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 Betreff des Beitrags: Leo Trotzki: Thermidor und Antisemitismus (22. Februar 1937)
BeitragVerfasst: So 25. Mär 2007, 02:31 
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Beiträge: 4023
Hab ich das richtig verstanden? Die SU ist antisemitisch, weil der Großteil der Beamten (Bürokraten) aus den Städten kommt, in denen auch mehr Juden leben?

Was will uns der "Dichter" mit folgendem Text sagen, ausser sich mal wieder selber zu bemitleiden?


Leo Trotzki: Thermidor und Antisemitismus (22. Februar 1937)


[auf englisch in Leon Trotsky on the Jewish Question, New York 1970, auf deutsch in Leo Trotzki, Schriften 1.2, S. 1040-1052]


Während des letzten Moskauer Prozesses habe ich in einer meiner Erklärungen gesagt, dass Stalin im Kampf gegen die Opposition die antisemitischen Stimmun-gen im Land ausgenützt hat. Zu diesem Punkt habe ich eine Reihe von Briefen und Anfragen erhalten, die im allgemeinen - es gibt keinen Grund. die Wahrheit zu verschweigen - sehr naiv waren. “Wie kann jemand die Sowjetunion wegen Antisemitismus anklagen?« »Wenn die UdSSR ein antisemitisches Land ist, was bleibt dann noch übrig?« Das war der vorherrschende Ton in diesen Briefen. Diese Leute protestieren und sind verwirrt, weil sie es gewöhnt sind, den faschistischen Antisemitismus der Emanzipation der JüdInnen gegenüberzustellen, die durch die Oktoberrevolution erreicht wurde. Diese Leute denken, ich würde ihnen ein magisches Amulett entwenden. Eine solche Denkweise ist typisch für Leute, die an das gängige, undialektische Denken gewöhnt sind. Sie leben in einer Welt unveränderlicher Begriffe. Sie akzeptieren nur das, was ihnen passt: Hitler-Deutschland ist das absolute Königreich des Antisemitismus, die UdSSR ist demgegenüber das Königreich der nationalen Harmonie. Sie sind blind gegenüber wesentlichen Veränderungen, Übergängen von einer Lage in die andere, mit einem Wort gegenüber den aktuellen geschichtlichen Vorgängen.

Ich bin sicher, dass man noch nicht vergessen hat, dass der Antisemitismus im zaristischen Russland bei den BäuerInnen, dem Kleinbürgertum aus der Stadt, der Intelligenzija und den rückständigeren Schichten der Arbeiterschaft ziemlich verbreitet war. »Mütterchen« Russland war nicht nur für ihre periodischen Judenpogrome berühmt, sondern auch für die Existenz einer beträchtlichen Anzahl an antisemitischen Publikationen, die sich in jenen Tagen einer großen Verbreitung erfreuten. Die Oktoberrevolution hat den PariaStatus der JüdInnen abgeschafft. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass sie mit einem Schlag den Antisemitismus beseitigt hat. Ein langer und ausdauernder Kampf gegen die Religion hat selbst bis heute nicht vermocht, Tausende und Abertausende von Betern davon abzuhalten Kirchen, Moscheen und Synagogen zu füllen. Die gleiche Situation herrscht auf dem Gebiet der nationalen Vorurteile. Gesetzgebung allein ändert die Menschen nicht. Ihre Gedanken, Gefühle, Ansichten hängen von Tradition, materiellen Lebensbedingungen, kulturellem Niveau usw. ab. Das Sowjet-Regime ist noch keine zwanzig Jahre alt. Die ältere Hälfte der Bevölkerung wurde im Zarismus erzogen. Die jüngere Hälfte hat eine Menge von der älteren ererbt. Diese allgemeinen geschichtlichen Bedingungen allein sollten jeden denkenden Menschen erkennen lassen, dass es trotz der vorbildlichen Gesetzgebung der Oktoberrevolution unmöglich ist, dass nationale und chauvinistische Vorurteile - insbesondere der Antisemitismus - nicht in den rückständigeren Schichten der Bevölkerung hartnäckig überdauert haben.

Aber das ist keineswegs alles. In Wirklichkeit hat das Sowjet-Regime eine Reihe von neuen Phänomenen hervorgerufen, die es infolge der Armut und des niedrigen Bildungsstandes der Bevölkerung möglich machten, von neuem eine anti-semitische Atmosphäre zu schaffen, und sie tatsächlich geschaffen hat. Die JüdInnen sind eine typische Stadtbevölkerung. Sie machen einen beachtlichen Prozentsatz der Stadtbevölkerung in der Ukraine, in Weißrussland und sogar in Großrussland aus. Das Sowjet-Regime braucht mehr als irgendein anderes Regime der Welt eine große Anzahl von Staatsbediensteten. Staatsbedienstete kommen aus der kultivierteren Stadtbevölkerung. Natürlich stellten die JüdInnen einen unverhältnismäßig hohen Anteil in der Bürokratie, und das besonders in den unteren und mittleren Rängen. Natürlich können wir unsere Augen vor dieser Tatsache verschließen und uns auf vage Allgemeinplätze über die Gleichheit und Brüderlichkeit aller Völker beschränken. Aber eine Vogel-Strauß-Politik wird uns keinen einzigen Schritt weiterbringen. Der Hass der BäuerInnen und ArbeiterInnen auf die Bürokratie ist eine fundamentale Tatsache im sowjetischen Alltag. Die Gewaltherrschaft des Regimes, die Verfolgung jeglicher Kritik, das Erstarren jedes lebendigen Gedankens, schließlich die gerichtlichen Fälschungsmanöver sind einzig die Widerspiegelung dieser grundlegenden Tatsache. Schon durch AprioriÜberlegungen muss man zu dem Schluss gelangen, dass der Hass auf die Bürokratie eine antisemitische Färbung annehmen würde, zumindest an solchen Orten, wo die jüdischen Funktionäre einen signifikanten Prozentsatz der Bevölkerung bilden und sich gegen den Hintergrund der bäuerlichen Massen abheben. Im Jahr 1923 schlug ich auf der Partei-Konferenz der Bolschewiki der Ukraine vor, dass die Funktionäre verpflichtet sein sollten, die Sprache der sie umgebenden Bevölkerung zu sprechen und zu schreiben. Wie viele ironische Bemerkungen wurden über diesen Vorschlag gemacht, hauptsächlich von der jüdischen Intelligenzija, die Russisch sprach und las und die ukrainische Sprache nicht lernen wollte. Gewiss hat sich die Situation in dieser Hinsicht beträchtlich gebessert. Aber die nationale Zusammensetzung der Bürokratie hat sich wenig geändert, und, was unermesslich viel wichtiger ist, der Antagonismus zwischen der Bevölkerung und der Bürokratie ist während der letzten zehn oder zwölf Jahre ungeheuer gewachsen. Alle ernsthaften und aufrichtigen Beobachter, besonders diejenigen, die für lange Zeit unter den arbeitenden Massen gelebt haben, bezeugen die Existenz des Antisemitismus, nicht nur des alten und althergebrachten, sondern auch des neuen, der sowjetischen Spielart.

Der sowjetische Bürokrat fühlt sich selbst moralisch in einer belagerten Festung. Er versucht mit all seiner Kraft aus seiner Isolation auszubrechen. Die Politik Stalins ist zumindest zu 50 Prozent von diesem Drang geleitet. Das zeigt: 1. die pseudosozialistische Demagogie (»Der Sozialismus ist schon erreicht«; »Stalin gab, gibt und wird dem Volk ein glückliches Leben geben« usw.); 2. politische und wirtschaftliche Maßnahmen, die dazu bestimmt sind, um die Bürokratie herum eine breite Schicht von neuen Aristokraten aufzubauen (die unverhältnismäßig hohen Löhne der Stachanow-Arbeiter, militärische Auszeichnungen, Ehrenorden, der neue »Adel« usw.); und 3. das Sich-Sorgen um nationale Gefühle und Vorurteile der rückständigen Schichten der Bevölkerung.

Der ukrainische Bürokrat wird, falls er selbst ein eingeborener Ukrainer ist, im kritischen Moment unvermeidlich herausstellen, dass er der Bruder des Muschik und des Bauern ist - nicht irgendein Fremder und unter keinen Umständen ein Jude. Natürlich liegt in einer solchen Haltung - o weh - nicht ein Korn von »Sozialismus« oder bloß von Demokratie. Aber das ist genau der Kern der Frage. Die privilegierte Bürokratie, die um ihre Privilegien fürchtet und folglich moralisch total verdorben ist, stellt gegenwärtig die am stärksten antisozialistische und am stärksten antidemokratische Schicht der sowjetischen Gesellschaft dar. Im Kampf für ihre Selbsterhaltung nutzt sie die ein-gefleischtesten Vorurteile und die dunkelsten Instinkte aus. Wenn Stalin in Moskau Prozesse inszeniert, die die Trotzkisten beschuldigen, sie planten, die ArbeiterInnen zu vergiften, dann ist es nicht schwer, s‚ich vorzustellen, in welch trüben Tiefen sich die Bürokratie in einigen ukrainischen oder zentralasiatischen Hütten bewegen kann.

Derjenige, der aufmerksam das Leben in der Sowjetunion verfolgt, wenn auch nur durch offizielle Publikationen, wird von Zeit zu Zeit in verschiedenen Teilen des Landes scheußliche bürokratische Auswüchse offengelegt sehen: Bestechung, Korruption, Unterschlagung, Mord an Personen, deren Existenz für die Bürokratie unbequem ist, Schändung von Frauen und ähnliches mehr. Könnten wir in die Tiefe dringen, so würden wir sehen, dass ein jeder dieser Abszesse in der bürokratischen Schicht wurzelt. Manchmal ist Moskau gezwungen, von Schauprozessen Gebrauch zu machen. In all solchen Prozessen bilden die JüdInnen einen signifikanten Prozentsatz, teilweise, weil sie - wie bereits festgestellt - ei-nen großen Teil der Bürokratie ausmachen und mit ihrem Makel gebrandmarkt sind, weil die führenden Kader der Bürokratie, getrieben vom Instinkt der Selbsterhaltung, im Zentrum und in den Provinzen danach streben, den Unmut der arbeitenden Massen von sich selbst weg auf die JüdInnen zu lenken. Diese Tatsache war bereits vor zehn Jahren jedem kritischen Beobachter in der UdSSR bekannt, als das Stalin-Regime gerade erst seine Grundzüge enthüllt hatte.

Der Kampf gegen die Opposition war für die herrschende Clique eine Frage von Leben und Tod. Das Programm, die Grundsätze, die Beziehungen zu den Massen, alles wurde aus der Angst der neuen herrschenden Clique um ihre Selbsterhaltung heraus ausgerottet und verworfen. Diese Leute schrecken vor nichts zurück, um ihre Privilegien und ihre Macht zu erhalten. Vor kurzem wurde eine Ankündigung des Inhalts auf die ganze Welt losgelassen, dass mein jüngster Sohn, Sergei Sedow, unter der Anklage stehe, eine Massenvergiftung der ArbeiterInnen auszuhecken. Jeder normale Mensch wird daraus folgern: Leute, die fähig sind, eine solche Anschuldigung hervorzubringen, haben den letzten Grad an moralischer Entartung erreicht. Kann man in diesem Fall auch nur einen Moment zweifeln, dass dieselben Kläger fähig sind, antisemitische Vorurteile der Massen zu fördern? Gerade im Falle meines Sohnes sind diese beiden Vorgehen vereint. Es lohnt sich, diesen Fall näher zu betrachten. Vom Tage ihrer Geburt an trugen meine Söhne den Namen ihrer Mutter (Sedow). Sie benutzten nie irgend-einen anderen Namen - weder in der Volksschule noch an der Universität, noch in ihrem späteren Leben. Was mich betrifft, so habe ich während der letzten 35 Jahre den Namen Trotzki getragen. In der sowjetischen Zeit hat mich nie jemand beim Namen meines Vaters (Bronstein) genannt, genauso wie nie jemand Stalin Dschugaschwili genannt hat. Damit meine Söhne nicht gezwungen wären, ihren Namen zu ändern, nahm ich aus »staatsbürgerlichen« Erfordernissen den Namen meiner Frau an (was nach sowjetischem Gesetz ausdrücklich erlaubt ist). Als mein Sohn, Sergei Sedow, jedoch unter die äußerst unglaubliche Anklage gestellt wurde, ArbeiterInnen vergiften zu wollen, kündigte die GPU in der sowjetischen und ausländischen Presse an, dass der »echte« Name meines Sohnes nicht Sedow, sondern Bronstein sei. Falls meine Wahrheitsverdreher die Verbindung des Beschuldigten mit mir herausstellen wollen, dann hätten sie ihn Trotzki genannt, da der Name Bronstein politisch für niemanden etwas bedeutet. Aber sie wollten auf ein anderes Spiel hinaus: d.h. sie wollten meine jüdische Herkunft und die halbjüdische Herkunft meines Sohnes herausstellen. Ich habe mich bei diesem Vorfall kurz aufgehalten, weil er ein wesentliches und doch keineswegs ungewöhnliches Merkmal enthüllt. Der ganze Kampf gegen die Opposition ist voll von solchen Episoden.

Zwischen 1923 und 1926, als Stalin mit Sinowjew und Kamenjew noch Mitglied der »Troika« war, trug das Spiel auf den Saiten des Antisemitismus vorsichtige und verhüllte Züge. Besonders geschulte Redner (Stalin führte schon damals unter der Hand den Kampf gegen seine Kollegen) sagten, dass die Anhänger Trotzkis Kleinbürger aus den »Schtetln« seien, ohne ihre Nationalität genau zu bezeichnen. In Wirklichkeit war daran kein wahres Wort. Der Prozentsatz jüdischer Intellektueller in der Opposition war keineswegs größer als der in Partei und Bürokratie. Es genügt, die Führer der Opposition für die Jahre 1923-25 zu nennen: I. N. Smirnow, Serebrjakow, Rakowski, Pjatakow, Preobraschenskij, Krestinski, Muralow, Beloborodow, Mratschkowski, W. Jakowlewa, Sapronow, W. M. Smirnow, Ischtschenko - alles geborene RussInnen. Radek war zu dieser Zeit erst ein halber Sympathisant. Aber wie in den Prozessen von den Schiebern und anderen Schurken, so betonte die Bürokratie zur Zeit des Ausschlusses der Opposition aus der Partei absichtlich die Namen jüdischer Mitglieder, die von beiläufiger und zweitrangiger Bedeutung waren. Das wurde ziemlich offen in der Partei diskutiert, und damals, 1925, sah die Opposition in dieser Situation das unmissverständliche Symptom des Niedergangs der herrschenden Clique.

Nachdem Sinowjew und Kamenjew sich der Opposition angeschlossen hatten, wandelte sich die Situation radikal zum Schlechteren. An diesem Punkt bot sich eine vorzügliche Chance, den ArbeiterInnen zu sagen, dass an der Spitze der Opposition drei »unzufriedene jüdische Intellektuelle« stünden. Unter der Leitung von Stalin setzten Uglanow in Moskau und Kirow in Leningrad diese Linie systematisch und fast völlig offen durch. Um noch schärfer den ArbeiterInnen die Unterschiede zwischen dem »alten« und dem »neuen« Kurs klarzumachen, wurden die JüdInnen, selbst wenn sie vorbehaltlos der allgemeinen Linie treu waren, aus verantwortlichen Partei- und Sowjet-Posten entfernt. Nicht nur auf dem Land, sondern sogar in Moskauer Fabriken nahm 1926 die Hetze gegen die Opposition einen unzweideutig antisemitischen Charakter an. Viele Agitatoren äußerten unverhohlen: »Die Juden sind Aufrührer.« Ich habe Hunderte von Briefen erhalten, die die antisemitischen Methoden im Kampf gegen die Opposition beklagten. Während einer der Sitzungen des Politbüros schrieb ich Bucharin eine Notiz: »Sie können nicht umhin zu erkennen, dass sogar in Moskau im Kampf gegen die Opposition Methoden der Schwarzhundertschaften (Antisemitismus usw.) angewandt werden.« Bucharin antwortete mir ausweichend auf dem gleichen Stück Papier: »Vereinzelte Vorfälle kann es natürlich geben.« Ich schrieb zurück: »Ich habe nicht vereinzelte Vorfälle im Sinn, sondern eine systematische Agitation unter den Parteisekretären großer Moskauer Unternehmen. Wenn Sie einverstanden sind, so kommen Sie mit mir in die ‚Skorochod‘Fahrik, um das exemplarisch zu untersuchen.« Bucharin antwortete: »In Ordnung, wir können gehen.« Vergeblich habe ich versucht, ihn dazu zu bringen, sein Versprechen einzulösen. Stalin verbot es ihm ausdrücklich. In den Monaten der Vorbereitungen für den Ausschluss der Opposition aus der Partei, der Verhaftungen, der Ausweisungen (in der zweiten Hälfte 1927) nahm die antisemitische Agitation einen völlig ungehemmten Charakter an. Der Slogan »Schlagt die Opposition« bekam oft die Bedeutung des alten Slogans »Schlagt die Juden und rettet Russland«. Die Sache ging so weit, dass Stalin genötigt war, eine gedruckte Erklärung abzugeben, die besagte: »Wir kämpfen gegen Trotzki, Sinowjew und Kamenjew, nicht weil sie Juden sind, sondern weil sie die Opposition sind« usw. Jedem politisch denkenden Menschen war es vollständig klar, dass diese bewusst doppeldeutigen Worte, die sich gegen die Auswüchse des Antisemitismus richteten, diesen zur selben Zeit mit vollem Bedacht nährten. »Vergesst nicht, die Führer der Opposition sind Juden!« Das war die Bedeutung der Feststellung Stalins, die in allen sowjetischen Zeitungen veröffentlicht wurde.

Als die Opposition entschlossener und offener im Kampf fortfuhr, um den Repressalien entgegenzutreten, sagte Stalin zu Pjatakow und Preobraschenskij in Form eines sehr bezeichnenden »Scherzes«: »Ihr geht gegen das ZK offen mit Äxten los. Das zeigt Eure orthodoxe Vorgehensweise. Trotzki handelt heimlich und nicht mit einer Axt.« Preobraschenskij und Pjatakow berichteten mir dieses Gespräch mit starkem Abscheu. Dutzende Male versuchte Stalin, den Kern der Opposition gegen mich aufzuwiegeln.

Der bekannte deutsche radikale Journalist Franz Pfemfert, der frühere Herausgeber der Aktion, der im Augenblick im Exil lebt, schrieb mir im August 1936:

»Vielleicht erinnern Sie sich, dass ich vor einigen Jahren in der Aktion behauptet habe, dass viele Handlungen Stalins aus seinen antisemitischen Tendenzen her erklärt werden können. Die Tatsache, dass er in diesem scheußlichen Prozess es fertigbrachte, durch [die Nachrichtenagentur] TASS die Namen von Sinowjew und Kamenjew ,richtigzustellen‘, stellt für sich allein eine Geste dar. Auf diese Weise gab Stalin allen antisemitischen, skrupellosen Elementen ‚Grünes Licht‘.«

Tatsächlich scheint es, als seien die Namen Sinowjew und Kamenjew bekannter als die Namen von Radomilski und Rosenfeld. Welch anderes Motiv könnte Stalin gehabt haben, die »echten« Namen seiner Opfer bekanntzumachen, wenn nicht, um mit antisemitischen Stimmungen sein Spiel zu treiben? Solches widerfuhr, wie wir gesehen haben, gleichermaßen dem Namen meines Sohnes, und dabei ohne die geringste gesetzliche Berechtigung. Am erstaunlichsten ist jedoch die Tatsache, dass sich alle vier »Terroristen«, die angeblich von mir aus dem Ausland geschickt worden sind, als Juden entpuppten und zur gleichen Zeit Agenten der antisemitischen Gestapo sein sollten. Da ich keinen dieser Unglücklichen je gesehen habe, ist klar, dass die GPU sie absichtlich wegen ihrer Abstammung ausgewählt hat. Und das hat die GPU nicht vermöge eigener Inspiration getan.

Noch einmal: Wenn solche Methoden an oberster Stelle praktiziert werden, wo die persönliche Verantwortlichkeit Stalins absolut fraglos ist, dann ist es nicht schwer, sich vorzustellen, was in den unteren Rängen, in den Fabriken und besonders in den Kolchosen geschieht. Und wie könnte es auch anders sein? Die physische Ausrottung der älteren Generation der Bolschewiki ist für jeden Menschen, der denken kann, ein unumstößlicher Ausdruck der Thermidor-Reaktion, und zwar in fortgeschrittenstem Stadium. Die Geschichte hat bisher kein Beispiel gesehen, wo die Reaktion, die einem revolutionären Aufschwung folgte, nicht von den unverhohlensten chauvinistischen Leidenschaften begleitet gewesen wäre, den Antisemitismus eingeschlossen!

In der Meinung einiger »Freunde der UdSSR< stellt mein Hinweis auf das Ausnutzen antisemitischer Tendenzen durch einen beachtlichen Teil der gegenwärtigen Bürokratie eine böswillige Erfindung dar, die sich gegen Stalin richtet. Es ist schwierig, mit berufsmäßigen »Freunden« der Bürokratie zu diskutieren. Diese Leute leugnen die Existenz einer ThermidorReaktion. Sie nehmen sogar die Moskauer Prozesse für bare Münze. Es gibt »Freunde«, die die UdSSR mit der besonderen Absicht besuchen, die Flecken auf der Sonne nicht zu sehen. Nicht wenige von ihnen bekommen eine besondere Bezahlung für ihre Bereitwilligkeit, nur das zu sehen, worauf der Finger der Bürokratie für sie hinzeigt. Aber wehe den ArbeiterInnen, RevolutionärInnen, SozialistInnen, DemokratInnen, die mit den Worten Puschkins »einen Wahn, der uns verzückt«, der bitteren Wahrheit vorziehen. Ein gesunder revolutionärer Optimismus hat keinen Bedarf an Illusionen. Man muss das Leben so nehmen, wie es ist. Es ist notwendig, in der Wirklichkeit selbst die Kraft zu finden, ihre reaktionären und barbarischen Erscheinungen zu überwinden. Das ist es, was uns der Marxismus lehrt.

Einige »Möchtegernweise« haben mich sogar beschuldigt, »plötzlich« die »jüdische Frage« aufgebracht zu haben, um eine Art Ghetto für die JüdInnen zu schaffen. Da kann ich nur voller Mitleid mit den Schultern zucken. Ich habe mein ganzes Leben lang außerhalb jüdischer Kreise gelebt. Ich habe immer in der russischen Arbeiterbewegung gewirkt. Meine Muttersprache ist Russisch. Leider habe ich noch nicht einmal Jiddisch lesen gelernt. Die jüdische Frage hat daher nie im Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit gestanden. Aber das heißt nicht, dass ich das Recht hätte, gegenüber dem jüdischen Problem blind zu sein; es existiert und verlangt eine Lösung. Die »Freunde der UdSSR< sind mit der Schaffung [des »jüdischen autonomen Gebiets«] Birobidschan zufriedengestellt. Ich werde nicht aufhören, darüber nachzudenken, ob es auf eine feste Grundlage gebaut wurde und welche Art von Regime dort existiert. (Birobidschan kann nicht anders, als alle Gemeinheiten der bürokratischen Willkürherrschaft widerspiegeln.) Aber nicht ein einziges, progressives Individuum wird etwas dagegen einzuwenden haben, dass die UdSSR ein besonderes Territorium für diejenigen BürgerInnen bereitstellt, die sich als JüdInnen betrachten, die die jiddische Sprache allen anderen bevorzugen und die wünschen, in konzentrierter Zahl unter sich zu wohnen. Ist das nun ein Ghetto, oder ist es keins? Während der Periode der sowjetischen Demokratie, der völlig freiwilligen Wanderungen, konnte von Ghettos nicht die Rede sein. Aber die jüdische Frage setzte gerade durch die Art und Weise, in der die Ansiedlung der JüdInnen erfolgte, einen internationalen Aspekt voraus. Haben wir nicht recht, wenn wir sagen, dass eine sozialistische Weltföderation die Schaffung eines »Birobidschan« für diese JüdInnen möglich machen muss, die ihre eigene autonome Republik als Forum für ihre eigene Kultur wünschen? Es kann vorausgesetzt werden, dass eine sozialistische Demokratie keinen Gebrauch von zwangsweiser Assimilation machen wird. Es kann durchaus möglich sein, dass in zwei bis drei Generationen die Grenzen einer unabhängigen Republik wie so vieler anderer nationaler Regionen fallen werden. Ich habe weder Zeit noch das Verlangen, darüber nachzudenken. Unsere Nachkommen werden besser als wir wissen, was zu tun ist. Ich habe eine historische Übergangszeit im Sinn, während der die jüdische Frage als solche noch akut ist und angemessene Maßnahmen von einer Welt-Föderation von Arbeiterstaaten verlangt. Die gleiche Methode der Lösung der jüdischen Frage, die im untergehenden Kapitalismus einen utopischen und reaktionären Charakter hat (Zionismus), wird unter dem Regime einer sozialistischen Föderation eine reale und heilsame Bedeutung erhalten. Das ist es, was ich klarstellen wollte. Wie kann ein Marxist oder sogar ein konsequenter Demokrat dagegen sein?

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Der Marxismus ist allmächtig – weil er wahr ist. (E.C.)

“Die Stellung zum Vermächtnis Willi Dickhuts ist der Prüfstein für den Kampf zwischen proletarischer und kleinbürgerlicher Denkweise!” (RF/MLPD)


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 Betreff des Beitrags: Re: Leo Trotzki: Thermidor und Antisemitismus (22. Februar 1937)
BeitragVerfasst: So 25. Mär 2007, 02:31 
Literat

Beiträge: 2947
1937 fällt in eine Zeit, in der Trotzki alles, dessen er irgend habhaft werden konnte, gegen die Sowjetunion ins Feld führte. Tiefer konnte er nicht mehr sinken.
Es ist richtig, daß der Antisemitismus tief im russischen Volk wie auch den baltischen und ukrainischen verwurzelt war; er ist es bis heute. Aber während der Zeit der UdSSR durfte er - anders als zuvor und heute - niemals offen zum Ausdruck kommen. Er ist gar von Stalin in jeder Hinsicht bekämpft worden. Dennoch hat es wohl in der Geschichte um die Moskauer Prozesse Vorfälle mit antisemitischen Hintergrund gegeben. (Weiß jemand was genaueres?) In jedem Fall ist das, was Trotzki daraus macht, eine andere Geschichte.
Trotzki war ein Verlierer und zudem ein schlechter. Ein schlechter Verlierer ist niemals ein guter Zeuge.

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Der Hunsch wars!


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 Betreff des Beitrags: Re: Leo Trotzki: Thermidor und Antisemitismus (22. Februar 1937)
BeitragVerfasst: Mo 10. Sep 2007, 20:27 

Beiträge: 105
Auf der anderen Seite ist es nicht von Bedeutung, ob wirklich antisemitische Ressentiments in der Bevölkerung bedient wurden. Trotzki moralisiert. Er hätte, wie auch viele andere Leute heutzutage, Macchiavelli lesen sollen. In der Politik handelt man nicht moralsierend, in der Politik handelt man nach den Machterfordernissen. Wenn die zeitweise Duldung des Antisemitismus dazu geführt hat, die antisozialistische Opposition in der Sowjetunion um Trotzki zu eleminieren, dann hat sie den Zweck erfüllt - die Sowjetunion, und damit die Hoffnung darauf, daß nationale Unterschiede nicht länger zu nationalen Feindschaften werden, konnte dadurch einige Zeit länger existieren.
Daß die Sowjetunion nicht per se antisemitisch war, zeigt ja schon die Geschichte. Was wäre wohl der Staat Israel ohne die Sowjetunion mit Stalin an der Spitze? Wann sind wohl erst die nationalen Unterschiede wieder zu nationalen Feindschaften geworden? Sicherlich nicht zu Stalins Lebzeiten.

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