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 Betreff des Beitrags: Trotzki, der Held, als der er sich sieht.
BeitragVerfasst: So 25. Mär 2007, 02:35 
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Beiträge: 4023
Nach dem Sturz der sozialdemokratischen Regierung Kerenski bildet Lenin 1917 die neue Regierung. Trotzki schreibt:

"Wissen Sie", sagt er [ Lenin ] zögernd, "gleich nach den Verfolgungen und der der Illegalität zur Macht...", er sucht nach einem Ausdruck und geht plötzlich in die deutsche Sprache über "Es schwindelt." Er macht eine kreisende Handbewegung um den Kopf. Wir blicken einander an und lächeln kaum. Das Ganze dauert kaum eine bis zwei Minuten. Dann - einfacher Übergang zu den laufenden Geschäften.

Man muß die Regierung bilden. Wir sind einige Mitglieder des Zentralkomitees. Eine fliegende Sitzung in der Ecke eines Zimmers.
"Wie es nennen?" überlegt Lenin laut. "Nur nicht Minister. Eine widerliche, abgenutzte Bezeichnung."
Man könnte - Kommissare", schlag ich vor, "nur gibt es jetzt zu viele Kommissare. Vielleicht Oberkommissar?.. Nein, >Ober< klingt schlecht. Vielleicht aber >Volkskommissare"Volkskommissare? Ja, das könnte vielleicht gehen", stimmt Lenin zu. "Und die Regierung in ihrer Gesamtheit?"
"Sowjet, natürlich Sowjet... Sowjet der Volkskommissare, wie?"
"Sowjet der Volkskommissare", wiederholt Lenin, "ausgezeichnet: Riecht furchtbar nach Revolution!..."
Lenin war wenig geneigt, sich mit der Ästhetik der Revolution zu befassen oder ihre >Romantik< auszukosten. Aber je tiefer er die Revolution im Ganzen fühlte, um so präziser stellte er fest, wonach sie >rieche<.
"Und was wird sein", fragt mich Wladimir Iljitsch ganz unvermutet in jenen ersten Tagen, "wenn die Weißgardisten Sie und mich umbringen; könnten dann Swerdlow und Bucharin fertig werden?"
"Vielleicht werden sie uns auch nicht umbringen", antwortete ich lachend.
"Der Teufel kennt sie", sagte Lenin und lachte selbst.
Diese Episode habe ich in meinen Erinnerungen über Lenin im Jahre 1924 zum erstenmal wiedergegeben. Wie ich später erfuhr, fühlte sich das damalige >Trio<, Stalin, Sinowjew und Kamenjew durch diese Mitteilung blutig gekränkt, wagte aber nicht, ihre Richtigkeit zu bestreiten. Eine Tatsache bleibt eine Tatsache: Lenin erwähnte damals nur Swerdlow und Bucharin. Andere Namen kamen ihm nicht in den Sinn.

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Der Marxismus ist allmächtig – weil er wahr ist. (E.C.)

“Die Stellung zum Vermächtnis Willi Dickhuts ist der Prüfstein für den Kampf zwischen proletarischer und kleinbürgerlicher Denkweise!” (RF/MLPD)


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 Betreff des Beitrags: Re: Trotzki, der Held, als der er sich sieht.
BeitragVerfasst: So 25. Mär 2007, 02:35 
Moderator

Beiträge: 384
Ja, ich hab diesen Abschnitt auf der Wikipedia-Seite zu Trotzki gelesen. Er muss stolz wie ein Bayer gewesen sein, daß Lenin mal zwei lobende Worte mit ihm gewechselt und ihn um Rat gefragt hat.

Es muss hierzu gesagt werden, daß es 1917 nicht allzu abwegig war, von Swerdlow und Bucharin zu sprechen. Stalin etwa war zu dieser Zeit kein Unbekannter, es muss aber doch gesagt werden, daß seine Bekanntheit nicht im mindesten so hoch war, wie sie bis 1924 noch werden sollte. Trotzki hingegen hatte sich gerade frisch auf dem einzigen Schlachtfeld hervorgetan, von dem er etwas verstand: Dem Schlachtfeld der Revolution und des ganz direkten Kampfes.
Bucharin war gerade frisch nach Moskau zurückgekehrt und hatte den Posten des Chefredakteurs der "Prawda" angenommen. Über Swerdlow weiß ich nicht viel. Was ich weiß, ist, daß er 1919 gestorben ist. Swerdlow hätte folglich überhaupt keinen Namen in der Arbeiterbewegung, wenn er sich den nicht schon vorher erarbeitet hätte. Will sagen: Es kann gut sein, daß die beiden die ersten waren, die Lenin einfielen. Heisst ja nicht, daß ihm nicht noch mehr eingefallen wären.

Stalins große Zeit kam später. Trotzki kann nochsoviel unken: In Lenins Testament heisst es nicht mehr "Swerdlow oder Bucharin" sondern "Stalin oder Trotzki", und, bei allem, was Trotzkisten oder Stalingegner da hineininterpretieren wollen, ist es doch ziemlich leicht, herauszulesen, wer der geeignetere in den Augen Lenins und der Partei ist.


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 Betreff des Beitrags: Re: Trotzki, der Held, als der er sich sieht.
BeitragVerfasst: So 25. Mär 2007, 02:35 
Literat

Beiträge: 2947
Sehe ich auch so. Möglich ist aber auch, daß der verhinderte Dichter Trotzki uns einen kleinen Roman erzählt, wo vielleicht die Wahrheit angebracht wäre.

Nur noch zu Bucharin: 1917 war - wenn man es von der praktischen Seite betrachtet - sein Jahr. Er hat immerhin den Moskauer Aufstand geleitet, d.h. er war der Chef des zweiten großen Zentrums der Revolution. Weiter nach oben ging seine Entwicklung nicht. 1917, möchte ich fast vermuten, hätte einem der Name Bucharin möglicherweise sogleich nach dem Lenins einfallen müssen. Er galt als überaus begabter Nachwuchs. Aber die Geschichte sucht sich ihre Protagonisten nicht ausschließlich nach den Begabungen aus. Oder anders ausgedrückt: Die Fähigkeit, aus seinen Talenten - wie immer die gelagert sind - wirkliches Können zu machen, ist auch eine Art Begabung.

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Der Hunsch wars!


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