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 Betreff des Beitrags: "Rosa Nekrophilie"
BeitragVerfasst: Di 27. Mär 2007, 16:40 
Literat

Beiträge: 2947
Hermann L. Gremliza schrieb anläßlich der Karl-und-Rosa-Demonstration von 2000 über den Umgang der PDS mit Rosa Luxemburg:

Zitat:
Rosa Nekrophilie

über Götter, Gräber und Bekehrte

Wie gefällt die Vorstellung, Heinz G. Konsalik, der Arsch von Stalingrad, wäre in Begleitung seiner treuesten Leser alljährlich zum Todestag von Heinrich Heine nach Paris gereist, um auf des Dichters Grab ein Gebinde abzulegen: »Dem verehrten Lehrer - Sein treuer Schüler«? Gefällt nicht so recht? Fiele unter den Paragraphen gegen die Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener? Weil Heine nicht direkt der Erfinder des deutschen Landserromans ist?

Und doch nehmen Leute, die solcher Meinung heftig beipflichten werden, klaglos hin, daß jedes Jahr am 8. Januar eine Riege von Parteiführern, mit roten Nelken bewaffnet, einen Umzug zu den Gräbern zweier Revolutionäre anführt, die zu ihren Lebzeiten über ihre Ansicht betreffend Erscheinungen wie die Herren Gysi, Bisky, Bartsch und Brie nicht den geringsten Zweifel haben aufkommen lassen. Diesmal kam Gysi geradewegs von einem Treffen mit dem Vorsitzenden des Deutschen Bundeswehr-Verbandes, einem Oberst Bernhard Gertz, der die PDS für ihre »sicherheitspolitischen Kurskorrekturen« gelobt hatte.

Der Rosa Luxemburg haben sie's geschworen, dem Oberst Bernhard reichen sie die Hand. Aber bevor sie ihren Choral anstimmen konnten, mußten sie erst noch mal nach Hause gehen und, vor allem, in sich. Der Innensenator von Berlin, ein ehemaliger Chef der Stasi (West), hatte den lustigen Einfall, die Drohung eines verwirrten jungen Mannes, er werde die Trauergemeinde mit Handgranaten empfangen, zum Anlaß zu nehmen, die verfassungsmäßige Zuverlässigkeit der politischen Vereinigung PDS einer Sonderprüfung zu unterziehen, die sie aber mit Auszeichnung bestand. Petra Pau, die Vorsitzende des Berliner Landesverbands der Partei, der den Trauerzug angemeldet hatte, zeigte der Polizei voller Stolz, wie gut sie im staatsbürgerlichen Unterricht aufgepaßt und was sie alles gelernt hat. »Es gab«, sprach Frau Pau, »eine ernsthafte Drohung. Am Sonnabend mittag hat die Polizei deshalb die Ehrung in Friedrichsfelde verboten. Wir haben unsere Anmeldung nicht zurückgezogen, sondern die Veranstaltung auf den 15. Januar verlegt. Ich erwarte, daß die Polizei bis dahin ein schlüssiges Sicherheitskonzept entwickelt.« Karl Liebknecht hätte es nicht besser sagen können.

Womit eigentlich haben die beiden Toten den Hohn und Spott verdient, der da an jedem 8. Januar in Friedrichsfelde über sie ausgeschüttet wird, seit vielen Jahren? Was bringt brave Freunde der jeweils herrschenden Verhältnisse dazu, das Grab zweier Revolutionäre einmal im Jahr mit Nelken zuzuschmeißen? Warum fühlen ausgerechnet professionelle Mitläufer sich dort so wohl - und zwar Mitläufer aller Couleur: Die Gockel von der PDS, auch als sie sich noch anderen zur Mitarbeit verpflichtet fühlten als dem Innensenator von Berlin, wie die Hühner aus der Bürgerrechtsbewegung, die in ARD-gerechter Haltung »Rosa, Rosa« krähten, bevor sie ihre Liebe zur Revolution als großdeutsche Kolonialbeamtin oder Bundesbeauftragte für dies und das vollenden konnten.

Das Hauptverdienst der beiden Toten ist zweifellos, daß sie sich haben totschlagen lassen. Von allen Revolutionären winkt dem erfolglosen der größte Ruhm, die Hitliste der T-Shirt-Kommunisten führt keinen Lebenden. Die leben, die gesiegt haben, sind bösartige Gewaltherrscher; die nicht gesiegt und doch nicht aufgegeben haben, werden vom Innensenator beobachtet, vom Staatsschutz eingesperrt und von der Parteiführung ausgeschlossen. Der sozialdemokratische Bundesminister Horst Ehmke hat seinerzeit das Porträt der Rosa Luxemburg auf eine Briefmarke der Bundespost drucken lassen. Wenn seine Regierung eine wie sie lebend erwischt hat, pflegte die Ehrung am Fensterkreuz einer Stammheimer Zelle zu enden.

Ein kluges Wort - und schon bist du Kommunist. Ein dummes (oder von Deppen mißzuverstehendes) - und schon bist du Sozialdemokrat. Der Satz von der Freiheit, die immer die Freiheit des anders Denkenden sei, hat Rosa Luxemburg zu vielen seltsamen Bettgenossen verholfen. Als hätte sie je gemeint, Freiheit existiere nur, wo der Peter Boenisch seine Meinung mit dem Rudolf Augstein austauschen darf, wurde die kommunistische Revolutionärin zur Schutzheiligen der bürgerlichen Meinungs- und Stimmungsfabrikanten befördert. Gemeint hatte sie natürlich gerade nicht die Freiheit von Interessenten, dieser anders Denkenden als Handelnden, sondern die Freiheit der anders denkenden revolutionären Genossen, der Parteiführung zu widersprechen. Das erste, was die Spartakisten bei ihrem Aufstand 1919 besetzten, war der Verlag des »Berliner Tageblatt«.

Doch das hilft ihr nicht mehr. Zu preiswert ist der Adel, den der Bezug auf die mißdeutete Märtyrerin verleiht (Liebknecht kommt nur als Alliteration vor, in der PDS-Zeitung »Neues Deutschland« als Buchstaben im Kürzel »LL-Demo«). Wer Rosa verehrt, muß es tief im Herzen irgendwie ehrlich meinen und irgendwie auch kommunistisch, zumindest »singvogelkommunistisch« (Peter Hacks), mag er auch gestern mit dem Bundeswehrverband gekegelt haben oder morgen mit der Luftwaffe zu einer humanitären Aktion aufbrechen. Aus Rosa Luxemburg haben sie das Schmalz gewonnen, auf dem die frühen Revoluzzer aller Art (von Karsten Voigt und Gerhard Schröder bis Andrea Nahles, von Joschka Fischer bis Gregor Gysi, und diese Reihe endet nie) in den späteren Zivilstand als Lampenputzer geräuschlos hinübergleiten.

Keiner ihrer Texte könnte die Zustimmung des Parteivorstands finden, keines ihrer Postulate hätte eine Chance, ins nächste Wahlprogramm aufgenommen zu werden. Es ist nicht allzu wild spekuliert, wenn man annimmt, daß Luxemburg von der »Sicherheitspartnerschaft« zwischen Partei und Polizei, welche die PDS bezüglich der jährlichen Gedenkdemonstration anstrebt, vermutlich abgeraten hätte. Und obwohl also schwer zu bestreiten sein wird, daß der Geschäftsführer der PDS sich zur Gründerin der KPD nicht anders verhält wie Liebesnächte in der Taiga zu Deutschland, ein Wintermärchen, erklärt dieser Dietmar Bartsch, man lasse sich »die große linke Demonstration« von niemandem kaputtmachen. Gegen wen oder was da groß und links demonstriert wird? Gegen die herrschende Klasse? Gegen die Staatsgewalt? Gegen den deutschen Imperialismus? Gegen den Antisemitismus? Gegen den Krieg? Aber das könnte das Verhältnis zum Deutschen Bundeswehr-Verband trüben. Der 8. Januar ist einfach der höchste religiöse Feiertag der jüngsten deutschen Sozialdemokratie: ihre heiligen zwei Könige.

Kritik an der PDS, hieß es in der Parteizeitung anläßlich der Kritik an der »Sicherheitspartnerschaft«, führe zur »Spaltung der linken Bewegung«. Aber »die linke Bewegung« gibt es nicht, und die es gibt, gehört gespalten: in die Feinde des neuen Deutschland und in seine Sicherheitspartner. Was speziell Rosa Luxemburg angeht, so muß einer ihrer ältesten Genossen, der »Spiegel«, leider zugeben, daß es »besonders friedlich in einem Sozialismus à la Luxemburg kaum zugegangen« wäre: »Sie lehnte das nationale Selbstbestimmungsrecht ab und wollte den neu gegründeten Staaten wie Polen oder Georgien sofort ›den Hals umdrehen‹.« Und das Deutschland-Magazin erinnert daran, welchen Titel sie der SPD nach der Gewährung der Kriegskredite verliehen hatte: »ein Haufen organisierter Verwesung«. Die PDS, die Sicherheitspartnerschaft und die sicherheitspolitischen Kurskorrekturen sind nicht ausdrücklich erwähnt.

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Der Hunsch wars!


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