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Diskussionen über sozialistische Geschichte, Gegenwart und Zukunft
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 Betreff des Beitrags: Andropows Reformen
BeitragVerfasst: Mi 22. Apr 2009, 17:37 

Beiträge: 8
Wusstet ihr von den Reformen Andropows? (Vorletzter Generalsekretär der KPdSU)
Und was haltet ihr von ihnen?
Ich finde wirklich wirklich schade das Andropow so "früh" starb so das, er die (für mich) großartigen Reformen in der Sowjetunion nicht beginnen konnte.

* Schrittweise Demokratisierung des staatlichen und wirtschaftlichen Lebens; massive Steigerung der Bedeutung und des tatsächlichen Einflusses gewählter Vertretungskörper (Sowjets) auf allen Ebenen gemäß ihrer verfassungsmäßigen Rolle als Grundbausteine des sowjetischen Staatsaufbaus und Belebung ihrer parlamentarischen (legislativen und kontrollierenden) Tätigkeit; klarere Abgrenzung der Zuständigkeiten von Staat, Partei und gesellschaftlichen Organisationen; vermehrte Einflussnahme letzterer auf politische Entscheidungen
* Förderung der Eigeninitiative und Kreativität von Individuen, Kollektiven und gesellschaftlichen Organisationen aller Art; Erhöhung der Bedeutung, Ausstattung und Wirkungsmöglichkeiten derartiger Initiativen in allen Bereichen des staatlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens
* Kampf gegen die „Kader-Stabilität“ der Breschnew-Ära; stark erweiterte Fluktuation der leitenden Kader; Begrenzung von Funktionsdauer und zulässigen Mandatsperioden; häufigere (demokratisch legitimierte) personelle Wechsel; Reform und Demokratisierung des Wahlrechts (z.B. Aufstellung von mehr als einem Kandidaten pro Wahlkreis); Förderung des Aufstiegs von Frauen, Jugendlichen und Angehörigen der verschiedenen Bevölkerungsschichten und Nationalitäten in leitende Positionen
* Kampf gegen die ausufernde Bürokratie (einschließlich einer entschiedenen Verkleinerung des Verwaltungsapparats), gegen obrigkeitsstaatliche Traditionen und Tendenzen, gegen autoritäre Strukturen und eine Politik des „Dirigierens und Administrierens“ von oben, gegen Starrheit, Korruption, Nepotismus und Vetternwirtschaft
* Vermehrte Öffentlichkeit und öffentliche Kontrolle; Streben nach realer Beteiligung immer breiterer Kreise der Bevölkerung an der Verwaltung des Staates im Sinne eines kontinuierlichen Übergangs zum Endziel der gesellschaftlichen Selbstverwaltung
* Durchsetzung der tatsächlichen Gleichheit aller Mitglieder der Gesellschaft vor dem Gesetz und im Verhältnis zu den Produktionsmitteln; Kampf gegen alle Arten von Privilegien, Ungleichheiten, Standesunterschieden, gegen Benachteiligungen aufgrund von sozialer Herkunft, Beruf, Rang, Geschlecht, Nationalität; baldige Schaffung einer im wesentlichen klassenlosen sozialistischen Gesellschaft (d. h. einer Gesellschaft, die im Verhältnis ihrer Mitglieder zueinander, zum Staat und zu den Produktionsmitteln keine Unterschiede mehr kennt), Überwindung der bestehenden materiellen Benachteiligung, Unterversorgung und schlechteren sozialen Stellung bestimmter Bevölkerungsgruppen; bis auf weiteres noch strenge Befolgung des Prinzips der Verteilung materieller Güter nach dem für alle gleichen Maß des Arbeitsbeitrags, jedoch mit Betonung auf dem ökonomischen und kulturellen „Heranarbeiten“ der Gesellschaft an die völlige soziale Gleichheit (einschließlich dem freien Zugang zu materiellen Gütern) der künftigen kommunistischen Ordnung; Überwindung des Konzepts der „Lohnarbeit“ zugunsten des marxistischen Prinzips gleichberechtigter „freier assoziierter Produzenten“; Verbesserung des Systems moralischer und materieller Anreize, und dies nicht einfach zur Produktionssteigerung, sondern insbesondere zur Festigung des "sozialistischen Bewusstseins" der Produzenten sowie ihres Gefühls realer Beteiligung an den Plänen und Anstrengungen ihres unmittelbaren Arbeitskollektivs, ihres Betriebs, und in letzter Instanz des ganzen Landes
* Hebung des Lebensstandards der Bevölkerung, verstanden nicht nur als Befriedigung ihrer materiellen Bedürfnisse, sondern als Gesamtheit aller materiellen, geistigen, kulturellen und zwischenmenschlichen Lebensumstände, Schaffung von Bedingungen für die „freie und allseitige“ Entwicklung der Persönlichkeit jedes Menschen
* Mechanisierung und Automatisierung der Produktion, breite Anwendung moderner Computertechnik und anderer zeitgenössischer Technologien; Abbau des hohen Anteils monotoner und harter körperlicher Arbeiten in der Volkswirtschaft mit dem Ziel der schließlichen Aufhebung der Unterschiede zwischen geistiger und körperlicher Arbeit
* Reform der Wirtschaft durch Kombination eines eigenständigeren Auftretens der wirtschaftlichen Einheiten mit weiterhin dominierender zentraler und dezentraler Planung; Hebung der Selbständigkeit der Betriebe und Stärkung der innerbetrieblichen Demokratie; vielfältiges Experimentieren mit neuen Planungs-, Leitungs- und Organisationsmethoden im Wirtschaftsleben; Schaffung und Förderung eines genossenschaftlichen bzw. kommunalen Sektors im Gewerbe- und Dienstleistungsbereich, verbunden mit der langfristigen Perspektive einer Zusammenführung von staatlichem und genossenschaftlichem Eigentum in die (nach marxistischer Auffassung) höhere Form gesamtgesellschaftlichen sowie tatsächlicher gesellschaftlicher Kontrolle und Verfügungsgewalt unterliegenden Eigentums; eventuell auch übergangsweise Zulassung eines stark begrenzten und kontrollierten privaten Sektors
* Verbesserte internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit mit sozialistischen wie kapitalistischen Staaten; Aufholen des wirtschaftlichen, wissenschaftlichen, technologischen und kulturellen Rückstandes gegenüber dem Westen
* Komplexe Anstrengungen im Bereich Umwelt- und Naturschutz; größtmögliche Sparsamkeit im Umgang mit Naturreichtümern und Rohstoffen; Förderung umweltfreundlicher und sparsamer Technologien in Energiegewinnung, Industrie und Landwirtschaft; Beseitigung umweltschädlicher Einflüsse und Modernisierung bestehender Anlagen zu diesem Zweck; Berücksichtigung der Umweltverträglichkeit und möglicher ökologischer Folgen bei der Planung wirtschaftlicher Projekte
* Hebung des legistischen Niveaus der sowjetischen Rechtsnormen; Modernisierung des Rechtssystems; verstärkte Einhaltung rechtsstaatlicher Normen
* Modernere Nationalitätenpolitik; Kampf gegen jede Form von Chauvinismus und Nationalismus; klares und unbedingtes Bekenntnis zur Sowjetunion als multinationaler, multikultureller und vielsprachiger Gesellschaft; bewusste Pflege und Förderung aller Sprachen und Kulturen der Sowjetunion; äußerste Sensibilität im Umgang zwischen den Nationalitäten; Stärkung der Autonomie der einzelnen Unionsrepubliken, Autonomen Republiken und sonstigen autonomen Einheiten; demographisch angemessene Vertretung aller Nationen und Nationalitäten auf allen Ebenen der staatlichen Verwaltung und der Parteiorganisationen unter Einschluss der zentralen Gremien von Staat und Partei auf Unionsebene (z. B. Zentralkomitee und Politbüro der KPdSU, Ministerrat der UdSSR)
* Verbesserung des Systems und der Arbeitsweise der sowjetischen Massenmedien und sonstigen Kommunikationsmittel; Förderung eines aktiven und kritischen, gleichwohl aber den Grundprinzipien der sozialistischen Gesellschaftsordnung verpflichteten Journalismus und Verlagswesens
* Umfassende Modernisierung und Reform des sowjetischen Schul- und Bildungswesens
* Starkes Augenmerk auf die prinzipienfeste, aber gleichzeitig kreative Weiterentwicklung im Bereich der Ideologie; Ablehnung von Gleichförmigkeit und schematischen Herangehensweisen; Kampf gegen dogmatische Tendenzen und unnötige Fesseln in Ideologie, Wissenschaft, Kultur und Kunst; Förderung und aktive Inanspruchnahme wissenschaftlicher, insbesondere sozialwissenschaftlicher Forschung zur Lösung gesellschaftlicher Probleme
* Reform der Kunst- und Kulturpolitik: Bekenntnis zu freier künstlerischer Kreativität, wohlwollender und respektvoller Umgang mit Kunstschaffenden und ihren Werken, aufgeschlossenes Verhältnis zu modernen oder bisher verpönten Kunstrichtungen, Nichteinmischung der Partei in Stil, Formen und Inhalt künstlerischer Werke; gleichwohl aber Verantwortung für den weltanschaulichen Gehalt der Kunst, dem die Partei nicht gleichgültig gegenüberstehen kann, und entsprechende Einflussnahme auf die Entwicklung von Kunst und Kultur; nicht jedoch auf dem Weg administrativer Maßnahmen, Regelung und Bevormundung - Hauptmittel parteilicher Beeinflussung der Kunstentwicklung kann allein die marxistische Kunstkritik sein; Anerkennung der steigenden Bedeutung von Kunst für das öffentliche Leben und der Möglichkeiten ihrer aktiven Einmischung in gesellschaftliche Fragen; in diesem Zusammenhang Betonung der wachsenden Eigenverantwortlichkeit der Kunstschaffenden für die ideologische Ausrichtung ihrer Werke und deren Übereinstimmung mit den „Interessen des Volkes“
* Realistische und nüchterne Beurteilung des bisher zurückgelegten Wegs (seiner positiven Seiten ebenso wie der groben Fehler und schweren Deformationen) und des erreichten Entwicklungsstandes in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur; kritische Überprüfung des in den 70er Jahren eingeführten Theorems von der "entwickelten sozialistischen Gesellschaft" als bereits erreichtem letztem Stadium vor dem „allseitigen Aufbau des Kommunismus“. Andropow war überzeugt, dass die Sowjetunion sich bestenfalls am Anfang einer langen historischen Periode der „entwickelten sozialistischen Gesellschaft“ befände und auf vielen Gebieten noch große Anstrengungen unternehmen müsse, um dem erklärten Ideal des Sozialismus als hochentwickelter Übergangsgesellschaft zu entsprechen und mit den entwickeltsten (kapitalistischen) Staaten gleichzuziehen.
* In diesem Zusammenhang offenes und selbstkritisches Benennen bestehender Mängel, Schwierigkeiten und Fehler; nüchterne und sachliche Sprache ohne Schönfärberei; Zulassung sichtbarer Meinungsverschiedenheiten in Detailfragen; offene Suche nach geeigneten Wegen zur Lösung von Problemen
* Modernisierung von Methoden und Inhalten der Agitation und Propaganda, welche um wirkungsvoll zu sein von den realen Lebensumständen der Menschen ausgehen müssen
* Bei allem Wunsch nach Offenheit, Reform und produktivem Meinungsstreit ließ Andropow dennoch keinen Zweifel daran, dass er bereit und willens sei, die sozialistische Gesellschaftsordnung jederzeit gegen Angriffe von innen und außen zu verteidigen, dass er die Auseinandersetzung mit prinzipiellen politischen Gegnern nicht scheute und ein Abgehen von grundlegenden Prinzipien nicht dulden würde
* Ausweitung der menschlichen, touristischen, wissenschaftlichen und kulturellen Kontakte zu anderen Staaten, einschließlich jenen des Westens
* Verbesserung des Verhältnisses zur Volksrepublik China; Ausbau der Kontakte zu blockfreien Entwicklungsländern wie Indien
* Bekenntnis zur friedlichen Koexistenz von Staaten mit unterschiedlichen Gesellschaftssystemen und Bereitschaft zu Abrüstung und Entspannungspolitik, aber entschiedene Ablehnung von ungerechtfertigten und einseitigen Zugeständnissen in prinzipiellen Fragen bei insgesamt strikt antikapitalistischer Haltung und Orientierung auf die Überwindung von Kapitalismus und Neokolonialismus in aller Welt, verbunden mit der Unterstützung von und dem Einsatz für weltweite sozialistische Veränderungen
(Quelle: Wikipedia Artikel Andropow, Wikipedia gibt wiederrum Lothar Kölm (Hrsg.): Kremlchefs - Politisch-biographische Skizzen von Lenin bis Gorbatschow. Dietz, Berlin 1991, ISBN 3320016970. als Quelle an.)


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 Betreff des Beitrags: Re: Andropows Reformen
BeitragVerfasst: Di 23. Nov 2010, 16:12 

Beiträge: 132
Ich denke, das "Problem" hierbei ist in der Tat, dass Andropov so früh starb. Denn diese Reformpläne per se können - so wie sie formuliert sind - sowohl eine Rückkehr zu den Prinzipien des Sozialismus wie auch eine Vorwegnahme von Gorbachov (was durch die Tatsache, dass dieser und nicht Chernenko sein Wunschkandidat für die Nachfolge war, nicht gerade unwahrscheinlicher wird) bedeuten. Klären können hätte das nur die Geschichte.

So gesehen ist es aber wirklich schade, dass er nach so kurzer Amtszeit verstarb - schlechter als sein Wunsch-Nachfolger konnte er es gar nicht machen, wir hätten quasi an ihm nur gewinnen können, wenn man den weiteren Verlauf der Geschichte bedenkt.^^


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 Betreff des Beitrags: Re: Andropows Reformen
BeitragVerfasst: Di 23. Nov 2010, 19:28 

Beiträge: 2008
Ralph hat geschrieben:
Ich denke, das "Problem" hierbei ist in der Tat, dass Andropov so früh starb.


Wenn einer die letzten 50 Jahre zu früh starb, dann war das Walter Ulbricht.

Bei Andropovs Reformen lese ich Dinge, die mich an Schriften von Marx erinnern. Ich lese Dinge, die ich dächte bei Ulbricht gelesen zu haben. Aber ich lese auch Dinge oder erste Ansätze, die dann Gorbatsch auch gesagt und entsprechend erweitert hat.
Ja und nein, aber nicht klar. Zu Stalin hat er gar nichts gesagt - das allein ist schon verdächtig. Ich denke nicht, dass Andropov wirklich Änderungen im Sinne der Erhaltung und Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft hätte erreichen können. Da haben bereits andere intensiv dagegen gearbeitet.

Bleibt die Frage, warum nicht nach Breshnew gleich ein jüngerer Parteikader die Führung übernommen hat. Die Geschichte der Parteiführer bis vor Gorbatsch zeigt, dass es alles ältere Genossen waren. Keiner hat diese Aufgabe längere Zeit erledigen können. Bewußt so gesteuert und von den revisionistischen Kräfen so gewollt? Erst noch einige Jahre die Wiedersprücher vergrößern, damit das Volk die Konterrevolution, ähmm ich wollte sagen die "Friedliche Wende" begrüßt?
Wie man soetwas organisiert und durchführt, welche Stufen zu gehen sind, hat Kurt Gossweiler gut dargelegt.

_________________
»Menschen, ich hatte Euch lieb. Seid wachsam!«
»Ein Mensch wird nicht kleiner, auch wenn man ihn um einen Kopf kürzer macht.«

Julius Fucik, ermordet von den Nazis am 08.September 1943


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 Betreff des Beitrags: Re: Andropows Reformen
BeitragVerfasst: Di 23. Aug 2011, 22:05 

Beiträge: 132
Nebenbei bemerkt habe ich eine Aussage Andropovs zum Thema Stalin gefunden:

"Stattdessen ging er nur mit ganz wenigen Worten auf die Tatsache ein, dass es einzelne Jahre gab, die "überschattet waren von ungesetzlichen Repressionen, von Verletzungen der Prinzipien der sozialistischen Demokratie sowie der leninistischen Normen des Partei- und Staatslebens. Die Partei hat entschlossen diese Verletzungen verurteilt und ausgemerzt und feste Garantien für die Beachtung der Gesetzlichkeit geschaffen."

Dies ist die einzige Anspielung auf eine Periode, die 26 Jahre dauerte und in der die Hauptwurzel der heutigen Dissidentenbewegung zu suchen sind. Mindestens die Hälfte aller zur Zeit in der Sowjetunion zirkulierenden Samisdat-Schriften befassen sich mit Verstößen gegen die "Normen der sozialistischen Legalität" unter der Tyrannei Stalins, die kein Ende nehmen wollte."

Da sich diese Kritik an der Stalin-Zeit im Rahmen des damals Obligatorischen hält und nicht einen Schritt weiter geht, ist das meiner Ansicht nach als ein verstecktes Lob zu sehen, ähnlich wie es Ulbricht oft machte.


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