der Sowjetunion, der Luftabwehr, einsetzen konnte. Wer ist nun der Saboteur? frage ich.

Aufschlussreich auch, dass Malenkow einen stellvertretenden Leibwächter Stalins deshalb nach Irkutsk, praktisch in die Verbannung, schicken konnte, weil dieser verlangte, dass jener, als er zu einem Abend bei Stalin eingeladen war, sich ordnungsgemäß anmeldete. Malenkow beschwerte sich bei Stalin für die 'Unverschämtheit' des Leibwächters, und da er als Org-Sekretär der Partei für Personalentscheidungen zuständig war, brachte er es fertig, den Leibwächter, der sich völlig korrekt verhalten hatte, in die Verbannung zu schicken! So viel Macht besaß Malenkow! Stalin musste sich fügen!

So schnell konnte es gehen, und man wundert sich dann nicht mehr, wer (unter anderen natürlich) für den Großen Terror verantwortlich, oder zumindest mitverantworlich war, und dass bestimmte hohe Tiere aus dem Politbüro diejenigen waren, die an diesem Terror ein Interesse hatten, um den Sozialismus in Misskredit zu bringen, aller Wahrscheinlichkeit genau die, die auf dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 dann die 'Entstalinisierung' vorantrieben und sich über Stalins 'Willkürherrschaft' beschwerten, und dazu behörte auch ein Herr Molotow übrigens. Er vertrat genau die gleichen Thesen im Hinblick auf die 'Liberalisierung' der sowjetischen Wirtschaft wie Malenkow, Chruschtschow, Mikojan und wie sie alle hießen, die froh waren, Stalin loszusein. Der Kreis der 'Chruschtschowianer' ist also anscheinend sehr viel weiter zu ziehen, als bisher angenommen! Das, was Stalin auf der letzten Präsidiumssitzung, an der er nach dem 19. Parteitag teilnahm, über bestimmte Leute sagte, darunter Molotow, Woroschilow und Mikojan, ist auch sehr aufschlussreich! Stalin war zu der Zeit bereits ohne Mehrheit im Politbüro und Malenkow führte den Vorsitz im Präsidium (Politbüro). Stalin trat auf dieser Sitzung als Generalsekretär der Partei zurück und machte sich sehr große Sorgen um die Zukunft der, seiner Meinung nach, schon entarteten Partei!

Man muss also vieles neu bewerten, darf nicht bei den alten Antworten stehen bleiben, muss, wie ich finde, alte Antworten immer wieder überprüfen, um zu plausibleren, besseren Antworten zu finden. Wenn alles Sinn ergibt, wenn sich ein Stein an den anderen fügt, wie bei einem Mosaik, entsteht ein Bild, das einigermaßen der historischen Wahrheit entsprechen muss, die durchaus erkennbar ist. Wir müssen heute offen sein für dieses Umdenken, wie Forscher, die ihre Hypothesen ständig, wenn es angebracht erscheint, neu bewerten oder sie gegebenenfalls ad acta legen, wenn die Fakten dies nahelegen.


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 Betreff des Beitrags: Re: Malenkow
BeitragVerfasst: So 1. Apr 2007, 14:29 

Beiträge: 176
Ich freue mich auch über den Beitrag, danke!
Leider leider bin ich an das Swanidse-Buch noch nicht herangekommen, das ist wirklich schwer zu kriegen.

Wir sind übrigens allesamt überfordert, gültige Urteile über die Personen im Gedenkfaden abzugeben, wir nähern uns nur an. 17 Jahre sind eine derart kurze Zeit, wie könnten wir da soetwas wie eine wissenschaftlich haltbare Geschichtsschreibung erwarten oder selber leisten.
Und es wäre auch kindisch, sich makellose Biographien auszumalen. Verdienste sollen gewürdigt sein, ob uns mancher Werdegang davor oder danach behagt oder nicht.


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 Betreff des Beitrags: Re: Malenkow
BeitragVerfasst: So 1. Apr 2007, 14:29 

Beiträge: 2008
Verehrter anonymer Schreiber. Deine Beiträge haben auf mich bisher einen guten Eindruck gemacht. Da ist Sachkenntnis und der Wille zu spüren, die Wahrheit zu finden und aufzudecken.

Ich halte es in jedem Fall für legitim und im Sinne "alte Antworten überprüfen", dass auch Deine Beiträge von den Forumsmitgliedern kritisch und teilweise mit anderem Blick gesehen werden. Diese Methode dient der Wahrheitsfindung.
Ich freue mich daher, dass Du auf gebrachte Einwände sachlich eingehst und uns somit weitere Informationen lieferst.
Vielleicht kannst Du Dich für eine ständige Teilnahme an den Diskussionen dieses Forums entscheiden? Das würde sicher auch etwas gegen unser aller "Überforderung" hilfreich sein.

_________________
»Menschen, ich hatte Euch lieb. Seid wachsam!«
»Ein Mensch wird nicht kleiner, auch wenn man ihn um einen Kopf kürzer macht.«

Julius Fucik, ermordet von den Nazis am 08.September 1943


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 Betreff des Beitrags: Re: Malenkow
BeitragVerfasst: So 1. Apr 2007, 14:30 
Literat

Beiträge: 2947
Ich kenne das Buch von Svanidze. Die Vermutung, der Autor könne nicht echt sein, rührt vermutlich daher, daß er, obwohl er in den Westen gegangen ist (was allerdings nicht politische motiviert gewesen sein soll), nicht negativ über Stalin berichtet. Der Bericht ist ziemlich sachlich, stellenweise geradezu warmherzig. Es ist verständlich, daß da einige Wikipedisten auf die Idee kommen, das Autor sei unecht. Es paßt halt nicht so recht ins Weltbild.

Und was das Fälschen der Biographie angeht: Nicht das wäre das Verwerfliche, weil es ja aus einer Zwangssituation heraus passiert ist. Worauf es ankommt, ist die Frage, ob Malenkow ein Gewinn für die Partei war oder nicht.

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Der Hunsch wars!


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 Betreff des Beitrags: Re: Malenkow
BeitragVerfasst: So 1. Apr 2007, 14:30 
Moderator

Beiträge: 876
Danke für die wiederum sehr interessanten Ausführungen.

Zitat:
Ich möchte darauf antworten, was zuletzt gesagt wurde:

1. 'Svanidze habe es nicht gegeben' (lt. Wikepedia, einer bürgerlichen Einrichtung).
Budu Svanidze, der auch das Buch 'Im engsten Kreis. Der unbekannte Stalin' schrieb, das
in sieben Sprachen übersetzt wurde, wurde 1895 in Gori geboren, dort wo auch Stalin geboren wurde. Er war während des Krieges zeitweise Stalins Sekretär in Moskau, später arbeitete er als finanzieller Berater von Woroschilow in Ungarn. Budus Vater, Alexander, war der Bruder von Stalins erster Frau, Jekaterina Svanidze, die früh starb; seine Mutter (geb. Guladze) war die Nichte von Stalins Mutter. Er war nicht nur mit Stalin verwandt, sondern verkehrte auch ständig in seinem Umfeld, lernte seine engsten Mitarbeiter gut kennen und kannte von daher so viele Einzelheiten zu bestimmten Persönlichkeiten - Einzelheiten, die leider verloren gegangen sind, die wir aber heute bei einer Aufarbeitung der Geschichte des Sozialismus gut gebrauchen und verwenden können, die uns viele neue wertvolle Hinweise geben. Natürlich hat eine Einrichtung wie Wikepedia an einer solchen Aufarbeitung kein Interesse!


Ich kann und will weder behaupten, daß es Svanidze gegeben hat noch, daß es ihn nicht gegeben hat. Zweifel halte ich aber für berechtigt.

Eine schnelle Recherche im Internet ergibt aber schon, daß seine Existenz, vor allem aber die Authentizität seiner Bücher häufiger in Frage gestellt werden.

Daß ein Buch in sieben Sprachen übersetzt wurde, sagt wirklich nichts über seinen Wahrheitsgehalt aus. Das "Schwarzbuch des Kommunismus" wurde wahrscheinlich in mehr Sprachen übersetzt.

Bei der Recherche zu Svanidze habe ich einen Hinweis auf eine sehr interessante Veröffentlichung gefunden:

"Books for Idiots": False Soviet "Memoirs"
Paul W. Blackstock
Russian Review, Vol. 25, No. 3 (Jul., 1966), pp. 285-296
doi:10.2307/126957

Der Link ist zu lang, um ihn hier reinsetzen zu können, über Google ist er aber leicht zu finden. Man kann eine Seite der Publikation online lesen. Dort wird ausgeführt, daß es in den 50er Jahren in Paris eine Gruppe von "Historikern" um einen Gregori Bessedovsky gegeben habe, die darauf spezialisiert gewesen wäre, sowjetische Biografien zu fälschen. Diese Fälscher wären dabei so professionell vorgegangen, daß selbst ausgewiesene Spezialisten getäuscht werden konnten. Bessedovsky wird dort so zitiert (sinngemäße Übersetzung):

"Ich schreibe Bücher für Idioten. Glauben Sie, daß irgendjemand im Westen meine Werke lesen würde, wenn ich mich an der Wahrheit orientieren würde? Wenn ich aber Stalin oder Molotow im Pyjama porträtiere, wenn ich die schmutzigsten Geschichten über sie erzähle, unabhängig davon, ob sie wahr sind oder nicht, seien Sie sicher, daß nicht nur alle Intellektuellen mich lesen werden, sondern auch alle kapitalistischen Staatsmänner, wenn sie auf dem Weg zu einer Friedenskonferenz sind..."

Ich finde diesen Hinweis sehr interessant, vielleicht waren diese Leute auch die Verfasser der Svanidze-Biographie. Zeitlich würde es passen.

Was Blackstock hier schreibt, ist sehr beachtenswert. Andererseits hat Blackstock ein Buch von Solschenizyn übersetzt. Keine Ahnung, was von ihm zu halten ist.

Was Wikipedia angeht, ich denke nicht, daß Wikipedia an sich irgendeine Absicht hat. Es ist eine Plattform, in der nach ziemlich beliebigen Kriterien veröffentlicht wird und es spiegeln sich die gegenwärtig herrschenden Machtverhältnisse wieder. Aber nicht alles, was in Wikipedia steht ist bürgerliche Propaganda. Ein Wikipedia-Beitrag kann einfach ein Ausgangspunkt für eine weitere Beschäftigung sein.

Svanidze wird übrigens mehrfach in anti-sowjetischen Publikationen als Referenz genannt, z.B. hier:
http://www.time.com/time/magazine/artic ... 39,00.html


Zu den anderen Punkten später mehr.


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 Betreff des Beitrags: Re: Malenkow
BeitragVerfasst: So 1. Apr 2007, 14:30 

Beiträge: 122
Ich möchte euer Angebot, mich anzumelden, annehmen. Eine Freischaltung steht euerseits noch aus.

Zu Malenkow:

Hier der Titel des 1954 erschienenen Buches von Svanidze:

'Georgiy Malenkov. A Portrait Sketch from Life by Stalin's Nephew BUDU SVANIDZE',
translated form the Russian by Vera Sheliga, London, Allan Wingate, 1954.

Noch vielleicht ein oder zwei weitere Details:

Budu Svanidze schreibt in seinem ersten Buch 'Im engsten Kreis' (genauer Titel: 'Im engsten Kreis. Der unbekannte Stalin, dargestellt von seinem Neffen', Stuttgart 1953, über die ZVAB zu beziehen), dass Stalin vierzehn Tage, bevor der Krieg begann, ich glaube am 11. oder 12. Juni 1941, nach Sotchi zur Kur geschickt wurde, um sich zu erholen, weil er, nach Svanidze, völlig ausgebrannt und überarbeitet gewesen sein soll. Als beide, am frühen Morgen des Sonntags, den 21. Juni 1941, auf einer Bootsfahrt waren, um zu fischen, erhielten sie die Nachricht vom Überfall. Stalin fuhr sofort nach Moskau zurück.

Was ist daran bemerkenswert?

Liest man Shukows Erinnerungen oder Dimitroffs 'Tagebücher', so befand sich Stalin an diesem Tag, als die Nazis das Land überfielen, in Moskau und erhielt d o r t die Nachricht vom Überfall. Dahinter scheint eine bestimmte Absicht gesteckt zu haben, (es so darzustellen), um Stalin dafür verantwortlich zu machen, alle Warnungen und Hinweise, die es ja gab, in den Wind geschlagen zu haben, wie Chruschtschow später in seinem 'Geheimbericht' behauptete. Wenn es aber so war, wie Svanidze es darstellt, dass Stalin seit dem 12. Juni zur Erholung war, dann sind andere Leute dafür verantwortlich, dass sie die vielen Hinweise auf einen bevorstehenden Überfall in den Wind geschlagen oder sogar absichtlich ignoriert wurden, nämlich die Moskau verbliebenen, allen voran Molotow.

Svanidze schreibt in seinem zweiten Buch auch etwas über die heillose Zerstrittenheit innerhalb des Politbüros, dass es zwei Gruppen gab, die sich bis aufs Messer bekämpft haben sollen: die Fraktion um Malenkow, Molotow, Shukow, Chruschtschow u.a. auf der einen und die Leute um Berija, Shdanow, Andrejew u. a. auf der anderen. Stalin hat dann verlangt, dass mit diesen Zwistigkeiten angesichts der tödlichen Bedrohung durch die Nazis endlich Schluss sein müsse. Später, nach ein oder zwei Jahren sei es jedoch wieder losgegangen und es habe, besonders nach Stalingrad, eine Machtverschiebung zugunsten der Gruppe um Malenkow gegeben: Tschuikow z. B. habe sich seiner Gruppe angeschlossen.

Später, nach dem Kriege, hätten Malenkows Leute Stalin ständig in den Ohren gelegen, Shdanow 'nun endlich aus dem Poltibüro zu entlassen' (Stalins Sohn Wassili habe dies Svanidze erzählt). Shdanow (der große Verteidiger Leningrads) wurde jedoch, wie Berija auch, von Stalin gehalten. Dieser setzte sich dafür ein, dass er später den Vorsitz im Informationsbüro, der neuen Internationale, erhielt. Aber sein Stellvertreter war Malenkow, der seine eigenen Leute (Suslow, Judin u.a.) dort ebenfalls in Stellung brachte, die sich bezeichnenderweise dafür einsetzten, Hoxhas Albanien nicht dem Kominformbüro beitreten zu lassen. Dann 'starb' Shdanow (1948) im Kreml-Krankenhaus, wahrscheinlich an einer absichtlichen Falschbehandlung. Die behandelnden Ärzte (Winogradow u.a.) wurden verhaftet und legten Geständnisse ab. Nach Stalins 'Tod' wurden sie wieder freigelassen und zogen ihre Geständnisse zurück, und man sprach von einer 'antijüdischen' Kampagne.
Bis heute spricht man davon, so absurd es auch sein mag.

Es sind also Dinge passiert, die darauf schließen lassen, dass es an der Spitze der KPdSU, B vor und während des Krieges, und erst recht danach, harte Machtkämpfe gab, dass die Opposition, die später (nach Stalins und Berijas Ausschaltung 1953) die Macht übernahm und den 20. Parteitag vorbereitete, (nachdem vorher etwa ein Drittel der ZK Mitglieder mehr oder weniger gewaltsam ausgeschaltet worden waren, nämlich genau die Leute, die zu Stalin gestanden hatten) schon vor dem Kriege über einen erheblichen Einfluss verfügt haben, und trotz all dieser Widrigkeiten hat es Stalin verstanden, den Krieg gegen Nazideutschland von dem Bunker, den schon Zaren benutzt hatten, aus zu organisieren. Er soll nicht einen einzigen Urlaubstag genommen haben und soll sich geweigert haben, bestimmte ('bessere') Sachen zu essen, weil die Menschen gehungert haben. Nach dem Krieg sei Stalin so ausgebrannt gewesen, dass er sich (nach Svanidze) in einem beklagenswerten Zustand befunden haben soll und sich lange auskurieren musste. Seine lange Abwesenheit und die Tatsache, dass Berija damit beauftragt wurde, sich um den Bau der sowjetischen Atombombe zu kümmern, nutzten die Revisionisten, allen voran Malenkow und seine Troika, um das Übergewicht im ZK zu bekommen und ihre Intrigen und Koalitionen weiter zu schmieden.

Stalin starb aller Wahrscheinlichkeit keines natürlichen Todes 1953. Er war neben Berija das letzte Hindernis für den Machtantritt der Chruschtschowianer, denen Leute wie Malenkow und Molotow den Weg geebnet hatten.


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 Betreff des Beitrags: Re: Malenkow
BeitragVerfasst: So 1. Apr 2007, 14:31 
Moderator

Beiträge: 876
Zitat:
2. 'Man kann nur noch spekulieren, die Wahrheit wird man wohl nicht mehr herausbekommen'

Dem Marxismus-Leninismus zufolge ist die Wahrheit erkennbar, es gibt kein unerkennbares 'Ding an sich' (so Kant). Voraussetzung, die geschichtliche Wahrheit zu erkennen, ist, dass man sich um zuverlässige Fakten bemüht und sie findet. Dies ist Aufgabe der marxistischen Geschichtswissenschaft. Schließlich müssen wir wissen, wer für den Niedergang des Sozialismus verantwortlich war, um Lehren daraus für die Zukunft ziehen zu können.
Die bürgerliche Geschichtswissenschaft behauptet ständig, alles sei relativ, das könne man so oder so sehen und so weiter. Aber das ist nicht unsere Herangehensweise. Unsere Erkenntnistheorie ist die Lenins, nicht die Bogdanows.


Auch hier volle Zustimmung. Grundsätzlich, theoretisch.

Aber wie sieht es mit der Praktikabilität aus?

Zitat:
Voraussetzung, die geschichtliche Wahrheit zu erkennen, ist, dass man sich um zuverlässige Fakten bemüht und sie findet.


Wie soll das konkret passieren? Es gibt keine großen marxistisch-leninistischen Forschungseinrichtungen mehr. Es gibt keine finanziellen Mittel für solche Forschung.

Quellen können über Jahrzehnte im Sinne der jeweils Herrschenden manipuliert worden sein. Vom Wegretuschieren Trotzkis bis hin zur beliebigen Auswahl von "Stasi-Akten" nach der Konterrevolution.

Im Internet kann praktisch jede Behauptung verbreitet werden, eine Überprüfung ist kaum noch möglich.

Eine Geschichtsforschung nach den von Dir geforderten Kriterien halte ich für sehr wünschenswert, aber unter den gegebenen Bedingungen für kaum realisierbar.

Welche Vorgehensweise schlägst Du vor?


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 Betreff des Beitrags: Re: Malenkow
BeitragVerfasst: So 1. Apr 2007, 14:31 

Beiträge: 122
Danke für deine Antwort.

Ich meine, wir brauchen keine großartigen 'marxistisch-leninistischen Forschungseinrichtungen' und 'Geldmittel', um eine marxistische Geschichtsforschung zu betreiben. Natürlich wäre es nicht schlecht, wenn wir diese Mittel hätten. Selbst wenn wir diese Mittel hätten, gäbe es keine Garantie, dass etwas Vernünftiges, im Sinne der geschichtlichen Wahrheit, dabei herauskäme.

Entscheidend ist etwas ganz anderes.

Entscheidend ist, ob wir, die wir uns an eine solche Geschichtsforschung heranmachen, auf festen prinzipiellen marxistisch-leninistischen Positionen stehen, so wie wir sie von Lenin vermittelt bekommen haben.

Das ist die wichtigste Voraussetzung. Die marxistische Prinzipienfestigkeit. Es ist das Fundament. Ohne dies geht nichts.

Eine weitere Voraussetzung ist ganz wichtig und auch dazu bedarf es keiner Sponsoren:

Die Wahrheitsliebe, die bedingungslose Treue zur Wahrheit, die wir nur selbst, durch eigene, unermüdliche Anstrengung, durch systematische Arbeit anhand von zuverlässigen Quellen, die wir uns selbst mühsam erarbeiten müssen und die wir vorurteilsfrei prüfen müssen, entdecken können.

Das sind, glaube ich die beiden wichtigsten Voraussetzungen.

Aber über eins müssen wir uns heute im Klaren sein:

Wir stehen vor einer Sisyphusarbeit!! Wir müssen wieder praktisch von vorne anfangen. Das heißt nicht ganz, wir haben die Klassiker und viele gute Arbeiten, die oft keiner kennt. Aber vieles ist völlig verschütt gegangen, wurde bewusst unter den Teppich gekehrt oder wurde nicht aufgearbeitet. Und uns wird nichts geschenkt! Niemand hilft uns, nur wir uns selbst! Es ist zugebenermaßen ein schwieriges Unterfangen, aber ich würde davor warnen zu sagen, es geht nicht. Die Wahrheit bahnt sich letztes Endes doch ihren Weg, es dauert nur und eines Tages - so steht es z. B. bei Hegel - ist ihre Zeit gekommen, bricht sie sich Bahn. Wir müssen ihr dabei helfen.

Wir brauchen also nicht zu resignieren. Es besteht kein Grund dazu.

Ein Beispiel aus einer ganz finsteren Zeit, einer noch finsteren als der heutigen (und die ist schon finster genug):

Im Mittelalter hatte die Kirche das absolute, fast lückenlose Ideologie- und Wissensmonopol und doch fand man heraus, dass sich die Erde um die Sonne dreht und nicht umgekehrt die Erde der Mittelpunkt des Weltalls ist. Und doch hat sich der wissenschaftliche Fortschritt letzten Endes durchgesetzt! Dass die Kirche Galilei unter Hausarrest stellte und Giordano Bruno auf den Scheiterhaufen schickte, konnte nicht verhindern, dass sich ihre Theorien durchgesetzt haben.

Wir haben einen Kopf zum Denken, zum Reflektieren, zum Vergleichen, zum Abwägen, zum Überprüfen anhand der Praxis, zum Verifizieren. Aber das reicht nicht aus: Wir müssen uns eine systematische wissenschaftliche Methodik und Arbeitsweise angewöhnen und wir müssen uns jede Handwerkelei abgewöhnen. Lesenwert ist in dieser Beziehung, also was die geschichtliche Forschung angeht, Bill Blands Artikel 'Anmerkungen über historische Forschung' (steht bei 'red channel'). Bland war ein einfacher Optiker und doch hat er wie ein Wissenschaftler gearbeitet. Also man braucht dazu kein Hochschulstudium, sondern nur den unbedingten Willen.

Wir können aus bürgerlichen Quellen zum Beispiel vieles entnehmen, was wir ihnen ja gar nicht entnehmen sollen, wenn wir lernen, zwischen den Zeilen zu lesen. Es gibt zum Beispiel bestimmte Tricks, um das mal so zu nennen.

Ich will nur mal den einen oder anderen nennen:

William Bland hat den einen so formuliert: 'Wenn jemand gegen seine eigene Interessenlage etwas eingesteht, dann ist dies ein sicheres Zeichen dafür, dass da etwas dran ist.' Also z. B. Chruschtschow gibt zu - und das tat er - dass Stalin ein ehrlicher Kämpfer für den Sozialismus war. Dieses Eingeständnis des Todfeindes von Stalin spricht Bände - Bände für Stalin.

Ein zweiter wäre dieser:

'Wem nützt die Information?' Cui Bono?

Es ist wie bei einem schwer aufzuklärenden Mordfall, für den die Beweise fehlen. Trotzdem kann man ihn aufklären, nämlich durch einen Indizienbeweis. Wenn alles Sinn ergibt, wenn sich alles plausibel ineinander fügt und das Motiv erkennbar wird, wem der Mord nützte, können wir dahinterkommen, wer es gewesen ist oder 'wer es gewesen sein muss'. Die wahrscheinlichste Hypothese unter einer Vielzahl möglicher weniger wahrscheinlichen, und das ist ein alter ungeheuer nützlicher Sherlock-Holmes-Spruch, ist dann der Indizienbeweis.

Es gibt übrigens gute Beispiele für eine solche Herangehensweise. Ich möchte nur eines nennen: Es ist Bill Blands Studie zur 'Ärzteverschwörung' ('The Doctor's Plot'), in der er die Umstände zu Stalins Tod so systematisch und akribisch untersucht werden, dass nur eine einzige von möglichen anderen Hypothesen zum Schluss übrig bleibt: Das Stalin ermordet sein musste und dass revisionistische, konterrevolutionäre Kräfte, nämlich die Chruschtschowianer, daran ein Interesse hatten und diesen Mord organisiert haben. Man muss diese Studie, die bei 'Red Channel' steht - eine sehr empfehlenswerte Seite, die übrigens einen sehr klugen Webmaster hat - gelesen haben.

So müssen wir es machen. Aber das kostet unglaublich viel Zeit und Mühe, und man muss eine Leidenschaft dafür entwickeln und man muss den Optimismus haben, dass man die Wahrheit erkennen k a n n und den haben wir als Marxisten-Leninisten. Ich glaube, den haben viele bei euch auch. Und die Leidenschaft auch. Es ist mein Eindruck zumindest.

Aber wir können alles nur selber tun ...


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 Betreff des Beitrags: Re: Malenkow
BeitragVerfasst: So 1. Apr 2007, 14:32 
Möchtegernputschist
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Zitat:
Molotow ist doch meines Wissens stets zu Stalin loyal gewesen und wird nicht des Revisionismus beschuldigt.


das habe ich eigentlich auch anfangs nicht glauben wollen, es gibt aber eine Anzahl von Beweisen, die deutlich machen, dass Molotov Stalin doch nicht so loyal gegenüber gestanden hat. Wer Svanidse nicht glauben möchte, so könnte ich andere Stellen nennen:
Auf der ersten Präsidiumssitzung, die dem 19. Parteitag folgte, hielt Stalin eine Rede, die einige sein 'Testament' genannt haben. Er betonte, dass die neue Führung der KPdSU, B vom marxistisch-leninistischen Weg abgekommen war. Auf dem Parteitag waren neue Statuten verabschiedet worden, wonach ein Präsidium des Zentralkomitees das alte Politbüro ablösen sollte. Auf dem Parteitag hatte er nur ein paar Minuten gesprochen, worüber sich Chruschtschow anerkennend aussprach:

"Er sprach fünf bis sieben Minuten lang und sagte anschließend zu uns: 'Na, was denn - ich kann's doch noch!' Wir sahen auf unsere Uhren: Er hatte fünf bis sieben Minuten gesprochen. Wenn das alles war, was er noch zustande brachte, dann , und das war unsere Schlussfolgerung, war er körperlich sehr schwach."
(E. Radzinsky, 'Stalin', New York 1996, S. 548f).

Auf der ersten Präsidiumssitzung des Zentralkomitees der KPdSU nach dem 19. Parteitag hielt Malenkow den Vorsitz und erteilte Stalin das Wort. Er sprach völlig klar und schlüssig anderthalb Stunden lang. Radzinsky schließt daraus, dass er 'seine armen Kollegen wieder einmal ausgetrickst' hatte. ... Der 'körperlich schwache' Stalin hielt eine lange und leidenschaftliche Rede. Molotow zufolge soll Stalin bei dieser Gelegenheit formell sein Amt als Generalsekretär niedergelegt haben. Molotow in einem Interview:

"Interviewer: Avtorkhanov schreibt, dass nach dem 19. Parteitag, auf der Sitzung des Präsidiums, Stalin darum gebeten habe, ihn als Generalsekretär abzulösen.
Molotow: Richtig. Das geschah.
Interviewer: Danach wurde er einer der ZK-Sekretäre.
Molotow: Stalin war Generalsekretär. Er schlug vor, diesen Titel durch 'Sekretär' zu ersetzen."
(F. Tschuew, 'Molotow erinnert sich', S. 233f).

E. Radsin ('Stalin', New York 1996, S. 549f) zufolge griff Stalin Molotow und Mikojan in seiner Rede scharf an:

"Unmittelbar nach dem Parteitag fand eine Plenumssitzung des Zentralkomitees statt, und dort hielt der 'physisch schwache' Stalin eine lange und leidenschaftliche Rede. Der Schriftsteller Konstantin Simonow, der anwesend war, beschreibt dies in seinen Erinnerungen. Viele Jahre später erinnerte er sich immer noch bestürzt: '16. Oktober 1952, im Kreml, Swerdlow-Halle. Er trat durch den Hintereingang ein, von den anderen Mitgliedern des Politbüros begleitet und wirkte verbissen zielstrebig. Die Leute fingen an zu klatschen, er hob jedoch seine Hand, um dem Einhalt zu gebieten. Malenkow hielt den Vorsitz. Er war sehr ernst und nicht zu scherzen aufgelegt. Er sprach ohne Notizen. Er fixierte unablässig seine Zuhörer. Der Ton und der Inhalt seiner Rede schockierte und verwirrte sie. Das Treffen dauerte zwei Stunden, und Stalins Rede nahm drei Viertel der Zeit ein. Das Hauptthema war das, dass er alt sei, und dass die Zeit gekommen sei, dass andere sein Werk fortsetzen müssten. 'Aber noch ist es so, dass ich mit der Aufgabe betraut bin und ich führe sie weiter aus', sagte er unumwunden, fast brutal. Er appellierte an den Mut und an die Festigkeit, an die Leninsche Festigkeit des Jahres 1918. Er erinnerte daran, wie Lenin 'in einer unglaublich schwierigen Lage allem die Stirn geboten und nichts gefürchtet habe, er habe einfach allem die Stirn geboten und sei weiter 'gedonnert'. Er sagte das dreimal hinter einander.

Er erwähne Lenin wegen des Verhaltens 'gewisser Genossen'. Schon bald gab er den 'gewissen Genossen' Namen: Er nahm sich zuerst Molotow vor und griff ihn an wegen Feigheit und Defätismus. Er sprach lange und schonungslos über Molotow, gab Beispiele für sein Verhalten, die ich nicht mehr in Erinnerung habe. ... Ich merkte, wie Stalins jäher Zorn aus diesen Beschuldigungen eine direkte Drohung werden ließ. ... Dann ging er zu Mikojan über, und seine Worte wurden noch zorniger und rücksichtsloser. Über der Halle lag eine furchtbare Stille. Die Gesichter sämtlicher Politbüro-Mitglieder waren starr, wie gelähmt. Sie fragten sich, wen er sich wohl als als Nächsten vornehmen würde. Molotow und Mikojan waren todbleich. Nachdem er mit Molotow fertig war, erwähnte er noch einmal sein Alter, und meinte, dass er nicht mehr in der Lage sei, mit der ihm anvertrauten Aufgabe fertig zu werden. Er bete deshalb darum, vom Posten des Generalsekretärs entbunden zu werden, gleichzeitig wolle er aber Vorsitzender des Ministerrats bleiben. Als er dies sagte, blickte er intensiv in die Zuhörerschaft. Ich sah, wie die Angst auf Malenkows Gesicht geschrieben stand, so als befände er sich in einer tödlichen Gefahr. Sein Gesicht, seine Gesten, seine vielsagenden, erhobenen Hände beschworen die Anwesenden, Stalins Bitte abzulehnen. Und Stimmen in Stalins Rücken riefen hastig: 'Nein, bitte bleib!' Sofort war die ganze Halle mit Rufen wie 'Bitte, bitte bleib' gefüllt."

Zum Erstaunen aller Anwesenden ging Stalins Rede noch anderthalb Stunden weiter. Er sprach in klaren Worten, leidenschaftlich und ohne Unterlagen, und ganz offensichtlich war die Rede gut vorbereitet gewesen. Entweder wurde kein Protokoll dieser Sitzung geführt oder es wurde unmittelbar darauf vernichtet. Deshalb ist das, was wir über den Inhalt von Stalins Rede wissen, den Erinnerungen jener entnommen, die anwesend waren. Chruschtschow hat darüber ausführlich geschrieben; auch Dmitri Schepilow. Der Schriftsteller Konstantin Simonow, der auf der Plenumssitzung zum Kandidaten des Zentralkomitees gewählt wurde, nutzte seine professionellen Fähigkeiten, um die lebendigste Schilderung zu liefern, die echteste Wiedergabe der Rede, und er hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass sie die Eigenschaft eines Testaments besaß, wenn er schreibt:

"Das Leitmotiv seiner Rede (wenn nicht wörtlich, aber der leitende Gedanke) bestand darin, dass er alt sei, dass die Zeit gekommen sei, dass andere sein Werk fortsetzen sollten, dass die Weltlage schwierig sei und dass ein erbitterter Kampf mit dem kapitalistischen Lager bevorstünde. Die Hauptgefahr bestünde darin, in diesem Kampf zu schwanken, Angst zu haben, zurückzuweichen, zu kapitulieren. Das war die Hauptaussage, die er nicht nur einfach rüberbringen, sondern denen einhämmern wollte, die anwesend waren. ... Das Seltsame an Stalins Rede war, dass, als er Mut und Angst, Entschlossenheit oder Kapitulation erwähnte, seine Bemerkungen nicht allgemein blieben, sondern sich direkt auf zwei Mitglieder des Politbüros, die hinter ihm, nur zwei Meter von ihm entfernt saßen, bezogen, von denen ich am wenigsten angenommen hätte, so etwas von Stalin über sie zu hören.

Zuerst fiel er über Molotow her, mit der Beschuldigung, unentschlossen und unzuverlässig, feige und ein Defätist zu sein. Es war so erstaunlich, dass ich zuerst nicht meinen Ohren traute und dachte, dass ich mich verhört oder dass ich etwas missverstanden hätte. Es stellte sich heraus, dass dies nicht der Fall war. ...

Trotz des ganzen Zorns, den Stalin zeigte und trotz der Tatsache, dass seine Worte bisweilen außer Kontrolle gerieten, bestand dennoch eine für ihn typische solide Anlage in seiner Rede. Der folgende Teil, der sich mit Mikojan befasste, war ähnlich. Er war nicht ganz so lang, aber brachte unterschwellig eine noch höheren Grad an Groll und Verachtung zum Ausdruck. Mir ist schleierhaft, weshalb sich Stalin Molotow und Mikojan als die Hauptzielscheiben für seine Angriffe in seiner letzten Rede vor dem ZK-Plenum vornahm. Es kann jedoch kein Zweifel daran bestehen, dass er die Absicht hatte, sie beide bloßzustellen, sie zu erniedrigen und einen der letzten großen historischen Männer auf dem Podest der Partei vom Sockel zu stoßen. ... Aus irgendeinem Grund wollte Stalin nicht, dass falls ihm etwas zustoßen sollte, Molotow die bedeutendster Persönlichkeit von Staat und Partei bleiben würde. Seine Rede räumte damit ein für allemal auf."

Schepilow weiter:

"Mit dem Ausdruck der Verachtung auf seinem Gesicht erinnerte Stalin daran, wie Molotow sich vom amerikanischen Imperialismus einschüchtern lassen habe, wie er auf seiner Reise in die Vereinigten Staaten, Telegramme der Panik nach Moskau geschickt habe. Solch ein Führer verdiene keinen Respekt und im führenden Parteigremium sei für ihn kein Platz. ... Das politische Misstrauen in Richtung Mikojan und Woroschilow äußerte er in ähnlichen Worten."
(Roy Medwedjew, 'Der unbekannte Stalin - sein Leben und sein Testament', New York 2004, S. 47f).


ich würde zwar Molotow, genauso wie Malenkow nicht als Verschwörer und Revisionisten im Sinne von Chruschtschow, aber auch nicht als prinzipienfeste Marxisten-Leninisten, so wie Stalin, Kaganowitsch oder Shdanow betrachten ... irgendwie waren die beiden schwankende, leicht manipulierbare Persönlichkeiten, was die Konterrevolutionäre um Chruschtschow zu Nutzen vermochten.

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Pole Pole Mzungu. Welcome to Tanzania, the land where dead cows are lying and dogs are flying. But be careful of the ju-wai-biems. Now let's search for some Schtonetools and after that let's go to Tohu-Wa-Bohu (also known as Mto-Wa-Mbu/Moskitotown)


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 Betreff des Beitrags: Re: Malenkow
BeitragVerfasst: So 1. Apr 2007, 14:32 

Beiträge: 122
Zur Einschätzung Molotows:

Ich bin inzwischen der Meinung, dass Molotow zum Block der trotzkistisch-bucharinschen Opposition innerhalb der KPdSU, B zu rechnen ist, dass er nicht nur 'geschwankt' hat, sondern fester Bestandteil, eine feste Größe der revisionistischen Konterrevolution war, dass er ein heimlicher Revisionist war. Ich begründe dies folgendermaßen:

1. Es gibt einen geheimen Briefwechsel zwischen Molotow und Kollontai aus den 20iger Jahren, die zur 'Arbeiteropposition', einer syndikalistischen antibolschewistischen Organisation gehörte. Die Molotowbriefe zeigen seine Sympathien mit Kollontai, der sowjetischen Botschafterin, die in ihrer Botschaft wie eine kleine Fürstin 'residierte' (ich glaube in Schweden oder Norwegen?);

2. In seinem 22. Brief an Stalin, datiert vom 16. April 1941, von Ernst Thälmann aus dem Gefängnis heißt es:

"Von ganz einwandfreier und durchaus glaubwürdiger Quelle ist mir bekannt geworden, dass in Ostpreußen und insbesondere in Königsberg die Gerüchte im Volk kursieren, dass die dortigen überaus starken Truppenansammlungen dem Zweck dienen, gegebenenfalls in die Sowjetunion einzumarschieren, um dann mit Hilfe deutscher Truppen anstelle Stalin Molotow an die Spitze der Sowjetherrschaft zu bringen (also Stalin zu stürzen). Diese Gerüchte sind dort weit verbreitet ..." ;

3. Svanidze beschreibt Molotow als Schutzpatron und engen Verbündeten Malenkows; er habe zum Kreis um Chruschtschow, Bulganin, Malenkow, Shukow gehört;

4. Im Mai 1941 gelang es Stalin, Molotow als Vorsitzenden des Rats der Volkskommissare (=Ministerprädent) abzusetzen und nahm selbst diese Stelle ein. Warum tat er dies, wenn er sich auf Molotow verlassen konnte?

5. In seiner letzten Rede auf der 1. Präsidiumssitzung der KPdSU nach dem 19. Parteitag (Herbst 1952) greift Stalin Molotow mit scharfen Worten an, bezeichnet ihn als 'Feigling' und 'unwürdig', eine führende Position im Präsidium einzunehmen; das Protokoll dazu wird vernichtet bzw. gar nicht erst geschrieben. Konstantin Simonow schrieb dann später aus dem Gedächtnis seine Eindrücke auf (siehe oben);

6. Molotow beteiligte sich am Putsch gegen Berija Anfang Juli 1953, der 'als Agent des Imperialismus' auf einer Präsidiumssitzung, zu der es auch kein Protokoll gibt, verhaftet wurde. Chruschtschow berichtet in seinen ''Erinnerungen', dass es ein leichtes für ihn war, Molotow für seine Putschpläne zu gewinnen. Er habe sofort zugestimmt;

7. Molotow unterlief Stalins Außenpolitik und setzte sich 1948 über den von ihm eingesetzten Andrej Gromyko in der UNO für die Anerkennung Israels als eigenständigen, zionistischen Staat ein, statt für einen gemeinsamen palästinenisch-jüdischen Staat, so wie von der sowjetischen Außenpolitik unter Stalin anvisiert. Molotows Frau pflegte herzliche Beziehungen zu Golda Meir, der ersten israelischen Ministerpräsidentin, und sprach sich bei ihrem Besuch in der UdSSR anerkennend über den neuen Staat aus; Molotows Frau wurde später aus dem ZK entfernt, einstimmig, bei einer 'Enthaltung' (Molotow);

8. Molotow ist auch (über Gromyko, den er zum UN-Botschafter in New York ernannt hatte) mitverantwortlich für den Auszug der sowjetischen Delegation aus dem UN-Sicherheitsrat kurz vor Beginn der US-Intervention in Korea 1950, wodurch es den USA gelang, das sowjetische Veto gegen eine UN-Streitmacht in Korea, mit den USA an der Spitze, abzuwenden. Wäre die UN-Delegation der UdSSR nicht ausgezogen, hätte sie ihr Veto einlegen können und die USA hätten nicht den UN-Schirm für ihre verbrecherische Intervention in Korea gehabt. Die UdSSR besaß als ständiges Mitglied ein Vetorecht im Sicherheitsrat;

9. Molotow stimmte auf dem 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 in den Chor der Chruschtschowianer zugunsten einer Umorientierung der sowjetischen Wirtschaftspolitik ('Liberalisierung') zugunsten einer stärkeren Betonung der Konsum- und Leichtindustrie mit
ein. Dieser Kurs bedeutete ein klares Abgehen von den marxistisch-leninistischen Prinzipien, die Stalin in 'Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR' im Oktober 1952 formuliert hatte;

10. Molotow setzte sich für den sowjetischen Botschafter in Großbritannien, Maiskij, ein, gegen den ein Verratsverfahren lief, das noch unter Stalin angestrengt wurde. Maiskij war von Molotow zum Botschafter gemacht worden, ähnlich wie Gromyko, der lange Zeit unter Chruschtschow und Breschnew als Außenminister diente, von Molotow ursprünglich nominiert worden war. Er brachte also überall die Revisionisten im sowjetischen Außenamt in Stellung;

11. Er machte zwar Einwendungen gegen die Aussöhnung mit Tito 1955, fügte sich ihr aber, um seine Position nicht zu gefährden;

12. Nach seinem Ausschluss aus der KPdSU durch die Chruschtschowleute (ich glaube 1960) stellte er ständig Anträge auf Wiederaufnahme in die damals schon völlig entartete KPdSU unter Breschnew. Unter Gorbatschow wird er schließlich noch mal wieder aufgenommen. Molotow lobte den Gorbatschow-Mann Juri Andropow, der vor Gorbatschow 1984 an der Spitze der Sowjetunion stand, als 'überaus fähigen' Mann. Andropow vertrat die gleiche Linie wie Gorbatschow.

12 Indizien, die nicht gerade für den 'Marxisten-Leninisten' Molotow sprechen.

Zum Schluss eine Bemerkung, um nicht als 'Rechthaber' missverstanden zu werden:

Es geht hier nicht darum, noch ein weiteres Mitglied der trotzkistisch-bucharinschen Opposition innerhalb der KPdSU nachträglich zu entlarven. Ob nun noch Molotow dazu gehört hat oder nicht - wen interessiert's? Es geht nicht in erster Linie um Namen.

Um was es geht ist Folgendes:

Es geht darum zu entlarven, wie nach einer jahrelang erfolgreichen (sozialistischen) Revolution gegenrevolutionäre Kräfte arbeiten, dass sie sich an der Spitze einer revolutionären Organisation festsetzen, in den höchsten Positionen von Staat und Partei versuchen, ihr Leute unterzubringen, die revolutionäre Politik eine Weile mittragen (um nicht entlarvt werden zu können), um dann später im geeigneten Moment dort oben, mit anderen Gleichgesinnten zusammen, die politische Macht für die alten, schon abgewirtschafteten Klassenkräfte wieder zurückzugewinnen. Ähnlich ging die albanische Konterrevolution vor. Dort war es Ramiz Alia, der ähnlich agierte wie die Chruschtschowianer, ähnlich ging Slánsky in der CSSR vor usw.

Lehrreich ist auch in dieser Beziehung, dass schon während der Französischen Revolution (liest man Robespierres 'Erinnerungen') ähnlich vorgegangen wurde. Auch die Girondisten, die französischen Konterrevolutionäre im revolutionären französischen Konvent agierten ganz ähnlich, bevor sie Robespierre zu Fall brachten, zettelten alle möglichen Intrigen an. Von den französischen Konterrevolutionären haben sich die sowjetischen scheinbar einiges abgeguckt: Robespierre beklagte sich über die Übergriffe allzu eifriger Säuberer in den Departements, die seiner Meinung nach mit ihren Säuberungsaktionen, ihrem Terror, die Revolution in Misskredit bringen würden!! Er verlangte, dem Einhalt zu gebieten. - Jeschow lässt grüßen!

Es geht also nicht darum, Molotow schlecht zu machen, sondern sich anzusehen, wie geschickt, wie raffiniert die Konterrevolution arbeitet, welche Methoden und Strategien sie zur Anwendung bringt, um die Macht zurückzugewinnen - um daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen!


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 Betreff des Beitrags: Re: Malenkow
BeitragVerfasst: So 1. Apr 2007, 14:33 
Literat

Beiträge: 2947
Auch wenn es nicht möglich ist, sich in diesem zeitlichen und forschungstechnischen Rahmen auf eine vernünftige Diskussion über Molotow einzulassen, muß hier kurz einiges zu bedenken geben, was man vielleicht bedenken sollte.

Die Aussagen des AUs gegen Molotow haben einen merkwürdigen Charakter: Er nennt sie Indizien; behandelt sie wie Beweise; es sind aber doch meistens nur Anschuldigungen.

Ich greife nur zwei heraus, die mir fragwürdig scheinen.

Die Tatsache, daß Stalin 1941 den Vorsitz des Rats der Volkskommissare übernommen hat, erklärt sich ganz einfach dadurch, daß der Kriegsausbruch eine noch stärkere Zentralisierung erforderte. Es ist nichts davon bekannt, daß Stalin vor 1941 versucht hätte, Molotow von diesem Posten zu verdrängen. Ebensowenig ist überliefert, daß Molotow sich gegen den Wechsel gewehrt hätte. Es lag in der Logik der Sache, und das ist ganz leicht zu sehen, außer natürlich, man will es nicht sehen.

Die andere Sache ist folgende Aussage: "Andropow vertrat die gleiche Linie wie Gorbatschow." - Das ist eine ganz erstaunliche Aussage. Kein Mensch, weiß, was Andropow wollte. Unser AU weiß es. Ich weise darauf, weil ich nicht sicher bin, ob jeder diese Art von Argumentation durchschaut. Ob Andropow ein Feind war oder nicht, hätte sich nur durch die Art und die Wirkung seiner Politik erweisen können. Gerade dieser Beweisgrund fehlt uns aber, weil Andropow sehr bald nach Amtsantritt verstorben ist. Es ist also nicht möglich, eine verläßliche Aussage über Andropow zu machen. Der AU erzeugt aber den Eindruck, als diese seine Meinung eine längst bewiesene und allgemein anerkannte Tatsache wäre.

Und in diesem Stil ist der größte Teil seines Beitrages. Doch Schluß mit dem Unfug, und die Augen auf den Gegenstand gerichtet:

Man ist vielleicht gut beraten, die Sache auch einmal von der anderen Seite zu betrachten: Molotow unterscheidet sich von Chruschtschow und Berija immerhin dadurch, daß er nicht versuchte, die DDR an den Westen zu verkaufen. Auch Stalin hatte das versucht, und das ist gewiß einer seiner größten Fehler gewesen.

Molotow wurde bekanntlich aus der Partei entfernt, weil er u.a. gegen Chruschtschows Dogma von der Nähe des Kommunismus aufgetreten ist. Kurt Gossweiler hat übrigens schon mehrmals daraufhingewiesen, daß Molotow hierhin Stalins Ansichten verteidigt hat. Es kommt aber überhaupt nicht darauf an, ob Molotow mit Stalin übereinstimmte oder nicht. Worauf es ankommt, ist, ob er damit recht hatte. Das muß man untersuchen. Für die Schwachköpfe dieser Welt besteht der Revisionismus darin, daß die Linien der früheren Politik nicht weiter geführt worden sind. Nicht beachtet wird, daß auch die frühere Politik nicht nur ein Resultat von Kontinuitäten, sondern an einigen Stellen auch das Resulatet von Brüchen mit den ihnen vorangegangenen Konzeptionen war. Lenins Aprilthesen, die Konzeption der NÖP, der Theorie vom Sozialismus in einem Land, Stalins Äußerungen zu Ökonomischen Fragen (1952), das alles waren Brüche mit Vorstellungen, die man zuvor für richtig gehalten hatte. Daß sich diese Brüche als richtig oder falsch erwiesen, liegt nicht daran, daß sie von Lenin oder Stalin kamen, sondern daran, daß sie der theoretische Ausdruck des allgemeinen Bedürfnisses der sozialistischen Bewegung waren. Daß dieses in verschiedenen historischen Situationen verschiedene konkrete Formen haben kann, bzw. muß, sollte eigentlich keiner weiteren Erwähnung bedürfen. Aber dieser Unsinn, der hier über Molotow verbreitet wird, zeigt an, daß diese wichtige Erkenntnis immer wieder vergessen wird.

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Der Hunsch wars!


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 Betreff des Beitrags: Re: Malenkow
BeitragVerfasst: So 1. Apr 2007, 14:33 
Literat

Beiträge: 2947
Ich wollte die Sache eigentlich ruhen lassen, aber die folgende Paasage sollte vielleicht doch unkommentiert bleiben:

Zitat:
Noch vielleicht ein oder zwei weitere Details:

Budu Svanidze schreibt in seinem ersten Buch 'Im engsten Kreis' (genauer Titel: 'Im engsten Kreis. Der unbekannte Stalin, dargestellt von seinem Neffen', Stuttgart 1953, über die ZVAB zu beziehen), dass Stalin vierzehn Tage, bevor der Krieg begann, ich glaube am 11. oder 12. Juni 1941, nach Sotchi zur Kur geschickt wurde, um sich zu erholen, weil er, nach Svanidze, völlig ausgebrannt und überarbeitet gewesen sein soll. Als beide, am frühen Morgen des Sonntags, den 21. Juni 1941, auf einer Bootsfahrt waren, um zu fischen, erhielten sie die Nachricht vom Überfall. Stalin fuhr sofort nach Moskau zurück.

Was ist daran bemerkenswert?

Liest man Shukows Erinnerungen oder Dimitroffs 'Tagebücher', so befand sich Stalin an diesem Tag, als die Nazis das Land überfielen, in Moskau und erhielt d o r t die Nachricht vom Überfall. Dahinter scheint eine bestimmte Absicht gesteckt zu haben, (es so darzustellen), um Stalin dafür verantwortlich zu machen, alle Warnungen und Hinweise, die es ja gab, in den Wind geschlagen zu haben, wie Chruschtschow später in seinem 'Geheimbericht' behauptete.


Wie auch die meisten anderen des AU krankt diese Darstellung daran, daß das, was doch (wenn es denn so kommt) nur das Resultat der Überlegung sein kann, hier doch offenkundig schon die Voraussetzung derselben ist. Daß Molotow oder Shukow schuld sind, wird hier nicht durch die Darstellung der Sachlage bewiesen, sondern es soll bewiesen werden, und daher wird die Sachlage so selektiv dargestellt, daß sie (und auch dann noch mit Mühe) das leistet, was sie leisten soll. Es wird aus der Fülle der Überlieferungen alles rausgegriffen, was brauchbar erscheint, und der (übergroße) Rest wird einfach ausgeblendet.

Shukow verteidigt Stalins Handlungen in seinen Memoiren ausdrücklich. Sachlich und logisch nachvollziehbar argumentiert er zugunsten der Entscheidung, die in der Nacht des 21. Juni getroffen wurde. Was war passiert? Ein Überläufer hatte der roten Armee berichtet, daß der Angriff geplant sei. Das war alles. Keine Warnungen, sondern eine einzige. Die Möglichkeit, daß diese Warnung von den Nazis fingiert war, um sowjetische Aktivitäten an der Grenze hervorzurufen, die ihnen dann wieder einen Anlaß gegeben hätten, die Sowjetunion anzugreifen, mußte in Betracht gezogen werden. Stalin hat, und Shukow stützt das, verantwortlich gehandelt. Und daß er bis zuletzt versuchte, den Kriegsbeginn hinauszuzögern, ist die in jeder Hinsicht richtige Politik gewesen.

Unterstellen wir einmal - was wir nach meinen bisherigen Ausführungen keinesfalls müßten -, Shukow beabsichtigte tatsächlich, Stalin die Schuld an den Entscheidungen der Kriegsvorabends zu geben. Welchen Sinn macht es dann, gleich eine logisch gut begründete und sachlich abgestützte Argumentation zugunsten dieser Entscheidung mitzuliefern. Ich sage das allen, die es nicht wissen: Wer Chruschtschows Geheimreferat widerlegen will, muß Shukow lesen.

Wenn man sich dagegen Svanidzes Version ansieht: Der sowjetischen Aufklärung war nicht verborgen geblieben, daß große deutsche Truppen an der Grenze versammelt wurden. Wochenlang herrschte in den höheren Kreisen Spannung. Die Frage des Angriffs stand permanent im Raum. Und in dieser Situation fährt Stalin zur Kur. Wenn es verantwortungslos sein soll, Warnungen über einen deutschen Angriff in den Wind zu schlagen, wie verantwortungslos ist es dann erst, in dieser Situation zur Kur zu fahren?

Und das dann noch vor dem Hintergrund, daß, wie der AU mehrfach andeutet, Stalin und Molotow zu dieser Zeit einen Machtkampf geführt haben sollen.

Man wird wohl Svanidzes Buch doch noch einmal genauer unter die Lupe nehmen müssen. Einstweilen sollten wir hier im Forum allerding ein bißchen mehr Obacht darauf geben, was uns hier untergeschoben wird.

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