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 Betreff des Beitrags: Die Wittorf-Affäre 1928 (Thälmann - KPD)
BeitragVerfasst: Di 27. Mär 2007, 16:41 
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http://www.marxistische-bibliothek.de/wittorf.html

Eberhard Czichon und Heinz Marohn

Die Wittorf-Affäre 1928

Über die strategischen Debatten in der KPD und die Auseinandersetzung um Ernst Thälmann


Am 27. September 1928 veröffentlichte die Rote Fahne, das KPD-Zentralorgan, nach heftiger Diskussion im ZK der Partei, einen Text, in dem die Unterschlagung von 1500 Reichsmark durch den Funktionär John Wittorf und Ernst Thälmanns Reaktion darauf im Reichstagswahlkampf thematisiert wurde.

Historischer Hintergrund

Die Affäre entfaltete sich im September 1928 auf Grund von Meinungsverschiedenheiten in der Führung der KPD und der Kommunistischen Internationale (KI) zur Stabilität des Kapitalismus und zur Einschätzung der Klassenkräfte am Vorabend der Weltwirtschaftskrise. Diese Diskussion und ihre Ergebnisse hatten weitgehende Auswirkungen auf taktische Fragen des Klassenkampfes, sowohl auf die Anwendung der Einheitsfrontpolitik zur Eroberung der Mehrheit der Arbeiterklasse als auch in der Gewerkschaftsfrage. Hier ging es vor allem darum, ob man sich bei Streikkämpfen den reformistischen Gewerkschaftsführern unterordnen soll, wenn sie dazu übergingen, Streikkämpfe abzuwürgen und Kommunisten aus den Gewerkschaften auszuschließen. Das hieß, wieweit die Meinung Lenins noch zutraf, unbedingt und vorbehaltlos in den Gewerkschaften zu verbleiben.

Die Mehrheit des deutschen ZK folgte 1928 den Thesen der IX. (Februar)-Tagung des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI) und des IV. Kongresses der Roten Gewerkschaftsinternationale (RGI) von März/April 1928, die eine neue Einschätzung der Stabilität des Kapitalismus vornahmen und, damit verbunden, eine neue Taktik zur Einheitsfrontpolitik sowie in der Gewerkschaftsfrage vorschlugen. Die neue Orientierung ging davon aus, daß sich der Kapitalismus einer Krise nähere und es damit zu einer Radikalisierung und Revolutionierung der Massen komme, in deren Folge der des Einfluß der SPD und der reformistischen Gewerkschaftsführer auf die Arbeitermassen schwinden werde. Das ZK der KPD folgte auf seinen März- und Juni-Tagungen 1928 diesen Thesen und schlußfolgerte, daß diese Entwicklung günstig sei, um die Politik der sozialdemokratischen Partei- und Gewerkschaftsführer entschlossen zu entlarven und die Abwendung sozialdemokratischer Arbeiter von diesen Führern zu beschleunigen. Daher wäre es auch falsch, mit ihnen zu paktieren. Die Einheitsfrontpolitik sollte sich künftig auf die Einheitsfront von unten mit den sozialdemokratischen Arbeitern orientieren.

Wilhelm Pieck hat 1935 auf dem 13. Parteitag der KPD darauf hingewiesen, daß dieser Strategie, die auf dem VI. Weltkongreß (17. Juli - 1. September 1928 in Moskau) beschlossen wurde, verschiedene Fehleinschätzungen zugrunde lagen, die in der Politik der KPD zu sektiererischen Erscheinungen führten.

Die »Neuorientierung« von 1928 war Gegenstand der Meinungsverschiedenheiten innerhalb der KPD. Die Kritiker kamen aus zwei Strömungen: Einmal aus dem Lager der Anhänger Heinrich Brandlers und August Thalheimers, die sich auf Beschluß des EKKI und des ZK der KPD noch in der UdSSR befanden und denen es untersagt war, sich in der KPD politisch zu betätigen. Sie wurden von Erich Hausen und Heinrich Galm repräsentiert. Die andere Gruppierung sammelte sich um Arthur Ewert. Zu ihr gehörten Gerhart Eisler, Hugo Eberlein und andere.

Die Kritik beider Richtungen war jedoch im politischen Reifegrad und in ihrer Zielrichtung unterschiedlich. Die Brandleristen nahmen weitgehend sozialdemokratische Positionen ein und wollten den KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann aus der Parteiführung verdrängen, während die Ewert-Gruppe ihre Kritik vor allem auf »linke Überspitzungen« konzentrierte, die Orientierung aber grundsätzlich unterstützte. Sie lehnte es ab, eigene kommunistische Gewerkschaften aufzubauen.

In dieser Zeit der Diskussion, die in der KPD über den VI. Weltkongreß der KI hinaus andauerte, kam es zur »Wittorf-Affäre«. Sie stellte sich sehr rasch als eine Aktion dar, die sich gegen die Träger der Politik der »Neuorientierung« richtete.

Der Skandal

John Wittorf war Politischer Sekretär des Bezirks Wasserkante, ZK-Mitglied und KPD- Kandidat zu den Reichstagswahlen. Er hatte 1500 Reichsmark unterschlagen, die von Angestellten der sowjetischen Handelsvertretung in Hamburg für den Reichstagswahlkampf gesammelt worden waren. Als Thälmann von der Unterschlagung informiert wurde, befand sich die Partei im Wahlkampf. Der Parteivorsitzende befürchtete durch eine Veröffentlichung der Affäre negative Folgen für die Partei und verlangte zunächst, daß Wittorf einen Schuldschein unterschrieb und die Schulden bezahlte. Solche »internen Regelungen« stellten ein Verfahren in der KPD dar, das nicht unüblich war, wenn Unterschlagungen aufgedeckt wurden. Es lag daher kein triftiger Grund vor, die Unterschlagung Wittorfs Thälmann anzulasten, es sei denn, daß sie für eine politische Intrige genutzt werden sollte. So entwickelten sich die Hamburger Ereignisse zur »Wittorf-Affäre«, den Antikommunisten als »Thälmann-Skandal« hochspielten. Thälmanns Gegner konzentrierten sich darauf, ihm vorzuhalten, daß er weder das Politbüro noch das ZK über Wittorfs Unterschlagung informiert habe. Thälmann nannte als Grund, daß er die Partei im Wahlkampf nicht habe belasten und auch seinen »Widersachern« in der Parteiführung keinen Vorwand habe geben wollen, den innerparteilichen Meinungsstreit zuzuspitzen. Dieses Argument wurde von seinen Gegner ignoriert.

Als das ZK am 26. September 1928 zusammentrat, hatte Hugo Eberlein bereits auf einer erweiterten Sitzung der Bezirksleitung Wasserkante und auf einer Politbüro-Sitzung harte Vorwürfe gegen Thälmann erhoben. Die Rechten in der Partei stellten daraufhin in der ZK-Tagung umgehend den Antrag, Thälmann aus der Partei auszuschließen. Dieser Antrag wurde zwar von der Ewert-Gruppe formell nicht unterstützt, doch sie unterließ es zunächst auch, sich davon zu distanzieren.

Thälmann erkannte seinen Fehler in der Sitzung des Politbüros und in der Tagung des ZK vorbehaltlos an. Er beantragte statutengemäß eine Beratung in den Organen des EKKI, zumal er auch Mitglied in dessen Präsidium war. Wittorf wurde aus der KPD ausgeschlossen. Thälmanns Widersacher wollten sich aber mit dieser Regelung nicht zufriedengeben und strebten vor der Diskussion im EKKI eine öffentliche Parteidiskussion in der KPD an. Sie konnten sich mit dem Antrag, den »Hamburger Vorfall« umgehend in der Roten Fahne zu veröffentlichen, im ZK durchsetzen. Der nach heftiger Diskussion beschlossene Text erschien am nächsten Tag im KPD-Zentralorgan. Die kolportierte These über einen einheitlichen ZK-Beschluß in dieser Frage läßt sich durch die vorliegenden Dokumente nicht belegen.

Dieser Beschluß zur Veröffentlichung der Beschuldigung gegen Thälmann kam politisch nicht nur einer gezielten Diskriminierung des Parteivorsitzenden gleich, sondern mußte der Partei, die sich in der Kampagne zum Volksbegehren gegen den Bau deutscher Panzerkreuzer befand, erheblichen Schaden zufügen. Zugleich war das EKKI politisch desavouiert worden. So wurde das auch vom Präsidium des EKKI aufgefaßt, das erst aus der Roten Fahne über diese Vorgänge erfuhr. Auch die deutschen (KPD)-Vertreter beim EKKI, die dem ZK angehörten, Fritz Heckert und Walter Ulbricht, waren nicht unterrichtet worden. Sie protestierten umgehend gegen den ZK-Beschluß, den sie für falsch hielten.

Das Präsidium des EKKI beschloß am 30. September 1928 nach einer »fliegenden Abstimmung«, den Ausschluß Wittorfs zu bestätigen. Es ermahnte das ZK der KPD, die Prüfung des Präsidiums abzuwarten, bevor eine weitere Diskussion in der Partei stattfinde, und die Partei voll und ganz auf das Volksbegehren gegen Panzerkreuzerbau und auf die Kampagne gegen die SPD zu konzentrieren.

Die Partei war aber informiert, und einige Bezirksleitungen (BL) berichteten dem ZK, wie die Stimmung vor Ort war: So schrieb die BL Baden am 4. Oktober: »... (Zur) Stimmung unter Arbeitern und Mitgliedern: Der Artikel (in der Roten Fahne) erweckte bei den Genossen den Eindruck, daß die Maßnahme gegen den Genossen Thälmann als zu scharf betrachtet werden. ... Auch die Hetze der SPD, die Ausnützung des Falles für ihre Zwecke, verfehlte unter den Arbeitern ihre Wirkung. Allerdings kann nicht verhehlt werden, daß die Angelegenheit einige Nachwirkungen auf das Volksbegehren haben wird...«. Die BL Württemberg berichtete: Die Mitglieder der Partei und des Roten Frontkämpferbundes (RFB) meinen, daß die Verfehlungen des Genossen Thälmann nicht so schlimm, »...aber durch die Ausnützung von Gruppenströmungen innerhalb der Partei zu einer Hetze oder einem Kesseltreiben gegen Thälmann aufgebauscht worden seien. In diesem Sinne schilderte auch die SPD-Presse die Hamburger Vorgänge als einen Cliquenkampf im ZK...«. Unmittelbar nach dem ZK-Beschluß schrieb ein Redakteur der Roten Fahne an das Politbüro, es sei richtig, den Fall dem EKKI zu überweisen. Die Veröffentlichung während des Volksbegehrens »stellt eine Schädigung der Partei dar«, die Argumente dazu seien nicht stichhaltig, »jeder Prolet, mit dem ich nach der Veröffentlichung des Beschlusses in Berührung kam, drückte mehr oder weniger seine Empörung über dieses ›offenbar fraktionelle Manöver‹ aus. Ich glaube, daß es von Wert für das Politbüro ist, diese Stimmung in der Mitgliedschaft der Partei kennenzulernen.«

Auch unter den ZK-Mitgliedern fanden nach der Tagung weiter heftige Debatten über die politischen Auswirkungen ihres eigenen Beschlusses zur Veröffentlichung vor einer Prüfung durch das EKKI statt. Im Verlauf dieser Aussprachen distanzierten sich schließlich 26 ZK-Mitglieder von ihrem Beschluß. Einige ZK-Mitglieder meinten, die politischen Auswirkungen ihres Beschlusses nicht rechtzeitig erkannt zu haben, andere erklärten, mit den Fakten einfach überrollt worden zu sein.

Parallel dazu fand unter den sowjetischen EKKI-Mitgliedern ein Meinungsaustausch statt, der darauf hinauslief, dem EKKI-Präsidium vorzuschlagen, Thälmanns Fehler zu kritisieren, ihn aber in seinen Funktionen zu belassen. Sie führten als Argumente an, daß Thälmanns Motiv für seine Handlung darin bestand, Schaden von der Partei abzuwenden. Zudem habe er ein großes Ansehen in der deutschen Arbeiterklasse, seine politischen Fähigkeiten als Führer der größten kommunistischen Partei in Westeuropa seien unverzichtbar und rechtfertigten eine Suspendierung wegen der nicht erfolgten Information des ZK über diese Unterschlagung nicht.

Vom 2. bis 6. Oktober 1928 tagte die Deutsche Kommission des EKKI. Im Ergebnis einer heftigen Debatte, an der sich auch EKKI-Mitglieder anderer kommunistischer Parteien beteiligten und in der Ewert und Eberlein ihre Meinung nochmals vortrugen, wurde ein Resolutionsentwurf für die anschließende Sitzung des Präsidiums zur Beschlußfassung formuliert. Das Präsidium billigte am 6. Oktober 1928 die Resolution, nachdem die Sachlage nochmals erörtert worden war. Ewert, Eberlein und Pieck stimmten ihr nicht zu. Pieck betonte in seiner Erklärung, daß er der Resolution zugestimmt hätte, wenn in ihr nur Thälmann das Vertrauen ausgesprochen worden wäre; doch die in der Resolution enthaltenen Übertreibungen und die Ausnutzung der Affäre zu organisatorischen Maßnahmen in den innerparteilichen Meinungsverschiedenheiten veranlaßten ihn, seine Zustimmung nicht zu geben.

Pieck hatte von Beginn der Affäre an versucht, die Diskussion über Wittorfs Unterschlagung von den innerparteilichen Auseinandersetzungen sorgsam zu trennen. Das scheiterte am Verhalten der Rechten. Ebenso wie sie die Unterschlagung Wittorfs ausnutzen wollten, hat die Mehrheit des EKKI-Präsidiums mit ihrer Resolution die Affäre benutzt, um die Meinungsverschiedenheiten in der KPD mit organisatorischen Maßnahmen zu beenden.

Die Parteiabstimmung

Die Resolution des EKKI-Präsidiums veröffentlichte die Rote Fahne am 9. Oktober 1928. Sie wurde in der Partei zur Diskussion gestellt. Wenn auch die Verschärfung der Resolution, die Pieck kritisierte, von den sowjetischen EKKI-Mitgliedern und auch von Stalin ausging, so ist die These Hermann Webers, daß es Stalin war, der Thälmanns Sturz verhinderte, eine bewußte Fälschung. Die Parteidiskussion belegt: Über Thälmann entschieden die Mitglieder der KPD. Das Ergebnis ihrer Abstimmung war: Über 80 Prozent der Parteimitglieder und Funktionäre votierten für Thälmann und stimmten der EKKI-Resolution zu. Das entsprach der Stimmung, die unter vielen Arbeitern, die mit der KPD sympathisierten, vorherrschte. Wir meinen, die politische Entscheidung der KPD-Mitglieder für Ernst Thälmann (und damit gegen Heinrich Brandler und August Thalheimer) hat sich als richtig erwiesen.

Heruntergeladen mit Dank von der "junge Welt - Die Tageszeitung".

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Der Marxismus ist allmächtig – weil er wahr ist. (E.C.)

“Die Stellung zum Vermächtnis Willi Dickhuts ist der Prüfstein für den Kampf zwischen proletarischer und kleinbürgerlicher Denkweise!” (RF/MLPD)


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